Zensur ist schrecklich
Tim Berners-Lee, der vor 10 Jahren das WWW erfunden hat, wendet sich gegen die inhaltliche Kontrolle im Internet
Während immer mehr Politiker oder andere Interessensgruppen aus ganz unterschiedlichen Motiven heraus eine stärkere Kontrolle der Inhalte fordern, die über das Internet zugänglich gemacht werden, hat Tim Berners-Lee in einem Gespräch mit dem Observer anlässlich des zehnten Jahrestags seiner Erfindung alle Versuche, eine Zensur auszuüben, als "schrecklich" bezeichnet.
In der Tat ist weder das Internet noch das WWW als Medium für einen beschränkten Informationszugang geschaffen worden. Gerade das WWW wurde von Berners-Lee am CERN als Möglichkeit entwickelt, alle Informationsressourcen für den Benutzer auf einfache Weise durch Hyperlinks zu verbinden. Aber was in der akademischen Welt so frei begann, steht unter kommerziellen und massenmedialen Bedingungen unter einem ganz anderen Druck, zumal viele Regierungen meinen, sie müssten aus Standortkonkurrenz alles und jeden ans Netz locken, wozu zunächst einmal, trotz aller neoliberalen Zurückhaltung, das Netz sicher, sauber und auch überwacht sein muss, damit die Gesetze eingehalten werden. Manchmal entwickeln sich eben Erfindungen anders, als deren Urheber sich das vielleicht vorgestellt hat.
Noch habe man nach Berners-Lee erst die Oberfläche dessen angekratzt, was das Internet noch in die Zukunft bieten könne: "Das Web ist noch lange nicht fertig entwickelt. Stellen Sie sich vor, Sie würden im Mittelalter leben und jemand würde fragen: 'Wenn wir von den ganzen Folgen ausgehen, die das Papier nach sich ziehen wird, wo werden wir dann stehen?' Hier befinden wir uns gerade." Berners Lee sieht in der Zukunft ein "semantisches Web", das den ECommerce und die Wirtschaft erst richtig brummen lässt, hält sich aber bedeckt, wie dies aussehen könnte.
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An sich scheint er mit der Entwicklung seiner Erfindung ganz zufrieden zu sein, auch wenn er dadurch nicht so reich geworden ist wie manch anderer, der sich dieser bedient hat - und möglichst sicherstellt, dass niemand dasselbe wieder mit seiner Idee machen können wird, indem es schnell zum geistigen Eigentum erklärt wird. Das Web sei, so Berners-Lee, "die Leistung einer Gruppe von Menschen gewesen, die angesichts einer möglichen Zukunft ein Leuchten in ihren Augen hatten. Wir sollten die Tatsache feiern, dass wir unsere Welt durch die Herstellung eines neuen sozialen Werkzeugs verändern können. Es gibt viel Hoffnung, dass wir das auch wieder machen können."
Auch was Pädophile anbelangt, die in Chaträumen nach Kindern suchen, Kinderpornographie oder Betrügereien, so kritisiert Berners-Lee jede Regulation der Inhalte: "Ich weiß, dass es hier sehr starke Einwände gibt, aber man die Technologie nicht verbannen oder Inhalte regulieren. Regulation ist Zensur: ein Erwachsener sagt dem anderen, was er machen oder sehen darf. Für mich ist diese Vorstellung schrecklich. Universalität ist der Schlüssel. Man muss alles im Web darstellen dürfen." Verbotene Inhalte wie Kinderpornographie sollten auch weiterhin verboten bleiben, aber die Welt sei sehr vielfältig, weswegen man den Menschen eher trauen sollte, als sie zu kontrollieren: "Zwei Nachbarn, die Tür an Tür wohnen, können sehr unterschiedliche Vorstellungen haben. Daher wird jeder Versuch, einen weltweit zentralisierten Standard zu schaffen, heftig umstritten sein. Man kann das nicht machen."
Anstatt Verbote durchzusetzen, plädiert Berners-Lee dafür, dass Eltern ihren Kindern beibringen sollen, wie sie das Netz sicher benutzen können. Und weil die Kinder technisch meist sowieso weiter als ihre Eltern und dadurch gefährdet sind, sollten diese sich beeilen, den Rückstand aufzuholen, um ihnen zu zeigen, was sie vermeiden sollten.
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