Grüner Parteitag ausschließlich im Internet

Ernst Corinth 10.10.2000

Gespart wird nichts, aber vielleicht das Image aufgeputzt

Vorurteile leben länger - damit hat auch die Partei der Grünen zu kämpfen. Der Ruf, dass grün gleich technikfeindlich sei, ist für sie schon schwere Last genug. Und geht einher mit Bildern von früheren Parteitagen, die ausschauten wie Treffen anonymer Stricksüchtiger, die selbst dann die Nadel nicht fallen ließen, wenn auf dem Podium ein Redner gerade mal wieder aufgeregt die Systemfrage stellte.

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Doch das System hat überlebt, seine ehemaligen Kritiker sind inzwischen sogar ein staatstragender Teil davon geworden. Und nun beschreiten die Grünen aus Baden-Württemberg auch noch ganz neue Wege, ausgerechnet auf dem Gebiet der Technik. - Nein, es geht dabei nicht um irgendwelche Verschrottungsprämien für benzinsaufende Altautos oder um Förderung von 2-Liter-PKWs, sondern ums Internet. Als erste deutsche Partei wollen die Grünen dieses Bundeslandes nämlich vom 24. November an einen Parteitag ausschließlich übers Computernetz veranstalten. Zentrales Thema neben dem Ladenschluss ist natürlich das Internet.

Die Diskussionen sollen an zehn Tagen stattfinden. Jeder Teilnehmer erhält vorab einen speziellen Zugangscode, mit dem er sich ins Netz einwählt, um die Diskussionsbeiträge lesen und notfalls eigene beitragen zu können. Gelenkt wird die Debatte vom Parteipräsidium als Moderator. Und die abschließende Abstimmung erfolgt dann mit Hilfe eigens entwickelter virtueller Wahlscheine.

Klingt gut, spart jedoch, wie man eigentlich vermuten sollte, kein Geld. Rund 20.000 DM kostet dieser Internet-Parteitag, in etwa soviel wie ein ganz normaler. Doch ums Geld geht es den Grünen ja nicht, sondern ums moderne Image - und das ist heutzutage bekanntlich Gold wert.

Außerdem hat so ein virtueller Parteitag auch noch andere Vorteile: Zeitraubende Anfahrten fallen weg. Von Nikotingegnern aus den eigenen Reihen verfolgte grüne Raucher können bei den Diskussionen vor ihrem Monitor befreit paffen, bis die Lunge kracht. Auch der übermäßige Konsum von Alkohol ist auf virtuellen Veranstaltungen kaum zu überprüfen und führt im schlimmsten Fall zur Häufung von Tippfehlern. Wer keinen Bock mehr hat, die Redetexte zu lesen, kann zwischendurch sogar Moorhühner ökologisch völlig unbedenklich ausrotten. Doch wer auf dem Parteitag stricken möchte, der schaut dann leider in die Röhre. Stricken ist mit Tippen schließlich nicht kompatibel. Aber das ist ja sowieso nur ein ganz altes Vorurteil.

http://www.heise.de/tp/artikel/8/8886/1.html
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