Aliens, AIDS und Disney

14.10.2000

Immer mehr Start-Ups erklären verteiltes Rechnen zum nächsten Zauberwort fürs große Internetgeschäft

Statt Aliens nun AIDS: FightAIDS@Home fordert die neueste Initiative für verteiltes Rechnen von Internetnutzern. Sie sollen sich die Software Entropia 2000 des profitorientierten Unternehmens Entropia aus dem Netz laden, um dann dem gemeinnützigen Scripps Research Institute bei der Suche nach neuen Medikamenten gegen den Human Immunodeficiency Virus (HIV) zu helfen.

Das klingt durchaus vernünftig. Denn es gibt nicht den Wirkstoff gegen HIV, weil der HI Virus nicht existiert. HIV schlampt beim Kopieren seiner selbst ziemlich - und mutiert ständig. Deshalb muss ein Medikament gegen so viele Mutationen wie möglich wirken. Und diese Millionen von Mutationen sind am effizientesten im Computer zu simulieren. Wobei sich das Problem der Rechenkraft stellt. Der momentan schnellste Rechner der Welt, IBMs ASCI White, hat die Kapazität von etwa 30000 Desktop-Computern. Allein in den USA hängen 100 Millionen solcher Computer am Netz. Würden alle ihre ungenutzte Prozessorzeit in die AIDS-Forschung investieren, wäre die Welt vielleicht nicht der Problemlösung einen Schritt näher.

Doch das ganze klingt ein wenig zu gut. Wie will Entropia mit gemeinnütziger Forschung Geld verdienen? Wie will das Unternehmen die sieben Millionen Dollar Risikokapital an Mission Ventures und die San Diegeo Technology Group zurückzahlen? Wer sich im Glauben, etwas für das Gemeinwohl zu tun, samt Rechner anmeldet, erfährt es: Der Entropia-Anwender willigt ein, seine Rechenzeit sowohl gemeinnützigen als auch gewinnorientierten Unternehmen zur Verfügung zu stellen. Wie das Verhältnis ist und sein wird, bleibt unklar. Mit anderen Worten: Entropia-Anwender werden mit der Versprechung geködert, etwas für die Gemeinschaft zu tun und helfen letztlich vielleicht Disney, die Animationen für einen neuen Trickfilm zu berechnen - unentgeltlich natürlich.

Die Idee eines solchen "Sozialvertrags", wie Entropia es nennt, ist an sich nicht schlecht. Nur gibt es andere Unternehmen, die wesentlich ehrlicher mit den - erwarteten - Gewinnen umgehen. Die US-Firma Parabon etwa verspricht, ab Herbst ihre freiwilligen Helfer für die geopferte Rechenzeit mit kleinen Geldbeträgen zu entlohnen. Seit Anfang August läuft ein gemeinnütziges Projekt bei dem mit dem US National Cancer Institute, bei dem die Wirkung verschiedener Medikamente auf Krebszellen simuliert wird. Bei solchen Rechenaufgaben ist ein gutes Gewissen einzige Entlohnung, verdient aber jemand Geld an der geopferten Rechenzeit, werden auch die Geber entschädigt.

Verteiltes Rechnen wird immer mehr zu einem Zauberwort für das ultimative Internetgeschäft wie unlängst B2B oder ähnliches. Risikokapital fließt reichlich, unlängst etwa 13 Millionen Dollar in das Unternehmen United Devices des Seti@Home-Gründers David Anderson. Applied MetaComputing, das mit seiner Software LEGION verteiltes Rechnen in firmeninternen Netzwerken ermöglicht, hat bereits die NASA, zahlreiche Universitäten, Abteilungen des Verteidigungsministeriums und einige der 500 größten Privatunternehmen der USA als Kunden. Das ist nicht verwunderlich, da LEGION einen der größten Nachteile verteilten Rechnens nicht hat: Unsicherheit vertraulicher Daten.

Bei Konzepten wie Entropia werden Daten zur Simulation über das Internet an wildfremde Menschen verschickt und wertvolle Ergebnisse zurückgesendet. Der Gründer von 3Com Bob Mecalfe glaubt deswegen nicht an die Kommerzialisierbarkeit verteilten Rechnens: "Leute mit wirklich ernsten Aufgaben werden nicht Ergebnissen von unzuverlässigen Maschinen, die bei absolut Fremden stehen, vertrauen."

Ein anderes Problem ist die beschränkte Bandbreite des Internets. Für einige Rechen- und Simulationsaufgaben müssten nicht realisierbare Datenmengen auf die einzelnen Computer übertragen werden. So hat sich das US-Energieunternehmen Conoco gegen verteiltes Rechnen im Internet bei der Errechnung einer dreidimensionalen Karte des Erdinneren entschieden. Statt dessen werkelt man nun am eigenen Superrechner.

Andererseits hat der Hype gute Gründe. In den ersten 15 Monaten des SETI@home Projekts brachten es etwa zwei Millionen Rechner auf 345000 Rechenjahre. Die Rechenkraft lag ungefähr beim Zehnfachen des schnellsten Rechners der Welt. Intel setzt die Desktops am firmeninternen Netzwerk seit 1995 fürs verteilte Rechnen ein. 500 Millionen Dollar sollen so eingespart worden sein, weil für die Simulation und das Testen neuer Prozessordesigns nicht teure Großrechner angeschafft werden mussten.

Nicht nur deswegen ist Intel begeistert von verteiltem Rechnen und Peer-to-Peer Architekturen, die Datenverkehr und Rechenarbeit nicht über einen zentralen Server erledigen, sondern unter gleichgestellten kleinen Desktoprechnern aufteilen. Auf der diesjährigen Intel Developer's Conference überschlugen sich Intelbosse vor Begeisterung für das neue Konzept. Allgemeiner Konsens: Peer-to-Peer ist Grundlage für die dritte Generation des Internets.

Intel hat mit 19 Gründungsmitgliedern - darunter IBM und Hewlett-Packard - eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die sich über Standards verständigen soll. Dahinter stehen handfeste Interessen. Es wird für Intel immer schwerer werden, Leuten klar zu machen, wofür sie alle zwei Jahre schnellere Prozessoren brauchen. Bei der diesjährigen Intel Developer's Conference meinte bei einer Podiumsdiskussion SETI@Home Gründer David Anderson, verteiltes Rechnen werde mehr Rechenkraft von heimischen Desktops verlangen. Intels Technikchef Pat Gelsinger saß bis dahin still im Publikum und rief auf einmal nur "Ja!".

Bevor man aber nun von einer Zukunft träumt, in der jeder Rechner Zugriff auf jede freigegebene Datei auf jedem Heimcomputer in der weiten Welt hat, in der jeder Mensch selbst entscheidet, wie viel Informationen er über sich und seine Finanzen vom heimischen Rechner aus freigibt, in der die heutige neutrale Einstellung Intels zu Napster Allgemeingut wird, sollte man eines bedenken: Viele extrem erfolgreiche und große Internetunternehmen wie AOL/Warner, Ebay und alle Suchdienste verdanken ihre Existenz der zentralen Sammlung von Information. Es ist fraglich, ob sie sich das durch eine von Intel propagierte neue Peer-to-Peer Netzarchitektur absprechen lassen.

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