Okkulter Friede, obszöner Snoopy
Mehrheit der Amerikaner wollen an Schulen "unangemessene" Internetinhalte filtern
Die Mehrheit der US-Bürger befürwortet den Einsatz von Filtertechnologie beim Internetzugang an Schulen. 92 Prozent wollen so Pornographie verschwinden lassen, 79 Prozent wollen Hate Speech blockieren. Das ergab eine Umfrage des Digital Media Forum, einer Arbeitsgemeinschaft von Organisationen wie dem Electronic Privacy Information Center (EPIC) und der Benton Foundation unter 1900 Personen. Aber auch die beiden Präsidentschaftskandidaten unterstützen, wie sie am Dienstag beteuerten, die Werteerhaltung durch Filterzensur.
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Die Anti-Defamation League hat gleich passend in einem Online-Ratgeber gezeigt, was Indikatoren für Hate Speech sein könnten. Ein Peace-Zeichen zum Beispiel. "Dieses Symbol ist während des Vietnam-Kriegs als Zeichen für den Frieden populär geworden, es kann aber auch den Sieg über das Christentum und die Verspottung des Kreuzes Jesu bedeuten". Folglich wird es unter "okkulte Symbole" eingeordnet.
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Sollen nun Internet-Seiten mit Peace-Zeichen an Schulen gesperrt werden? Oder Seiten mit der Südstatenflagge aus dem amerikanischen Bürgerkrieg? Die wird gewiss gern von Rassisten verwendet. Von Geschichtsseiten zum Bürgerkrieg allerdings auch.
Besorgniserregend bei der Umfrage des Digital Media Forum ist der Mangel an Reflexion über die Mehrdeutigkeit aller Symbole. Filter würden nicht "als Zensur, sondern als Schutz wahrgenommen", sagt Dhavan Shah von der University of Wisconsin, der die Umfrage durchführte. Dass Schutz und Zensur aber oft das gleiche sind, zeigen die oft dokumentierten Schwächen heutiger Filterprogramme. Ein Bewohner des britischen Städtchens Scunthorpe beschwerte sich bei der Organisation Digital Freedom Network (DFN), seine eMails würden oft blockiert. Grund: Filter erkennen im Ortnamen "cunt". Bei der Schriftstellerin Emily Dickinson stören sich manche Filter am vermeintlichen "dick" (»Foil the Filters«)
Mark Rotenberg von der US-Bürgerrechtsorganisation Electronic Privacy Information Center betont: "Die Menschen denken bei Filtern nur an Sexseiten, dabei wird alles Mögliche zensiert. In manchen Bibliotheken erhält man keine Informationen über Bücher von Anne Sexton".
Von Internetprovidern verwendete Filter versagen bedenklich. FamilyClick beispielsweise benutzt I-Gear von Symantec. Bürgerrechtsaktivist Bennett Haselton veröffentlicht auf der seiner Website Peacefire.org von FamilyClick blockierte Seiten. Beispiele: ein Bericht der Pekinger US-Botschaft über das AIDS-Problem in China, ein Artikel über die Verfolgung Homosexueller im Dritten Reich, ein Essay zur Reaktion Israels auf den Anschlag bei den Olympischen Spielen 1972.
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Although the symbol is more often used by Anarchists, an "A" in a circle is also a symbol used by individuals in the white supremacist movement who are violently anti-government because of their conspiratorial belief that Jews control the government. The symbol can also signify that an individual is part of the Aryan movement and disregards authority. |
Eine anderer Test Bennett Haseltons ergab für den Filter Surfwatch eine theoretische Fehlerquote von 82 Prozent. Unter den blockierten Domains fand sich unter anderem ein Anbieter von Wasserbetten und eine Kosmetikfirma, die betont, in "christlichem Besitz" zu sein.
Noch schlechter schnitt die Software BAIR bei Tests des US-Computermagazins Wired ab. Laut Hersteller Exotrope soll das Programm Bilder mit sexuellen Inhalten erkennen. Bei Wired hingegen blockierte das Programm Fotos von Snoopy, Booten, Sonnenuntergängen, Hunden und sogar der Wired Nachrichtenredaktion. Als unbedenklich für Minderjährige wurden hingegen Aufnahmen von Gruppensex eingestuft.
Der Glaube, man könne durch das Verbannen von Symbolen die Realität verändern, ist schon gewagt. Aber nicht einmal das funktioniert wirklich. Die Lösung der vom Digital Media Forum Befragen könnte noch extremer ausfallen: Knapp Dreiviertel sprachen sich für ein absolutes Verbot von Pornographie und Hate Speech aus.
In zahlreichen Staaten ist dergleichen längst Praxis. Oft blockieren Filterprogramme gezielt politische Inhalte. In Saudi-Arabien beispielsweise den Zugang den sogenannten Yahoo-Clubs, einer Art Diskussionsforum. Angeblich wegen Pornographie. Weltweit schränken 45 Staaten laut einem Bericht der Organisation Freedom House den Internetzugang ein. Auch das Engagement privater Unternehmen wie Bertelsmann im Bereich Filtertechnik muss nicht zwangsläufig uneigennützig sein. Darauf wies Andy Müller-Maguhn, Sprecher des Chaos Computer Clubs, in einem Interview mit telepolis hin: "Ich habe keinen Zweifel, dass man hier ein aus wirtschaftlichen Kontrollgelüsten motiviertes Filtersystem mit der Argumentation 'zum Wohle der Gesellschaft' der Politik schmackhaft machen will." Abseits von Verschwörungstheorien führen die Auseinandersetzungen um Napster und DeCSS vor Augen, welche Interessen Medienkonzerne an Filtersoftware haben könnten.
Ende April berichtete der angesehen Publizist Brian Livingston, die von AOL eingesetzte Software Cyber Patrol würde nach politischen Vorlieben filtern. So sei im "Kids only" Modus der Zugriff im aufs Republican National Comitee möglich, der aufs Democratic National Comitee hingegen verwehrt. "Young Teens" könnten zwar auf die Seiten von Waffenherstellern und der National Rifle Association zurückgreifen, die Angebote der Initiativen "Stop Gun Violence" und "Safer Guns" seien hingegen gesperrt.
Aber vielleicht haben die besorgten Eltern, die sich für Filter und absolute Verbote von Netzinhalten aussprechen, dergleichen gar nicht mitbekommen. Bei der Umfrage des Digital Media Fourms sprachen sich vor allem Menschen ohne Internetzugang für Filter und Verbote aus.
Ob Al Gore oder George Bush zu jenen Menschern gehören, die keinen Internetzugang haben, darf man bezweifeln, jedenfalls wollen auch sie dem Volk nach dem Mund reden und haben sich am Dienstag für das Filtern und Überwachen ausgesprochen. Al Gore findet Gefallen an Überwachungssoftware, die auch von Arbeitgebern für die Computer von Angestellten verwendet wird, weil dann die Eltern schnell man überprüfen können, welche Webseiten ihre Sprösslinge kürzlich besucht haben: "Das ist wirkliche Macht." Bush sprach sich für Filter bei den Computern in Schulen und öffentlichen Bibliotheken aus, damit die Kinder nicht auf "Pornographie oder Gewalt" stoßen.
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