Darf es etwas mehr als zwei Groschen sein?

Roberto Simanowski 24.10.2000

Der Arte Liter@turwettbewerb

Niemand hatte mit etwas anderem gerechnet: Auf der Frankfurter Buchmesse 2000 waren die Neuen Medien mehr denn je vertreten, und zwar nicht nur in Form von Webadressen der Verlage oder als Bücher über das mythische Internet. Es gab sogar einen Liter@aturwettbewerb, der ganz den Neuen Medien gewidmet war und auch in diesen stattfand.

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Der Wettbewerb, zu dem man sich übrigens nur per e-mail anmelden konnte, war Bestandteil der ARTE-Abendreihe them@. Diese berichtete seit dem 3. Oktober an vier Dienstagabenden über die Entwicklung der neuen Technologien im Bereich der Information und Biologie. Am Eröffnungstag der Buchmesse hieß die Sendung passend: "Ausgelesen - Buchmarkt und Internet". An diese Fragestellung war der Literaturwettbewerb gekoppelt, der die neuen Technologien zum Gegenstand und die neuen Medien zum Ort der Auseinandersetzung machte. Die vorgegebenen Wettbewerbsthemen lauteten:

1. Schöne neue Bücherwelt: Hier ging es um die Entwicklung von Schriftstellern, Texten und die Veränderung des Lese(r)verhaltens. 2. Mein Pixel-Ich: Hier hieß die Losung "Ich bin drin, also bin ich! Oder?", die Stichworte waren: E-Business, Silicon Valley, Start-Ups, Cyberkriminalität ... 3. Das Gegennetz: Hier waren die WWW-Helden des Underground gefragt, die gegen den Mainstream anschrieben. 4. Ich ist mein Klon: Das zielte auf Biotech: "Der Ghostwriter ist der Klon".

Preise wurden vergeben in drei Kategorien: Kurzgeschichte/Essay, Innovation, "Sonderpreis für kreative Nutzung der medialen Techniken". Diese Reihenfolge ist zugleich Rangfolge, denn in der Tat standen die Themen im Vordergrund und nicht ihre digitale Aufbereitung. Insofern ist dieser Liter@aturwettbewerb freilich kein Wettbewerb digitaler Literatur und, da die Textsorte (Kurzgeschichte oder Essay) offen blieb, auch nicht unbedingt ein Literaturwettbewerb. Ein Experiment jedoch war er allemal, an dem sich, trotz des kurzen Ausschreibungszeitraum von nur zwei Monaten, immerhin 40 Netizens beteiligten. Wie es in der Laudatio heißt, unterschieden sich die deutschsprachigen Einreichungen von den französischen Beiträgen "vor allem in der Vielfalt der Formen"; während französische Autoren auf den "klassischen" Essays und die Kurzgeschichte setzten, fand man unter den deutschen Beiträgen neben der Kurzgeschichte und Flash-Essays Mitschreibprojekte sowie multimediale, technisch avancierte Werke. Die drei Preisträger kommen aus allen drei Varianten.

Das Online-Tagebuch tagebau - Schreiben am Tag von Sabrina Ortmann und Enno Peter hatte seine Autoren zum Thema "Mein Pixel-Ich" mobilisiert und mit der entstandenen Diskussionsform der potenzierten Dialogizität die Jury vom netzspezifischen Charakter dieser "Kommunikations-Community" überzeugt. Der Innovationspreis also an das Kollektiv der Tagebauer, die auch durch die Art und Weise der Diskussion zeigten, was ein Pixel-Ich ist.

Urs Schreiber hatte mit seinem Epos der Maschine diesmal mehr Glück als 1998 beim Pegasus und beim net_award der Saarbrückener Stadtwerke. Die Jury lobte die "technisch und ästhetisch sehr überzeugende (Programmier)-Arbeit" sowie die "schönen und immer wieder überraschenden Effekte". Und völlig zu Recht: Dieses Beispiel der Überführung konkreter Poesie ins Reich des Digitalen setzt in vielerlei Hinsicht Maßstäbe und zeigt Perspektiven einer intelligenten Nutzung technischer Effekte. Dass die Bedeutung des eigentlichen Textes im Effekt seines Auftritts innerhalb dieser Dramaturgie des Spektakels auch verloren gehen kann, wurde in der Besprechung des "Epos" in dichtung-digital schon diskutiert (vgl. dort auch das Interview mit Urs Schreiber). Kein Thema für eine Laudatio, aber Achtungszeichen im Hinblick auf künftige ästhetische Orientierungen.

Bei Georgina Rotter, die mit der Kurzgeschichte Nomen Sub zum Thema "Ich ist mein Klon" den Essay-Preis gewann, lag das Spektakel wieder ganz im Text selbst statt in dessen Erscheinungsweise. Georgina war der Versuchung gefolgt, die von der Themenstellung ausgeht, und hatte eine SF-Geschichte um einen Klon um 2033 geschrieben. Subtilität ist in Zukunftsversionen, zumal in dystopischen, bekanntlich so eine Sache. Georgina gab dem Genre die kräftigen Farben, nach denen es ruft, und schrieb die Geschichte genau so, wie auch ich so eine Geschichte geschrieben hätte: der Klon als Arbeitssklave seines Originals und Herrn, der Kindergarten mit den wartenden Klonkindern, die Klonimitate im horizontalen Gewerbe (nun, hier hätte ich statt der guten alten Monroe als Bezug mindestens Madonna gewählt, wenn nicht gar Tank-Girl). Es gibt eine Sache, der man gern weiter gefolgt wäre: Ein gefährlich aussehender Mann entsteigt dem Bild, auf dem er eine Menschenhaut und ein Messer in der Hand hält, und begibt sich ins reale Leben. Auf dem Bild hinterlässt er sein Klon. Ein gedankliches Präludium zum Komplex der ästhetischen Imagination im Zeichen ihrer biologischen Produzierbarkeit? Georgina überließ es einem Vorbeikommenden, die Sache aufzugreifen und zu vertiefen. Ein spannender Ansatz fürs nächste Mal.

Ob es einen zweiten Liter@turwettbewerb von Arte gibt, hängt freilich von der Zukunftsfähigkeit der digitalen Literatur ab, die wiederum auf Autorenkompetenz und Leserinteresse basiert. Da beeindruckt der Optimismus des Mark Schieferdeckers, des sehr jungen Geschäftsführers des Verlags Junges-Lektorat, der in seinem Webessay zum Thema "Schöne neue Bücherwelt" für die apostrophierte "neue Literatur" gleich ein selbstgebasteltes Beispiel gibt. Da hört man dann, wenn vom schlechten Wetter die Rede ist, auch wirklich Regen, da markiert die Musik, wenn das zu schnelle Motorrad sich der künftigen Unfallstelle nähert, auch richtig die Gefahr. Mein Lieblingssatz in diesem Essay lautet: "Literatur wird billiger werden - natürlich nur finanziell betrachtet." Mark scheint die Gefahr des Billigen so wenig zu bemerken, wie das sarkastische Erbe der Huxleyschen Überschrift von der schönen neuen Bücherwelt. Ich sehe schon mit Grausen, wie in der "neuen Literatur" jede beschriebene Handlung durch Töne und Bilder so vor Augen und Ohren geführt wird, dass unsere Imaginationskraft gänzlich abzusterben droht und nur noch das Deutlichste, zum Aktionspreis Rausgeworfene Eingang findet. Da seien weitere solcher Literaturwettbewerbe vor, die nach Autoren suchen, welche sich der neuen ästhetischen Möglichkeiten des Mediums bedienen, ohne in dessen Fallen zu gehen. Johannes Auers tiefsinnige Parodie auf den Hypertext, Das Pferd am Handy, scheint mir auf dem richtigen Weg zu sein und sei zum Abschluss jedem wärmstens empfohlen, der mehr als bloß zwei Groschen investieren will.

http://www.heise.de/tp/artikel/8/8971/1.html
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