Explosiv wachsende Informationsproduktion

Florian Rötzer 23.10.2000

Bis zu 2 Exabytes an Informationen werden weltweit mit der Aussicht hergestellt, dass sich diese Menge jährlich noch verdoppeln wird

Ertrinkt die Welt bald an der Informationsflut oder steigert diese die Gleichgültigkeit? Nach dem Bericht "How Much Information?", der von der University of California at Berkeley veröffentlicht wurde, werden jedes Jahr zwischen 1 und 2 Exabytes (= 1 Milliarde Gigabytes) an Informationen hergestellt. Verteilt man diese Menge auf alle Menschen der Erde, von denen die meisten ja keine gespeicherten Informationen herstellen, dann ergäbe dies pro Kopf 250 Megabytes.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Ausgangspunkt des Berichts war, dass es bei weiter fallenden Preisen für das Speichern von digitalen Daten bald "für jeden Menschen" technisch möglich sein würde, "Zugang zu praktisch allen gespeicherten Informationen" zu erhalten. Dann aber entstünde die Frage, wie viel Information es überhaupt gibt, die gespeichert werden müssten, bzw. wie groß die Speicherkapazität sein müsste, wenn man alles speichern wollte.

Die meiste Information wird auf den vier materiellen Trägern Papier, Film, CDs und DVDs sowie magnetischen Speichern aufgezeichnet. Auf Papier wird erstaunlicherweise nur 0,003 Prozent der weltweit insgesamt gespeicherten Information gedruckt, was aber nur zeige, dass Printmedien sehr effiziente Speichermedien seien. Auch die optischen Träger schlagen noch kaum zu Buche, selbst wenn die Wachstumsrate mit 70 Prozent gegenüber den auf Papier gedruckten Informationen (2 Prozent) deutlich die Tendenz zum Ausdruck bringt. Und der Film (Fotografie, Film und Röntgenaufnahmen) liegt noch weit hinter den magnetischen Trägern (Camcorder, wozu Fernsehsendungen gehören, Festplatten, Server) zurück, die den Löwenanteil stellen und, ausgenommen Camcorder, eine Wachstumsrate von 100 Prozent besitzen.

Die absoluten Zahlen für die Informationsmenge werden von den Wissenschaftlern mit einer oberen und einer unteren Grenze angegeben, die erheblich voneinander abweichen. Es sei sehr schwer, Kopien von Originalen zu unterscheiden. Beispielsweise wird eine Zeitung gedruckt, erscheint aber auch im Web und wird auf Mikrofilm gespeichert. Zudem werden die meisten gedruckten Inhalte magnetisch produziert und/oder gespeichert. Und dann gebe noch eine ganze Menge Verdoppelungen innerhalb eines Mediums. Auf der anderen Seite können Dateien komprimiert werden. Eine DVD-Version eines digitalisierten Films könne bis zu 1000 Mal kleiner sein. Das alles macht es schwer, die Informationsmenge zu messen.

Die Menschen haben, so die Autoren des Berichts, Peter Lyman und Hal Varian, 300000 Jahre gebraucht, um 12 Exabytes an Informationen herzustellen: "Jetzt sind gerade noch 2,5 Jahre nötig, um die nächsten 12 Exabytes zu erzeugen." Klar sei, dass wir in den Informationsfluten ertrinken, wenn wir nicht schnell lernen, im "Informationsmeer" zu schwimmen. Allerdings ist auch die Zahl der Menschen seit 300000 Jahren explosiv gestiegen, so dass die Informationsmenge pro Kopf weniger dramatisch zugenommen hat. Gleichwohl trifft zu, dass die Menschen noch vor 100 Jahren nur eine kleine Informationsmenge erzeugen konnten, aber auch nur auf eine relativ geringe Menge zugreifen konnten: "Heute haben nicht nur auch die gewöhnlichen Menschen Zugang zu gewaltigen Datenmengen, sie können auch selbst Gigybates an Daten erzeugen und möglicherweise global über das Internet veröffentlichen."

Das direkte zugängliche Oberflächen"-Web enthalte bereits 2,5 Milliarden statische Dokumente (21 Terabytes) und wachse kontinuierlich, da täglich 7,3 Millionen Seiten hinzukommen. Nimmt man noch das "tiefe" Web hinzu, also vernetzte Datenbanken, Intranets und dynamische Seiten, dann handelt es sich bereits um 550 Milliarden Dokumente, von denen 95 Prozent öffentlich zugänglich seien. Durchschnittlich erhalte ein Angestellter 40 Emails am Tag. Die Menge an Emails übersteigt mit jährlich zwischen 610 bis zu 1000 Milliarden die an produzierten Webseiten um das 555-Fache. Über 11000 Terabytes an Daten wurden über Emails im letzten Jahr verschickt und 73 Terabytes an Daten ins Usenet gepostet. Kommunikation, nicht Content sei daher noch immer die Killer Application.

Die USA stellen 35 Prozent der Drucksachen, 40 Prozent aller Bilder und mehr als die Hälfte aller digital gespeicherten Dateien her. Würde man die nicht digital gespeicherten Informationsflüsse umrechnen, so käme man nur in den USA beim Radio auf fast 800, beim Fernsehen auf 14000 und bei den Briefen auf 150000 Terabytes. Telefongespräche lägen bei über 570000 Terabytes. Da gäbe es also noch einen ungeheuren Speicherbedarf. Gleichwohl sollen digitale Informationen die Informationsflut noch weiter anschieben. Sie seien jetzt schon der Hauptanteil der produzierten Daten, überdies würden auch bislang nicht digitale Produkte wie Musik, Film oder Buch mehr und mehr digitalisiert werden.

Was den Konsum von Informationen angeht, so scheint der von Zeitungen, Büchern, Magazinen und Radiosendungen seit 1992 zurückzugehen, während sich der Fernsehkonsum etwa konstant hält (pro Kopf in einem amerikanischen Haushalt 1571 Stunden jährlich, was etwa 3142000 Megabytes entsprechen würde. Zunahmen können hingegen aufgezeichnete Musik, Video, Computerspiele (126 Prozent Wachstum) und Internet (2050 Prozent) verzeichnen, auch wenn die Zahl der damit verbrachten Stunden pro Jahr mit jeweils 43 gegenüber dem Fernsehen verschwindend gering ist. Ebenso klein ist die Zahl der konsumierten Megabytes: bei Computerspielen jährlich 21000, im Internet gerade einmal 9. Die Zeit, die Menschen mit dem Konsum von Informationen dieser Art verbringen, sei etwa gleich geblieben, doch werde immer mehr Zeit mit den interaktiven und vernetzten Medien verbracht und vornehmlich von den Printmedien abgezogen.

Die Wissenschaftler sprechen angesichts der Menge an Informationen, die von den einzelnen Menschen erzeugt werden, von einer "Demokratisierung der Daten". Von Privatpersonen werden 600 Mal mehr Informationen im Jahr produziert. Das sind gewaltigen Mengen: 80 Milliarden Fotos, 1,4 Milliarden Videos, 200 Millionen installierte Festplatten. "Es gibt nicht nur eine Massenproduktion an Informationen", sagt Varian, "sondern auch eine Informationsproduktion durch die Massen."

Auch wenn die Speicherung von digitalen Informationen immer weniger Geld kostet, glauben die Wissenschaftler, dass Privatpersonen sich möglicherweise mehr und mehr an professionelle Dienstleister wenden könnten, um dort ihre Datenberge zu speichern und bequemer darauf zugreifen zu können: "Würden Sie letztendlich all Ihre Familienfotos auf Ihrer Festplatte behalten wollen und riskieren, alle zu verlieren, wenn der PC kaputt geht, oder sie lieber auf eine sichere, von Kodak betriebene Site stellen? Andererseits könnten die Menschen es aber auch vorziehen, Informationen über sie selbst auf kleineren Systemen zu behalten, die nur sie kontrollieren."

Insgesamt haben die Möglichkeiten, Informationen zu sammeln und zu versenden, die Kapazitäten weit hinter sich gelassen, sie zu suchen, darzustellen und zu präsentieren. Immer wichtiger werde daher die Fähigkeit für die Menschen, Informationen auszuwählen und zu bewerten: "Das ist die nächste Stufe der Alphabetisierung", meint Lyman.

Bezahlt wurde die Studie von der Firma EMC, dem weltweit größten Unternehmen, das Datenspeicherung anbietet. Das Unternehmen sieht die Studie natürlich als Bestätigung für die eigenen guten Geschäftsaussichten, zumal wenn die Prognose zutreffen sollte, dass Privatpersonen die Datenspeicherung an Dienstleister übergeben. Die 1999 pro Kopf der Weltbevölkerung erzeugten 250 Megabytes würden sich nämlich jedes Jahr noch verdoppeln.

http://www.heise.de/tp/artikel/8/8972/1.html
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Das Netz hat (noch) kein Gedächtnis

Von der Wut des Speicherns

Seefahrer und Abenteurer auf dem globalen Datenmeer

Sprachschöpfung durch neue Medien

Communication Overload?

Alle 10 Minuten Unterbrechungen

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS