Rüstet Castro für einen Cyberwar gegen die USA?
Amerikanische Cyberwar-Szenarien schalten von einzelnen Terroristen auf Staaten um
Nachdem die jahrelangen Warnungen vor den Hackern oder Terroristen, die irgendwo auf der Welt, ausgestattet nur mit einem Computer mit Internetanschluss, einen Angriff mit katastrophalen Folgen auf die nationale Infrastruktur der Vereinigen Staaten führt, wegen fehlender Belege auch von den hartgesottenstens Aufrüstern nicht mehr vertreten werden kann, haben US-Militärs nun eine Wende vollzogen. Die Wende könnte man allerdings auch wieder als Rückkehr in die alten Feindbilder begreifen: Als bedrohlich werden in den nächsten Jahren nur die potenziellen, aber natürlich geheimen Rüstungsanstrengungen von Staaten im Bereich der Informationswaffen begriffen. Ausgemacht wurde neben den alten Feinden Russland und China unter anderem auch Cuba.
Ein wenig ähnlich wie die aufgebauschten Cyberwar-Szenarien, die vornehmlich nach dem Ende des Kalten Kriegs mit dem Auseinanderfallen der Sowjetunion ausgebrütet wurden, um den sinkenden Verteidigungshaushalten etwas entgegen zu setzen und vor allem den teuren Geheimdiensten neue Aufgaben zuzuweisen, war der Fall mit dem Jahr-2000-Fehler. Die von vielen gepflegten apokalyptischen Möglichkeiten haben sich als ähnlicher Stoff wie die religiösen Weltuntergangsszenarien erwiesen. Wirklich aufgearbeitet wurden die in den Jahrtausendwechsel Bedrohungsenergien und -interessen bislang noch nicht.
Wahrscheinlich war die Bedrohung aus dem Cyberspace für die US-Politiker nur deshalb so schlimm oder so gut ausbeutbar, weil plötzlich ihr Land, ähnlich wie bei den Langstreckenraketen und der aus dieser Bedrohung folgenden Intention, ein Nationales Abwehrschild zu bauen, die geografische Lage keinen Schutz mehr zu gewähren schien. Vermischt mit dem Umschalten von feindlichen Staaten auf Terroristen, von normalen Kriegen auf Anschläge, wurden auch die Grenzen löchrig und musste die Strategie der Gefahrenabwehr umgestellt werden.
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In seinem Bericht über die Cyberbedrohungen der Wirtschaft vor dem Joint Economy Committee des US-Kongresses machte Lawrence Gershwin vom National Intelligence Council des CIA, das Umschwenken deutlich. Zwar würden Cyberangriffe immer mehr, seit September letzten Jahres hätten Entstellungen (defacements) von Websites sich verzehnfacht, aber Ängste, dass "Netzwerke, von denen die nationale Sicherheit und die Wirtschaft abhängen, von Angriffen beeinträchtigt werden könnten, die von fast jedem mit einem Computer und einem Modem ausgeführt ausgehen", bezeichnete der Geheimdienstoffizier als überzogen. Dabei spielte er auf das kürzlich erfolgte Eindringen von Crackern in ungeschützte Rechner bei der Organisation an, die für Kalifornien den Strom verteilt.
Auch kein anderes Land könne der USA in Bezug auf die Informationstechnik konkurrieren, was aber gerade die Situation, soweit das alte Argument, gerade gefährlich macht, denn wer stärker von der IT abhängt, ist hier im Prinzip auch stärker gefährdet. Da aber trotz der steigenden Vernetzung und der Verbreitung immer besserer Hackersoftware im Internet wichtige Netzwerke gut geschützte seien, sei großes Wissen nötig, um hier wirklich Gefährliches anstellen zu können: "Auch wenn die meisten und bekanntesten Cybereinbrüche und andere Vorfälle einsamen Computer hackenden Amateuren zugeschrieben werden, stellen solche Hacker eine vernachlässigenswertes Risiko für einen großen und lange andauernden Schaden der nationalen Infrastrukturen dar." Die Hacker haben das notwendige Wissen nicht. Auch die politisch motivierten Hacktivisten werden nur als mittlere Bedrohung bezeichnet, da sie eher "zur Propaganda neigen als zur Schädigung der kritischen Infrastrukturen". Selbst Cracker, die im Auftrag von Unternehmen Wirtschaftsspionage betreiben, oder das Organisierte Verbrechen stellen nur ein mittleres Risiko dar. Da sie eher heimlich vorgehen, werden sie auch der Infrastruktur nicht in auffälliger Weise stören wollen, es sei denn, sie wollen Polizeicomputer lahmlegen oder durch Drohung mit Angriffen Geld erpressen.
Terroristen hingegen seien bislang informationstechnisch nicht auf dem neuesten Stand und würden auch zu anderen Mitteln neigen - nach der Devise: "Bomben sind noch immer besser als Bytes". Übrig bleiben also nur Staaten, die einen Angriff mit dem ganzen Spektrum verfügbarer Informationswaffen von der Propaganda über Spionage oder Störungen bis hin zur Zerstörung der Infrastruktur ausführen können: "Für die nächsten 5 bis 10 Jahre scheinen nur Nationalstaaten die Disziplin, die Motivation und die Ressourcen zu haben, die Möglichkeiten zum Abgriff auf die kritische Infrastrukturen voll zu entwickeln."
Gershwin griff dann noch ein bisschen in die Wunderkiste der Zukunft. Schon entwickelt würden zum Angriff und zur Verteidigung intelligente Agenten, die autonom durch das Netz wandern und Daten sammeln oder Netzwerke stören können. Viren und Würmer werden genauer und besser steuerbar, wodurch sie wirklich zu Waffen entwickelt werden können. Auch Dos-Angriffe sollen weiterhin drohen, ansonsten könne man kaum voraussehen, was die technische Innovation noch mit sich bringen werde. Gleichwohl wollte Gershwin natürlich nicht zu viel Sicherheit vermitteln und griff am Schluss auf einen anderen CIA-Bericht zurück, der die Gefährdung wieder hochspielt. Und weil die vernetzte Gesellschaft die USA für Feinde aus aller Welt öffnet, müsse man auch die nationale Sicherheit breiter als bisher verstehen, nämlich als "globale Sicherheit".
Russland, China - und Cuba?
Gershwin verwies lediglich auf Russland und China, die neben den USA Informationswaffen entwickeln würden. Im Februar aber hatte ein hoher Offizier der Navy dem Senate Intelligence Committee einen neuen alten Feind angeboten: Fidel Castros Armee, so Admiral Tom Wilson, könne "einen Informationskrieg oder einen Angriff auf ein Computernetz auslösen", der für das Militär gefährlich werde. Erstaunt fragte daraufhin der Vorsitzende des Ausschusses, ob Cuba wirklich eine ernsthafte Bedrohung darstellen würde, worauf Wilson antwortete: "Es gibt sicherlich das Potenzial für sie, diese Taktiken gegen unsere moderne und überlegene Armee einzusetzen." Danach fand die weitere Sitzung hinter verschlossenen Türen statt. Meist wurde die Bemerkung des Admirals mit Erstaunen oder Ironie aufgenommen, dass nun ausgerechnet Cuba die USA mit einem Cyberangriff bedrohen könnte.
Die Wunderformel für das Herbeireden von Gefährdungen war wieder einmal die Rede von der "asymmetrischen" Gefährdung. Die lautet im Wesentlichen so: Gerade weil wir militärisch so überlegen sind, sind wir durch Angriffe nicht-militärischer Art gefährdet, da die Gegner einer direkten Konfrontation ausweichen. Daher müssen wir zwar die Überlegenheit bei der konventionellen Kriegsführung sichern, aber gleichzeitig auch das neue Kampffeld dominieren. Die asymmetrische Bedrohung ist also ein guter Nachfolger für die Beibehaltung und Ausdehnung des Rüstungswettlaufs aus den Zeiten des Kalten Krieges, auch und gerade wenn kein wirklich bedrohlicher Gegner vorhanden ist. Das könnte man auch eine virtuelle Strategie für den virtuellen Krieg nennen.
Cuba freilich hat noch nicht einmal ein modernes Telefonsystem. Computer sind rar im Land. 1996 ging man erst ins Internet. Die Internetnutzung ist noch marginal (zudem "gut" kontrolliert). 1998 wurde erst ein Informationsministerium gegründet, das dafür Sorge tragen soll, dass Computer und Internet landesweit und besonders in den Schulen eingeführt wird. Aber die Bedrohungen, die ins Feld geführt werden, sind Moden unterworfen. 1998 legte der damalige Verteidigungsminister William Cohen dem Kongress eine Bewertung der Geheimdienste von Cubas Militär vor. Man sei besorgt, dass im Land biologische Waffen entwickelt würden, hieß es damals, ansonsten wären die militärischen Kapazitäten begrenzt: "Cuba stellt keine wirkliche militärische Bedrohung für die USA oder andere Länder der Region dar."
Castro selbst griff unlängst auf einer Rede zum Ende des Programms zur Elektrifizierung der Schulen die Spekulation auf, wie Ciberpais berichtet, und meinte, dass man nirgendwo in Cuba Viren entwickle oder Cyberangriffe ausarbeite: "Das ist eine Lüge." Castro forderte Wyden auf, doch nach Cuba zu kommen und sich selbst davon zu überzeugen. Die Beschuldigungen seien "billige Propaganda", was man wahrscheinlich annehmen kann, auch wenn sie Castro darauf zurückführt, dass sie aus dem Neid stammen, nach 42 Jahren die Revolution immer noch besiegt zu haben. Wenn man Cuba als Gefahr für die USA darstelle, wolle man nur Pläne gegen das Land rechtfertigen. Ob man allerdings deswegen auch glauben soll, dass Cuba das Internet nur zur Information und Kommunikation einsetze, darf man dann doch angesichts der zwar bereits nicht mehr so strengen, aber weiterhin bestehenden Einschränkung der Meinungsfreiheit bezweifeln.
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