Die Sprachqualität stimmt schon einmal
In Aachen wurde in einem Pilotprojekt für Polizei und Rettungsdienst Digitalfunk eingeführt
Die Regionalpresse jubelte: "Aufbruch in ein neues Zeitalter: Aachens Polizei funkt digital." Zuvor hatte der Innenminister von Nordrhein-Westfalen (NRW), Fritz Behrens, das bundesweit einmalige Pilotprojekt vorgestellt, bei dem die Sicherheitskräfte abhörsicher über Digitalfunk im TETRA-Standard kommunizieren. Für Behrens ein "Meilenstein auf dem Weg zu moderner Kommunikation zwischen Sicherheitsbehörden". Von der Sprachqualität sind alle begeistert, aber die Technik soll viel mehr leisten können.
Für Behrens bricht nun "ein neues Zeitalter für die Zusammenarbeit von Polizei und Rettungsdiensten an". Da zeitgleich in den Niederlanden und Belgien kompatible digitale Systeme getestet werden, ist er sich sicher, dass "die grenzüberschreitende Kommunikation in Zukunft einfacher, schneller und wirkungsvoller" wird. Ausschlag gebend, dass der Kreis Aachen zum Testgebiet wurde, so ein Pressesprecher der Aachener Polizei gegenüber Telepolis, war nicht nur die Grenznähe sondern auch die ländlichen Regionen der Voreifel. Gerade hier gab es oft Probleme mit Funklöchern.
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Wissenschaftlich betreut wird das Projekt von der Rheinisch-Westfälisch Technischen Hochschule (RWTH) Aachen, die eingesetzte Technik liefert Motorola. Die Zentralen Polizeitechnischen Dienste (ZPD) in NRW vergaben Ende letzten Jahres im Rahmen einer zweiten Ausschreibung - bei der ersten erfüllte kein Bewerber alle Leistungsanforderungen nach einer strengeren EU-Norm - den Auftrag an das Unternehmen, das schon im südafrikanischen Kapstadt ein ähnliches Funknetz aufbaut. "Bedingt durch die geographische Lage des ausgewählten Gebietes im Dreiländereck," so Motorola, "hat der Auftrag einen europäischen Symbolcharakter". Die Realität stört soviel Eigenlob wenig. Denn die Inbetriebnahme des Funksystems fand nicht wie ursprünglich geplant am 1. Mai, sondern erst am 2. Juli statt. Und bisher ist die Polizei gerade einmal von der neuen Sprachqualität "sehr begeistert". Den möglichen Datentransfer wolle man "stufenweise ausbauen", so ein Polizeisprecher. Und genau da schlummert der eigentliche Clou der Sache.
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Genutzt werden soll die Technik nicht nur von Polizei, Bundesgrenzschutz, Verfassungsschutz und Bundeskriminalamt, auch die Feuerwehr oder das Technische Hilfswerk sind involviert. Vorteile hierbei illustriert das Innenministerium an Unfällen mit Gefahrguttransportern. Über das System können alle Sicherheitskräfte Informationen abfragen. Große Datenmengen wie Lageskizzen, Bilder oder Videofiles können schnell und in hoher Qualität übertragen werden. Die Kommunikation bleibt während dessen gewährleistet. Und damit kein Stimmenwirrwarr einsetzt, so Jan Schabacker, Pressesprecher des Innenministerium NRW, "können sehr gezielt von den Leitstellen Funkgruppen eingerichtet werden". Bei kleineren Unfällen etwa nur die betreffenden Polizei- und Rettungskräfte; bei Katastropheneinsätzen einzelne Einsatzgruppen nach Aufgabenstrukturen gesplittet. Alle dynamischen Gruppen können dann ihren "offenen" Kanal mithören. Das Zauberkürzel hierbei ist TETRA (Terrestrial Trunked Radio), ein europäischer Standard für professionellen Mobilfunk.
Für Motorola - nach Konzernangaben "weltweit führend" für "digitale Bündelfunksystemen nach TETRA-Standard" - bietet die auch TETRA-25 genannte Technik "hervorragende Leistungsmerkmale." Um das zu beweisen, wurde in einem Gebiet von 715 Quadratkilometern in den letzten Monaten die Infrastruktur mit Sendern und Antennen aufgebaut. Kostenpunkt: 15 Millionen Mark, bewilligt nach einem Beschluss aller Innenminister. "Die flächendeckende Einführung des Digitalfunks für alle Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben ist eines der ehrgeizigsten Projekte von Bund und Ländern in diesem Jahrzehnt", so Behrens. Kommunikationsprobleme - auch grenzüberschreitend - sollen behoben werden. Kein Umschalten mehr bei gemeinsamen Einsätzen von Feuerwehr und Polizei zwischen verschiedenen Frequenzen, und keine blockierten analogen Kanäle mehr, so der Wunschtraum.
Das Innenministerium sieht den Nutzen des neuen Systems aber auch da, wo es höhere Sicherheit für die eingesetzten Beamten garantiert. Abfragen in Fahndungsdateien sollen beschleunigt und vereinfacht werden. Müssen derzeit etwa Personenangaben an die Leitstelle gefunkt und dort in die Polizeicomputer eingegeben werden, können über TETRA Informationen am Einsatzort mobil und frühzeitig von den Beamten direkt abgefragt werden. Und da das System abhörsicher ist, sei es gerade "bei sensiblen Einsätzen der Polizei, wie der Bekämpfung der Organisierten Kriminalität, außerordentlich wichtig", so Behrens. Nicht nur mit speziellen Bildgeräten könnten am Einsatzort Fahndungsfotos eingesehen werden. Bei einer ausgereiften Technik will man auch Fingerabdrücke einscannen und wenige Sekunde danach überprüfen können.
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Noch aber ist das Zukunftsmusik. Zwar wurden Dienststellen und Einsatzkräfte mit 135 stationären Funkgeräten und 580 digitalen Handsprechgeräten ausgestattet und 250 Fahrzeuge mit der nötigen Technik bestückt. Derzeit aber testet man nur den Sprachmodus, bald die dynamischen Gruppenbildung. "Nach kleineren Anlaufschwierigkeiten" seien die Kollegen von der Sprachqualität begeistert, so ein Polizeisprecher. Probleme mit Funklöchern gebe es kaum noch. Da aber die angrenzende Kreispolizei in Düren und Heinsberg nicht in das Pilotprojekt eingebunden sind, ist man weiterhin bei Einsätzen, die über die Kreisgrenzen hinweg verlaufen, auf Analogfunk angewiesen.
In zwei Jahren könnte sich das ändern, denn so lange läuft das Pilotprojekt. Nach dem ersten Testjahr, so Jan Schabacker vom Innenministerium NRW, werden die Testreihen der Behörden in Belgien, den Niederlanden und Deutschland zu weiteren Testzwecken vernetzt. Geht das problemlos, so Motorola, steht "der zukünftigen grenzüberschreitenden Kommunikation unter den Sicherheitsbehörden der Schengen-Staaten" nichts mehr im Wege. Was etwa die französische Gendarmerie dazu sagt, die Versuche mit einem weiteren Universalnetz, nämlich TETRAPOL durchführt, wird sich noch zeigen. Für beide völlig verschiedenen Systeme gibt es derzeit keine einheitlichen Schnittstellendefinition. Trotzdem folgen sie den schon seit Anfang der 90er Jahre von EU-Arbeitsgruppen formulierten Definitionen der Anforderungen an das verlangte "künftige Funksystem der Polizei-/Zolldienste" in ganz Europa.
Und wo bleibt der Datenschutz, bei so vielen verschiedene Nutzern? Der bleibe weiterhin gewährleistet, so die Polizei in Aachen. Abfragen an den Polizeicomputer etwa seien je nach Zugangsberechtigung mit Passwörtern und Pinncodes geschützt. Unberechtigten sei es nicht möglich, hier Infos abzurufen. Ganz brisante Daten sollen, so das Innenministerium NRW, mit Tetra-Kryptokonzepte verschlüsselt werden. Allerdings ist auch das derzeit noch Zukunftsmusik und ein Hardwareproblem. Denn die nun getesteten Geräte können die dafür nötigen Chip-/SIM-Karten nicht einlesen.
Das Ministerium hofft, mit der zweiten Gerätegeneration, die im Frühjahr vorliegen soll, auch dieses Problem gelöst zu haben. Muss wohl auch, denn, so Heike Speckmann zum Pilotprojekt: "Die polizeilichen BOS (Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben) sollen zur Fußballweltmeisterschaft 2006 mit Digitalfunk kommunizieren." Spätestens Ende 2002, rät Speckmann, solle deswegen damit begonnen werden, das System in ganz Deutschland auszubauen.
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