Der Fänger in Pension

Tom Appleton 16.07.2001

"Der Fänger im Roggen" wird 50 Jahre alt

  • mobil
  • drucken
  • versenden
"Wenn du echt was darüber hören willst, wirst du wahrscheinlich als erstes wissen wollen, wo ich geboren bin und wie meine ganze beschissene Kindheit abgelaufen ist..." --- Wer kennt sie nicht, die berühmten Anfangsworte des berühmtesten Romans des 20. Jahrhunderts, J.D. Salingers "Der Fänger im Roggen" -- die Geschichte des 16jährigen Schulversagers Holden Caulfield, der voller Einsamkeit und Verzweiflung drei Tage durch New York streift. Heute ist der Roman genau 50 Jahre alt.

J.D.Salinger

"The Catcher in the Rye" erschien erstmals am 16. Juli 1951, 1953 kam die Taschenbuchausgabe bei "Signet" heraus und verkaufte sich innerhalb von 10 Jahren dreieinhalb Millionen mal. Die Weltauflage betrug zur gleichen Zeit mehr als 10 Millionen. Heute hat sich der "Fänger" als Long-Seller mit jährlich einer Viertelmillion Exemplaren etabliert. Das Buch war zeitweilig in Australien und Südafrika verboten, und wurde auch in den USA bis in die Mitte der 70er Jahre in öffentlichen Bibliotheken nur an Erwachsene ausgegeben, obwohl es zu diesem Zeitpunkt bereits in den meisten High Schools als Klassiker des 20. Jahrhunderts durchgenommen wurde. Insgesamt hat es um kein anderes Buch in der amerikanischen Geschichte mehr Prozesse und Verbotsbestrebungen gegeben als um dieses. Der Grund dafür war der in Amerika übliche altbiblische Horror vor der Blasphemie. Nirgendwo sonst erregt ein lästerliches Mundwerk vergleichbares Missfallen, wenn es neben Slang-Ausdrücken auch noch laufend ein "goddam", "hell", oder "for Chrissake", einflicht.

Paradoxerweise konnte aber Holden Caulfield nur durch diesen schimpfwortdurchsetzten Jargon seine Authentizität ausweisen, denn im realen Leben sprachen amerikanische Jugendliche sehr wohl so, wie sie der Autor Salinger hier abbildete. Unverblümt hielt er dem heuchlerischen und verlogenen Amerika der Nachkriegsjahre einen Spiegel vor. Aus heutiger Sicht wirkt Holden sogar recht zurückhaltend, und beweist damit, wie zartbesaitet er in Wirklichkeit ist.

Insbesondere ein Wort war es, das zum Inbegriff für die Weltsicht dieses jugendlichen Helden und der Salinger-Generation der folgenden zwei Jahrzehnte wurde. Wie einen Bannstrahl schleudert Holden es der Welt entgegen, um sie als "verlogen, heuchlerisch, theatralisch, unecht oder unwahr" anzuprangern: mit dem Wort: "phony". Nicht ein einziger konkreter politischer Skandal der an Skandalen wahrlich nicht armen McCarthy-Ära erregte Holdens Unmut; was ihn abstieß, war die allgemeine, die totale Verlogenheit der Welt an sich.

Dass dies die Welt der Erwachsenen ist, hat man immer wieder gerne überbewertet, weil man den "Fänger" als ein Buch der Jugendrevolte betrachtete. In Wirklichkeit deutet die interne Evidenz des Romans auf einen grundsätzlichen, quasi-religiösen Abscheu vor einer Welt, in der Holden wie eine zeitgemäße Reinkarnation des Heilands (oder des Buddha) auftritt. Nicht umsonst irrt er ausgerechnet vor Weihnachten, dem christlichen (Geburts-) Fest, unbehaust durch die städtische Wüstenei New Yorks, nachdem er aus seiner bisherigen Herberge, dem Militärinternat Pencey Prep, hinausgeworfen wurde.

So deklariert er sich seiner 10jährigen Schwester gegenüber denn auch als jener, der schon in der Bibel als der gute Hirte auftrat, und die Kinder zu sich kommen hieß:

"Ich stelle mir immer kleine Kinder vor, die in einem Roggenfeld ein Spiel machen. Tausende von kleinen Kindern, und keiner wäre in der Nähe -- kein Erwachsener, meine ich -- außer mir. Und ich würde am Rand einer verrückten Klippe stehen. Ich müsste alle festhalten, die über die Klippe hinauslaufen wollen -- ich meine, wenn sie nicht achtgeben, wohin sie rennen, müsste ich vorspringen und sie fangen. Das wäre alles, was ich den ganzen Tag lang tun würde. Ich wäre einfach der Fänger im Roggen. Ich weiß schon, dass das verrückt ist, aber das ist das einzige, was ich wirklich gern wäre."

Der "Herrgott" oder die "Vorsehung", die sich hier so manifest einen New Yorker Teenager zu ihrem Instrument erwählt, erfüllt uns in diesen Breitengraden mit Unbehagen. In Amerika hingegen zählt der Begriff der persönlichen Auserwähltheit zum herkömmlichen Vorstellungsrepertoire. "Manifest Destiny" impliziert die Hoffnung, auf ein Schicksal, das den Einzelnen überhöhen und aus der Bedeutungslosigkeit der Masse herausheben möge. Wobei es ziemlich einerlei ist, ob man Präsident der USA oder nur ein psychopathischer Massenmörder wie Dillinger wird.

So tut es auch nichts zur Sache, dass Holden Caulfields Wiedergeburt als Messias letzten Endes nur die Diagnose auf eine manifeste Jugendschizophrenie zulässt. Ausschlaggebend ist die subjektive Selbsteinschätzung, und die Akklamation durch andere. Holden ist ein heiliger Narr, dessen Erzählung uns aus der psychiatrischen Abteilung eines Sanatoriums erreicht.

Wer die Tonbandabschrift seines Monologs angefertigt oder zumindest in die Welt getragen hat, -- ein Akt, der in Holdens Vorstellungswelt als Verrat gelten muss -- lässt sich leicht erraten: Holdens korrupter, in Hollywood arbeitetender älterer Bruder D. B., dessen Initialen vage an die des realen Autors J. D. Salinger erinnern. Zufall: Salinger heißt mit Vornamen Jerome David, aber "Jay Dee" ist im amerikanischen Sprachgebrauch auch die Abkürzung für "Juvenile Delinquent" (Jugendstraftäter). Die Abkürzung "D. B." steht dagegen für einen diplomierten Bibelgelehrten. Ob dieser "Verräter" oder "Judas" also wohl zugleich auch Holdens erster Apostel sein wollte?

Des Autors Flucht aus der Öffentlichkeit

Nach der Veröffentlichung des "Fängers" gestaltete sich Salingers Leben jedenfalls zusehends wie eine Fortsetzung zu seinem Roman. Holden Caulfield hatte die Wunschvorstellung gehabt, dass er sich "taubstumm" stellen könne:

"Wenn mich nur niemand kannte und ich auch keinen Menschen kannte. Ich dachte mir aus, dass ich mich taubstumm stellen würde. Auf diese Weise brauchte ich keine verdammten, blöden, nutzlosen Gespräche mit irgend jemand zu führen. Falls jemand mir etwas mitzuteilen hatte, müsste er es eben auf einen Zettel schreiben. Das würde die Leute bald langweilen, dachte ich, und dann hätte ich für den Rest meines Lebens alle Gespräche hinter mir. Alle würden mich für einen armen taubstummen Hund halten und mich in Ruhe lassen."

Man spürt, wie an dieser Stelle die Gestalt des Autors und seines Helden eine Acht bilden und ineinander überzugehen beginnen. Tatsächlich verhielt sich der Autor Salinger gegenüber seinem Buch wie der Prophet zum heiligen Text: er verweigerte sich bereits vor der Veröffentlichung, allen auf seine Person gerichteten Interviews und Publicity-Machenschaften, zunächst durch eine Reise nach England. Je länger der Ruhm des Buches anhielt, umso mehr wurde er zum totalen Eremiten. Bis heute sind kaum mehr als zwei oder drei Fotos des mittlerweile 82jährigen Autors an die Öffentlichkeit gelangt. Überdies bestand Salinger auf einer schlichten, nicht einmal auf dem Titel durch Illustrationen verziehrten Präsentation aller seiner Bücher. Verlagen, die diesem Wunsch zuwider handelten, entzog er die Lizenz. Seit 1965 ist Salinger auch als Autor verstummt.

Eine neue Jugendbuchtradition

Sein Platz im Pantheon der amerikanischen Literatur ist ihm gleichwohl sicher. Ob er damit auch The Great American Novel des 20. Jahrhunderts geschrieben hat, wird sich noch weisen. Hemingway hatte ja einst "Huckleberry Finn" als das konstitutive Werk der amerikanischen Literatur bezeichnet. Ihm ein weiteres an die Seite zu stellen, gehört seit je zu den Ambitionen ernsthafter US-Schriftstellerei. Nicht zuletzt wegen seiner fast phonographisch-umgangssprachlichen Diktion ist der "Fänger" denn auch immer wieder mit "Huckleberry Finn" verglichen worden. William Faulkner bezeichnete Salingers Roman 1958 als "bestes Werk der gegenwärtigen Schriftstellergeneration". So verwundert es kaum, dass "Catcher in the Rye" unzählige Nachahmer gefunden hat und nebenher zum Begründer einer neuen Jugendbuchtradition -- des Problemromans für Teenager -- geworden ist, zu deren bekanntesten Exponenten Paul Zindel oder Judy Blume zählen. An den erwachsenen Leser wandten sich unter anderem Bret Easton Ellis mit "Less Than Zero" (1985), Peter Smith mit "Highlights of the Off-Season" (1986) oder Michael Chabon mit der Schwul-Version, "The Mysteries of Pittsburgh"(1988). Jay McInerney, der nach eigener Aussage Salinger's Roman, "ach Gott, ungefähr dreizehn mal", gelesen hatte, gelang im gleichen Jahr mit "Story of my Life" (deutsch: "Ich nun wieder", 1991) ein verblüffender Bauchrednerakt der totalen Verinnerlichung des Originals, das er, mit einer weiblichen Protagonistin versehen und in die 90er Jahre transportiert, gewissermaßen von innen heraus noch einmal neuschrieb. Selbst der autobiographische Titelheld in Charles Bukowskis "Ham On Rye" (deutsch: "Das Schlimmste kommt noch", 1983) wirkt wie ein um 30 Jahre verspäteter hämischer Konterpart zu Salingers feinsinniger Romangestalt.

Bei alledem wird leicht übersehen, dass Salingers Roman selbst der Höhepunkt einer langen Tradition war. Die sogenannten J.D.-Romane und Filme -- Geschichten, bei denen es um jugendliche Straftäter und rebellische Jugend ging -- gab es buchstäblich Aberhunderte, so dass sie fast schon ein eigenes Genre bildeten. Auf den zufälligen Gleichklang der Initialen habe ich schon hingewiesen - möglich aber auch, dass Salinger bewusst die Abkürzung wählte, um seinem Publikum unterschwellig zu suggerieren, auch er sei ein harter Bursche. Und sogar das "Fänger"-Thema der Selbstaufopferung um andere zu retten war stereotypisch ein Teil dieser Tradition.

"Du bist für diese Kids und Hunderte andere dein ganzes Leben hindurch ein Held gewesen", spricht etwa der Pfarrer, Pater Connolly, zu dem jugendlichen Gangster Rocky in der Todeszelle, in "The Dead End Kids", 1937. "Jetzt wirst du im Tod glorifiziert werden, und ich möchte das verhindern, Rocky. Sie müssen das Andenken an dich verachten, sie müssen sich deiner schämen... ich weiß, dass es viel verlangt ist, worum ich dich bitte, aber ich dachte, du könntest mit mir zusammen arbeiten und versuchen, einige dieser andern Jungs davor zu bewahren, ebenfalls hier zu enden."

In "I Accuse My Parents", 1944, ist der jugendliche Kriminelle bereits tot, und der Richter fordert in seinem Schlussplädoyer: "Ich wende mich an Eltern überall, wenn ich sage, dass Sie, wenn Sie im Verfolg Ihrer eigenen Vergnügungen und Beschäftigungen ihre Kinder vernachlässigen, es sich jetzt bewusst machen sollten, bevor es zu spät ist, dass dies Ihr Junge hätte sein können."

Irving Shulmans Roman "The Amboy Dukes" (verfilmt 1949) war die Geschichte einer typischen jüdischen Straßengang wie sie in New York seit Jahrzehnten anzutreffen war. Für den Film musste nicht nur der Name des Protagonisten, Frank Goldfarb, zu einem "neutraleren" Frank Cusak geändert werden; auch, dass Jugendliche eine 12jährige vergewaltigten, Umgang mit Prostituierten pflegten, brutale Sexualakte ausführten, Marihuana rauchten und Gewaltakte oder Morddelikte ausführten, war für die Kino-Macher jener Zeit unvorstellbar.

Typische andere Filme des Genres: "Gun Crazy" (1949): Russ Tamblyn raubt eine Pistole, und schon geht's los wie bei Bonnie und Clyde. Acht Jahre später tanzte Tamblyn in "West Side Story". "Blackboard Jungle" (1955), der Film der den Bill Haley-Schlager "Rock Around The Clock" zu einer Welthymne rebellischer Jugend machte -- und "Rebel Without A Cause", seinerseits nun wieder gescripted von Irving Shulman, die Paradenummer für James Dean, der seiner im Film gespielten Selbstaufopferung noch eins draufsetzte, in echt.

Dean war 25, als er Ende September 1955 ums Leben kam. Holden Caulfield war gerade 17 im Jahr 1951 - also jünger, wäre aber heute trotzdem schon im Pensionsalter. Im Vorjahr, 1950, saß Marlon Brando in "The Wild One" auf dem Motorrad, und machte sich musikalisch noch am Be-Bop heiß.

Von "Werther" zum "Fänger"

Salinger goss in diese eher flache Schablone eine Reihe von literarischen Einflüssen. Im Amerika der 40er Jahre hatten jüdische Helden in der Literatur kaum eine Chance. Sie mussten unter einem WASP-Decknamen auftreten, wie Frank Goldfarb/Cussack in "The Amboy Dukes". Ein berühmtes anderes Beispiel ist Willie Loman in "Tod eines Handlungsreisenden" von Arthur Miller. Homer MacCauley, William Saroyans jugendlicher Held in "Die Menschliche Komödie", konnte in Wirklichkeit auch nur ein Armenier aus Fresno sein. Und Holden Caulfield ist verdeckt aber klar kodiert als ein jüdischer Schlemiehl, eine traurige Schelmengestalt zu erkennen, wie sie später bei Saul Bellow öfters auftritt. (Salingers übrige Geschichten, die um die Mitglieder der Familie Glass kreisen, sind dann eindeutig in einem jüdischen Milieu angesiedelt.)

Die nächste Schicht stammt aus Salinger's Interesse am Zen-Buddhismus und Zen-Vorstellungen über das Leben und die Kunst, die er Mitte der 40er Jahre am Rama Krishna-Vivekananda Center in New York aufnahm - und die für sein ganzes Werk bestimmend wurden.

Und schließlich sein wohl wichtigster Einfluss: Goethe. In Holden Caulfield scheint mir die Gestalt des "Werther" aus Goethes erstem großen Bestseller wiederauferstanden, mag sie auch den amerikanischen Tonfall wie Huckleberry Finn anschlagen. Diese Nähe zum Gesprochenen, das Bemühen um Überwindung der Schrift, ist ein Charakteristikum aller amerikanischen Literatur. Aber auch der "Werther" seinerseits drängt ja zum Hingesprochenen oder sogar Hingelallten, zur offenen Form des Briefes oder der Tagebuchnotiz, bemüht sich um den Schein der Unmittelbarkeit und Lebensnähe. Bei allen Unterschieden im Einzelnen ist es sicher legitim vom "Werther" als der Ur-Matrix des "Fängers" zu sprechen. Dafür, dass Salinger das Goethe-Werk gekannt hat, spricht, dass er schon vor 1937 in New York deutsche Sprache und Literatur studiert hat -- wobei "The Sorrows of Young Werther" gewöhnlich zu den ersten Texten gehört, die in einem solchen Rahmen, in englischer Übersetzung, "durchgenommen" werden.

Kurioserweise ist dieser Umstand dem deutschen Übersetzer des Buches (es war Heinrich Böll) völlig entgangen. Dabei hat Böll oft auf die Bedeutung von Salingers Werk auf sein eigenes hingewiesen. In einem Gespräch mit Marcel Reich-Ranicki (1967) antwortete Böll auf die Frage, warum er übersetze:

"Übersetzen ist für einen, der selbst Romane und Erzählungen schreibt, ein Vorgang des Gebens und Nehmens gleichzeitig.-- Außerdem ist es ein Akt der Befreiung: die Übersetzung der Bücher Salingers ist für mich ein solcher Befreiungsakt gewesen."

Böll schrieb als direkte Folge seiner Arbeit am "Fänger" den Roman "Ansichten eines Clowns" (1963), wobei sein Hans kein Holdenscher Schlemiehl, sondern mehr wohl ein deutscher Hanswurst ist. Böll sah jedenfalls eine Affinität nicht nur zwischen sich und Salinger, sondern auch zwischen dessen übrigen Charakteren (in der nahezu inzestuösen Glass-Familie) und seinen eigenen Roman-Gestalten.

Böll und das F-Wort

Ich habe mich indessen oft gefragt, an welcher Stelle Böll die Affinität zwischen sich und Salinger eigentlich lokalisiert hat. Fest steht, dass Böll den "Fänger" nie in der Originalfassung gelesen hat. Denn dort kommt beispielsweise 44 mal das böse Unwort "Fuck" vor; (dies ist eine allgemein bekannte Tatsache, zahlreiche Literatur-Sheriffs haben nachgezählt.) Ob Heinrich Böll bereit gewesen wäre, 44 mal das F-Wort im Deutschen hinzuschreiben, mag dahingestellt bleiben. Er brauchte sich die Frage jedoch nie zu stellen, denn er arbeitete bei seiner Übersetzung mit der Penguin-Ausgabe; nicht ahnend, dass die züchtigen Lektoren des britischen Verlages mehr als 800 (!) Schnitte am Text vorgenommen hatten, davon 44 mal eine Exzision eben jenes kleinen unanständigen Wortes. So wirkt der Held des Romans bei Böll wie ein biederer 26jähriger Bankangestellter, der seine nur noch traurigen Jugenderlebnisse einem Methodisten-Damenkränzchen vorträgt, und sich wohl deshalb vorher schon den Mund mit viel Seife ausgewaschen hat.

Tatsächlich ist Bölls Übersetzung nicht besonders gut, unabhängig davon, welche Ausgabe er benutzte. Nehmen wir zum Beispiel nur den Anfangssatz. Irene Muehlohn, in der ersten Übersetzung von "Catcher", 1954, die noch "Der Mann im Roggen" betitelt war: "Falls wirklich jemand die Geschichte hören will, so möchte er wahrscheinlich vor allem wissen, wo ich geboren wurde und wie ich meine Kindheit verbrachte..." In Bölls Überarbeitung von 1958, die nun "Der Fänger im Roggen" hieß, lautet der Satz so: "Falls Sie wirklich meine Geschichte hören wollen, so möchten Sie wahrscheinlich vor allem wissen, wo ich geboren wurde und wie ich meine verflixte Kindheit verbrachte ...". (Meine eigene Version, am Anfang dieses Artikels, entspricht ungefähr dem Stil, den wir heute verwenden würden.)

In seinem Mini-Essay "Wort und Wörtlichkeit" (1965) hat Böll seine Schwierigkeiten beim Übersetzen nachgezeichnet. "In Salingers Seymour wird vorgestellt heißt es", (schreibt Böll), "der Erzähler habe die fünfte Avenue wie eine "cold potato" fallenlassen; es ist noch nicht heraus, ob "cold" hier mit "heiß" oder "kalt" übersetzt werden muß; ob die Amerikaner, wie wir, üblicherweise sagen, "wie eine heiße Kartoffel" und Salinger sich, wenn er "kalte" schreibt, eines eigenen oder des in New York üblichen Jargons bedient -- falls wir aber überzeugt werden, dass in diesem Fall "heiß" die richtige Übersetzung für "kalt" ist, liegt die ganze Freiheit des Übersetzens darin, dass "kalt" wörtlich und sinngemäß übersetzt zu "heiß" wird."

Das ist natürlich alles kurlig & humorig gemeint, ohne über Bölls manifeste Verwirrung hinwegzutäuschen. Ersichtlich wird daraus nur, dass er wohl geduldig im Wörterbuch blättern, aber nicht wirklich besonders gut Englisch konnte.

Ärgerlich und sehr schade ist das alles deshalb, weil der deutsche Text wirklich meilenweit am Original vorbeizielt. Aber der Große Name Böll (Nobelpreisträger!) legt eine solche Übersetzung in Aspik, macht sie auf Jahre hinaus unantastbar. Salingers Roman ist damit, auf deutsch, bis auf weiteres klinisch tot.

Für mein Gefühl fehlt der Böllschen Übersetzung die Lust an der Blasphemie - und gerade der Katholik Böll hätte wissen müssen: sogar in der Blasphemie steckt eine Erkenntnis Gottes, manchmal ist die Blasphemie der einzige Weg dorthin. Und ich bedaure, dass er als Kölner das Kölnische, das Karnevalsmäßige nicht eingebracht hat - da sich doch der Karneval, aus dem Urgrund der Vulgarität nährt -- und dass Böll die burleske Vulgarität im "Fänger" nicht gesehen hat.

Andererseits spiegelt sich, wie ich meine, Bölls eigener Unwille, in Reih und Glied anzutreten, deutlich in Holdens antiautoritärer Haltung, (von dem das nachfolgende Zitat fast wörtlich stammen könnte):

"Einmal war ich ungefähr eine Woche lang bei den Pfadfindern, und es war mir schon zuviel, dass ich den Nacken von meinem Vordermann anschauen sollte. Es hieß immer, man müsse auf den Nacken des Vordermannes schauen. Ich schwöre, wenn es nochmal Krieg gibt, dann stellen sie mich am besten sofort an die Wand."

Dazu passt auch eine Entgegnung Bölls an Marcel Reich Ranicki, 1964:

"Aufgefordert, "mit der Entwicklung Schritt zu halten", wurde ich zuletzt vor fast genau siebenundzwanzig Jahren (...) ich tat's nicht (...) auch aus ästhetischen Gründen: ich mochte diese Uniformen nicht und die Marschierlust hat mir immer gefehlt; fünf Jahre vorher war ich, weil dort plötzlich Gleichschritt geübt wurde (...) aus einem katholischen Jugendklub ausgetreten (...) Schritt halten mag und kann ich nicht."

Diese Anti-Strammsteh-Haltung war es letztlich wohl auch, die zur letzten und kuriosesten Drehung der Schraube führte, indem Holden auf Umwegen wieder zu seinen Ursprüngen zurückkehrte -- als Ulrich Plenzdorf, damals noch in der DDR, "Die neuen Leiden des Jungen W.[ehrters]", schrieb. Das Buch, das Marcel Reich Ranicki seinerzeit als "Der Fänger im DDR-Roggen" liebevoll zerpflückte, war eine Werther-Nacherzählung mit Salinger-Einschlag. Plenzdorf wäre epigonal und originell zugleich gewesen, meinte Reich Ranicki, weil "Edgars Ausdrucksweise und Tonfall doch sehr an Salinger erinnern, oder richtiger gesagt, an Bölls Übersetzung." Der Literaturpapst bescheinigte Plenzdorfs jungem Helden eine gewisse Aufmüpfigkeit, die aber nicht lange vorhält. Zuletzt schlüpft er wieder unter die kollektive Tarnkappe. Dazu MRR: "Unser kleiner Ausreißer ist, wie man sieht, doch ein rechter DDR-Musterknabe." Plenzdorfs Bestseller (er wurde sogar verfilmt) ist heute nur noch für Germanisten interessant.

Der "Catcher" dagegen hat sich seine Kraft, die Leser zu beeindrucken, bewahrt - und nicht nur bei den Psychopathen unter ihnen. John Hinckley, der auf Ronald Reagan schoss, um eine kindliche Schauspielerin (Jody Foster) zu beeindrucken, John Brado, der die Schauspielerin Rebecca Schaffer tötete, und auch Mark David Chapman, der Mörder John Lennons, fühlten sich zu ihrer Tat durch die Lektüre dieses Buches angeregt. Chapman zitierte zu seiner Verteidigung vor Gericht den "Fänger im Roggen". Eben deshalb, erklärte er, habe er John Lennon erschossen, um ihn davor zu bewahren, unecht und verlogen -- "phony" -- zu werden.

Salinger hat auch dazu geschwiegen wie ein Grab ...

http://www.heise.de/tp/artikel/9/9086/1.html
Kommentare lesen (16 Beiträge) mehr...
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Des Führers Arzt trifft des Satans nackte Sklavin

Subversive Arztfilme der 1950er - Teil 2

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen
Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Abgefahren

Auch der endgültige Stillstand gehört zur Dromologie

bilder

seen.by


TELEPOLIS