Wahrheit macht keinen Spaß

Tino Hanekamp 18.07.2001

Kunstprodukte wie die Gorillaz, Lara Croft oder Shrek als Perfektion der Illusion

Der Erste unter den Falschen hatte ein Gesicht zum Reintreten. Der Kopf ein Kasten, das butterblonde Haar saftig nach hinten geklatscht und die koksweißen Zähne von einem permanenten Grinsen entblößt, sah Max Headroom aus wie eine Kreuzung aus Heino und David Hasselhoff. Doch Reintreten ging nicht, denn Max war nicht echt, sondern der erste virtuelle Popstar der Welt.

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1984 flimmerte des Maxens Hackfresse das erste mal über die Mattscheibe - beim britischen Fernsehsender Channel 4, wo der Blonde Musikvideos ansagte. Seine Stimme klang wie durch einen stotternden Computer gejagt, und er erschien der Welt wie ein perfekt durchgestyltes Cyberwesen. In Wirklichkeit war Max der Schauspieler Matt Frewer, der mittels Gummimaske und Video-Technik stark verfremdet zum Hybriden aus Mensch und Software wurde. Erst ein paar Jahre später entstand Headroom vollständig am Computer, da war er schon längst ein Star, Held einer weltweiten Coca-Cola-Kampagne und somit Kult.

Heute ist Max Headroom fast vergessen. Doch seine Nachfahren sind die Mega-Stars des 21. Jahrhunderts. Sie heißen Lara, Shrek, Murdoc oder Aki, sind Comic- oder Computerwesen mit monströsen Brüsten, Rüssel-Ohren und grünen Zähnen. Und sie sind überall - in den Top-Ten, den Kino-Charts, im Internet und im Fernsehen. Die Comic-Band Gorillaz von Blur-Boss Damon Albarn und Tank Girl-Erfinder Jamie Hewlett entert weltweit die Charts. (Vgl.Gorillaz kicken Boybands in den A***) Die Titten-Amazone Lara Croft ballerte erst als Heldin mehrerer Computerspiele Männer in Wallung und sorgt nun, gespielt von der famosen Angelina Jolie, in den Kinos für Kassengeklingel. (Vgl. Auf die Verpackung kommt es an) Der grüne Glibber-Klumpen Shrek ist Held eines gleichnamigen, vollanimierten Films - und schon jetzt der Pinke-Bringer des Sommers. (Vgl. Frontalangriff auf die heile Welt) Und nun flimmert auch die Pixel-Schönheit Aki Ross über die Leinwände: Sie ist die Heroine der Computerspiel-Verfilmung Final Fantasy und Schwarm einer ganzen Zocker-Generation.

Murdoc, der Bassist der Gorillaz, gilt als Teufelsanbeter, Drogen-Freund und Bösewicht. Ständig spinnen Albarn und Hewlett neue Geschichten um den populären Finstermann. Als auf der Gorillaz-Homepage bekannt gegeben wurde, dass Murdocs Wohnwagen gestohlen worden sei, machten sich unzählige Fans auf die Suche und schickten gefälschte Fotos ein, auf denen das ominöse Wohnmobil in allen möglichen Ecken der Welt zu sehen war. Die bewusste Demontage der Realität. Wir basteln uns ein Leben - und alle machen mit.

Dabei sind die virtuellen Popstars nur die logische Konsequenz der immer synthetischeren Popkultur - und letztendlich ehrlicher als ihre menschlichen Kollegen. Denn auch Berühmtheiten wie Michael Jackson, die Backstreet Boys und Marilyn Manson sind Kunstprodukte, leben von überspitzten Images und einer unbarmherzigen Polarisierung. Wenn nun die Popstars komplett am Reißbrett entstehen, ist das nur der nächste schlüssige Schritt. Warum ein Schaf grün anmalen, wenn man grüne, blaue und karierte Schafe selber basteln kann? Die Technik machts - und die wird immer besser. Und während Jackson, Manson und Anhang versuchen, ihrem Image Authentizität zu verleihen, ihre Illusionen als wahr zu verkaufen, ist das bei virtuellen Stars kaum möglich - und gar nicht nötig. Denn es ist natürlich nicht so, dass die Fans von Lara Croft und den Gorillaz die Lügen nicht bemerken - sie suchen sie sogar. In der Klappse P.O.P. geht es immer weniger um Wahrheiten, sondern um die perfekte Illusion. Denn Wahrheiten gibt es im Leben schon genug. Wahrheiten machen keinen Spaß.

Und: Mit Wahrheiten lässt sich schlecht Geld verdienen. Und darum geht es den Machern der virtuellen Superstars. Und es klappt. Die Gorillaz-Single Clint Eastwood hat sich beinahe europaweit ganz vorne in den Charts festgebissen, beschallt einen Opel-Werbespot, dudelt im Supermarkt und beim Zahnarzt. Auf der Homepage der Band - ihrer virtuellen Heimat - loggen sich wöchentlich angeblich mehr als 100.000 Surfer ein. Geplant sind Kinofilme, Spielzeug-Puppen und Computerspiele mit dem Affen-Verein.

Schon vor mehr als 150 Jahren sagte der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer: "Unsere zivilisierte Welt ist nur eine große Maskerade." Das gilt noch immer und für die Popwelt mehr denn je.

http://www.heise.de/tp/artikel/9/9104/1.html
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