Der psychiatrisierende Blick

24.07.2001

Der Weltkongress der Biologischen Psychiatrie und seine sozialen Phantasien

In Berlin fand Anfang Juli der siebte Weltkongress für biologische Psychiatrie statt. Da die Biologische Psychiatrie davon ausgeht, dass psychische Störungen vor allem genetischen Ursprungs sind, befassten sich die rund 6000 TeilnehmerInnen aus mehr als 80 Ländern fünf Tage lang vor allem mit den biologisch-genetischen Hintergründen für Schizophrenie, Depression, Angstzustände, Alkoholismus, Nikotinsucht und Essstörungen (siehe auch: Wenn sich Hirnforschung, Psychiatrie und Humangenetik verbünden...) Vor allem die hinter dieser Richtung stehenden sozialen Phantasien über den zu behandelnden PatientInnen sollen im folgenden beschrieben werden.

Der psychiatrische Blick als Freizeitparkerlebnis

Da die biologische Psychiatrie stark auf die Verabreichung von Medikamenten setzt, um Depressionen, Schizophrenie und Angstzustände zu behandeln, wundert es kaum, dass der Kongress in Berlin von zahlreichen Pharma-VertreterInnen zu Werbezwecken genutzt wurde. Unter dem Titel "meet-the-expert" gaben sich u. a. Agenten der Firmen Pfizer zu Angstzuständen, Novartis zu Sucht und Cyberonics zu Depression ein Stelldichein. Außerdem waren drei große Messehallen für die Produktwerbung reserviert. Über die üblichen Informationsständen hinausgehend zogen hier insbesondere die Areale der Firmen Janssen-Cilag und Lilly die Aufmerksamkeit auf sich. Wurden zur Kolonialzeit Kleinwüchsige und "Eingeborene" als "Exoten" in Käfigen präsentiert, engagiert die Psychodesignerdrogenszene heute lieber innovative Kunst-Agenturen, um die Psyche der zu behandelnden ProbandInnen zu inszenieren.

Das Areal der Firma Lilly ist von einer riesigen silbernen Röhre dominiert, in der sich zwei von der britischen Marketing-Agentur Silvernight konzipierte Ausstellungen befinden. Die erste Ausstellung nennt sich "Depression Exhibit" und soll die Erlebniswelt Depressiver visualisieren. Nach dem Eintritt in die Röhre findet sich der Besucher in einer großstädtischen Straßenschlucht wieder. Bläulicher Trockeneisnebel soll den Eindruck von Abgasen erwecken. Kulissenhaft lassen sich von unten angestrahlte Wolkenkratzer erkennen. Quietschende Reifen, hupende Autos, Sirenengeheul und Hundegebell lassen einen den nächsten Raum aufsuchen. Hier sitzt ein violett angestrahlter Nilpferdmensch vor einem grau flimmernden Bildschirm. Die überdimensionale Figur sieht aus wie ein Kissen, das mit dem steinernen Sessel verwachsen ist. Der Sessel selbst scheint Gliedmaßen ausgebildet zu haben. An der Wand im Hintergrund hängen drei Fotografien: Eine schwarze Frau vor einem Springbrunnen, hinter ihr schemenhaft ein Kind. Daneben eine Nahaufnahme der Frau, lachend. Eine weitere Abbildung zeigt eine weiße Frau, die lächelnd aus einem Fenster in die Ferne blickt. Es ist still.

Der dritte Raum empfängt einen mit eindringlichem metallischen Klopfen, Knarren und Türenschlagen. Irrgartenähnlich hängen einem in schwarzweißem Graffitti-Style gehaltene Bilder im Weg: Ein Mann versucht sich an einer Mauer hochzuziehen, eine andere Person rüttelt an den Gitterstäben eines Gefängnisses, eine Frau stößt ein Fenster von Innen auf.

Der letzte Raum ist hell beleuchtet, die Wände sind mit einer Fototapete verkleidet. Umgeben von Sommerwäldern kann man auf zwei Bildschirmen Lillys Werbefilm sehen. Eine erst in düsteren Industriegegenden, dann im hellen Wüstensand joggende Frau wird abgelöst von einer anderen Frau, die glücklich einen vor sich stehenden Geburtstagskuchen betrachtet. Darüber eingeblendet wird die ganze Zeit der Schriftzug "seconds feel like minutes", der sich in "seconds feel like days", "...months", "...years" verwandelt und in dem Schluss "depression feel like a lifetime" gipfelt. Den Abschluss bildet das Logo der Firma Lilly in rot auf weißem Grund, darunter werden "Answers That Matter" versprochen. Am Ausgang des dunklen Schachtes nutzt das Unternehmen die Gelegenheit, für das einschlägig bekannte Antidepressivum Prozac zu werben.

Auf der anderen Seite der Röhre wartet die "Schizophrenia Exhibit" auf BesucherInnen. Sie bietet einen Rundgang durch die Psyche eines Schizophrenen aus der Sicht der Pharma-Industrie. Zunächst fühlt man sich in eine Disco versetzt. Es ist vollkommen dunkel. An den teilweise verspiegelten Wänden kreisen violette, gelbe und rote Kringel. "Pssst!" macht es, mal lauter, mal leiser. Hat man ein auf den Boden projiziertes blinkendes Augenpaar durchschritten, empfangen einen im nächsten Raum angstvoll schreiende Gesichter. Eine in den Boden eingelassene leuchtende Glasplatte zeigt einen Mann ohne Unterleib, der schreiend beide Arme erhebt. Er scheint zu brennen, sein Bild zerspringt in fünf Stücke.

Der in Dämmerlicht getauchte Raum wird ununterbrochen von penetranten Klopfgeräuschen durchdrungen. Auf sieben riesigen, von der Decke herabhängenden Tafeln sieht man grob gerasterte schwarzweiße Portraits. Von Spots angestrahlt, zeigen sie schmerzverzerrte Gesichter: aufgerissene Münder, zugekniffene Augen. Ein bis zur Decke reichender Schattenriss zeigt das Gesicht eines Mannes, bei dem nur Stirn und Nase erleuchtet sind, der Mund ist weit aufgerissen, schreiend, die Augen liegen im Dunklen. Der dritte Raum ist vollständig verspiegelt und wird von permanentem Telefonklingeln durchschrillt. Knapp 50 Telefonhörer hängen an Schnüren von der Decke herab, violett beleuchtet. Ab und zu hört man eine Frauenstimme "Hello?" sagen, es antwortet aber niemand. Das einzige vollständige Telefon steht auf einem Glassockel und funktioniert nicht. Auch der zweite Rundgang endet mit dem Erlösungsfilm der Firma Lilly. Am Ausgang werden einem Prospekte für das gegen Schizophrenie eingesetzte Lilly-Medikament Zyprexa ausgehändigt. Einem Fernsehteam, das in beiden Ausstellungen filmen will, wird die Drehgenehmigung verweigert.

Schizophrenie im Pharma-Kino

In der nächsten Halle hat die Johnson & Johnson-Tochter Janssen-Cilag eine Art Psycho-Knast-Kino aufgebaut. Der Pharmakonzern, der die gegen Schizophrenie und Psychosen eingesetzten Medikamente Risperdal und Haldol produziert, verspricht eine "Begegnung mit der Realität der Schizophrenie: Stell Dir vor, Du könntest einige Momente eines Lebens ausprobieren, in dem der Alltag entsetzlich werden kann. Wo die für Psychosen typischen Täuschungen und Halluzinationen aus der Wechselbeziehung zwischen Realität und einem langsam verfallenden Geist entstehen." Um das "paved with fear"- gepflastert mit Angst - genannte Kino betreten zu können, muss der Besucher seinen Namen und sein Herkunftsland in einen Computer eingeben. Als nächstes wird ihm zur Vorbereitung ein kurzer Quicktime-Film vorgespielt: Ein alltäglicher Bummel durch eine sommerliche urbane Szene, vorbei an Baustellen und Einkaufspassagen. Nun kann es losgehen. Bevor die Assistentin die Tür zum Kino öffnet, sagt sie noch, "haben Sie keine Angst, so schlimm ist es nicht." Sie weist einen an, sich auf eine in den Kabinenboden eingelassene runde Metallplatte zu stellen und sich an dem davor befindlichen Geländer festzuhalten. Dann schließt sie die Tür.

Der zu Anfang gezeigte Kurz-Film läuft nun noch einmal ab - stark verfremdet. Menschen, Häuser, Bäume, Treppenstufen sind in gleißendes Licht getaucht. Stolpernd und suchend tastet man sich durch das Straßengeschehen. Bedrohliche Stimmen reden auf einen ein und versuchen, die Richtung vorzugeben. Suchend tastet der Blick den Boden ab, bleibt an einem Straßenpfosten hängen. Eine Autofahrerin lächelt einem irritiert-mitleidig zu. Die Menschen betrachten einen wie einen Fisch im Aquarium, ihre Gesichter verschwimmen. Schrille Töne erschrecken einen. Man beginnt zu rennen, rempelt Passanten an - die Metallplatte im Boden des Kinos versetzt einem Stöße, beginnt sich zu drehen, so dass man den Halt verliert. In der Einkaufspassage angekommen, rast der Blick auf einen telefonierenden Geschäftsmann zu. Auf einmal wirkt er sehr bedrohlich. Spricht er über einen? Plant er etwas? Plötzlich sieht man sich selbst auf dem Titelblatt einer Tageszeitung abgebildet. Man wird gesucht. Auch das noch.

"Zwei bis drei Personen müssen pro Tag aus dem Kino geholt werden, weil sie es nicht aushalten", sagt Bart van der Kant, der die Installation konzipiert hat. Als hätte er eine neue Form der Diagnostik entwickelt, fragt er sich, "ob es ein Psychiater oder eher ein Patient ist, der da nicht mehr klarkommt". Van der Kant ist Geschäftsführer von etcetera, einer von Janssen Cilag mit dem Projekt beauftragten audiovisuellen Konzeptagentur aus Belgien. Die Installation "Paved with fear" werde bereits zum dritten Mal auf einer Messe eingesetzt und sei auch für andere Zielgruppen wie StudentInnen gedacht, erzählt van der Kant. Ziel sei es, im Sinne eines "mind openers" Schizophrenie als Erfahrung zu inszenieren. Eine "virtual hallucination", wie sie aus den USA bekannt sei, wollten sie allerdings nicht machen, weil es dann "nur eine technische Phantasie" sei.

Der Gen-Glaube als soziale Phantasie

Welche sozialen Phantasien hinter den Projekten der biologischen Psychiatrie stehen und welches Bild von den zu behandelnden PatientInnen entworfen wird, ließ sich auch auf den täglich stattfindenden Pressekonferenzen beobachten. "Derzeit ist ganz besonders die Genetik von Interesse", sagte Kongresspräsident Hans-Jürgen Möller auf der Eröffnungspressekonferenz. Gerade psychische Erkrankungen müssten hinsichtlich ihrer genetischen Ursachen untersucht werden. Dahinter stehe die "Hoffnung, solche Krankheiten nicht nur nach Symptomen, sondern auch nach ihren genetischen Ursachen ganz neu zu ordnen". Auf dieser Grundlage hofft die biologische Psychiatrie dann "ganz neue Behandlungsformen zu entwickeln, die stark davon abweichen, was wir bisher haben", führte Möller aus. Eine Gentherapie werde es bis auf weiteres jedoch nicht geben.

Der Glaube an die Gene ist bei der biologischen Psychiatrie recht weitgehend. So wurde verkündet, es seien "bereits erste Risiko-Gene für Schizophrenie, Angststörungen, Depression, Alzheimer-Demenz oder Alkoholismus lokalisiert" worden. Auch wenn noch unklar sei, "welche Gene oder Genkombinationen im einzelnen an der Entstehung der Suchtkrankheiten beteiligt sind", behaupten die Organisatoren des Kongresses, Alkoholabhängigkeit sei "zu etwa 50 bis 60 Prozent genetisch determiniert".

Auch für depressive Erkrankungen gebe es "eine erbliche Veranlagung". Dies hätten Familien-, Adoptions- und Zwillingsstudien gezeigt. Dass Frauen zwei- bis dreimal so häufig an einer Depression erkranken wie Männer, wird nicht etwa mit den herrschenden Geschlechterverhältnissen in Beziehung gesetzt, sondern umgekehrt behauptet, dass "eine Reihe von genetischen Faktoren sich geschlechtsspezifisch auswirken". Einer "bislang allerdings nicht belegten Hypothese zufolge" könnten dominante Mutationen auf dem X-Chromosom eine Ursache sein, meint der Kongressvorstand.

Daniel R. Weinberger, Vorsitzender des Wissenschaftlichen Komitees des Kongresses und Direktor der Clinical Brain Disorders Branch der US-amerikanischen National Insitutes of Health ging sogar soweit, die unterschiedlichen Fähigkeiten der Menschen, "abstrakt zu denken und strategisch voranzugehen" aus den Genen abzuleiten. Es gebe nie die gleiche Reaktion auf die Umwelt. Nur durch die Gene werde die Bedeutung der Umwelt erkannt. Weinberger betonte die Funktion der Diagnostik: Die Identifizierung von Genen für psychische Merkmale sei vor allem deswegen wichtig, um in Zukunft "zu Präventionszwecken Risikopatienten zu bestimmen". Dies passt sich wunderbar in ein neoliberales Lebensmanagement-Konzept ein, in dem Risiken aller Art erkannt und reguliert werden müssen.

Auf der kurz zuvor in Berlin stattgefundenen Konferenz "Geist gegen Gene" sagte Silja Samerski, Genetikerin aus dem Arbeitskreis um den Medizinkritiker Ivan Illich: "Die Gene reiben einem das Risikomanagement unter die Haut. Man soll sich selbst aus der Sicht eines Versicherungsmaklers sehen". Ivan Illich selbst sprach über eine frühere Form der Diagnostik: "1938 bin ich zum Bewusstsein meiner Nase gekommen". Damals hätten die Nationalsozialisten eine Diagnostik per Nase betrieben, die als Rassenmerkmal galt. Über die Gene solle man ebenso mitleidig lachen wie über das Konstrukt der Rasse, sagte Illich. Er beklagte, dass inzwischen ein Großteil der Bevölkerung zum Gen-Glauben bekehrt worden sei: "Ich fordere die Entkehrung!" Wenn Atheisten Leute seien, die nicht an Gott glauben, müssten Menschen, die nicht an die Gene glauben, ja Agenisten genannt werden. Insofern bezeichne er sich als Agenisten. "Wenn Sie denken, dass hier ein Genotyp als Phänotyp sitzt, gehen Sie bitte raus. Hier sitzt kein Genom, das zum Ausdruck kommt" (siehe auch: Das Recht auf Gedankenfreiheit ist nicht beschränkt auf Gedanken, die staatlicherseits für gesund gehalten werden).

Hirne sammeln für die Forschung: Das Brain-Net

Da nach Ansicht der biologischen Psychiatrie die genetisch bedingten psychischen Erkrankungen im Gehirn zum Ausdruck kommen, wird stark auf die Forschung an menschlichen Hirnen gesetzt. "From bench to bed" nennt Wolfgang Gaebel, Präsident der Deutschen Gesellschaft für biologische Psychiatrie, die enge Verzahnung von Klinik und Forschung, die seiner Ansicht nach "vorangetrieben werden muss". Ein gelungenes Beispiel für diesen Ansatz sei das Brain-Net, das sich dem Aufbau von Hirnbanken widmet, in denen die Hirne verschiedenster PatientInnen gesammelt werden. Das im Oktober 1999 gegründete Brain-Net wurde auf Initiative der Kompetenznetze "Parkinson", "Depression" und "Schizophrenie" eingerichtet und wird vom Bundesforschungsministerium bis 2002 mit 8,5 Millionen Mark gefördert. Im Brain-Net haben sich 10 universitäre Hirnbank-Zentren zusammengeschlossen, "in denen neurologische und psychiatrische Krankheiten nach pathologischen und genetischen Kriterien diagnostiziert werden", schreibt das Netzwerk in einer Selbstdarstellung. Die Organisationszentrale des Brain-Net ist am Institut für Neuropathologie der Ludwig-Maximilians-Universität München angesiedelt. Gesammelt wird indikationsspezifisch an verschiedenen Orten: Die Gehirne von Depressiven werden vor allem in Bonn gesammelt, die Hirne schizophrener PatientInnen in Magdeburg und bei der Sammlung der Gehirne von Süchtigen ist Würzburg führend.

Ziel sei es, "Untersuchungen am Patienten oder gesunden Probanden mit Experimenten der Grundlagen- und Pharmaforschung zu verbinden". Dafür seien Untersuchungen an biologischem Material essentiell, schreiben die Forscher. Die Gehirne Verstorbener mit bestimmten Krankheiten werden gesammelt und "für die biochemische und molekularbiologische Forschung bereitgestellt." Das klingt dann so: "Zu Forschungszwecken sucht das Brain-Net Parkinson (Parkinson Hirnbank) Spender, die nach ihrem Ableben ihr Gehirn, Rückenmark und eventuell andere Organe zur Verfügung stellen". Im ersten Jahr seien 340 Hirne aus allen Zentren zur "Gehirn-Bank" gekommen, sagte Peter Falkai von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Bonn auf dem Kongreß der biologischen Psychiatrie. Wesentlich sei hierbei, dass "neben biologischem Material auch eine sorgfältige klinische Dokumentation (inkl. Familiengeschichte) der verstorbenen Patienten und Kontrollpersonen vorliegt", schreibt das Netzwerk auf seiner Homepage. Hirnsammler Peter Falkai erklärte gegenüber Telepolis stolz: "Allein in Bonn sammeln wir fünf bis zehn Hirne pro Monat!"

Gute Laune im Elektro-Takt?

Solange die Forschung noch keine direkte Gehirn-Therapie zu bieten hat, setzt die biologische Psychiatrie auf andere Methoden der PatientInnen-Kontrolle. Auf dem Kongress in Berlin wurde eine Art Launeschrittmacher zur Behandlung von Depressionen vorgestellt. Bei der sogenannten Vagusnervstimulation (VNS) wird der Vagusnerv im Bereich der Halsschlagader elektrisch gereizt. Dafür wird der Patientin ein kleines Metallgerät von der Größe einer Taschenuhr in den Brustkorb implantiert und über eine Elektrode mit dem linken Vagusnerv verbunden. Alle fünf Minuten sendet das Gerät für etwa dreißig Sekunden schwache Stromstöße aus, die über den Nerv ins Gehirn gelangen und die Aktivität der Nervenzellen verändern. VNS stimuliert das limbische System, das sich auf Stimmung, Motivation, Schlaf, Appetit, Aufmerksamkeit und Konzentration auswirkt.

Das eigentlich für EpileptikerInnen entwickelte Gerät wurde im März 2001 in der Europäischen Union für die Behandlung von Depressionen freigegeben. Derzeit werde untersucht, ob VNS auch gegen Fettsucht, Angstzustände und Alzheimer eingesetzt werden kann. Die Firma Cyberonics, die das Gerät herstellt, weist auf die volkswirtschaftlich positiven Effekte ihrer Technologie hin: Bei der durch Depression verursachten Kostenbelastung müssten vor allem "die indirekten Kosten infolge der eingeschränkten Funktionsfähigkeit, verminderten Produktivität am Arbeitsplatz" herausgestellt werden. Eine Analyse des Gesundheitswesens habe gezeigt, dass PatientInnen mit Depressionen medizinische Versorgungsleistungen "stärker nutzen". Daher könne sich eine Langzeitherapie mit VNS "als kosteneffektiv erweisen". Schließlich sorge die Vagusnervstimulation "für 100-prozentige Patientenmitarbeit in einer Gruppe, die normalerweise als schwierig zu behandeln gilt." Ein Brustimplantat lässt sich eben schwer herausreißen. Somit symbolisiert das Gerät eine starke Hierarchisierung des Arzt-PatientInnen-Verhältnisses. Während die Patientin völlig dem Einfluss des Gerätes unterworfen ist, bekommt der Arzt die Kontrolle über die Stimmung der Patientin: "Der Arzt kann von außen die Stimulationsrate, -dauer und -stärke frei einstellen."

Das PatientInnenbeschaffungsprogramm

Neben forscherischen Begehrlichkeiten und ärztlichen Kontrollbemühungen ist das Verhältnis der biologischen Psychiatrie zu den PatientInnen davon geprägt, möglichst viele "Risikopersonen" ausfindig zu machen, wie sich am Beispiel der Schizophrenie zeigen lässt.

In der Biologischen Psychiatrie wird Schizophrenie als genetisch determinierte "Hirnentwicklungsstörung" angesehen. Heinz Häfner, Leiter der Schizophrenieforschung am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim erklärte, vor 20 Jahren habe man gedacht, die Krankheit sei sozial ausgelöst. "Das ist in der Tat ein Irrtum".

Heinz Häfner bekräftigte allerdings auch, dass die Schizophrenie ein vielfältiges Krankheitsbild aufweise. Der Begriff fasse "verschiedene Symptome zusammen, denen sehr unterschiedliche Ursachen zugrunde liegen können". Außerdem seien in der Anfangszeit die negativen Symptome vorherrschend, also unspezifische Defizitsymptome, die auch bei anderen Krankheiten vorkommen: Konzentrationsstörungen, Antriebsverlust, sozialer Rückzug. Erst in einer späteren Phase der Krankheit treten die positiven Symptome auf, also Halluzinationen oder Wahnvorstellungen. Je früher eine psychische Krankheit diagnostiziert werde, um so besser seien aber die Behandlungsmöglichkeiten. Obwohl die Symptome im Frühstadium der Schizophrenie so unspezifisch sind, dass viele Menschen darunter fallen, hat die biologische Psychiatrie deswegen ein "Früherkennungsprogramm" auf die Beine gestellt, das "Risikopatienten" identifizieren soll. Damit besteht die Gefahr, dass immer mehr diagnostisch identifizierte und nach Risikoprofilen eingeteilte Personen zu Bedürftigen der Psychiatrie erklärt, im schlimmsten Fall schizophrenisiert werden.

Obwohl in Deutschland nach Angaben der biologischen Psychiatrie etwa 800.000 Menschen einmal im Leben an Schizophrenie erkranken, seien nur 10% der Schizophrenie-Betroffenen in Kliniken. "Nur die Hälfte der psychisch Kranken ist in Behandlung. Das ist bedauerlich" findet Wolfgang Gaebel, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Biologische Psychiatrie.

Als ob es sich um eine PatientInnenbeschaffungsmaßnahme handelt, spricht Heinz Häfner sogar von der "Rekrutierung von Risikopersonen". Als "Früherkennungsinstrument" sei eine Skala entwickelt worden, auf der anhand bestimmter Werte in einzelnen Dimensionen festgestellt werden könne, ob jemand Schizophrenie hat. In einem Stufenmodell werde mit dem Trend "hin zu mehr Auslese" die entsprechende Person "herausgefiltert". Es wird so getan, als ob Schizophrenie messbar und eindeutig diagnostizierbar sei. Wie diese Auslese ablaufen soll, stellt Wolfgang Gaebel sehr plastisch dar:

"Ein Lehrer sagt über einen Schüler: "Der verhält sich aber komisch". Der Schüler muss dann einen Fragebogen ausfüllen. Hat er einen auffälligen Score, wird er an das Früherkennungszentrum überwiesen. Dort wird dann mittels EEG, bildgebenden Verfahren, Klärung der genetischen Belastung und neurophysiologischen Untersuchungen ein Risikoprofil erstellt." Auch wenn Wolfgang Gaebel sagt, "es ist nicht Ziel, durch die Lande zu ziehen, und zu sagen, kommt alle zu uns", sieht es genau danach aus.

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