Genua alternativ
Für alle die nicht zum G8-Gipfel reisen konnten, durften oder wollten, bietet das Internet aktuelles Material in Hülle und Fülle - abseits der Mainstreamberichterstattung
Alle paar Minuten erscheinen News zu Genua auf Alternativseiten. Am Umfassendsten wird man auf der italienischen, aber auch auf der deutschen Indymedia-Site informiert. Dem dezentralen Medienkonzept entsprechend kann dort jeder publizieren. Ein Internetzugang reicht, Publish-Formular aufrufen - schreiben und abschicken.
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In Windeseile verbreiten sich die Augenzeugenberichte, Infos- und Tipps für Demonstranten, Fotos, akustische Beiträge und Videos (aktuelle Videobeiträge aus Genua findet man beispielsweise bei kanalB SPEZIAL). Derart multimedial versorgt, gewinnen Interessierte ein bedeutend differenzierteres Bild, als es die Berichterstattung in den quotenstarken Medien zulässt. Auf der italienischen Ausgabe erscheinen ständig aktualisierte Protokolle. Hier eine aktuelle deutsche Übersetzung:
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" 20. Juli - breaking news
13:23 Erste Meldungen von Polizisten mit Handfeuerwaffen waehrend Zusammenstoessen mit Anarchisten in Corso Torino
13:28 2 Teile der COBAS Demo gehen zusammen zurueck zum Piazza Kennedy
13:35 Der Schwarze Block bewegt sich in Richtung Piazza Kennedy, nur wenige hundert Meter vom Info Center entfernt
13:37 1000 Leute demonstrieren gewaltfrei in Via Avarotti. Sit/Ins vor der Polizei
13:50 3000 COBAS-Leute sind in Piazza Kennedy. Der Block des Zivilen Ungehorsams demonstriert ohne Probleme. Der Pink Block versucht mit Musik und tanzen in die ROte Zone einzudringen und der Schwarze Block kommt kommt voellig unorganisiert zum Info-Center.
13.57 Leichte Polizei-attacke gegen die attac-Demo
13.58 Piazza Kennedey von der Polizei umstellt. Keiner kann rein oder raus ..."
Berichten klassischer Nachrichtenagenturen (APA) zufolge setzten sich heute aus Anlass der offiziellen Eröffnung des G8-Gipfels einige Protestzüge in Bewegung. Die Veranstalter beziffern die Teilnehmerzahl auf etwa 50.000. "Begleitschutz" erhielten sie von einem riesigen Polizeiaufgebot. Einige hundert Anti-Globalisierungsaktivisten versuchten, wie angekündigt, in die Rote Zone vorzudringen. Das ging den Sicherheitskräften zu weit. Sie gingen mit Tränengasgranaten und Wasserwerfern gegen die Demonstranten vor.
Bereits gestern kam es zu Zusammenstößen mit der Polizei. Eine Gruppe zur Demo angereister Griechen wurde von den italienischen Sicherheitskräften derart unsanft empfangen, dass sich sogar die griechische Regierung öffentlich über das "brutale Vorgehen" beschwerte. Im Zentrum der Aktivitäten von gestern stand eine Demonstration von MigrantInnen. Zahlreiche Fotos und Berichte zeichnen ein vergleichsweise friedliches Bild.
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"An der MigrantInnen-Demo, die heute nachmittag stattfand beteiligten sich etwa 50 000 Leute. Das Spektrum umfasste sozialistische und kommunistische Organisationen , im Genoa Social Forum vertretene Organisationen, Anarcho-syndikalisten.. Auffallend war der heroische Auftritt von SympathisantInnen der PKK, die eine Faust erhoben, in der anderen eine Flagge und ernsten Blickes demonstrierte eine kleine Gruppe. Es gab ausserdem mehrere anarchistische und autonome Blöcke, darunter einen ( teilweise vermummten) schwarzen Block. MigrantInnenorganisationen waren nur schwach vertreten und gingen durch die Masse der anderen unter. Das gilt auch für die TeilnehmerInnen: MigrantInnen waren kaum sichtbar, die DemonstrantInnen waren entweder ItalienerInnen oder Menschen , die wegen der G8-Proteste nach Genua gekommen waren. Auch viele der Transparente bezogen sich nur auf den G8, dennoch gab es einige die sich z.B. gegen die Illegaliserung von FlüchtIingen oder der Einschränkung ihrer Bewegungsfreiheit richteten . Transparente die einen Zusammenhang zwischen der aktuellen wirtschaftlichen Entwicklungen und der Situation von MigrantInnen in einen Zusammenhang stellten sind mir nicht aufgefallen.. Einigen der beteiligten Gruppen schien es eher um Selbstinszenierung als um die Auseinandersetzung mit dem eigentlichen Thema der Demonstration zu gehen. Die Stimmung auf der Demo war gut, es gab einen Wagen mit Technomusik, Kapellen und einen pinken Block, die das Ganze.sehr belebten." (Indymedia)
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Das Outfit in Pink erinnert tatsächlich ein wenig an die LoveParade. Irgendwie kommt den Demonstranten trotz ihres Ärgers über Demobilisierungsversuche im Vorfeld der Humor nicht abhanden.
Ein Transparent der MigrantInnen-Demo von Rifondazione Comunista zeigt Unterhosen auf einer Wäscheleine. Indymedia klärt auf. Staatschef Berlusconi hatte an die italienische Bevölkerung appelliert, doch während des Treffens keine Wäsche aus dem Fenster zu hängen, das wäre "provinziell und den Vertretern der acht großen Wirtschaftsmächte nicht zumutbar". Damit machte sich Berlusconi lächerlich und seine politischen Gegner griffen das gerne auf. Die Unterhose mutierte zum subversiven Symbol.
Überhaupt scheint Berlusconi inzwischen ziemlich entnervt. Eigentlich aber auch kein Wunder, hatten sich doch die Genueser Hoteliers beschwert, dass sie beim Gipfel kein Geschäft machen, zumal die Mächtigen aus Sicherheitsgründen auf Schiffen untergebracht werden. Auch die 28.000 Anwohner des zur roten Sperrzone erklärten Viertels sind alles andere als begeistert von den scharfen Sicherheitsvorkehrungen. Etliche zeigen Solidarität mit den Demonstranten. Auf einem Balkon hält ein junger Mann ein Bild Che Guevaras demonstrativ in die Höhe. Der Schnappschuss findet sich ebenfalls auf Indymedia.
Berlusconi sagte heute, dass man das Gipfeltreffen überdenken müsse. "Genua dürfte das letzte dieser Art gewesen sein", wird der Premier von einer deutschen Nachrichtenagentur zitiert. Hat der Soziologieprofessor Walden Bello vielleicht recht, wenn er in der "Jungen Welt" über Genua und die Systemkrise schreibt: "Genua ist die nächste Haltstelle des Anti-Globalisierungs-Express. Es ist möglich, dass die Stadt zum eklatantesten Beweis für diesen 'Konsensentzug' wird, der das globale kapitalistische System erschüttert."?
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