Warum eigentlich Manila?

01.08.2001

Die Rolle der Viren im Globalisierungs- und Sicherheitsdiskurs

Der Gedanke an Computerprogramme, die Gemeinsamkeiten mit Lebewesen aufweisen, sich fortpflanzen und die sogar gegen den Willen des Benutzers von Computer zu Computer wandern, war Anfang der 1980er Jahre ein aufregendes Betätigungsfeld für Wissenschaftler wie Jürgen Kraus oder Frederick B. Cohen.3094 Mitte des Jahrzehnts entwickelte sich die Wahrnehmung von Computerviren weg von einer Sichtweise als interessantes wissenschaftliches Problem hin zu der einer Bedrohung. Diese Ansicht hielt sich noch eine Zeit lang mit einer weniger hysterischen Sicht die Waage, doch als es 1987 nach Auftauchen der ersten Computerviren in freier Wildbahn beinahe täglich Meldungen zu Viren in der Tagespresse, in Fernsehen und Radio gab, war das neue Bedrohungsphantasma manifest geworden und die Zeitschrift PM-Computer titelte: "Virenprogramme. Droht uns ein Computer-Aids?"3095

Die Quellen des Bösen

Der Ursprung der Immunschwäche AIDS wurde in den 1980er Jahren in Afrika ausgemacht. Die Feststellung der Herkunft von Computerviren erwies sich dagegen als nicht ganz so einfach. Ein erster Stolperstein auf dem Weg dahin war die Frage, wie viele Viren es überhaupt gibt. Der Antivirensoftwarehersteller Sophos gibt die Gesamtzahl der derzeit erkannten Viren zum Stichtag 5. März 2001 mit 61.069 an, die McAfee Virus Information Library3096 nennt zum gleichen Zeitpunkt "mehr als 57.000" und Yun-Sun Wee von Symantec "mehr als 45.000" bekannte Computerviren. Das Problem mit der Anzahl der Viren rührt weniger daher, dass niemand sie zählt, als dass zu viele verschiedene Institute, Firmen, Forscher und Sammler sie zählen und dabei aufgrund der Schwierigkeiten zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Virus Construction Sets liefern eine Vielzahl von Varianten bereits bekannter Virenkonstruktionen. Wie diese zählen? Sind stilistische Unterschiede belanglos oder machen sie einen neuen Virus aus? Verwirrung stiftet dabei besonders die unterschiedliche Benennung von Viren. Trotz mehrerer Standardisierungsversuche, unter anderem durch die Computer Anti-Virus Research Organization (CARO) und die WildList Organization, gibt es keine allgemein gültigen Regeln für die Namensgebung. Auf diese Weise erhielt ein und dasselbe Virus oft völlig verschiedene Namen (wie etwa das auch unter dem Namen "Piter" bekannt gewordene 529-Virus). Früher wurden Viren gerne nach ihrer Größe benannt (wie etwa das 1704-Format-Virus), nach der Software, die sie angriffen (etwa beim dBASE-Virus), oder nach einem String im Programm (z.B. beim Brain-Virus). Heute werden Viren häufig nach dem verwendeten Email-Anhang oder nach der Betreffszeile der E-Mail benannt (z.B. beim ILOVEYOU-Virus). Sehr häufig verdanken Viren aber ihren Namen dem Ort ihrer Entdeckung (wie beim Jerusalem-Virus). Die geographische Ortung ist jedoch nicht immer eindeutig und zuverlässig: Im Juli 1996 tauchte das erste Excel-Virus gleichzeitig in Afrika und in Alaska auf. Auch muss der Ort der Entdeckung keinesfalls der der Herstellung sein: Das Arusiek-Virus beispielsweise wurde in Polen programmiert, aber in Marokko gefunden.3097

Obwohl viele Viren nach Orten benannt sind, gibt es keinerlei auch nur annähernd aussagekräftiges Material zu den Herkunftsländern der Viren. Das liegt in der Natur der Sache: Ein Posting von John Elsbury in alt.comp.virus legt in ironischer Form die Gründe für die Unmöglichkeit solch einer Statistik dar: "Die Virus Publishers Association hat einen Standard für Länderkennungen definiert, die in der Seriennummer jedes autorisierten Virus enthalten sein müssen. Für gewöhnlich wird diese zusammen mit dem Barcode auf das Virus gestempelt."3098 Was natürlich genau nicht der Fall ist. Die Programmierer der Viren geben ihre Identität im Allgemeinen nicht bekannt und die weitaus meisten Viren werden anonym verbreitet. Trotzdem existieren - etwa unter den Herstellern von Antivirensoftware - recht konkrete Vorstellungen über die Herkunft von Viren.

Yun-Sun Wee vom Antivirensoftwarehersteller Symantec beispielsweise nennt Osteuropa und Asien als Brutstätte von Viren. Zahlen hierzu kann sie auch auf Nachfrage nicht nennen.3099 Auch Torlav Dirro von Network Associates meint, dass "China, Taiwan und die Philippinen" derzeit die Hauptentstehungsgebiete von Viren seien, kann dies aber ebenso wenig mit statistischem Material belegen.

Dirro erklärt seine Sicht eines geographischen Herkunftsschwerpunktes mit strukturellen Faktoren wie der Verbindung von weit reichendem Zugang zu Computern und einer schlechten Situation auf den Arbeitsmarkt. Eine Erklärung, die möglicherweise für China und die Philippinen, kaum jedoch für Taiwan gelten kann, dessen Arbeitslosenquote jahrzehntelang unter 2% lag und die auch nach der Asienkrise 1998 nur auf 2,7 % anstieg. Nicht uneigennützig, aber auch nicht von der Hand zu weisen ist dagegen sein Argument, dass in Ostasien der Einsatz von Antivirensoftware weit weniger verbreitet sei als in Europa oder Nordamerika. Aber will man der Volksrepublik China tatsächlich den Einsatz von Antivirensoftware einer Firma empfehlen, deren CEO und Präsident, George Samenuk, sich auf einer PR-Veranstaltung Anfang 2001 in München damit brüstete, dass ein Großteil der Entwickler über Projekte von der amerikanischen Regierung bezahlt werde und er "sehr eng" mit staatlichen Stellen wie der NSA zusammenarbeite?

Der Mythos Bulgarien

Es gibt also keine verlässlichen Zahlen, wohl aber verlässliche Vorstellungen über Virenbrutstätten. Diese Vorstellungen der Herkunft von Viren sind eng mit zwei Faktoren verknüpft: mit kulturellen Phantasmen und mit politischen Gegensätzen.

"Es ist jetzt allgemein bekannt, dass Bulgarien die Produktion von Computerviren anführt, und dass die SU dicht folgt" schrieb Veselin Boncev 1991 in seinem berühmten Aufsatz The Bulgarian and Soviet Virus Factories3100 und Winn Schwartau meinte in Information Warfare: "Viren werden im allgemeinen einem unaufspürbaren und mythisch brillianten Virenschreiber zugeschrieben oder einfach nur 'den Bulgaren.'"3101 Wenige aber sehr erfolgreiche Viren prägten das Bild von der bulgarischen Virenwerkstatt im westlichen Ausland. John McAffee zufolge stammten Anfang der 1990er zehn Prozent aller Infektionen in den USA von bulgarischen Viren, der weitaus größte Anteil davon vom Dark Avenger-Virus.3102

Ende der 1980er Jahre stellte der bulgarische Virenforscher Veselin Boncev unter den Viren in seiner Heimat eine Dominanz originell programmierter Exemplare gegenüber Viren von der Stange fest. Seine Berichterstattung darüber spornte die Entwickler neuer Viren an: Einen Monat, nachdem Boncev in einer bulgarischen Computerzeitschrift die Infektion von größeren exe-Dateien als "sehr schwierig" bezeichnet hatte, erschien dort ein Virus mit genau dieser Eigenschaft.3103 Im November 1989 tauchte schließlich ein neues Virus in Bulgarien auf, das seinem Schöpfer einen Namen geben und ihm zu weltweiter Berühmtheit verhelfen sollte: Dark Avenger. Das Ungewöhnliche und Neue an diesem Virus war, dass es Dateien bei deren Öffnung infizierte. Auf diese Weise verbreitete sich das Virus sehr schnell.

Das Virus enthielt einen String, der am Anfang: "Eddie lives...somewhere in time" und am Ende "This Program was written in the City of Sofia (C) 1988-89 Dark Avenger" enthielt. Ein für Virenprogrammierer ungewöhnlich offener Akt des Lokalpatriotismus verband sich mit einer bekennenden Leidenschaft für Populärkultur. In einem Interview gab der Dark Avenger einen Hinweis auf die Herkunft des Namens: "Der Ausdruck selbst kommt von einem alten Lied [...] und nicht von einem Iron-Maiden-Song, wie manche behaupteten. In vieler Hinsicht, denke ich, könnte man sagen, dass es den Dark Avenger schuf."3104

Dark Avenger heißt ein Stück vom 1982 erschienenen Heavy-Metal-Klassiker Battle Hymns von Manowar. Andere Viren des Dark Avenger wie das Number of the Beast-Virus und das Anthrax-Virus sind ebenfalls als Metal-Zitate interpretierbar. Die Nennung des Iron-Maiden- LP-Titels Somewhere In Time in Verbindung mit dem Iron-Maiden-Monster Eddie im String deutet weiter auf einen Einfluss dieses populärkulturellen Bereichs hin, so dass der Dark Avenger auch in westlichen Viren-Zines wie 40Hex als "Metal-Head" und "Heavy-Metal-Fanatiker" erkannt wurde.3105

Andere bulgarische Virenerzeuger orientierten sich ebenfalls mehr an internationaler Populärkultur als an östlichen Eigenheiten: W.T. nannte seinen berühmtesten Virus nach einer Figur aus der Star-Wars-Reihe "Darth Vader" und in der bulgarischen Virus-eXchange-Mailbox bewegten sich Besucher mit Pseudonymen wie "Ozzy Ozburn" [sic]. Die Verbindungen zwischen Musik- und Computersubkulturen waren in den 1980er und frühen 1990er Jahren nicht nur in Bulgarien sehr eng, wie an zahlreichen Pseudonymen und Botschaften in kopierten Programmen deutlich wurde. Trotzdem erwarb sich nicht die Subkultur Heavy Metal einen Ruf als Brutstätte von Viren, sondern das Land Bulgarien. Das hat zum einen damit zu tun, dass (wie später noch zu sehen sein wird) sich die Nation-Form auch für die Übertragung weltpolitischer Ängste gut eignet (schließlich war Bulgarien einmal Teil des Ostblocks), zum anderen aber damit, dass die Subkultur-Form und die Nation-Form sich nicht konkurrierend, sondern ergänzend gegenüberstehen. Aus einem verstärkten kulturellen Austausch zwischen Nationen entstehen Formen der Populärkultur, die scheinbar unabhängig von Nationalkulturen und -staaten sind. Dennoch sind solche Identitätsgeber in der Wahrnehmung von außen mit einer Nation-Form verbunden. Wie die Vorstellung von der Slacker-Generation mit Amerika oder die des Otaku mit Japan konnotiert ist, so war es die einer Virenprogrammierer-Subkultur in den 1990er Jahren mit Bulgarien.

Veselin Boncev stellte die Entwicklung von Viren in Bulgarien hin zu einem Sport dar, der auch zum Statuserwerb tauglich war. An strukturellen Begünstigungen für diese Entwicklung nannte er die große Zahl gut ausgebildeter junger Menschen, die nicht in ökonomische Aktivitäten eingebunden waren. Noch zu Zeiten Živkovs wurde in Bulgarien auf die Ausbildung an und mit Computern ein planwirtschaftlicher Schwerpunkt gelegt. Das 8-Millionen-Land sollte zum Silicon Valley des Warschauer Pakts werden. Doch war Bulgarien deshalb noch lange kein Computerschlaraffenland, die Durchdringung mit Computern nicht mit Nordamerika oder Westeuropa vergleichbar. Ein Unterschied zu westlichen Ländern, der die Verbreitung von Viren begünstigte, war, dass es wirkliche "personal" Computer, mit denen nur eine Person arbeitete, kaum gab. Obwohl meist die Verbreitung über getauschte und geteilte Software als Hauptverbreitungsursache für Viren genannt wird, war es vor allem der Einsatz von Rechnern, an denen mehrere Personen arbeiten, der die Verbreitung von Viren Anfang und Mitte der 1990er Jahre begünstigte - ein Faktor, der auch für andere Ostblockstaaten und für viele Schwellenländer galt. In der ehemaligen Sowjetunion waren die strukturellen Voraussetzungen nicht so günstig wie in Bulgarien: Es gab weniger Computer pro Kopf und die Ausbildung an Computern war weniger verbreitet. Auch lebten die Programmierer weiter voneinander entfernt. Die Entstehung einer Virenprogrammierer-Subkultur setzte hier etwas später ein, hinderte aber nicht die Entwicklung einer Reputation als Virenschmiede.3106 Bekanntere sowjetische bzw. russische Viren sind zum Beispiel das Beer- das Leningrad- und das Sverdlov-Virus. Neben Bulgarien und Russland hat vor allem Asien den Ruf als Brutstätte von Viren. Hervorgerufen wurde diese Vorstellung unter anderem durch einige spektakuläre Viren, die ein großes Medienecho erregten, wie etwa das Tschernobyl- oder CIH-Virus aus Taiwan, das sich durch Spiele-Demo-CDs von Zeitschriften weit verbreitete, oder das ILOVEYOU-Virus aus Pandacan, einer Vorstadt von Manila.

Von Viren und Vampiren

Berühmte Viren führten zur Entstehung und Verfestigung von Vorstellungen über Viren-Brutstätten. Aber berühmte Viren gab es auch aus anderen Ländern, von denen keine entsprechenden Vorstellungen existieren: Das Melissa-Virus wurde von einem Amerikaner programmiert, das Tequila-Virus von einem Schweizer Teenager und das Stoned-Virus von einem Studenten der University of Wellington in Neuseeland. Die Vorstellung über die Entstehung von Viren sucht sich trotz fehlender Zahlen und weltweiter Virenproduktion bestimmte Entstehungsschwerpunkte. Das Virus-Symbol der Anti-Viren-Software von Dr. Solomon vereinigt alle diese populären Vorstellungen der Herkunft von Viren in sich: ein Insekt mit rotem Körper, Leonid-Breschnjew-Augenbrauen, "Schlitzaugen" und Vampirzähnen. Die Nase erinnert zudem an ein chinesisches Schriftzeichen.

Bedrohungen kommen in der öffentlichen Wahrnehmung gerne aus der Fremde, durch ein imaginiertes "Anderes." Der Balkan (der in solchen Vorstellung im angloamerikanischen Raum durchaus bis nach Ingolstadt reicht) diente seit dem 19. Jahrhundert als solch ein Ort, in dem sich das Unheimliche und die Bedrohung gut ansiedeln ließen. Bram Stokers Dracula etwa kommt aus Transsilvanien3107 und in F. W. Murnaus Film Nosferatu bringen Ratten die Pest aus dem bulgarischen Varna, aus dem sich der Vampir ausschifft, nach Wismar. Die Wirksamkeit dieser Symbole trug mit zur Entwicklung von Vorstellungen über die Herkunft von Viren bei. Ein Virus aus der Dracula-Stadt Varna, wie MG, DIR oder Shake, wirkt gleich weitaus bedrohlicher als eines aus Kalifornien.

Auch außerhalb Bulgariens griff man bei der Produktion von Viren gerne auf dieses Symbolgut zurück: Das erste Virus für Windows 95, Boza, wurde 1996 von einem Mitglied der australischen Virenprogrammierergruppe VLAD (wie Vlad Dracul) entwickelt. Andere Viren tragen Namen wie WereWolf (in Frankreich entdeckt) oder Frankenstein (unbekannter Herkunft). Asien ist ebenfalls seit langem ein Symbol für Bedrohungsphantasmen, vom Mongolensturm bis zum Entstehungsherd neuer Krankheiten: Die Pest kam im Mittelalter aus Zentralasien nach Europa,3108 und für die Grippeschutzimpfungen wird jeweils das Serum der im letzten Jahr in Asien verbreiteten Grippe benutzt. Auch die Maul- und Klauenseuche soll durch die Verfütterung von Speiseresten aus chinesischen Restaurants wieder nach Europa gebracht worden sein. In den USA war die populäre Darstellung von Chinesen seit dem Chinese Exclusion Act 1882 über den Boxeraufstand bis hin zum Schlagwort von der "gelben Gefahr", überwiegend negativ, was sich unter anderem in Figuren der populären Kultur wie dem mit chinesischen Attributen ausgestatteten bösen Ming aus der Filmserie Flash Gordon oder in Dr. Fu Manchu niederschlug. Über diese eingeführten Bilder funktioniert die Unterstützung der Herkunftsvorstellungen von Viren ebenso gut: So ist zum Beispiel das Fu-Manchu-Virus nach dem amerikanischen Bild des schurkischen chinesischen Wissenschaftlers benannt.

Viren als Waffen der Cyberterroristen?

Allein das Fehlen verlässlicher statistischer Daten macht das Feld Computerviren zu einer Brutstätte für Gerüchte und Verschwörungstheorien. Berücksichtigt man zusätzlich noch die weltpolitische Entwicklung, vertieft sich der Spekulationssumpf weiter. "Experten warnen vor Hacker-Gefahr" war der Titel einer Meldung des San Francisco Examiner vom 7. Dezember 1999. Darin warnte Alan B. Carroll, ein Beamter der amerikanischen Bundespolizei FBI, vor Computerangriffen in der Größenordnung des Bombenanschlages auf das World Trade Center und orakelte, ob sich wohl Osama bin Laden bald am "Cyberterror" beteiligen werde.3109

Wie sieht nun solch "Cyberterror" genau aus? Im März 2001 tauchte ein pro-palästinensischer Virus namens VBS/Staple-A auf - ein einfacher Visual-Basic-Script-Wurm, der Microsoft Outlook zu seiner Fortpflanzung nutzte. Eine E-Mail mit dem Betreff "RE:Injustice" enthielt einen Anhang namens "injustice.txt.vbs." Die angehängte Datei sendete den Wurm an 50 Empfänger aus dem Adressbuch weiter. Außerdem schickte es an eine Liste von 23 E-Mail-Adressen vorwiegend israelischer Regierungsstellen eine Antwortmail mit höflicher Anrede und dem Inhalt, dass man "das" nicht von ihnen erwartet hätte. Schließlich ruft der Wurm mit dem Internet Explorer eine Reihe von URLs auf, die auf palästinensische Anliegen hinweisen. Zu guter Letzt entschuldigt er sich für die Störung und schildert den Fall des von israelischen Soldaten erschossenen zwölfjährigen Mohammad Al-Durra. Bei genauerer Analyse des Wurms findet sich in etwas fehlerhaftem Englisch eine Meldung, dass dies ein harmloses Virus ohne Schaden für das Betriebssystem sei und man sich keine Sorgen machen solle.3110

Was pompös "Cyberterrorismus" genannt wird, beschränkt sich im allgemeinen auf das Versenden von E-Mails oder auf das Verändern fremder Webseiten. Alles eine Frage der Definition: Unter Info War fällt zum Beispiel für das taiwanesische Verteidigungsministerium jede Handlung, "mit der entweder die eigenen Daten geschützt oder diejenigen des Feindes verändert werden." Eine sehr weit reichende Definition, durch die sich schon bei der Installation eines Virenscanners von Krieg sprechen lässt.3111

Dabei ist das dokumentierte amerikanische Interesse an der Kriegsführung mit Viren durchaus älter als das chinesische: General Carl Stiner, Kommandant der U.S. Special Forces, kündigte schon Anfang der 1990er Jahre an, mit Computerviren beim Feind Chaos im Kommunikationssystem und in der elektronischen Steuerung von Waffen schaffen zu wollen. Als er am 4. März 1992 von Senator William Cohen vom Senate Armed Services Committee gefragt wurde, ob er mit der Entwicklung von Programmen zu tun habe, die feindliche Computerspeicher löschen, antwortete Stiner: "Ohne mich in Gebiete zu begeben, die der Geheimhaltung unterliegen, würde ich sagen, dass dieser Bereich ein großes Potential aufweist [...]."3112 Ein gutes Jahr später nahm die amerikanische School of Information Warfare and Strategy ihre ersten 16 Studenten auf.3113

Da nach dem Ende der Sowjetunion außer China kein ernsthafter militärischer Gegner für das Pentagon in Sicht war, mussten zusätzlich David-Theorien zur Erhaltung der Budgets herhalten. Für Computerangriffe ist keine besondere industrielle und militärische Infrastruktur vonnöten. Sie wirken auch bei Schwellenländern glaubhaft. Solch eine "Computerattacke" ist eine tolle Sache für Journalisten, weil sich darüber schreiben lässt, ohne dass erstens tatsächlich etwas passiert und man zweitens wirklich an Informationen kommt. Die "Auskünfte" für solche Meldungen kommen meist von namenlosen Informanten aus dem Pentagon, aus Regierungs- und Geheimdienstkreisen oder von nicht näher genannten Sicherheitsfirmen.

Jeder Migrant ein potentieller Virenprogrammierer

Die Bedrohung wird im fremden, unerforschten virtuellen Raum erwartet, deshalb reichen zu ihrer Erzeugung Gerüchte aus, ganz so, wie sie vom 16. bis in das 20. Jahrhundert hinein die Entdeckung und Eroberung außereuropäischer Gebiete begleiteten. Reiseberichte zeichneten ein Bild von den fremden Kulturen, das den Europäern eine Vielzahl von Gründen bereitstellte, über diese zu herrschen - Menschenopfer, Anthropophagie, exzessive Sexualität und rassische Minderwertigkeit. Die eingeführten Vorwürfe wurden im Laufe der Zeit immer weiter ausgebaut. Man versuchte seine Vorgänger durch zahlreichere und durch drastischere Schilderung von Sensationen zu übertrumpfen.3114 Auf diese Weise erfolgte beispielsweise die ideelle Rechtfertigung der Conquista in den Briefen des Hernàn Cortés. "Diese Leute waren insbesondere widerspenstig und von mir durch Kriegsgewalt gefangen worden. Überdies waren sie Menschenfleischfresser. Dieweil dies allbekannt ist, ist es nicht vonnöten, dass ich Eurer Kaiserlichen Majestät Beweise überschicke",3115 schrieb der Eroberer Mexikos an Karl V. und legte damit das Schema fest, das auch für die Berichterstattung über den Cyber- und Computervirenkrieg gilt: Wenn genug Menschen daran glauben, sind keine Beweise nötig.

Die Folge solch einer Virenkriegs-Hysterie ist neben der Brandmarkung von Ländern und Erdteilen als Brutstätten von Viren auch ein wachsendes Misstrauen gegen Minderheiten. Programmierer, die ganz oder teilweise ausländischer Herkunft sind, werden als potentielle Cybersaboteure diffamiert.3116 Im August 1999 veröffentlichte die Zeitschrift Signal ein Interview mit Richard Clarke, dem "Nationalen Koordinator für Sicherheit, Infrastrukturschutz und Gegenterrorismus." Der Arbeiternehmer fremder Herkunft wird darin zum potentiellen Saboteur gestempelt: "Viele amerikanische Hard- und Softwarefirmen hängen in zunehmenden Ausmaß von Experten aus anderen Ländern ab. Die meisten dieser Leute bleiben in den USA und erwerben sogar die Staatsbürgerschaft, aber einige davon könnten dem Feind als Saboteure dienen, sei es durch Überzeugung, durch Erpressung, oder durch Bestechung."3117 Am 24. Oktober 1999 brachte die Los Angeles Times einen Artikel, in dem gewarnt wurde, dass vor allem indische Computerexperten, die US-Computer Y2K-tauglich machen sollen, gleichzeitig bösartige und militärisch nutzbare Viren auf den Rechnern installieren könnten. In der Meldung wird zwar ein CIA-Mitarbeiter zitiert, der Indien und Israel als in der Cyber-Rüstung besonders aktive Länder bezeichnet, aber es wird kein einziger konkreter Anhaltspunkt für solche Vorfälle genannt.3118

Warum bildete sich gerade für Asien die Vorstellung einer Brutstätte für Viren heraus, nicht aber für Afrika oder Südamerika - Gegenden, aus denen durchaus Viren, wie etwa Freddy, Z-90, Blood oder StinkFoot kamen? Diese Gegenden wiesen im Gegensatz zu Osteuropa und zu Asien weder ein militärisches noch ein ökonomisches Bedrohungspotential auf. Die Vorstellung des Kontinents als Virenbrutstätte ist jedoch im Falle Asiens ebenso ökonomisch wie militärisch geprägt. Zu den wachsenden Spannungen zwischen den USA und China kam das Wirtschaftswunder der Tigerstaaten in den 1980er und frühen 1990er Jahren hinzu. In den 1980er Jahren waren Länder wie Taiwan und Südkorea zu Kapitalexporteuren geworden, während die USA Kapital importierte.3119 Vor der Asienkrise wurde ganz Ostasien in den Medien der USA überwiegend als ökonomische Gefahr dargestellt. Diese Situation fand auch nach der wirtschaftlichen Erholung der USA in den 1990er Jahren kulturellen und sozialen Niederschlag: Amerikaner asiatischer Abstammung wurden im Rahmen eines Pacific Rim Viewpoint als Erweiterung von asiatischen Nationen bzw. von asiatischem Kapital und damit als potentielle Bedrohung wahrgenommen.3120

Das Austragen von Weltpolitik auf dem Rücken von Einwanderern hat in den USA eine gewisse Tradition: Obwohl in den 30er Jahren viele Amerikaner japanischer Abstammung den japanischen Imperialismus scharf angegriffen hatten, wurden nach Beginn des Krieges mit Japan fast 112.000 Amerikaner japanischer Abstammung deportiert und in bewachten Lagern im mittleren Westen interniert.3121

Viren als Strafe für Urheberrechts-Vergehen

Neben der Bürokratie gibt es noch weitere potentielle Gewinner einer Virenkriegs-Hysterie. Als Nutznießer der Angst vor Viren sehen sich beispielsweise diverse Hersteller proprietärer Software. In mancher Äußerung zeigte sich schon nach dem ersten Auftauchen von Viren offene Genugtuung über die erwartete Einschränkung des Teilens von Software durch das Übertragungsrisiko. So schrieb Reuven Ben-Zvi in der israelischen Tageszeitung Maariv nach dem Auftauchen des Jerusalem-Virus: "Die Computergemeinschaft ist dankbar, dass der Prozess des unautorisierten Kopierens von Software, der in jüngster Zeit unglaubliche Ausmaße angenommen hat, gestoppt wurde. Genau wie AIDS, das das Safer-Sex-Phänomen hervorbrachte, ist das Computervirus dabei, ein Phänomen des ausschließlich anständigen Gebrauchs von Software hervorzubringen."3122

Eher fragwürdig ist deshalb die oft vorgebrachte Vermutung, dass ein Mangel an urheberrechtlicher Ethik die Produktion von Viren begünstigt habe: Weder hat - wie beispielsweise von Veselin Boncev behauptet3123 - die Umgehung eines Kopierschutzes etwas mit der Entwicklung von Viren zu tun (eher trifft dies für die Herstellung eines Kopierschutzes zu), noch lässt die Benutzung nicht-lizenzierter Software die Hoffnung auf eigene wirtschaftliche Erfolge durch Programmieren zwangsläufig schwinden und lenkt das kreative Potential auf die Produktion von Viren um.

So gab etwa der Dark Avenger in einem frühen Interview eine bemerkenswerte Obsession mit dem Urheberrechtsschutz preis und legte gleichzeitig dar, wie die Produktion von Viren und von proprietärer Software sich gegenseitig nutzen. "[...] Viren würden sich weitaus weniger gut verbreiten, wenn die 'unschuldigen' Benutzer keine Software stehlen würden, und wenn sie ein bisschen mehr an ihren Arbeitsplätzen arbeiten würden, statt Computerspiele zu spielen. Man weiß zum Beispiel, dass der Dark Avenger Virus durch Spiele von Europa in die USA transportiert wurde."3124

Gefährlicher als Viren: Abhängigkeiten

Eine dauernde und ernsthafte Bedrohung erwächst derzeit weniger durch einen vorgestellten geplanten Virenkrieg aus Asien oder Osteuropa, sondern aus realen Geschäfts- und Politikpraktiken, wie sie unter anderem von den Herstellern von Antivirensoftware eingesetzt werden. Die bekämpfbare Bedrohung sind nicht Viren, sondern Abhängigkeiten. Abhängigkeiten, wie sie durch Patente entstehen, die Methoden des Schutzes vor Viren monopolisieren. Patente, wie sie in der Medizin die Entwicklung und Produktion von Generika und von Alternativlösungen gegen Aids in Ländern wie Südafrika oder Brasilien bedrohen, und wie sie zunehmend auch im Softwarebereich auftauchen.

Finjan Software, Inc., ein kalifornischer Anbieter von Sicherheitssoftware gab am 1. Februar 2001 die Vergabe von Patent 6.167.520 durch das U.S. Patent and Trademark Office für seine Virenschutzlösung SurfinShield Corporate bekannt. Das Patent erstreckt sich auf die Überwachung des Herunterladens von Programmen und Inhalten aus dem Internet in Echtzeit, auf die Anwendung von Sicherheitsbestimmungen auf das heruntergeladene Programm und auf das Blockieren des Programms, falls gegen eine Sicherheitsbestimmung verstoßen wird. Aktive Web-Inhalte stellen aufgrund der Möglichkeit ungewollter Dateizugriffe ein potentielles Infektionsrisiko und somit eine Gefahr dar. Eine weitaus größere Gefahr aber ist ein Trivialpatent, das die Entwicklung von Lösungen für den Umgang mit dieser Gefahr verhindert.

Peter Mühlbauer lebt in München und promoviert in Nordamerikanischer Kulturgeschichte.

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