Kopierschutz um jeden Preis?

02.08.2001

Das Cactus Data Shield kodiert CDs - und kann HiFi-Anlagen demolieren

Langsam aber sicher mutiert er zu einer unendlichen Geschichte - der Kampf der Musikindustrie gegen Raubkopierer. Um CDs vor unerlaubter Vervielfältigung zu schützen, um zu verhindern, dass die Silberlinge gebrannt oder in MP3-Dateien umgewandelt werden, tüfteln Forscher seit Jahren an immer wieder neuen Schutzmechanismen.

Der neueste Vorstoß kommt vom Unternehmen Midbar Tech aus Tel Aviv. Das hat seine Cactus Data Shield genannte Schutztechnik verbessert, die schon im vergangenen Jahr vom Platten-Riesen BMG getestet und für mangelhaft befunden wurde. (Vgl. Kopierschutz-Country) Nun soll das Schild wirkungsvoller sein. Wie das Wissenschafts-Magazin New Scientist berichtet, sollen CDs mit dem Cactus Data Shield in Zukunft unkopierbar gemacht werden. Und das mit rabiatesten Mitteln. Wer Pech hat und eine CD hört, die von einem mit dem Kaktus-Schild gesicherten Silberling gebrannt wurde, dem kann es die Lautsprecher zerhauen, im schlimmsten Fall gleich das ganze HiFi-System.

Ähnlich wie die neue Schutztechnik (Vgl.Raubkopieren schwer gemacht) des kalifornischen Unternehmens Macrovision fügt das Kaktus-Schild der digital gespeicherten Musik auf der CD schwerwiegende Fehler zu, die das Brennen verhindern sollen. Und das funktioniert so: Auf der CD stapeln sich Musik-Daten und Kontroll-Informationen. Die Musik-Daten sind mit flags gekennzeichnet, so dass sie vom Player entschlüsselt und abgespielt werden können. Stopft man den kodierten Tonträger jedoch in einen Brenner, wirdŽs problematisch. Denn der Rechner greift zum Erfassen der CD auf die Kontroll-Informationen zu, die jedoch kodiert sind. Wird die CD nun gebrannt, sollen Teile der Musik mit den als Kontroll-Informationen gekennzeichneten falschen Daten ersetzt werden. Jene werden auf dem Rohling als Musik-Daten gespeichert. Spielt man die Kopie nun ab, erzeugen die Falsch-Daten Pliepen und Plonken, schräge Töne und kratzige Laute - und die überspielten Klänge mutieren zu Hörnerv-tötenden Geräusch-Massakern. Ähnliche Funktionsweisen schreiben Experten auch der SafeAudio-Technik von Macrovision zu. Mit dem Unterschied, dass der Macrovision-Code nur in PC-Brennern, nicht aber in CD-zu-CD-Kopiergeräten greift, während das Kaktus-Schild die Silberlinge in allen Geräten schützen soll: "Wir können alle Arten von Kopierereien stoppen, selbst auf herkömmlichen CD-Recordern", sagte Eyal Shavit von Midbar Tech dem New Scientist.

Doch Vorsicht mit dem Kaktus-Schild! Brennt man nämlich eine mit der neuartigen Technik gesicherten Scheibe und spielt die Kopie ab, kann das dann folgende Geräusch-Massaker nicht nur schwerwiegende Auswirkungen auf die Ohren, sondern auch auf die Anlage haben. Denn wie man bei Midbar Tech bestätigt, können die Störklänge das Schaltsystem des CD-Players beschädigen. Zudem geben Audio-Experten zu bedenken, dass die extrem hohen und verzerrten Geräusche auch die Lautsprecher ruinieren können. Doch Eyal Shavit bemüht sich um Entwarnung. Nach geheimen Testverkäufen kodierter CDs in der Tschechischen Republik und Slowenien - nett, wenn da was schief geht, jucktŽs ja keinen... - habe es keine Beschwerden über demolierte Boxen gegeben, wohl aber über CDs, die nicht richtig abgespielt wurden. Und wer jetzt leicht empört bemerkt, dass es nicht sonderlich edel ist, die Beschädigung der Heim-Technik kopierfreudiger Musikhörer wissend in Kauf zu nehmen, dem würde Eyal Shavit wohl folgendes entgegnen: "Wenn die Leute neue Angriffe machen, können wir neue Verteidigungslinien hinzufügen." So sprach der Mann zum News Scientist.

Das Musik-Business ist ein Kriegsgebiet, hier geht es um Attacke, Verteidigung, Angriff und Eroberung. Und wenn die Plattenmultis ihre Umsätze schwinden sehen, die Brenner eifrig rattern, werden halt schärfere Geschütze aufgefahren. Neu ist das nicht, jedoch fast schon verständlich - wenn da nicht der Konsument noch wäre. Der nämlich wird immer mehr eingeschränkt, beschnitten in seinen Rechten, denn die gekauften CDs auf dem Rechner Archivieren, die CD mit den Lieblingsrockern Zusammenstellen, der Klassik-Sampler für Mami - all das geht nicht mehr, wenn der Kaktus sticht, das Schild die Scheibe schützt. Doch wo führt das hin? Gibt es bald CDs mit Selbstschussanlagen? Viren, die aus geschützten Silikonscheiben in Brenner und Rechner hüpfen? Minen-Schilder? Die Käufer entscheiden!

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