Eine umstrittene Persönlichkeit der Computerszene

03.08.2001

Ein Interview mit Günter Freiherrn von Gravenreuth

Die Computerszene ohne den Rechtsanwalt Günter Freiherr von Gravenreuth wäre denkbar ärmer, denn durch seine juristischen Verfahren und Verfahrenswege ist er inzwischen eine markante und immer wieder brisante Persönlichkeit. Gäbe es ihn nicht, müsste man diesen Bewahrer von Recht, Gesetz und Marken noch erfinden. Durch seine Unterlassungserklärungen, Abmahnungen und Prozesse ist er einer der meist umstrittenen Persönlichkeiten der Computerszene geworden. Dadurch ist er immer wieder Anfeindungen bis hin zu Morddrohungen ausgesetzt. Dennoch stellt er sich den Diskussionen und wirkt in Onlineforen als eifriger und häufig amüsanter Diskussionspartner mit. Was steckt hinter dieser Fassade?

Auf der Homepage der Kanzlei Frhr. v. Gravenreuth & Syndikus heißt es: "Unser Tätigkeitsschwerpunkt liegt im gewerblichen Rechtsschutz (Patent-, Marken-, Computer- und Internetrecht) und in der zugehörigen Vertragsgestaltung nebst einigen angrenzenden Bereichen." Und so tritt er dann vehement für das Recht der Markeninhaber ein, was ihm in der Computerszene einen eher zweifelhaften und moralisch anrüchigen Ruf einbrachte.

Doch auch schon früher wurde er durch Unterlassungserklärungen berühmt und berüchtigt, als er diese an Eltern von Kindern verschickte, die offensichtlich Kopien von Computerspielen tauschen oder vertreiben wollten. Für viele Computerbesitzer steht er damit auf der falschen Seite. Er zeigt ihnen die Grenzen von Rechtsstaat und moralischer Entrüstung auf. Dabei handelt er als Vertreter der Computerindustrie und sorgt sich um die Absatzmärkte.

Für "den Gravenreuth" ist es kein Widerspruch, wenn er sich gegen Raubkopien wendet und gleichzeitig für das freie Vertriebsrecht von "DOOM" eintritt. Das Internet als Community ist für ihn kein rechtsfreier Raum. Hier wird inzwischen viel Geld verdient und deshalb ist es ihm wichtig, die Interessen seiner Mandanten zu schützen. In manchen Verfahrensbereichen kann man sicher darüber streiten, ob ein Link eine Information darstellt oder ob ein geldwerter Vorteil oder die Unterstützung im Bereich einer Markenverletzung vorliegt. Gravenreuth lässt es dabei durchaus vor Gericht klären. In einigen Fällen haben die Gerichte noch nicht endgültig entschieden, so dass es im Markenrechtsbereich immer noch keine Rechtssicherheit gibt.

Grund genug, Günter Freiherrn von Gravenreuth einmal ein paar eher persönliche Fragen zu stellen. Beim Lesen sollte man sich einen konzentrierten, aber dennoch verschmitzt grinsenden Interviewpartner vorstellen. "Der Gravenreuth" ist immer mit Spaß bei der Sache.

Warum verschicken immer mehr Anwälte im Auftrag ihrer Mandanten sofort eine kostenpflichtige Unterlassungserklärung, statt mit einer kurzen E-Mail oder einem Telefonat auf das Problem zu verweisen? Zählt in unserer Rechtspraxis das klärende Gespräch nicht mehr?

Günter Frhr. von Gravenreuth: Das Problem ist ein ganz anderes. Vor jeder Abmahnung oder einem Telefonat muss die Sache und Rechtslage geklärt werden. Das ist der Punkt, welcher Kosten verursacht. Anschließend das Telefonat oder die Abmahnung ist nur noch eine Formsache. Wenn Kosten anfallen, dann will man sie gerne auf den abwälzen, den man für einen "Übeltäter" hält. Man ist selbst davon überzeugt, dass der Andere etwas tut, was er so nicht tun sollte. Der andere dagegen ist oft von der Zulässigkeit seines Tuns überzeugt. Man hat also eine (im Umfang nicht vorhersehbare) Kollisionslage. Wenn man ohne Prüfung der Sach- und Rechtslage nur so "aus dem Bauch" heraus ein Email versendet, dann kann das zu einer sehr bösen, insbesondere auch teueren "Retourkutsche" (= negative Feststellungsklage) führen.

Welches Verständnis von geistigem Eigentum in den Netzen haben Sie eigentlich?

Günter Frhr. von Gravenreuth: Auch kein anderes als in der realen Welt.

Durch Ihre juristischen Verfahren im Computerbereich sind sie berühmt und gleichzeitig berüchtigt geworden. Ich kann mich erinnern, dass ein Computerspiel "KILL GRAVENREUTH" angefertigt wurde. Sie berichten sogar von einem Vorfall während einer öffentlichen Veranstaltung, bei der mit Dart-Pfeilen auf ein Bild von Ihnen geworfen wurde. Wird Ihnen da nicht Angst und Bange, wenn man vermeintlich um sein Leben fürchten muss?

Günter Frhr. von Gravenreuth: Nein! Das erste Game war ein reines Textadventure auf dem 64er. Auf einer Party habe darüber gelästert, dass jedes Cracker-Intro mehr Grafik hätte ... Ich bekam meine Grafik! Man hatte ein Bild von mir eingescannt (dass so was auf dem 64er ging, war mir neu). Das Bild wanderte dann auf dem Bildschirm und man durfte mit Dart-Pfeilen nach mir werfen. Jeder Treffer auf dem Foto wurde mit einem Blutfleck belohnt. Einige Jahre später hatte ich von einer Cracker-Party in Köln erfahren. Ich war zu einem Abendessen verabredet, sodass ich erst spät in die Kneipe kam. Alle Blicke waren zur Wand gerichtet, wo ein Bild von mir hing. Man durfte auch hier mit Dart-Pfeilen nach mir werfen. Das Interesse war so groß, dass man meine Anwesenheit zunächst nicht bemerkte. Erst als ich von hinten rief: "Ich will auch mitspielen" brach beim Veranstalter Panik aus und er warf mich hinaus (Für Insider: Senn als Spielverderber).

Dennoch besuchen Sie Veranstaltungen und sind immer ein kompetenter Gesprächspartner. Mir fällt auf, dass mir ein eher verschmitzter Typ gegenübersteht, der offensichtlich immer noch viel Spaß an seiner Arbeit hat. Geht der Mensch Gravenreuth wirklich so locker mit den Anfeindungen um oder möchte er schon ein bisschen mehr verstanden werden? Um es auf den Punkt zu bringen, träumen Sie manchmal von diesen Anfeindungen?

Günter Frhr. von Gravenreuth: Davon habe ich noch nicht geträumt :-)) Okay - es gibt Sicherungsmaßnahmen. Die hat man, man spricht aber nicht darüber. Ansonsten hatte ich z.B. in früheren Jahren auch nie Bedenken, auf eine Cracker-Party zu gehen.

Jeder Onlineleser ist verwundert, dass sich "der Gravenreuth" sogar aktiv an den Diskussionen in Online-Foren beteiligt. Nur wenige suchen dabei einen wirklichen Dialog mit Ihnen, sondern nutzen diese Gelegenheit, Ihnen noch einmal heftig zuzusetzen. In Foren muss man sicher ein dickes Fell entwickeln, aber viele Kommentare gehen über die Schmerzgrenze hinaus und sind ehrverletzend, doch bei Ihnen sieht man in Ihren Beiträgen manchmal nur ein lässiges ":- ))". Hat "der Freiherr" wirklich ein so dickes Fell? Woher nehmen Sie diese Ruhe und Gelassenheit und warum beteiligen Sie sich immer noch an diesen Diskussionen?

Günter Frhr. von Gravenreuth: Mir machen Streitgespräche Spaß. Im Netz muss man nur ein Reizwort posten und schon ist die "ganze Meute" an der Decke.

Wie kam der ehemalige Maschinenbauer und Dipl.-Ing. eigentlich zur Thematik Computer und Internet? Verträgt sich die ambivalente Rolle zwischen Nutzer und Bewahrer eigentlich?

Günter Frhr. von Gravenreuth: Langer Weg! Ich wollte ursprünglich ins Patentrecht (und war dort auch mehrere Jahre tätig). Noch während meines Jura-Studiums habe ich ca. 1977/1978 an einer "Cyber 175" mit Lochkarten meine ersten COBOL-Programme geschrieben. Dann waren einige Jahre "EDV-Pause", d.h. ich machte als junger angestellter Anwalt mein Patentrecht.

Von einem meiner damaligen Chefs bekam ich dann interessante Urheberrechtsfälle, nämlich ASTERIX-Plagiate zur Bearbeitung (ASTERIX IN BOMBENSTIMMUNG = Thema Nachrüstung; ASTERIX IM HÜTTENDORF = Thema Startbahn West: Ein "Börnerbus" wolle eine Pistum-West auf dem Gebiet des gallischen Dorfes errichten und setzte seine "Pöpelzisten" zu Räumung ein.) Die hatten aus mehreren Originalalben die Bilder entnommen und mit neuen Sprechblasen eine neue Geschichte geschrieben (auch Pornos gab es: ASPENIX DER PHALLIER). Wie bekommt man den Versandhandel von diesen Plagiaten in den Griff? Ganz einfach, man hat zufällig(!) eine Liste von vielen alternativen Buchhandlungen in Deutschland. Man kauft Postkarten gegen Kernkraft, Nachrüstung u.ä. Man setzt Werkstudenten darauf an, diese Läden mit diesen Postkarten anzuschreiben. Sinngemäß mit: "Hallo ich habe erfahren, Ihr habt den Atom-Asterix! Bitte sendet mir einen oder sagt mir wo ich ihn bekomme". Na ja - dann gab es keinen Versandhandel mit diesen Plagiaten mehr. Diese Arbeit machte mir sehr viel Spaß.

Die Kanzlei, in der ich damals angestellt war, bekam 1984 dann ein Großmandat im Bereich der Bekämpfung von Raubkopien bei Computerspielen. Da ich die ASTERIX-Sachen schon bearbeitet hatte, bekam ich diese Sache auch, welche mich dann bald voll auslasteten, womit ich (wieder) bei der EDV war (und bis heute geblieben bin).

Beschäftigt sich Günter Frhr. v. Gravenreuth auch in seiner Freizeit mit dem Computer?

Günter Frhr. von Gravenreuth: Nein.

Hat er gar ein Lieblingsspiel?

Günter Frhr. von Gravenreuth: Alte 64er-Games wie z.B. AVENGER oder BLUE MAX.

... oder führt er lieber seinen Hund aus?

Günter Frhr. von Gravenreuth: Habe (leider) keinen.

Vielen Dank für das Gespräch.

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