Der Roboter als Persönlichkeit

Gespräch mit Hans-Dieter Burkhard, Professor für Künstliche Intelligenz an der Humboldt-Universität Berlin

Hans-Dieter Burkhard war von Anfang beim RoboCup dabei. Bei der ersten Weltmeisterschaft 1997 in Japan gewann sein Team AT Humboldt (AT steht für "Agententeam") in der Simulationsliga und wurde im nächsten Jahr immerhin noch Vizeweltmeister. Seit 1999 tritt er zusätzlich mit den "Humboldt Heroes" in der Liga der vierbeinigen Roboter, der Sony Legged Robot League, an. Hier werden die Roboter von der Firma Sony zur Verfügung gestellt, die Teams müssen sich ausschließlich um die Programmierung kümmern. Für die WM 2001 haben sich die Humboldt Heroes erstmals mit anderen Universitäten zu einem Nationalteam vereinigt. Neben seiner Beteiligung an den Turnieren kümmert sich Burkhard im internationalen RoboCup-Komitee um die Weiterentwicklung der Regeln und des Projekts insgesamt.

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Herr Burkhard, Fußball scheint das Spiel zu sein, das weltweit die meisten Menschen in seinen Bann zieht. Haben Sie eine Erklärung für diese Faszination?

Hans-Dieter Burkhard: Das liegt wohl in der menschlichen Natur. Da geht es um Paarungskämpfe und Hordenkämpfe, die wahrscheinlich tief in unseren Genen verankert sind.

Die amerikanische Publizistin Barbara Ehrenreich hat ein Buch über die Lust am Krieg geschrieben ("Blutrituale Ursprung und Geschichte der Lust am Krieg", Verlag Antje Kunstmann). Diese Lust, die man vielleicht auf das ritualisierte Kriegsspiel Fußball übertragen kann, führt sie auf die archaische Erinnerung an den Sieg der Menschen über die Raubtiere durch koordinierte, kollektive Aktion zurück.

Hans-Dieter Burkhard: Sicher, gemeinsam erbrachte Leistungen können eine Quelle der Freude sein, etwa das Fällen eines Baums oder der Bau eines Hauses. Aber wenn man schon an den Krieg erinnern will, dann sicherlich auch an den Krieg gegen die feindliche Horde. Das lernen ja schon die Kinder. Ich erinnere mich, dass wir als Kinder darauf bedacht waren, der gefährlichen Goethe-Bande aus dem Weg zu gehen, weil die jeden verprügelten, der vorbei kam. Ob das wirklich so war, weiß ich gar nicht. Es wurde jedenfalls so erzählt.

Was bedeutet es, wenn wir jetzt auf dem Fußballfeld die Konfrontation mit Robotern suchen?

Hans-Dieter Burkhard: Ganz hochgestochen ist es das Problem des Homunkulus, wir wollen den künstlichen Menschen schaffen. Davon sind wir sicherlich noch weit entfernt, aber darin liegt die Faszination: Künstliche Wesen zu bauen, die Dinge tun können, zu denen sonst nur Menschen fähig sind. Man kann ja ansonsten nicht mal Hunden richtig Fußball spielen beibringen. Die würden zwar dem Ball hinterher jagen, aber wohl kaum im Team zusammen spielen.

Spielen Sie mit Ihren Kindern manchmal Fußball?

Hans-Dieter Burkhard: Wir kicken ab und zu ein bisschen im Garten.

Können Sie aus der Beobachtung, wie Kinder Fußball lernen, etwas für Ihre Arbeit an Robotern gewinnen?

Hans-Dieter Burkhard: So haben wir bisher weniger gearbeitet. Es ist aber in der Tat eine grundsätzliche Frage, ob wir auf Dauer alle Fußballtechniken direkt einprogrammieren können. Vielleicht müssen wir von Grund auf anfangen, also zunächst so etwas wie Ballgefühl entwickeln und darauf dann aufbauen. Der Unterschied zu einem Kind besteht natürlich darin, dass ich die Lernerfahrungen eines Roboters reproduzieren kann. Ich kann die Software auf eine CD brennen und dem nächsten Roboter eingeben, wobei dann noch ein paar Feinjustierungen nötig sein können, weil die Roboter etwa unterschiedlich große Räder haben. Aber die grundlegenden Fußballfertigkeiten müssen möglicherweise in einem Lernprozess, ähnlich wie bei einem Kind, entwickelt werden. Dazu forschen wir noch.

Im Unterschied zu Robotern arbeiten Menschen ja von vornherein mit mehreren verschiedenen Sensoren gleichzeitig.

Hans-Dieter Burkhard: Ja, natürlich, und vor allem mit Wissen, mit Erfahrung. Wenn wir die Augen öffnen und uns umschauen, nehmen wir das meiste gar nicht visuell wahr, sondern aufgrund unserer Erfahrung. Das alles in die Roboter hinein zu modellieren, ist ungeheuer schwierig. Von einem Gegenstand, der hinter einem Hindernis verschwindet, erwarten wir dass er auf der anderen Seite wieder auftaucht. Ich weiß nicht, ob das beim Menschen angeboren ist oder sehr schnell erlernt wird. Einem Roboter müssen wir es jedenfalls einprogrammieren oder ein Verfahren entwickeln, dass er es selbstständig lernen kann. Beides ist im Moment noch schwierig.

Ein Mensch spürt es im Fuß, ob er den Ball gut getroffen hat. Der Roboter erkennt es dagegen erst an der Bewegung des Balls.

Hans-Dieter Burkhard: Der Mensch fühlt es nicht nur, er hat auch eine ziemlich genaue Erwartung, wo der Ball zu einem bestimmten Zeitpunkt sein müsste. Dieses Problem beschäftigt uns gerade bei den Sony-Robotern. Die können den Ball zwar an verschiedenen Positionen sehen, können aber nicht antizipieren, wo er als nächstes sein wird. Aufgrund von Ungenauigkeiten in der Sensorik kommt es zudem zu vermeintlichen "Sprüngen" des Balls. Solche Sprünge mag es in der menschlichen Wahrnehmung auch geben, sie werden aber vom Gehirn problemlos verarbeitet.

Arbeiten Sie auch mit Gehirnforschern und Psychologen zusammen?

Hans-Dieter Burkhard: Nein, leider nicht. Es ist unglaublich spannend, was die machen. Aber der Tag hat nun mal nur 24 Stunden.

Für wie realistisch halten Sie das Fernziel des RoboCup, in 50 Jahren die Fußball-Weltmeisterschaft zu gewinnen?

Hans-Dieter Burkhard: Vom heutigen Stand aus gesehen, erscheint mir die Energieversorgung als das Hauptproblem. Wir können den Spielern ja nicht alle zwei Minuten am Spielfeldrand die Akkus erneuern. Die anderen Probleme, etwa bei der Mechanik, halte ich eher für lösbar. Die Roboter müssen ja nicht so schön spielen können wie Ronaldo oder andere Spitzenfußballer. Es könnte ausreichen, dass sie genau berechnen, wo der Ball herunterkommt, sich entsprechend positionieren und den Ball sehr präzise weiterkicken. Aber ich habe Zweifel, ob wir sie leicht genug bauen und mit genügend Energie versorgen können, sodass sie lange genug durchhalten. Bei den Sony-Robotern macht heute die Batterie einen großen Teil des Gewichts aus, bei den Robotern der Middle Size League ist es ähnlich.

Ist es nicht ungewöhnlich für ein wissenschaftlich-technisches Projekt, sich ein Ziel zu setzen, das erst zukünftige Generationen realisieren werden?

Hans-Dieter Burkhard: Das kommt darauf an, was Sie als Projekt definieren. Mit der Konstruktion von Flugzeugen hat sich zum Beispiel schon Leonardo da Vinci beschäftigt, Experimente mit Schachautomaten gibt es schon seit dem Mittelalter. Ungewöhnlich ist beim RoboCup allerdings die klare zeitliche Vorgabe. Die wollen wir jetzt übrigens klarer spezifizieren, indem wir Etappenziele formulieren. In der Middle Size League wird zum Beispiel schon seit mehreren Jahren darüber diskutiert, die Spielfeldbande wegzunehmen. Immer wieder gab es gute Gründe, es noch nicht zu tun. Um zu verhindern, dass das noch 20 Jahre so weitergeht, muss man einen klaren Zeitpunkt benennen, auf den die Teams sich vorbereiten können.

Wollen Sie diese Etappenziele für den gesamten 50-Jahres-Zeitraum formulieren?

Hans-Dieter Burkhard: Das müssen wir noch sehen. Im Moment beschäftige ich mich mit den FIFA-Regeln, um zu schauen, was davon wir schon berücksichtigen, was wir bewusst anders machen und was wir noch vollständig ausblenden. Außer in der Simulationsliga gibt es ja zum Beispiel noch kein Abseits. Damit im Zusammenhang stehen Fragen nach der Größe des Spielfeldes, der Zahl der Spieler und der Dauer der Spiele.

Raul Rojas von der FU Berlin würde gern mit den Robotern der Small Size League aufs Spielfeld der Middle Size League und dann mit elf Spielern pro Team antreten.

Hans-Dieter Burkhard: Das unterstütze ich voll. Im Moment ähneln die Spiele ja noch eher dem Billard und die Roboter können problemlos von einem Tor ins andere schießen. Wenn das durch mehr Teamspiel abgelöst würde, fände ich das sehr gut. Genau um solche Fragen geht es bei den Etappenzielen: Wann fangen wir an, mit elf Spielern auf den Platz zu gehen? Es kann natürlich ein Problem sein, dass sich nicht jede Universität elf Roboter leisten kann. Dann müssten mehrere Universitäten in der Lage sein, mit ihren unterschiedlichen Robotern ein Team zu bilden. Das wäre ein weiterer Schritt in Richtung menschlicher Fußball, bei dem ja auch verschiedene Individuen zusammen spielen können, ohne dass sie von vornherein aufeinander programmiert sind.

Damit könnten sich auch beim Roboterfußball individuelle Spielerpersönlichkeiten entwickeln, die beim menschlichen Fußball ja spielentscheidend sein können. Soll bei der WM in Seattle in der Simulationsliga nicht erstmals damit experimentiert werden?

Hans-Dieter Burkhard: Ja, es gibt Spieler mit unterschiedlichen Fähigkeiten, die aber von ein und demselben Team programmiert und aufeinander abgestimmt sind. Die nächste Herausforderung wäre, wenn beispielsweise Berlin den Torwart programmiert, München die Stürmer, Bremen die Verteidiger und trotzdem alle gut zusammenspielen. Das ist für die Simulationsliga schon schwierig und für die Ligen der realen Roboter natürlich noch komplizierter.

In der Sony Legged Robot League treten Sie jetzt erstmals mit einem deutschen Nationalteam an?

Hans-Dieter Burkhard: Hier ist es insofern einfacher, als alle die gleiche Roboterplattform benutzen. Beteiligt sind die Universitäten Darmstadt, Dortmund, Bremen, Freie Universität Berlin und wir. Die Entwickler haben sich jetzt gerade für vier Tage im Lügenmuseum in Gantikow bei Kyritz getroffen, das von einem früheren DDR-Künstler eingerichtet worden ist. Das war eine sehr inspirierende Umgebung, um die verschiedenen Entwicklungen zusammenzuführen. Einzelne Universitäts-Teams haben einfach nicht die Manpower, um das alles alleine zu leisten.

Wie stellen Sie sich das Zusammenleben von Menschen und Robotern in der Zukunft vor?

Hans-Dieter Burkhard: Das dürfte weit weniger spektakulär sein, als es in der Science Fiction zumeist dargestellt wird. Wir werden hineinwachsen, wie wir auch in den Straßenverkehr hineingewachsen sind. Im Haushalt haben wir uns ebenfalls an die verschiedensten technischen Geräte gewöhnt. Wenn dann der Staubsauger selbstständig herumfährt und später die Waschmaschine die Wäsche einsammelt, ist das jeweils ein weiterer Schritt. Roboter zur Unterstützung von alten Menschen werden so bald nicht in der Lage sein, etwa das Bett zu machen, sondern eher als Hilfe dienen, um sich in der Wohnung besser bewegen zu können.

Stellen sich da nicht irgendwann Fragen, wie wir sie von unserem Verhältnis zu anderen Lebewesen oder zu Menschen unterschiedlicher Hautfarbe kennen? Es gibt ja die Neigung, Roboter als moderne Dienstboten oder sogar Sklaven zu sehen. Aber ist Sklaverei auf einmal wieder akzeptabel, bloß weil es sich um Roboter handelt?

Hans-Dieter Burkhard: Es ist schwer vorauszusehen, wann sich diese Fragen stellen. Es kann durchaus noch Jahrhunderte dauern, kann aber auch viel schneller passieren. Wir könnten etwa geschicktes Reagieren auf die Umwelt und das Trainieren von Erfahrung programmieren und am Ende einen Fußballroboter haben, der nicht nur gut spielt, sondern auch in der Lage ist, hinterher über sein Spiel zu berichten. Der wäre dann immer noch sehr spezialisiert, könnte sich aber über seinen Bereich äußern wie ein mit Bewusstsein ausgestattetes Lebewesen. Aber hat er dann schon eine eigene Persönlichkeit, die zu respektieren ist? Freut er sich, wenn er ein Tor schießt oder ist er traurig, wenn er ein Spiel verliert? Das ist schwer zu beantworten und wird noch schwieriger, wenn ich unterschiedlich spezialisierte Roboter kombiniere. Es wird sicherlich nicht mit einem Schlag zu entscheiden sein, sondern wird sich allmählich entwickeln.

http://www.heise.de/tp/artikel/9/9249/1.html
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