US-Cops stellten Frauen nach

Brigitte Zarzer 10.08.2001

Die Infos fischten sie aus dem Polizeicomputer

Wozu man vertrauliche Daten aus einer Polizeidatenbank außer zur Verbrechensbekämpfung sonst noch nutzen kann, probierten zumindest 90 Beamte in Michigan während der letzten fünf Jahre aus: Man belästigte Frauen, versuchte Konkurrenten auszuschalten und schloss Wetten ab. Jetzt dokumentierte eine Detroiter Zeitung den weit verbreiteten Missbrauch des "Law Enforcement Information Networks" (LEIN).

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Amber Thomas' Vertrauen in die amerikanische Polizei ist erschüttert. Bis März 1999 war sie der festen Überzeugung, dass Sicherheitsorgane Garanten für Ruhe und Ordnung seien und die Bürger des Landes beschützen würden. Doch dann begegnete sie Louis Tejada. Der Polizist nahm im Haus ihres damaligen Freundes eine Anzeige auf, bei der sie anwesend war.

Kurz danach erhielt Amber ein Dutzend langstieliger Rosen. Auf der beifügten Karte stand zu lesen: "Ich möchte dich näher kennen lernen. L.T." Dann stand Tejada plötzlich vor ihrer Tür. Amber Thomas war überrascht und verwundert. Sie konnte sich kaum mehr an den Mann erinnern.

Schließlich gestand Tejada, dass er ihre Wohnadresse über eine Abfrage des "Law Enforcement Information Network" (LEIN), eine amerikanische Polizeidatenbank, herausgefunden hätte. "Alles was man dazu braucht, ist der Name einer Person. Für mich ist es sehr einfach jemanden zu finden. Ich brauche nur den Computer zu füttern", sagte er zu Thomas.

Tejada lud die Frau zu einem Trip nach New York ein. Verunsichert hielt Amber den Polizisten hin. Verärgert über den Datenmissbruch, ging Amber Thomas schließlich zur Polizei und beschwerte sich. Man versicherte ihr, dass der Polizist sie nicht mehr weiter behelligen würde. Einige Tage später jedoch tauchte sein Wagen vor dem Haus ihres Bruders auf. Er passte sie ab. "Da hatte ich meine erste Panikattacke", schildert die Frau den Vorfall. Der Polizist wurde inzwischen ein weiteres Mal abgemahnt.

Der hier gekürzt wiedergegebene Fall ist detailliert in der Detroit Free Press nachzulesen. Der Artikel bildete den Auftakt zu einer Serie über den Missbrauch der Polizeidatenbank LEIN. Dem Medium liegen Unterlagen über zumindest 90 Sicherheitskräfte aus Michigan vor, die in den vergangenen fünf Jahren das Law Enforcement Informationen Network missbraucht haben. Dunkelziffer ungewiss. "Missbrauch in der Polizei ist häufig, sagen manche, Strafen jedoch selten", heißt es im Untertitel eines Artikels.

Der "Detroit Free Press" zufolge funktionieren viele Polizisten LEIN quasi zur privaten Suchmaschine um. Mit den Daten stellten sie Frauen nach, versuchten Konkurrenten oder Rivalen auszutricksen und schlossen Wetten ab.

Attraktive Frauen auszuspionieren, scheint geradezu eine Lieblingsbeschäftigung der Michiganer Polizei zu sein. Dies bestätigte sogar ein hochrangiger Polizeifunktionär. Die Praxis läuft intern unter "Running a plate for a date". Free Press berichtet auch von häufigem Missbrauch bei persönlichen Streitigkeiten. Beispielsweise holte sich ein Polizist im Zuge eines Rechtsstreits um das Sorgerechts für sein Kind vertrauliche Daten über den neuen Partner seiner Ex-Frau. Vor Gericht kam er damit nicht durch. Die neue Beziehung zerbrach aber nach der penetranten Schnüffelei des Sicherheitsbeamten. Selbst ein hoher Polizeibeamte machte einmal die unangenehme Bekanntschaft mit dem Datenmissbrauch. Offensichtlich gab es Konkurrenten, die ihm einen Karriereschritt aus unterschiedlichen Motiven nicht gönnten. Er war Telefonterror und anderen Belästigungen ausgesetzt. Die Informationen konnte sich nur eine Person mit LEIN-Zugang beschafft haben, ist er überzeugt.

Das System wurde bereits 1967 eingerichtet, mit dem Zweck verbesserter Verbrechensbekämpfung. Die Sicherheitskräfte erhalten über LEIN auch Zugriff auf FBI-Daten. Auf höherer Ebene ist man keineswegs glücklich über diese Entwicklung, scheint aber auch den weit verbreiteten Amtsmissbrauch nicht in den Griff zu bekommen. Wie die Zeitschrift erläutert, sind die LEIN-Computer häufig unbeaufsichtigt. Außerdem wären keine individualisierten Passwörter für eine Abfrage notwendig. Der Nachweis des Amtsmissbrauchs gestaltet sich dementsprechend schwierig.

Werden dennoch Fälle von Datenmissbrauchs bekannt, würden vielerorts sehr geringe Strafen verhängt, beklagt "Detroit Free Press". Im Fall Amber Thomas wurde der ertappte Polizist gerade mal einen Tag ohne Bezahlung vom Dienst freigestellt.

http://www.heise.de/tp/artikel/9/9273/1.html
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS