Selbstporträt als Ikearegal

Frank Schneider 10.08.2001

Georg Paul Thomanns Inszenierung des Verschwindens und seiner Inszenierungen

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Eigentlich wollte er Priester werden. Der am 13. März 1945 in Bödele, Vorarlberg geborene österreichische "Multi-Funktions-Künstler" (Thomann über Thomann) Georg P. Thomann gilt heute als einer der letzten unsicheren Kantonisten der österreichischen Kunstszene.

"Informationsfluss", von G.P.Thomann

Sein Werk, das bereits in den frühen 60er Jahren einsetzt, ist durchzogen von Abbrüchen, spontanen Neupositionierungen und wohlkalkulierter Mythenbildung. Noch immer sind beispielsweise jene nicht verstummt, die meinen, kein anderer als Thomann könne Anfang der 90er Jahre den mysteriösen Einbruch in das Atelier von Arnulf Rainer begangen haben, um an Ort und Stelle dessen Bilder zu übermalen. Ein Verdacht, den Thomann mal durch Androhung von Verleumdungsklagen von sich weist, mal durch kryptische Bemerkungen schürt.

Wie dem auch sei, Thomann dürfte wohl eines der letzten sogenannten "enfant terribles der Kunstszene" sein, falls sich Leser und Leserin überhaupt noch an dieses verschollene nostalgische Prädikat aus den Zeiten eines Schwarzkogler oder Rainald Götz zu erinnern vermögen. Ein aggressives Fossil sozusagen, so begegnet uns Thomann auch in seiner Aktion "Selbstporträt als Ikearegal" vom 25. Juni 1997, die jüngst durch ein Buch der Wiener Kulturwissenschaftlerin Mariele Schrader ins Zentrum der aktuellen Diskussion um "Fake" geraten ist. (Mariele Schrader: Mysftifikation und Moderne. Vom Kunstsubjekt zur "Subjekt"-Kunst. Perner-Verlag. Wien 2001.)

Auf der documenta X hatte Thomann ein Ikearegal der Marke "Billie" - der nach eigenen Angaben meistverkaufte Artikel des schwedischen Möbelkonzerns - ausgestellt und mit dem Titel "Selbstporträt als Ikearegal" versehen. Auf einer in den Ausstellungsräumen selbst einberufenen Pressekonferenz bezichtigt Thomann sich öffentlich der Ideen- und Perspektivlosigkeit, außerdem weist er daraufhin, dass die Installation ein Plagiat des Werkes "Selfportrait as a Chinese Fastfood-Store" des New Yorker Geo-Realisten Morgan Werner ist. Dann folgen Selbstbezichtigungen: Amphetamin-Sucht, inzestuöses Verhältnis zur eigenen Schwester, ein pathetisch ausgereizter und äußerst überzeugend dargebotener Selbstekel; schließlich: ein Beichtzettel mit Kunst-Sünden: "Bin während eines Otto Mühl-Orgelkonzertes eingeschlafen" und "Habe über meinen Steuerberater 50 Microsoft-Aktien gekauft". Thomann suhlt sich genüsslich in der eigenen Demontage und dann ganz real als krönender Abschluss im eigens Erbrochenen.

Das Publikum wird dabei frontal angegangen; Thomann fällt den ZuschauerInnen um den Hals, wird aggressiv, packt einen am Kragen, brüllt ihm ein "Bourgeoises Schwein!" ins Gesicht. Bevor es entlassen wird, muss freilich der Inszenierungscharakter der Aktion noch offengelegt werden. Sich verneigend und für die Aufmerksamkeit bedankend erklärt Thomann, es habe sich nur um einen sogenannten "Fake" gehandelt, die Slibowitzflasche aus der er sich während der Darbietung systematisch betrunken habe, habe nur Wasser enthalten und das Erbrechen sei trainiert gewesen. Thomann wäre indes nicht Thomann, würde er dem nicht ein 15minütiges gelehrtes Referat über das künstlerische Prinzip des "Fakes", der sogenannten "Kunst-Fälschung", aus der Tasche seines Sakkos befördern und in professoralem Duktus zum Vortrag bringen; Tradition, Geschichte, Theorie; ein höchst-informativer Vortrag.

Soweit, so durchsichtig; ein sogenannter »intelligenter Kunstulk« mag man/frau/sonstige sich nun denken.
Genau an diesem Punkt, an dem Thomanns Aktion nun irgendwo zwischen launiger Kritik an den Mechanismen des Kunstbetriebs und dadaistischem Jux verortbar scheint, also: erfassbar wird, inszeniert Thomann - und dies ist typisch für den von ihm verfolgten gleichsam "rhizomatischen" Ansatz - einen neuerlichen Bruch.

Noch hatte die documenta-Leitung mitgespielt; Fotos von Werk und Pressekonferenz finden sich im documenta-Katalog, eines sogar wie er sich im eigenen Kotter wälzt. Plötzlich aber erhält documenta-Chef Manfred Schneckenburger ein Schreiben von Thomanns Anwalt. Dieser verklagt ihn im Auftrag des Künstlers. Die Begründung? Schneckenburger habe in verantwortungsloser Weise das Werk seines Mandanten, "Selbstporträt als Ikearegal", ausgestellt, obwohl dies offensichtlich jeglicher künstlerischen Qualitäten ermangele und zudem ein Plagiat sei. Damit habe Schneckenburger seine kuratorische Sorgfaltspflicht in "himmelschreiender Weise" vernachlässigt und ihm, Thomann, mehr geschadet als genutzt, da er offensichtlich zum Zeitpunkt der Werkerstellung nicht voll zurechnungsfähig gewesen sei; was Schneckenburger auch hätte merken müssen, "er kenne Thomann ja lange genug". Das Ikearegal habe Thomann einfach bei sich zuhause aus dem Keller geholt, wo es zur "Lagerung von Kartoffeln und Skischuhen" verwendet worden wäre, da dieser bis zum Zeitpunkt der Einreichung der Exponate psychisch nicht in der Lage gewesen sei, ein "richtiges Werkstück" zu verfertigen. Es wäre Schneckenburgers Pflicht und Verantwortung als künstlerischer Leiter der documenta gewesen, das "Selbstporträt als Ikearegal" zurückzuweisen.

Natürlich wird die Klage zurückgewiesen, schon weil sich Thomanns Anwalt mit dem sprechenden Namen Peter La Fontaine (eine Anspielung auf Duchamps berühmtes Readymade) als nicht-existent herausstellt. Das Schreiben selbst findet sich aber sowohl in zahlreichen Kunstzeitschreiften als auch einigen wichtigen Undergroundheften wie der "Bierfront" abgedruckt.

Wir sehen hier eine Ratlosigkeit am Werk, die als Gestus und Pathos gegen sich selbst und ihr Organ - den Typus des Künstlers oder der Künstlerin auf dem spätkapitalistischen Kunstmarkt - aufbegehrt. Jenes "Verschwinden" des Kunstsubjektes, als das sich Thomann seit den späten 60er Jahren stets aufs Neue inszeniert hat, der irritable "Modus" seiner Abwesenheit im eigenen Werk, ist jedoch mehr als nur ein Versuch, die Kategorien zum flackern zu bringen. Auch die Selbstabschaffung, in der die klassische Autorengestalt, gegen die zur Zeit ja bekanntlich allseits prozessiert wird, im Modus eines "sterbenden Schwanes" "erscheint", gerade erst durch ihren Auflösungsakt also das Apothetische von Kunst restituiert, wird hier befragt. In diesem Sinne ist die Inszenierung der Autodekomposition immer schon Inszenierung der Inszenierung. Aus dem Teufelskreis, dass Anti-Kunst automatisch dem Kunstbegriff anheimfällt, dem sie zu entkommen suchte, indem sie ihn erweiterte, gibt es keinen Absprung, kein Entkommen. Hingabe ist gefragt.

Georg Paul Thomann, Biografie/Archiv

http://www.heise.de/tp/artikel/9/9283/1.html
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