Gute alte Tante Verschwörung
"Gedenken" an den zum Märtyrer stilisierten Ex-"Reichsminister"
Am 17. August 1987 brachte sich Rudolf Heß Hitlerstellvertreter in Nazideutschland im Gefängnis von Berlin-Spandau um. Der damals über 90-Jährige ist eine Symbolfigur der rechten Szene, sie spricht offen von "Mord" am letzten Gefangenen der Alliierten. Nazis feiern seitdem nicht mehr nur regelmäßig am 20. April Hitlers Geburtstag, sondern organisieren rund um den 17. August Gedenkmärsche oder Flugblattaktionen zu Ehren von Heß und nutzen hierfür auch das Internet.
Hintergründe zum "letzten hochrangigen Repräsentant des '3. Reiches'" und dessen Tod will die "unpolitische" Sonderseite "zu Zwecken der staatsbürgerlichen Aufklärung, der Abwehr verfassungsfeindlicher Bestrebungen, der wissenschaftlichen und historischen Forschung" liefern. Laut eigener Aussage beteiligt man sich nicht an "neo-nazistischen Aktivitäten", trotzdem die Site gewissermaßen das offizielle Weborgan der sich in rechtextremen Dunstkreisen bewegenden "Rudolf Hess Gesellschaft e.V." ist. Der Verein ist die Nachfolgeorganisation der 1967 u.a. von Wolf-Rüdiger Heß Sohn des 1946 von den Alliierten zu lebenslanger Haft Verurteilten gegründeten "Hilfsgemeinschaft Freiheit für Rudolf Heß".
Das Glorifizieren des früheren Hitler-Vertrauten hat in Deutschland eine lange Tradition bei Rechtsextremen. Es gab zu Heß' Ehren Nazi-Aufmärsche, zu denen bundesweit mobilisiert wurde. Im letzten Jahr erregten kleinere Demonstrationen und Feiern sowie Plakat- und Flugblattaktionen Aufsehen. Dieses Jahr sollte es wieder eine große "Gedenkkundgebung" nebst "Trauermarsch" geben. Angemeldet wurde beides für den 18. August im bayerischen Wunsiedel vom Hamburger Rechtsanwalt Jürgen Rieger, vorbestraft wegen Verwendung verfassungsfeindlicher Symbole sowie Körperverletzung. Auch wegen Volksverhetzung stand Rieger schon vor Gericht.
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"Erwünscht und zugelassen sind ausschließlich schwarze Trauerfahnen!" hatte es aus dem Umfeld der Anmelder via Internet geheißen. Erinnert wurde ans "Alkoholverbot" und die "Disziplin" der Teilnehmer. Da Heß in Wunsiedel die letzte Ruhe gefunden hat, war der Ort mehrfach Versammlungsziel von Rechtsextremisten. Ingo Hasselbach, Aussteiger aus der militanten Naziszene, beschreibt in seinem Buch "Die Abrechnung" Wunsiedel als unfreiwilliges "Mekka für Nazis aus aller Welt". 1990 kam es laut Hasselbach zum bis dahin in Deutschland "größten Naziaufmarsch nach dem Kriege". Am 8. August hat der Landkreis Wunsiedel die diesjährige Versammlung wie auch jede Form von Ersatzveranstaltungen verboten.
Die extreme Rechte unterhält auch im World Wide Web Sites zu Ehren des "Märtyrer des Friedens", wie die "Thüringer Aktionsgruppe für Rudolf Hess" schreibt. Auch das "Aktionsbüro Norddeutschland" aus dem Umfeld der "Freien Kameradschaften" um Christian Worch hat eine Sonderseite Rudolf Heß 2001 ins virtuelle Leben gerufen. Das Motiv für den "Mord" an Heß, so erfährt der Surfer, ist denkbar einfach: "Seine Entlassung stand kurz bevor!" Da der Mann, dem Hitler anno dazumal "Mein Kampf" diktierte, "zuviel wusste", habe der britische Geheimdienst ihn gekillt. Das Aktionsbüro rät, auch ohne öffentlichkeitswirksame Aufmärsche rund um den 14. Todestag mit "Plakaten, Aufklebern und Flugblättern" für "allgemeine Medienpräsenz" zu "sorgen". Das "provokative Anmelden von Rudolf-Heß-Gedenkmärschen kann bereits für Schlagzeilen sorgen, wie es letztes Jahr beispielsweise im Raum Rostock der Fall war", heißt es weiter. Otto Normalbürgern soll über die so erlangte Öffentlichkeit vermittelt werden, Heß sei ein ehrbarer Nationalsozialist gewesen.
Auch Kader der Naziszene in Nordrhein-Westfalen (NRW) sind präsent. "Das Gedenken an Rudolf Heß gehört in die Öffentlichkeit getragen. Daher sind auch in diesem Jahr regionale Aktionen unverzichtbar. Es wäre doch gelacht, wenn man mit gesundem Aktionismus nicht für ordentlich Wirbel sorgen könnte. ;-)", heißt es. NRW-weit sollen in den "Rudolf Heß Aktionswochen" vom 11. bis 26. August Aktionen stattfinden. Sollte die Polizei Aufmärsche verhindern, könnten diese ähnlich wie schon seit Mitte der 90er Jahren gemeinsam mit niederländischen Neonazis in den Niederlanden oder auch Luxemburg stattfinden.
Warum aber müht sich die Naziszene, den verstorbenen Ex-"Reichsminister" zu mystifizieren, den nach guter alter Sitte der Verschwörungstheorie dunkle Mächte töten mussten? Zum Einen wegen der Abschlussworte beim Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozess der Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg. Wegen seiner Aussage, er bereue nichts, gilt Heß als glühender Verfechter der nationalsozialistischen Idee bis zuletzt. Und sein Versuch, mit einer Messerschmitt 110 während des Kriegs nach England zu fliegen, übertrumpft das noch. Da der Hitler-Vertraute 1941 nämlich unter Einsatz seines Lebens diplomatische Beziehungen zu England aufzunehmen versuchte, stilisiert ihn die Naziszene zum "Friedensflieger".
"Das Schicksal von Rudolf Heß ist das Schicksal unseres Volkes!" glaubt die Rechte. Die Aufklärung des "Mordes" an ihm "würde die Nachkriegsordnung und die der BRD ins Wanken bringen, die Geschichte müsste neu bewertet und geschrieben werden. Der gewaltsame Tod von Rudolf Heß entriss unserem Volk den wichtigsten Zeitzeugen bezüglich der Schuldfrage des Zweiten Weltkrieges." (Aktionsbüro Norddeutschland) Auf dem bundesweit zum verteilen vorgesehenen Flugblatt der diesjährigen, von den "Jungen Nationaldemokraten Nordmark" initiierten Kampagne heißt es zur Mission des Mannes, der schon am 9. November 1923 am "Hitlerputsch" teilnahm:
"Der Reichskanzler (Adolf Hitler, mk) beschloss daher, seinen Stellvertreter Rudolf Heß als Abgesandten und Friedensboten zu schicken!" Und das genau zu jener Zeit, als Winston Churchill den "unnötigen weißen Bruderkrieg" nicht stoppen wollte, als es galt, "gemeinsam den Weltbolschewismus niederzuringen". Statt den "Parlamentär" mit offenen Armen zu empfangen und dann gemeinsam mit Nazideutschland den Kommunismus auszurotten, inhaftierte der "Kriegstreiber Churchill" Rudolf Heß. So konnte dieser dem englischen Premierminister einen "weit reichenden Lösungsvorschlag", "der bei einem Friedensschluss (zwischen Deutschland und England; mk) das Überleben der vielen hunderttausend Juden in deutscher Obhut gesichert hätte", nicht unterbreiten... Die Schuld an Krieg und Judenmord könnte man jener Logik folgend getrost Churchill in die Schuhe schieben. Dass "der Reichskanzler" indes weder von dem "Friedensflug" wusste, noch später sehr erbaut davon war, werden die Flugblattschreiber gerne als "offizielle Geschichtsschreibung" und somit Lüge vom Tisch wischen.
Über Telepolis heißt es übrigens bei den Links der oben erwähnten, "unpolitischen" Sonderseite: "Hervorragendes Nachrichtenmagazin vom Heinz Heise Verlag (...).Wie schon aus den Magazinen gewohnt, glänzt diese Seite mit einer Fülle an Informationen, Nachrichten und fachlich-kompetenten Beiträgen. (...) Fazit: Hier wird Klartext gesprochen nicht der Microsoft-konforme Schrott, den man von anderen Magazinen kennt." Vielleicht denken die Autoren ja auch über diesen Artikel einmal nach...
http://www.heise.de/tp/artikel/9/9291/1.html- Re: klitzekleiner Schönheitsfehler (15.8.2001 11:38)
- Re: Meinungsfreiheit heute ... (15.8.2001 11:32)
- Re: klitzekleiner Schönheitsfehler (15.8.2001 11:13)
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