Moderne durch die Hintertür
Ende des Jahres ist die Verfilmung von Tolkiens "Der Herr der Ringe" zu sehen, Anlass, noch einmal dieses merkwürdige Buch zu lesen
Hass oder Begeisterung, wesentlich mehr Reaktionen auf John Ronald Reuel Tolkiens Buch "Der Herr der Ringe" gibt es eigentlich nicht. Das stellte schon der Schriftsteller Wystan Hugh Auden 1956 in seiner Kritik von Tolkiens Werk für die "New York Times" fest. Tolkien selbst hat mit einem Anflug von Ironie das Thema in vier Verszeilen abgehandelt: "The Lord of the Rings / is one of those things / if you like you do / if you don't, then you boo".
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| J.R.R.Tolkien, Foto |
Im Januar 1917 begann der an Grabenfiber leidende Soldat Tolkien während eines Genesungsurlaubs von der Front, in einem Notizbüchlein einen Ort namens Mittelerde zu skizzieren. Tolkien, damals 25 Jahre alt und Student am Exeter College in Oxford, wollte keineswegs einen Roman schreiben, sondern Geschichte. Die mythische, längst vergessene Geschichte einer Welt, die er Mittelerde nannte. "Das Buch der verschollenen Geschichten" schrieb Tolkien auf die Vorderseite seines Notizbuches. Jahrzehnte später ist diese Sammlung als "Das Silmarillion" erschienen. Erst der Erfolg des "Herrn der Ringe" weckte Interesse an Tolkiens Weltschöpfung. Aber eben diese Schöpfung hat erst den Erfolg von "Der Herr der Ringe" ermöglicht.
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J.R.R. Tolkien war die längste Zeit seiner akademischen Laufbahn Professor für englische Sprache und Literatur in Oxford, und zwar mit dem Spezialgebiet Entwicklung der englischen Sprache zwischen 700 und 1500. Tolkiens Interesse an Mittelerde war zunächst eher ein sprachwissenschaftliches als ein literarisches. 1955 schrieb er in einem Brief an seinen amerikanischen Verleger: "Das Erfinden von Sprachen ist das Fundament. Die 'Geschichten' entstanden eher, um eine Welt für die Sprachen zu liefern als umgekehrt. Bei mir kommt zuerst ein Name und dann folgt die Geschichte."
Allerdings steht in der Entwicklung Mittelerdes zwischen den Sprache und den Geschichten der Mythos. Was Mythos für Tolkien und auch für Tolkiens Werk bedeutet, beschreibt sein Gedicht "Mythopoeia", in dem sein Biograph Humphrey Carpenter die Wiedergabe eines Gesprächs zwischen Tolkien und dem Literaturwissenschaftler Clive Staples Lewis erkannte. Laut Carpenter sagte Tolkien damals:
"Wir kommen von Gott, und unvermeidlich werden die Mythen, die wir ersinnen, obwohl sie den Irrtum enthalten, zugleich auch einen Funken des wahren Lichtes spiegeln, der ewigen Wahrheit, die bei Gott ist. Ja, nur indem er Mythen schafft, indem er ,nach-schöpferisch' wird und Geschichten erfindet, kann der Mensch sich dem Stand der Vollkommenheit nähern, den er vor dem Sündenfall gekannt hat."
Ähnlich argumentierte er 1939 bei einer Vorlesung über Märchen an der Universität von St. Andrews. Tolkien dachte offenbar daran, mit seiner Arbeit am "Silmarillion" etwas Ähnliches zu leisten wie 1830 Elias Lönnrot, der aus zahlreichen mündlich überlieferten Lieder das heutige finnische Nationalepos Kalevala schuf, oder wie Jacob und Wilhelm Grimm mit ihren Sammlungen von Mythen, Märchen, Heldensagen und Worten. Tolkien wollte nach-schöpferisch den Menschen eine verschollene Geschichte wiedergeben:
"Mittelerde ist unsere Welt. Ich habe (natürlich) in eine rein imaginäre (wenn auch nicht ganz unmögliche) Periode des Altertums gerückt, in der die Kontinente eine andere Form hatten."
Er entdeckte zahlreiche Hinweise für eine vergessene Geschichte. Die Herkunft des Wort Zwerg deutet zum Beispiel auf einen Ursprung hin, der älter ist als die Märchen, in denen es bewahrt blieb. In allen germanischen Sprachen scheint das Wort gleichen Ursprungs zu sein: Zwerg, dwarf im Englischen, und im Isländischen dvergr.
Diese Welt und dieser Blick auf sie hat Tolkiens Werk so erfolgreich gemacht. Als gläubiger Katholik musste Tolkien feststellen, dass dem zwanzigsten Jahrhundert ein kollektiver Glaube, zumindest ein Weltbild des kleinsten gemeinsamen Nenners fehlte. Warum also nicht etwas Neues konstruieren? Wenn schon keine Übereinkunft über diese Welt möglich ist, dann vielleicht doch die über eine andere?
Das Problem dabei ist allerdings, dass Tolkien glaubte, nicht eine andere, sondern eine alte Welt zu schaffen. Diesem Glauben wohnt eine Abneigung gegen die Moderne bei, die uns die kollektiven Weltentwürfe raubte. So kommt zum Beispiel das Böse in "Der Herr der Ringe" aus einem Land der rauchenden Schlote, dem gewissermaßen industrialisierten Mordor. Die dunklen Armeen benutzen etwas ähnliches wie Schießpulver und Napalm, sie fällen Bäume und verbrennen das Holz auf großen Scheiterhaufen, als wollten sie sagen: Holz ist die Vergangenheit, Stahl die Zukunft. Tolkien hat seine Abneigung gegen die Moderne oft genug explizit formuliert.
"Ich bin kein 'Demokrat', schon deshalb nicht, weil Bescheidenheit und Gleichheit als geistige Prinzipien durch den Versuch, sie zu mechanisieren und zu formalisieren, korrumpiert. . ." (Tolkien zitiert von Humphrey Carpenter)
1933 besuchte Tolkien Verwandte bei Birmingham, wo er zwischen den Hügeln Mittelenglands aufgewachsen war. In seinem Tagebuch beschrieb er das Wiedersehen der Landschaft seiner Kindheit:
". . . die Wegkreuzung hinter dem nun eingezäunten Teich, wo der Glockenblumenweg in den Mühlweg einmündet, ist jetzt eine gefährliche Kreuzung, mit Ampel und schwarz von Autos. Das Haus des weißen Ogers (auf das die Kinder so gespannt waren) ist jetzt eine Tankstelle, und der größte Teil der Short Avenue, mit den Ulmen zwischen ihr und der Kreuzung, ist fort. Wie beneide ich jeden, dessen kostbare Kindheitsszenerie keine so gewaltsamen und besonders abscheulichen Wandlungen durchgemacht hat!"
Die Melancholie in diesen Worten schwingt auch in "Der Herr der Ringe" mit. Am Ende ist die Rettung von Mittelerde zugleich auch ein Untergang. "Der Herr der Ringe" begann eigentlich als Fortsetzung von Tolkiens Kinderbuch "Der kleine Hobbit", wurde aber dann mehr und mehr Teil von Mittelerde. Das Buch zeigt vielleicht einen Zug, der allem Schaffen Tolkiens gemeinsam ist: Erinnerung an vergessene Dinge, vielleicht auch die Erinnerung an die Kindheit eines Jungen, der früh seinen Vater und nur etwas später auch seine Mutter verlor.
Aber Mittelerde ist nicht die naive Beschwörung einer Vormoderne. Es ist eine fremde, alte Welt. Doch sie ist nicht so fremd, als dass man darin nicht vertraute Strukturen erkennen könnte. Die Hobbits sind in Mittelerde gewissermaßen die Repräsentanten der Moderne. Ihre Lebensart erinnert sehr an die der britischen Mittelklasse des frühen zwanzigsten Jahrhunderts. Bilbo Beutlin raucht zum Beispiel Pfeife, zündet diese mit Streichhölzern an und bekommt jeden Morgen seine Briefe zugestellt. Sein Fleisch wird kochfertig vom Metzger geliefert und in "Der kleine Hobbit" träumt Bilbo gar von Speck und Eiern. So alte Wesen wie Elben werden mit so modernen Konzepten wie Hobbits vereint. Gegenwart und Vergangenheit, Moderne und Vormoderne, Pfeifentabak und Ringgeistern koexistieren und bilden zusammen etwas, wonach Menschen sich sehnen: Mittelerde.
Diese Sehnsucht wird heute von einem eigenen literarischen Genre bedient, das erst durch Tolkiens "Der Herr der Ringe" entstanden ist: Durch das der "Fantasy". Auch Rollenspiele wie "Dungeons & Dragons" stehen in recht direkter Nachfolge Tolkiens. Sie funktionieren alle nach einem ähnlichen Prinzip: Der Dungeonmaster genannte Spielleiter beschreibt den Spielern die Räume durch sie sich bewegen, die Menschen, die sie treffen. Er ist die Schnittstelle zur Spielwelt. Durch diese führen die Spieler ihre fiktionalen Charaktere. Die wesentliche Erfahrung eines gelungenen Rollenspiels ist vor allem das kollektive Erleben. Kollektives Erleben, wie schon im Theater des antiken Griechenland oder im Kino der Zukunft.
Tolkien mag Mittelerde vielleicht als Rekonstruktion einer Vormoderne oder nach etwas platter biographischer Lesart gar seiner Kindheit geschaffen haben. Doch gerade mit dieser Schöpfung hat er seine Modernität und Größe bewiesen. Nämlich indem er verschwand. In der ersten Ausgabe von "Der kleine Hobbit" fanden sich noch zahlreiche Bemerkungen eines belehrenden Autors an seine Leser. Tolkien hat später versucht, all das zu streichen, den Autor angesichts seines Werkes schweigen zu lassen und es den Lesern zu überlassen. Tolkien lehnte jede biographische und allegorische Interpretation seines Werkes ab.
Und so scheint die Figur Tolkien mit all dem Perfektionismus und all den Merkwürdigkeiten nur auf den ersten Blick das alte Bedürfnis nach einem Autor als genialen Schöpfer zu bedienen. Dann, beim zweiten Lesen des "Herrn der Ringe", bei einer gelungenen Partie "Dungeons & Dragons" oder auch dem Betrachten des Trailers zur Verfilmung von "Der Herr der Ringe" merkt man, dass Tolkien etwas Außerordentliches gelungen ist: Mittelerde existiert tatsächlich. Mittelerde, das sind wir, die wir es denken. Der Autor verschwindet und wir sind allein mit einer Welt, die wir zur Existenz bringen müssen. Moderne durch die Hintertür.
http://www.heise.de/tp/artikel/9/9295/1.html- Re: Tolkien war ein Versager (6.9.2001 12:34)
- Re: Tolkien war ein Versager (17.8.2001 23:17)
- Re: Tolkien war ein Versager (17.8.2001 17:51)
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