Land und (Daten-)Meer

27.08.2001

Zur Besetzung von Räumen im Internet

Enträumlichung, Entterritorialisierung und Entgrenzung sind die Stichworte, die den Diskurs um den Globalisierungsprozess begleiten, ohne den man sich eine Renaissance des Raumthemas, wie wir sie derzeit erleben, schwerlich vorstellen kann. Da Medien seit jeher unter dem Verdacht stehen, Grenzen zum Verschwinden zu bringen, ist folgerichtig auch das Internet als Entgrenzungsmedium gelesen worden. Und in der Tat scheint die Kommunikation im Internet völlig unabhängig von geographischen Grenzen zu erfolgen und Entfernungen mühelos zu überwinden. Alle, die angeschlossen sind, können Menschen auf der ganzen Welt begegnen und mit ihnen kommunizieren, völlig unabhängig davon, wie weit entfernt sie auch voneinander wohnen mögen.

Geographische Nähe ist kein verlässliches Kriterium mehr für die Möglichkeit der Kontaktaufnahme und den Aufbau sozialer Beziehungen, denn im Netz wohnen gewissermaßen alle gleich nah nebeneinander, nur jeweils einen Klick weit vom Anderen entfernt. Durch diese grenzenlosen Kommunikationsströme werden nationalstaatliche Grenzen zunehmend unterlaufen und ad absurdum geführt. Doch das sind nicht die einzigen Grenzen, die im Cyberspace fallen sollen. Auch die Grenzen des -Geschlechts, des Alters und der eigenen Identität sollen hier mühelos zu überwinden sein. Das Internet scheint uns damit einer grenzenlosen Gesellschaft ein gewaltiges Stück näher zu bringen.

Übersehen wird in einer solchen Perspektive jedoch nicht nur, dass es im Internet zur Errichtung zahlreicher neuer Grenzen kommt, sondern auch, dass sich dieser scheinbar grenzenlose Raum durch die Installierung einer Grenze konstituiert: der Grenze zwischen virtuell und real - einer Grenze, die längst schon in Zweifel gezogen worden war, bevor sie innerhalb der Diskussion um das Internet wiederbelebt wurde. Ihre Neuerrichtung resultiert aus der Erwartung der Netzpioniere, im Internet eine ganz andere, bessere Welt aufbauen zu können, in der zahlreiche der im realen Raum gültigen Grenzen überflüssig werden sollen. Die Aktivitäten im Netz sollen - nach dieser Vorstellung - weniger dem Aufbau einer Parallelwelt gelten, in der sich, was es in der Realwelt bereits gibt, im Virtuellen nur verdoppelt, als vielmehr dem Versuch der Erschaffung -einer Gegenwelt, eines Gegenraums zum realen Raum, der Utopie einer neuen Gesellschaft, die mit der uns bekannten möglichst wenig gemein haben soll.

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Folgt man den Beschreibungen dieser zu errichtenden, virtuellen Welt, so wird deutlich, dass sich hinsichtlich der Unterscheidung real/virtuell eine Konstellation wiederholt, die dem Gegensatz von Land und Meer entspricht, wie er über Jahrhunderte gegolten hat. Während das Land als das dem Menschen gemäße Element als Sphäre des Realen gelten konnte, war das Meer gleichbedeutend mit dem Unbekannten, dem nur der Möglichkeit nach vorhandenen. Die Neugier auf dieses Fremde und Unbekannte war der Antrieb, um sich aus der vertrauten Welt in die neue zu wagen. Mit jeder Expedition und mit jeder Entdeckungsreise nahm jedoch der Vorrat des ehemals Undurchdringlichen und Unerklärlichen, des Fremden und Geheimnisvollen ab, das einstmals die Phantasien beflügelt hatte. Nach und nach verwandelte sich auch das zunächst offene Meer in einen vollständig vermessenen, unter verschiedene Staaten aufgeteilten Raum.

Die Frage, der ich mich im folgenden widmen möchte, ist, ob sich in der derzeitigen Entwicklung des Internets dieser Vorgang nicht wiederholt. Auch die virtuelle Wirklichkeit nähert sich der realen Wirklichkeit immer mehr an. Der strikte Gegensatz zwischen real und virtuell scheint damit ebenso zu verschwinden wie schon zuvor der zwischen Land und Meer. Doch selbst wenn dem so ist, so kann dieser Befund in unterschiedlicher Weise interpretiert werden. Einerseits könnte sich die Unterscheidung von real und virtuell in der Weise auflösen, dass wir es mit einer vollständigen Virtualisierung des Realen zu tun haben. Andererseits aber könnte es sich auch um eine vollständige Kolonialisierung des -Virtuellen durch das Reale handeln. Eine dritte Möglichkeit, die ich im folgenden favorisiere, ist die einer gegenseitigen Beeinflussung des virtuellen und des realen Raums, die ich als Interpenetration bezeichnen möchte. Die Frage ist jedoch, ob dieses Bild einer permanenten Durchdringung nicht auch noch zu wenig komplex ist, um das vielschichtige Verhältnis von Realem und Virtuellem zu erfassen.

Navigieren durch das Datenmeer

Der Aufbau und die allgemeine Verbreitung des globalen Kommunikationsmediums Internet geht mit einer auffälligen Metaphorisierung einher: Von der "Datenautobahn", dem "Datenhighway" und dem "Cyberspace", vom "global village" und der "digitalen Stadt" ist die Rede. Dies ist jedoch bei der Einführung anderer Medien und Technologien nicht anders gewesen und erfüllt offensichtlich den Zweck, etwas Unbekanntes und Unvertrautes in etwas Bekanntes und Vertrautes zu verwandeln. Zwar mag man die Verwendung von Metaphern generell für unnütz und unzutreffend oder aber auch für kontraproduktiv halten, weil sie verhindern, dass das neue Medium auch hinsichtlich seiner neuen Möglichkeiten erkannt und entsprechend genutzt wird, entscheidender aber dürfte die Frage sein, welche Metaphern von wem wie verwendet werden, denn ihr Gebrauch verrät viel über die jeweiligen Vorstellungen, die von verschiedener Seite aus mit dem Internet verknüpft werden.

Metaphern sind niemals zufällig gewählt und ihre Verwendung hat wirklichkeitskonstituierenden Charakter. Wenn wir uns die für das Internet benutzten Metaphern ansehen, fällt die Verwendung von Metaphern rund um das Gebiet der Seefahrt auf.[1] Eine wirkungsmächtige Metapher ist die des "Datenmeeres", auf dessen Wellen man "Surfen" kann, wobei Surfen als eine individualisierte Form des Segelns gelten kann, also eine bereits fortgeschrittene Weise der Wasserüberquerung darstellt (Seefahrer und Abenteurer auf dem globalen Datenmeer). Niemand ist auf die Idee gekommen davon zu sprechen, dass das Datenmeer rudernd durchquert werden könnte. Surfen entspricht der müheloseren, schwereloseren, weniger schweißtreibenden Art der Fortbewegung, die jedoch nur dann nicht zufällig, sondern auch zielgerichtet erfolgen kann, wenn man die "Steuermannskunst", das Navigieren und Steuern (von griechisch "cyber"), beherrscht. Das Anhängsel space deutet darauf hin, dass man es mit einem Raum von unbegrenzter Weite (lateinisch "spatium") zu tun hat, einen Raum, der noch zu entdecken und zu erkunden ist (vgl. Bühl 1997, S. 23) wie einst das reale Meer, das schon immer als das bevorzugte Gebiet von Abenteurern und Entdeckern galt.

Das Risiko, das mit der Entfernung von der Küste, der Überwindung der angestammten und vertrauten Grenzen und der Überquerung des offenen Meeres verbunden war, wurde auf sich genommen, weil die Entdeckung fremder und ferner Länder ganz ungeahnte Möglichkeiten für die Gestaltung des eigene Lebens bereit hielt (vgl. Blumenberg 1997). Passend zu dieser Bestimmung des Meeres entwirft Vilém Flusser für das Internet das Bild eines Ozeans der Möglichkeiten (vgl. Bühl 1997,S. 77), womit er die Wortbedeutung von virtuell ("als Möglichkeit vorhanden") mit der Metapher des Meeres verknüpft, so dass wir es beim Datenmeer und Cyberspace mit einem Möglichkeitsraum zu tun haben, der vom Wirklichkeitsraum strikt verschieden sein soll. Im Virtuellen, im Cyberspace, sollen Dinge möglich werden, die weit über das hinausgehen, was das "reale" Leben anzubieten hat.

Von den Versprechungen der Freiheit auf den Datenozeanen

Die Netzenthusiasten stellen uns eine neue Welt in Aussicht, zu der jeder Zugang haben sollte. In ihr soll es Freiheiten geben, die es in der realen Welt nicht mehr gibt oder nie gegeben hat; in ihr sollen Zwang und soziale Kontrolle Fremdwörter sein; in ihr soll man sich mit Menschen auf der ganzen Welt verständigen können; in ihr soll man sich jenseits der üblichen Pfade politisch betätigen können, Geschlechterdifferenzen sollen keine Rolle spielen, Identitäten soll man beliebig annehmen und auch wieder ablegen können; Herkunft soll nicht wichtig sein und an den Rand gedrängte Gruppen sollen hier die Möglichkeit zur Präsentation ihrer Interessen bekommen. Vor allem aber soll der virtuelle Raum ein Raum sein, der von staatlichen Interventionen verschont bleiben soll.

In der Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace von John Perry Barlow heißt es: "Regierungen der industriellen Welt, Ihr müden Giganten aus Fleisch und Stahl, ich komme aus der neuen Heimat des Geistes. Im Namen der Zukunft bitte ich Euch, Vertreter einer vergangenen Zeit: Laßt uns in Ruhe! Ihr seid bei uns nicht willkommen. Wo wir uns versammeln, besitzt Ihr keine Macht mehr. [...] Ich erkläre den globalen Raum, den wir errichten, als gänzlich unabhängig von der Tyrannei, die Ihr über uns auszuüben anstrebt. Ihr habt hier kein moralisches Recht zu regieren noch besitzt Ihr Methoden, es zu erzwingen, die wir zu befürchten hätten. [...] Der Cyberspace liegt nicht innerhalb Eurer Hoheitsgebiete. Glaubt nicht, Ihr könntet Ihn gestalten, als wäre er ein öffentliches Projekt. Der Cyberspace ist ein natürliches Gebilde und wächst durch unsere kollektiven Handlungen."

Schon an diesen wenigen Sätzen aus diesem aufschlussreichen Dokument wird deutlich: Der Aufbau des Cyberspace, der doch eine Welt ohne Zugangsbeschränkungen darstellen soll, startet mit einem deutlichen Ausschluss aller staatlichen Aktivitäten und einer strengen Grenzziehung zwischen "Ihr" und Wir". Dabei wird der Staat mit den Attributen materiell, körperlich und fest versehen, während der Cyberspace als immateriell, geistig und flüssig vorgestellt wird. Während die reale Welt in Staaten aufgeteilt ist, soll der Cyberspace ein staatenloser Raum bleiben. Ähnlich charakterisiert auch Florian Rötzer (1999: 22) das Internet: "Als globale Struktur, die nicht in dieser Welt ist und die (noch) nicht von einer zentralen, territorial verankerten politischen oder ökonomischen Macht beherrscht wird, bietet der Cyberspace hinreichend Freiräume."

Sowohl Barlow als auch Rötzer stellen die reale Wirklichkeit als Raum der Macht und der Staaten der virtuellen Wirklichkeit des Datenmeeres als Raum der Freiheit gegenüber. In dieser Konstellation wiederholt sich ein Gegensatz, der über Jahrhunderte durch die Unterscheidung Land und Meer ausgedrückt wurde. Als Zwischenergebnis einer Geschichte, die sich als Geschichte von Landnahmen erzählen lässt, hält Schmitt in seiner Betrachtung "Land und Meer" fest:

Die Ordnung des festen Landes besteht darin, dass es in Staatsgebiete eingeteilt ist; die hohe See dagegen ist frei, d.h. staatsfrei und keiner staatlichen Gebietshoheit unterworfen.

Carl Schmitt

Folgt man Carl Schmitt endet die Geschichte des realen Meeres als Reich der Freiheit mit -der britischen Seenahme, durch die auch das Meer in ein besetztes Gebiet verwandelt worden ist. Schmitt hat diesen Prozess der sukzessiven Eroberung des dem Menschen eigentlich fremden Elements - denn der Mensch ist für ihn ein "Landwesen" und ein "Landtreter" - über Jahrhunderte verfolgt. Zahlreiche Erkundungs- und Entdeckungsreisen waren nötig, ehe Orientierung im schier grenzenlosen Raum des Meeres möglich wurde. Ohne der Kunst der Navigation und der Erfindung des Kompasses wäre der Raum jenseits der Küsten wohl nie vollständig vermessen worden. Kein Zufall, dass Schmitt hervorhebt, dass mit dem Kompass "etwas Geisthaftes dem Schiff eingehaucht worden" (ebd.: 25) ist, und sich John Perry Barlow das Datenmeer des Internet, in dem man ohne Navigationssysteme sprichwörtlich untergeht, als eine "Heimat des Geistes" vorstellt. Wer aber hat die Reisen in das Unbekannte unternommen, die das reale Meer nach und nach in ein staatlich besetztes Gebiet verwandelt haben?

Nicht vornehme Dogen auf pomphaften Staatsschiffen, sondern wilde Abenteurer und Seeschäumer, kühne, die Ozeane durchstreifende Waljäger und wagende Segler sind die ersten Helden einen neuen maritimen Existenz.

Carl Schmitt

Und wer hat die Weiten des elektronischen Meeres erkundet? Auch hier gehören nicht Beamte mit Rentenanspruch oder Führungskräfte im Nadelstreifenanzug zu den Pionieren. Vielmehr haben wir es auch hier - traut man den Selbstbeschreibungen der Netzfreaks - mit kühnen Entdeckern und furchtlosen Piraten zu tun, die vorgeben, neue Kontinente zu entdecken wie einst Kolumbus: "Kolumbus war vermutlich der letzte Mensch", heißt es bei Barlow, "der soviel brauchbares und nicht beanspruchtes Land ... erblickte, wie es die Kybernauten entdeckt haben." (Zitiert nach Wertheim: S. 329)

Diese Parallelen, die sich beliebig erweitern ließen, machen eines deutlich: Die Verwendung der See- und Meermetaphorik für das Internet erfolgt keineswegs zufällig. Die Entdeckersemantik im Netz verweist darauf, dass hier Entdeckungen gemacht werden können, die einst in der Realwelt stattfanden, dort aber offenbar nicht mehr möglich sind, sich der Aufbruch in den elektronische Raum folglich als Surrogat für die real nicht mehr möglichen Abenteuer und Entdeckungen anbietet. Da das Aufbrechen in völlig neue Welten, die Entdeckung neuer Räume in der Realwelt nicht weiter möglich schien, da die physikalische Eroberung des realen Raums an ein Ende gelangt war, hatte der Expansionsdrang, der die Menschen auf andere Kontinente gelockt hatte, einen Rückschlag erlitten.

Die nach Schmitt als Geschichte von Landnahmen vorstellbare Weltgeschichte (Schmitt 1981, S. 73) war gewissermaßen an ein "natürliches" Ende gelangt. So setzt sich die Geschichte der Eroberungen heute im Netz fort. Die Eroberungen des Landes, des Meeres und schließlich der Luft war dabei immer, darauf hat Schmitt zu Recht aufmerksam gemacht, ein kriegerisches bzw. militärisches Ereignis. Auch die Entwicklung des Internet ist - das sollte man nicht vergessen - aus militärischen Interessen heraus in Angriff genommen worden. Insofern hat Virilio (2001) wahrscheinlich Recht mit seiner Annahme, dass der Aufbau des elektronischen Raums aus einer Krise des realen Raums resultiert. Denn während sich aus dem realen Raum das Fremde und Unbekannte verflüchtigt zu haben scheinen, entsteht mit dem Cyberspace ein Raum, in dem die Begegnung mit dem Fremden und Unbekannten wieder möglich sein soll.

Jeder Aufbruch in das Internet verspricht nun zu jenem Abenteuer werden zu können, das man einst mit der Reise in unbekannte Gegenden verbunden hat. Auch hier bricht der Nutzer auf, um Grenzen zu überschreiten und neue Horizonte zu erobern. Und diese Erkundungsreisen sind mehr als nur imaginär. Keineswegs nur träumt sich eine Person an einen anderen Ort. Vielmehr ist sie im bestimmten Sinne wirklich woanders, während sie doch zugleich auch hier ist, fast schon im Sinne einer Bilokalität. Die Entdeckungen müssen nicht einmal mehr langwierige und beschwerliche Reisen beinhalten. Im Netz beginnt das Abenteuer tatsächlich "gleich um die Ecke" (Bruckner/Finkielkraut).

Die Reterritorialisierung des Flüssigen

Inzwischen jedoch mehren sich die Anzeichen dafür, dass sich der einst unbefestigt und unkontrolliert vorgestellte Raum mehr und mehr in einen befestigten verwandelt. Aus dem anfänglich grenzenlosen Raum des Cyberspace scheint ein parzellierter Raum mit zahllosen Grenzen und Mauern zu werden. Wie im realen Raum können wir auch im Netz eine zunehmende Separierung des Raums, die Entstehung von gated communities und no-go-areas besichtigen. Auch hier wird sich zunehmend abgekapselt und abgeschottet, sprießen wehrhafte Gemeinschaften aus dem Boden, die sich vor ungebetenen Gästen zu schützen wissen.

Es gibt eine Art "Aktion sauberes Netz", mit der das "Gesindel" vertrieben werden soll. Firmen rüsten auf und wappnen sich in verstärktem Maße gegenüber unerwünschten Besuchern. Die Errichtung von Firewalls und Intranets dienen eben diesem Zweck. Zunehmend versichert man sich, mit wem man es zu tun hat, ehe man sich auf einen Kontakt einlässt. Zunehmend stellt man gewisse Bedingungen, die erbracht sein müssen, ehe man eingelassen wird. Und zunehmend muss man bezahlen, bevor man einen Ort betreten darf. Dabei sind es nicht allein die staatlichen Versuche der Einflussnahme und es sind auch nicht allein die Intranets der Unternehmen, die das offenen Medium mit geschlossenen Räumen durchsetzen. Es sind die Aktivitäten der User selbst, die den unbekannten, weiten Raum immer mehr in einen bekannten, überschaubaren Raum verwandeln, indem sie eigene Räume im Netz installieren und sich gegenüber dem vermeintlichen oder tatsächlichen Zugriff von Außen, etwa von staatlicher Seite, zu entziehen versuchen.

Und damit folgt die Entwicklung des Datenmeeres exakt der Entwicklung des "natürlichen" Meeres, wenn man noch einmal Carl Schmitt in seiner Darstellung folgen will: Die moderne Technik der Verkehrs- und Nachrichtenmittel hat aus dem ehemalig wilden Element einen Raum gemacht, der nun ebenso vollständig vermessen und berechenbar ist wie das Land: Aus dem ehemals freibeuterischen Territorium, das mit Freiheits- und Bewegungsmetaphern belegt worden war, wird ein parzelliertes, aufgeteiltes, von Grenzen durchzogenes Territorium, das sich damit dem "natürlichen" Raum, dem geographischen Raum immer mehr anpasst (vgl. Schmitt 1981, S. 106). Und auch in diesem Fall sind es nicht die eigens zur Erkundung des Meeres entsandten Heere unter staatlicher Aufsicht, die zur zunehmenden Kartographierung und schließlich Aufteilung in unterschiedliche Seehoheitsgebiete führen. Es sind vielmehr die Waljäger und Fischer, die "den Menschen den Ozean offenbart" haben. Sie sind es, die "die Zonen und Straßen des Ozeans entdeckt" haben (34). Hier wie dort also sind es die nichtstaatlichen Akteure, die sich zum Teil gar subversiv wähnen, die durch ihre Aktionen zu einer zunehmenden Inbesitznahme von Räumen und einer Zunahme staatlichen Einflusses beitragen. Sie haben gewissermaßen erst den Weg gewiesen.

Schmitt zieht aus der Beobachtung, dass das Meer ebenso wie das Land von Staaten besetzt wird, die Konsequenz, dass der Unterschied zwischen Land und Meer, wie er Jahrhunderte lang Bestand hatte, nicht mehr aufrecht zu erhalten ist. Die Annäherung ist derart groß, dass nur durch die Eroberung eines anderen Elements ein Ausgleich gefunden werden kann: der Eroberung der Luft. Ein Element, dessen metaphorische Verwendung für das Internet vielleicht noch aussteht, dessen auffällige Nichtverwendung jedenfalls erklärungsbedürftig ist.

Im Moment entscheidender ist freilich die Frage, was die Annäherung von Land und Meer, also von Realem und Virtuellem, besagt? Bedeutet der Aufbau der elektronischen Mauern, der Firewalls und Intranets, dass das Feste über das Flüssige, die Kontrolle über die Bewegungsfreiheit gesiegt hat? Haben wir es mit nun einem Raum zu tun, der vollständig vermessen und besetzt ist? Ist der Möglichkeitsraum zugunsten des Wirklichkeitsraums verschwunden? Wird es Zeit, sich zu den Ufern eines neuen Raumes aufzumachen?

Dafür spricht zunächst vieles. Anfänglich als strikter Gegensatz konzipiert, wird das neue Medium mehr und mehr zu einem Raum, in dem sich die Trends des Realen wiederholen, was zur jüngst immer wieder konstatierten Ernüchterung über die Möglichkeiten des Netzes Anlass gibt. Die Ernüchterung erfolgt aus der Einsicht, dass im elektronische Raum eben nicht, wie die Netzenthusiasten gehofft hatten, das ganz Andere der Gesellschaft zu finden ist. Es wird von den gleichen Menschen gemacht, bevölkert und bewohnt, die auch die realen Räume bewohnen und von denselben gesellschaftlichen Strukturen gestaltet und geprägt, die auch das Antlitz der realen Räume prägen. Insbesondere die, die auch im realen Leben den Ton angeben, tauchen hier wieder auf und erobern sich immer mehr Räume im nur scheinbar endlosen Netz. Nur die, die ohnehin schon außen vor stehen, müssen auch hier zumeist draußen bleiben.

So wiederholt sich also im Virtuellen die Welt mehr, als dass sie eine Alternative böte. Es sieht so aus, als ob die materielle Realität zunehmend in die virtuelle Realität des Netzes einwandert. Damit scheint der starre Unterschied zwischen real und virtuell ebenso zu kippen wie der zwischen Land und Meer. Er kippt jedoch nicht in der Weise, dass das eine vom anderen restlos absorbiert würde. Anders als bei Schmitt haben wir es nicht mit einer zunehmenden Vereinnahmung des Meeres zu tun, die so weit geht, das Land und Meer letztlich ununterscheidbar werden.

Denn ebenso wie das Reale in das Virtuelle einwandert, wirkt auch zunehmend das Virtuelle in das Reale hinein: Prägt die für das Netz typische Kurzlebigkeit und Flüchtigkeit der Begegnungen nicht längst auch die sozialen Beziehungen außerhalb des Netzes? Überträgt sich das im Netz erprobte Surfen zwischen verschiedenen Programminhalten, das weniger verweilt als permanent in Bewegung bleibt, nicht auch auf unseren Umgang mit anderen Medien (etwa dem Buch oder der Zeitung)? Sind viele der im Netz entworfenen digitalen Städte nicht längst zum Vorbild für die aseptischen Shopping mall-Landschaften in den realen Städten geworden? Ist überhaupt das Flüssige des Datenmeeres nicht längst zum Leitbild geworden für eine zeitgenössische Architektur? Folgt diesem Leitbild nicht auch die Soziologie, wenn sie - mit John Urry - einen flüssigen Gesellschaftsbegriff entwickelt und vom Space of flows (Castells) spricht? Wohin wir auch schauen, wir scheinen es mit einer weitreichenden Flexibilisierung und Verflüssigung des ehemals Unbeweglichen und Starren zu tun zu haben.

Vermischung und Überschneidung der Räume

Ist das also das Ergebnis? Statt einer klaren Grenzziehung die permanente Durchmischung, der rege Grenzverkehr zwischen virtuellem und realem? Zumindest gibt es für dieses Bild zahlreiche Belege, von denen ich einige gerade genannt habe. Insgesamt gesehen aber ist auch in dieser Vorstellung das Verhältnis von real und virtuell noch zu simpel gedacht. Plausibler erscheint es, dass sich der Gegensatz von Land und Meer im Medium selbst noch einmal wiederholt, sein re-entry erlebt.

Der virtuelle Raum ist ebenso wenig ein einheitlicher Raum wie der reale Raum. In ihm kreuzen sich verschiedene Raumgrenzen, überlagern sich Räume wie im realen Raum auch. Nicht nur verschiebt sich also die Grenze zwischen virtuell und real immer wieder, vielmehr wandert sie in das Virtuelle selbst ein. Die Folgen sind, dass das Netz einerseits sehr bekannte Modi des realen Lebens wiederholt, andererseits aber auch stets die Verlockung noch unbekannter Welten bereithält. Parallelisiert mit der Unterscheidung Schmitts zwischen Land und Meer haben wir es mit einer fest/flüssig-Unterscheidung innerhalb des Netzes zu tun. Man kann ein Sich-Einrichten im Netz, eine Inbesitznahme von Räumen, ein Bauen von Häusern (den "homepages") und damit den Aufbau einer vertrauten Nahwelt beobachten, die nach und nach eine eigene Geographie von begrenzten und umzäunten Räumen entstehen lässt.

Aus diesem sicheren Terrain des Eigenen heraus werden die Erkundungen in den Möglichkeitsraum, in den flüssigen Datenraum unternommen. Da aber immer wieder neue Räume hinzukommen, der Raum des Internet sich immer weiter ausdehnt durch die Aktivitäten seiner Bewohner, bleibt auch die Vorstellung der unbekannten Gegenden und des Erkundens derselben und damit die Vorstellung von wirklichem und virtuellem lebendig. Andererseits ist es gerade die permanente Ausdehnung des elektronischen Raums, die zur zunehmenden Kartographierung und Grenzziehung im Raum führt, um in die Unübersichtlichkeit und Unüberschaubarkeit Übersichtlichkeit und Überschaubarkeit hineinzubringen.

So haben wir es letztlich mit einer permanenten Bewegung von Entgrenzung und Begrenzung, von Grenzaufbau und Grenzabbau, von Enträumlichung und Verräumlichung zu tun. Entscheidend und typisch für unser "Zeitalter des Raums" (Foucault) ist gerade, dass sich fest und flüssig, Land und Meer, real und virtuell, Internet und Intranet nicht mehr länger als einander ablösende Zustände denken lassen, sondern gerade gleichzeitig und nebeneinander her existieren. Und es existieren eben nicht nur reale und virtuelle Räume nebeneinander, sondern auch innerhalb dieser Räume existieren jeweils zahlreiche Räume nebeneinander, die die Grenze von virtuell und real in vielfältiger Weise überlagern.

Die entscheidende Leistung des Internet für ein zeitgenössisches Verständnis vom Raum liegt gerade darin, dass es die Einsicht befördert, dass wir es nicht mit einem einmal gegebenen Raum zu tun haben, der irgendwann vollständig vermessen und kartographiert sein wird, sondern mit einem Raum, der durch die Aktivitäten der Internetnutzer permanent wächst und sich ausdehnt. Eine Einsicht, die uns vor jeder Art Raumdeterminismus bewahren kann, die in der soziologischen Debatte um den Raum immer wieder vorzufinden ist.

Die entscheidende Erfahrung, die jeder Nutzer im Netz machen kann, ist die, dass Räume durch seine Aktivitäten entstehen und durch mangelnde Aktivität auch wieder verschwinden können. Damit etabliert das Internet zwar kein völlig neues Raumverständnis, aber es verhilft einem schon vorbereiteten Raumbegriff zur Plausibilität - und genau aus diesem Grund haben wir es mit einer Raumrevolution im Schmittschen Sinn zu tun. Denn eine Raumrevolution ergibt sich nicht allein aus der Entdeckung von Neuland, sondern daraus, dass es aufgrund dieser Entdeckung zu einem umfassenden Wandel des Raumverständnisses einer Epoche kommt. Und mit einem solch umfassenden Wandel des Raumverständnisses haben wir es derzeit offensichtlich zu tun.

Die Entwicklung des Internet trägt mit dazu bei, Raum nicht mehr länger als gegebene Konstante zu verstehen, als Behälter oder Rahmen, in dem sich Soziales abspielt, sondern als durch soziale Praktiken erst Erzeugtes aufzufassen und damit von Räumen auszugehen, die es nicht immer schon gibt, sondern die erst durch Handlungen hervorgebracht werden. Ein solches Raumverständnis dürfte erhebliche Konsequenzen auf allen gesellschaftlichen Ebenen, nicht zuletzt für den politischen Raum haben, denn es erlaubt zumindest die Vorstellung, dass sich an ein und demselben Ort die verschiedensten Räume befinden können.

Gerade aber Staaten leben bisher von der Idee der Exklusivität ihres Herrschaftsraumes. Wo ein Staat ist, kann nicht auch noch ein anderer sein. Nach dieser Logik gestaltet sich die politische Weltkarte bis heute. Doch in einem politischen Vorschlag zur Lösung des Territorialkonflikts zwischen Israel und Palästina hat sich das neue Raumverständnis womöglich bereits niedergeschlagen. Statt das Land zwischen Israelis und Palästinensern zu teilen, soll es nach der Vorstellung von Rabbi Fruman "zwei Staaten auf demselben Territorium geben. 'Israel in Palästina, Palästina in Israel. Zwei Flaggen, zwei Hymnen, zwei Parlamente, zwei Präsidenten, zwei Regierungen.'".[2] Damit würde ein politischer Konflikt erstmalig nicht mehr durch die Aufteilung von Land, durch Zonierung und Trennung gelöst, sondern durch die Mehrfachnutzung und Mehrfachcodierung von Raum. Die tatsächlichen Ereignisse zeigen freilich, wie weit wir von der Umsetzung eines solchen Raumkonzepts noch entfernt sind.

Literatur:

Barlow, John Barry 1996: Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace, in: Stefan Bollmann und Christiane Heibach (Hg.): Kursbuch Internet. Anschlüsse an Wirtschaft und Politik, Wissenschaft und Kultur. Mannheim, 110-118.
Blumenberg, Hans 1997: Schiffbruch mit Zuschauer. Frankfurt/M.
Bruchner, Pascal/ Alain Finkielkraut 1981: Das Abenteuer gleich um die Ecke. München, Wien.
Bühl, Achim 1997: Die virtuelle Gesellschaft. Opladen.
Rötzer, Florian 1999: Megamaschine Wissen. Frankfurt/M., New York.
Schmitt, Carl 1981: Land und Meer. Eine weltgeschichtliche Betrachtung. Köln-Lövenich.
Virilio, Paul 2001: Im Gespräch, in: Tom Fecht/ Dietmar Kamper: Umzug ins Offene. Vier Versuche über den Raum. New York, 109ff.
Wertheim, Margaret 2000: Die Himmeltür zum Cyberspace. Con Dante zum Internet. Zürich.

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