"Wie viele Menschen haben jetzt gerade einen Orgasmus?"

22.08.2001

Jean-Pierre Jeunet über seinen Filmtriumph "Die fabelhafte Welt der Amélie"

Am Anfang lernen die Bilder rennen: Ein Schmetterling über dem Pflaster. Sein Flügelschlag verändert die Welt. Als "Schmetterlingseffekt" kennt man das in der Physik, und mit dem Wind, den das kleine Tier hier entfacht, wird neun Monate später Amélie geboren. 20 Sekunden dauert das vielleicht bei Jean-Pierre Jeunet, und so geht es weiter: Der Beginn von "Die fabelhafte Welt der Amélie" ist ein furioser Video-Clip, dem Tempo über alles geht, und der doch sehr viel mehr enthält, als nur den nackten Rausch der Geschwindigkeit.

Was macht einen Menschen aus? Nicht sein Charakter, sondern Gesten, Vorlieben, Abneigungen - antwortet Jeunet. Und so präsentiert er flink seine Figuren, erzählt, was sie mögen und was nicht, scheut dabei auch vor den Mitteln des Comics so wenig zurück, wie vor anderen Einfällen. Auch Jeunets frühere Filme, "Delicatessen" (1991), "Die Stadt der verlorenen Kinder" (1995) und "Alien IV" (1997) strotzten vor Ideenreichtum. Aber in den früheren Filmen hatte man oft den Eindruck, Stil und Effekt dominierten alles andere, eine leere Fülle breite sich aus, nehme im Moment gefangen, um gleich darauf vergessen zu werden.

Diesmal ist es ganz anders. Unterhaltsam und kurios, aber nie leere Effekthascherei eines Kuriositätenkabinetts, hat diese Geschichte über allen Bilderrausch hinaus Tiefe und Gefühl. Im Zentrum steht ein junges Mädchen aus Montmartre, das einsam in den Tag hineinlebt. Ihre Vergangenheit wird erzählt, dann sieht man, wie sie, um die Leere ihres Daseins zu füllen zu einer Art Engel wird, einem mitfühlenden Menschen, der klammheimlich in die Schicksale der Mitmenschen eingreift, und sie unter der Hand zum Besseren wendet. Indem Jeunet hier von der Kunst der Manipulation erzählt, handelt sein Film auch vom Kino, vom Filmemachen selbst. Und vom Dilemma der Regiseure: Denn Amélies eigenes Leben ändert sich vorläufig nicht. Bis sie auf einen Mann trifft...

Eine einfache Geschichte. Dass sie unter Jeunets Regie derart wirkungsvoll ist - in Frankreich strömten Millionen ins Kino - verdankt sie der einmaligen Form ihrer Inszenierung. Eine Mischung aus Pop und Poesie, ein Märchen, in dem Fische Selbstmord begehen und Gartenzwerge reisen, voller skuriller Figuren. Sein Paris ist bewusst manieriert, ein wenig nostalgisch und ein wenig kitschig-künstlich. Und wer die 23jährige Audrey Tautou in der Amélie mit romantischem Lächeln, ihren großen Rehaugen, ihre Ponyfrisur durch den Film verfolgt, fragt sich bis zum Schluß, wo hier der Ernst aufhört, und die Ironie anfängt. Das ist beabsichtigt. Jeunet ist ein genialer Eklektizist, ein Herr der Bilder, der ins Füllhorn einer barocken Wunderkammer greift, und alles vor den Zuschauern ausschüttet. Dabei wird es nie beliebig. In unterhaltsamer und ganz zeitgemäßer Form geht es vielmehr um die Selbstbefreiung der Hauptfigur durch die Liebe. Das Weltbild des Films ist zwar "postmodern": Voller Sammelwut, Freude an Gewalt, Überfluß und Vieldeutigkeit der Zeichen, alles andere als streng und diszipliniert, und voller Glauben daran, das Träume wichtiger sind, als die Wirklichkeit.

Doch auch im Zentrum von Jeunets Ordnung der Dinge stehen letztlich die alten Fragen: nach der Bedeutung von Traum und Erinnerung, danach, worauf es wirklich ankommt im Leben, wann Manipulation, Spaß und Spiel erlaubt sind, und wo es ernst werden muss. Die Antwort gibt der Film selbst: wenn es glücklich macht, ist alles erlaubt. Und so kommt Jeunet schließlich bei Truffaut an, dem zwischendrin und vor allem am Ende eine wunderbare Hommage gilt, und integriert sich selbst in die einst abgelehnte französische Filmtradition. Rhetorik und Poesie scheinen für einen Augenblick versöhnt. Mit Jeunet sprach Rüdiger Suchsland

Amélie ist in Frankreich zum Phänomen geworden. Wie erklären Sie sich diese große Wirkung? Sie konnten kaum mit diesem immensem Erfolg rechnen.

Jeunet: Vielleicht, weil es einfach ein guter Film ist? [LACHT] Nein, nein - ich scherze nur. Ich habe mir darüber selber viele Gedanken gemacht. Zum einen mag es daran liegen, dass er von Großzügigkeit handelt, von einer Großzügigkeit ohne Gegenleistung. Das verwirrt viele Leute. Denn es ist einfacher, zynisch zu sein. Man riskiert mehr, wenn man nicht zynisch ist. Nach Amélie verlassen viele das Kino glücklich, es ist ein Film, der zum träumen anregt; außerdem gibt es eine Liebesgeschichte, die richtig romantisch ist, die nicht das Sexuelle in den Vordergrund stellt.

Gewiss ist Amélie nicht zynisch, aber es ist durchaus ein sehr bewusst gemachter Film, ein Film, der genau mit den Publikumsreaktionen spielt, der immer weiß, welches Register er ziehen muss, der im positiven Sinne manipuliert. Es ist doch auch ein Film über das Filmemachen?

Jeunet: Das ist gut möglich. Jeder Film manipuliert selbstverständlich. Andererseits bin ich nicht besonders intellektuell. Ich denke, wenn Sie als Regisseur anfangen, zu analysieren, was sie tun, ist es ein Todesurteil. Sie müssen es einfach tun. Aber die Hauptfigur hat viel mit mir zu tun. Diese Listen, mit denen beschrieben wird, was Amélie mag und was nicht, sind meine eigenen. Ich teile da ihren Geschmack.

Verhält es sich wie bei Flaubert? Er hat gesagt: Madame Bovary - das bin ich.

Jeunet: Ja ganz genau: Amélie - das bin ich! Tatsächlich habe ich in dem Film viele eigene Erinnerungen eingebaut, Erinnerungen, die ich im Laufe der Zeit gesammelt habe, und die mir zu passen schienen. Seit etwa 30 Jahren habe ich alle möglichen kleinen Geschichten gesammelt, besondere, interessante Geschichten, Einfälle, Bilder etc.. Ich wollte immer etwas damit anfangen, aber das ist gar nicht einfach: Wie kombiniert man 300 kleine Erzählungen? Hinzu kommen noch diese Listen, die es im Film auch gibt: Dinge, die ich mag, Dinge, die ich nicht mag. Es hat ziemlich lange gedauert, dafür einen Schlüssel zu finden: Eine junge Frau, die anderen hilft, die in das Leben anderer eingreift. In diesem Augenblick wurde alles ganz leicht: Das Drehbuch hatte ein Zentrum, dass wie ein Magnet alle anderen Dinge um sich geordnet hat, sie angezogen oder abgestoßen hat. Faszinierend!

Ihr Film sammelt, häuft an - Beobachtungen, Dinge. Fühlen Sie sich als Sammler?

Jeunet: Ja. Aber nicht von Dingen, sondern von Ideen. Etwa diese Geschichte über den Goldfisch, der sich umbringt, über den Mann, der Bilder sammelt, die in Fotoautomaten weggeworfen wurden. Und Gerüchte, ich liebe Gerüchte. Ich stelle mir auch gern solche Fragen wie: Wie viele Menschen haben jetzt gerade einen Orgasmus? Ich bin ein großer Liebhaber von Verzeichnissen und Sammlungen. Im übrigen habe ich eine Sammlung von Ideen dazu angelegt, was man alles sammeln könnte. Ich hatte lange Zeit eine Schachtel, in der ich Enden von Geschichten und alle möglichen anderen Ideen aufgehoben habe. Das tue ich heute immer noch, aber da ich rationeller geworden bin, ordne ich diese Ideen und Verzeichnisse in meinem Computer.

In der Geschichte mischen sich Märchen und Wirklichkeit. Wie verhalten sie sich zueinander? Wo beginnt das Märchen?

Jeunet: Für mich handelt es sich nicht um ein Märchen. Denn im Märchen geschehen Dinge, die in der Wirklichkeit nicht geschehen können. Das war in meinem vorletzten Film definitiv der Fall: Die Stadt der verlorenen Kinder ist ein Märchen. Amélie nicht. Alles kann passieren. Wobei es im Film leichter ist, einem Blinden über die Straße zu helfen, als im Leben, glauben sie mir. Ich habe beides probiert. Es handelt sich also eher um die poetische Verschiebung einer realistischen Geschichte. Ästhetisch habe ich die Dinge verschoben: ich habe ein falsches Paris kreiert, ein Postkartenparis, ein Traum-Paris, ein Bilder-Paris. Alles ist antiquiert und idyllisch. Dass das mit der Realität nichts zu tun hat, ist mir sehr bewusst.

Amélie ist ja unter anderem ein Film über das französische Kino. Sie zitieren einerseits ausführlich das Kino der 40er und 50er Jahre, anderseits scheinen sie mir mit Amélie überraschenderweise bei Truffaut anzukommen, also bei der Art von Filmemachen, die mit der ganzen Vorgeschichte gebrochen hat. Das ist etwas Neues in ihrem Werk...

Jeunet: Ich mag den frühen Truffaut sehr gern und ich verstehe, dass manche in meinem Werk soziale und politische Stellungnahmen vermissen. Dass Ihnen der Film zu musikalisch zu komödiantisch ist. Aber man kann nicht immer zynisch und schwarz sein. Ich wollte keinen "engagierten" Film machen, sondern einen Traum-Film. Ich sage nicht: Jeder muss genau diese Art Film machen. Aber die entsprechenden Journalisten sagen: Man muss einen engagierten Film machen. Ich bin kein sehr politischer Mensch. Aber für mich ist es ist wichtig, sich den Geist der Kindheit zu bewahren. Das ist das Problem vieler Kritiker: Die haben eine hohe intellektuelle Sensibilität, aber eine sehr niedrige emotionale. Aber es ist normal, dass zu verachten, was vielen Leuten gefällt. Das gehört zum Spiel.

Aber auch wenn Sie nicht so gern nachdenken und analysieren, haben doch auch Sie ein paar allgemeine Ideen, die sich in ihren Filmen finden, die Sie uns allen erzählen?

Jeunet: Ja, selbstverständlich. Ein Film vermittelt immer auch bestimmte allgemeine Ideen. Aber es kommt darauf an, wie sie vermittelt werden: Truffaut meinte einmal: "Ich habe nichts zu sagen, aber ich habe viel zu erzählen." Also: Wenn man einen Film über eine Idee machen will, dann wird es zu didaktisch, zu penibel, weil man spürt: hier will einer etwas ganz Bestimmtes sagen.

Als Sie selbst Mitte der 90er in die USA gingen - war der Grund die Verführungskraft Hollywoods, die Tatsache, dass Sie einmal im Leben einen großen Big Budget-Studiofilm drehen wollten?

Jeunet: Auf alle Fälle. Ich hatte am Anfang wenig Lust, diesen Film zu machen. Er wurde mir angeboten, aber der Stoff und die ganzen Bedingungen entsprachen nicht gerade meiner Art, Filme zu machen - ein Film, den ich nicht selbst geschrieben hatte. Der Druck des Studios war sehr hoch. Trotzdem habe ich zugesagt, weil ich mir sonst zeitlebens vorgehalten hätte: Du hast zu Hollywood Nein gesagt, weil Du Angst hattest, zu feige warst, etc. Und im nachhinein waren es keine zwei verschwendeten Jahre, sondern eine außerordentliche Erfahrung. Es wurde doch eine gute Geschichte, die ich sehr mochte, und der Film ist großartig gelaufen. Ich habe viel gelernt, ein phantastisches Abenteuer, das mein Leben verändert hat. Keinerlei Bedauern!

Der Film ist ja auch sehr gelungen. Bestimmt gab es danach andere US-Angebote?

Jeunet: Ja. Und alles ist sehr verführerisch: Man wird exzellent bezahlt, hat ein schönes Haus, mit Swimmingpool, der Himmel ist immer blau. Sie kümmern sich um alles. Glücklicherweise komme ich aber aus einem Land, an dem man sehr frei arbeiten kann, genau die Filme machen, die man will. Das ist mir noch wichtiger. Das Leben ist zu kurz, um uninteressante Filme zu machen. Insofern gilt: Ich werde wieder in den USA arbeiten, wenn mir das Angebot wirklich gefällt.

Wie wird Amélie in den USA funktionieren?

Jeunet: Wir erwarten 25 Millionen Dollar. Sie sind verrückt nach der Hauptdarstellerin Audrey Tautou.

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