Darf man wieder laut lachen?

Ernst Corinth 25.09.2001

"Titanic" veräppelt Bundestagspräsident Thierse

Wenn Betroffenheit nur so aus allen TV-Kanälen tropft und selbst Moderatoren-Darsteller wie Reinhold Beckmann oder Johannes B. Kerner ihre Gäste mit der immergleichen Frage foltern: "Wo haben Sie denn von dem schrecklichen Anschlag erfahren?" - dann wird Widerstand wirklich zur Pflicht. Und Witze müssen her, damit wir alle endlich mal wieder befreit durchatmen können.

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Da bekanntlich nichts mehr ist, wie es früher mal war, hat das Satire-Magazin "Titanic" auf seiner Netzseite kürzlich die fünf wichtigsten Fragen an unser Gewissen veröffentlicht:

1. Darf man laut lachen? - Ja, aber nur über gute Witze (Warum steht die Freiheitsstatue mit gerafftem Rock und nacktem Arsch da? Sie wartet auf die Concorde)!
2. Was darf man noch essen? - Erlaubt: Wiener, Schnitzel, Wiener Schnitzel. Verboten: Amerikaner, Anschlagsahne, Sandwich (110-stöckig).
3. Darf man Alkohol trinken? - Ja, solange man seine Fahne auf Halbmast wehen läßt. 5. Darf man fremdgehen? - Ja. Außer mit Ulla Kock am Brink.

So weit, so komisch. Aber die "Titanic"-Macher haben noch einen oben draufgesetzt und vertreiben über ihre Netzseite eine E-Postcard, auf der eine Fotomontage von Bundestagspräsident Wolfgang Thierse mit Turban und leicht verlängertem Bart zu sehen ist. Darunter steht dann die Zeile: "Verdacht erhärtet sich: Die Spur führt nach Deutschland."

Diese Anspielung auf den Hauptverdächtigen der Terroranschläge, Usama Ibn Ladin, fand Thierse zwar gar nicht lustig, aber klagen will er, wie er inzwischen verschiedenen Tageszeitungen verriet, dagegen nicht. Kompliment für soviel Souveränität!

Allerdings war dieser Vorgang jetzt für die Netzeitung Anlass genug, zwei deutsche Humorexperten zu befragen. Vorneweg marschiert dabei natürlich die deutsche Spaßpartei, die CSU mit ihrem Generalsekretär Thomas Goppel, der sich wenig begeistert über die Fotomontage zeigt und meint, nun sei der Gipfel erreicht. Mit Gipfeln kennt man sich schließlich in Bayern aus. Noch besser ist jedoch die Idee, eine Einrichtung zu befragen, die schon seit Jahrzehnten einmal im Jahr einen Fernsehabend gestalten darf, der humorfreier kaum noch vorstellbar ist; und zwar den Aachener Karnevalsverein, der den Orden "Wider den tierischen Ernst" verleiht. Dessen Geschäftsführer, Christian Mourad, "mahnt" also in der Netzeitung, bei der Verarbeitung der Terroranschläge sei Humor zwar wichtig. Satire kenne "aber auch Grenzen und sollte nicht derart verletzend sein".

Ob er jedoch bei der "Titanic"-Fotomontage die Grenze voll überschritten und den Goppelschen Gipfel gar erreicht sieht, verrät uns das Online-Blatt leider nicht. Und bevor wir darob in völlige Ratlosigkeit stürzen, schließen wir lieber selber mit einem Witz, der zwar nicht gut ist, aber jetzt immerhin einen gewissen historischen Wert besitzt:

Becker, Agassi und Sampras veranstalten eine kleine Mutprobe. Jeder soll einmal auf dem Dachgeländer des World Trade Centers in NY rundherum balancieren. Pete fängt an, schafft es ohne Probleme. Andre zieht nach, macht dabei sogar Faxen. Boris aber kommt nach der Hälfte ins Straucheln und stürzt ab. Wie durch ein Wunder landet er wohlbehalten in der Markise des WTC-Cafés, ballt die Becker-Faust und zeigt seinen Kumpels auf dem Dach das V-Zeichen. Dann schwingt er sich von der Markise, verheddert sich in der Bordüre, kippt nach vorn und knallt mit dem Kopf auf den Rand eines kleinen Marmorbrunnens. Sagt Agassi kopfschüttelnd zu Sampras: "Wie oft habe ich zu ihm gesagt, dass er an seinem zweiten Aufschlag noch arbeiten muss ..?!"

http://www.heise.de/tp/artikel/9/9647/1.html
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