Die Assassinen sind wieder da!

03.10.2001

The WTC Conspiracy XII

Die spirituellen und praktischen Anweisungen, die in der zurück gebliebenen Reisetasche eines der vermutlichen Terrorpiloten gefunden und jetzt veröffentlicht wurden, führen in Stil und Diktion zurück an die Wurzeln des militanten Islam und den Urvater des Terrorismus: Hassan-i-Sabbah (Himmelfahrtskommando). Er richtete in der Festung Alamut im nördlichen Iran um das Jahr 1090 das erste Terrornest der Geschichte ein, erfand das Selbstmord-Attentat und brachte seinem Geheimbund, den Assassinen, ebenso berüchtigten wie dauerhaften Weltruf ein. Bis heute steht "assasin" in vielen Sprachen für "Mörder", in besonderer Konnotation mit "hinterrücks", "heimtückisch", "terroristisch" ...

Das Wissen über die Assassinen in Europa war über Jahrhunderte von den Geschichten genährt, die Marco Polo in seinen Reiseberichten aus Persien geliefert hatte. Darin war von einem "Alten vom Berge" die Rede, der seine Jünger mit Haschisch und Opium berauscht, sie in paradiesischen Gärten verwöhnt, um sie dann zu Mordtaten anzustiften, mit denen sie dieses Paradies wieder erlangen würden. Die wissenschaftliche Orientalistik hat diese SDtories zwar später als Legenden entlarvt - mit Haschisch, das im Orient des Mittelalters allgemein bekannt war, hatten die eher asketischen Assassinen so wenig zu tun wie mit paradiesischen Wellness-Oasen -, die Erfindung religiös motivierter, von einem Heilsversprechen verblendeter Selbstmordattentäter aber geht wohl eindeutig auf ihr Konto (vgl. die Zusammenfassung der Assassinen-Forschung von Bernhard Lewis: Die Assassinen - Zur Tradition des religiösen Mords im Islam, Frankfurt 1989).

Aus dem Streit um den rechten Nachfolger des Propheten Mohammed waren im 7. Jahrhundert die sunnitische und schiitische Linie des Islam hervorgegangen, wobei sich von letzterer im 9. Jahrhundert eine weitere Linie, die ismailitische, abspaltete. Zu dieser in einer kleinen Minderheit befindlichen Gruppe, die gegen das ihrer Meinung nach dekadente, verweltlichte Kalifat opponierte, bekannte sich auch Hassan-i Sabbah - und machte sich auf, mit radikalen Mitteln dem gereinigten, wahren Islam wieder zur Macht zu verhelfen. Sowohl in Persien als auch in Syrien und Arabien waren die Ismailiten auf ihrem Missionszug erfolgreich, doch mit dem Selbstmordattentat auf den seldschukischen Groß-Wesir 1092 spalteten sie sich erneut auf, mit einem Zentrum der Gemäßigten in Kairo und der Radikalen in der Assassinen-Festung Alamut.

Einer der Nachfolger Hassans in Syrien, Sinan, wurde später "der Alte vom Berge" genannt - und seine in vielerlei Tarnung auftretenden Selbstmordattentäter waren nicht nur beim islamischen Establishment, sondern auch bei den europäischen Kreuzfahrern gefürchtet - als gefährliche "Schläfer":

"Wie der Teufel verwandeln sie sich in Engel des Lichts, indem sie Gebärde, Kleidung, Sprache, Sitte und Benehmen vieler Völker nachahmen; als solche Wölfe im Schafspelz nehmen sie den Tod auf sich sobald sie erkannt werden."

Auf dem Kreuzzug von Richard Löwenherz wurden in seinen Lagern nicht weniger als 40 vermeintliche Assassinen enttarnt, wobei sich freilich schon zu dieser Zeit nicht nur radikale Ismailiten, sondern auch andere Gegner deren selbstlose Kamikaze-Techniken angeeignet hatten. Ein Experte für innere Sicherheit, der deutsche Kleriker Brocardus, vermerkt dazu 1332 ganz im Sinne von Otto Schily:

"Ich weiß daher nur ein einziges Heilmittel für die Sicherheit des Königs: Am Hofe sollte, selbst für kleine, kurzzeitige Dienstleistungen niemand zugelassen werden, dessen Heimatland, Wohnsitz, Familie, Stand und Person nicht zuverlässig, vollständig und eindeutig bekannt sind."

Es ist erschreckend und faszinierend zugleich, diese alten Geschichten auf dem Hintergrund des WTC-Anschlags wieder zu studieren. Erschreckend, weil einem die fatale Wiederkehr des Immergleichen die Hoffnung auf irgendeine Evolution des menschlichen Bewusstseins wirklich rauben kann, was ja auch schon einer schlichten Kaufmannsseele wie Präsident Bush irgendwie dämmert, wenn er feststellt, dass es Unsinn ist "mit einer 1-Million-Dollar-Rakete auf ein 1-Dollar-Zelt zu feuern". Wo Unerledigtes aus dem psychohistorischen Drama der Menschheit wiederkehrt, ist der ganze technische Fortschritt keinen Schuss Pulver wert.

Faszinierend aber sind diese Geschichten aus konspirologischer Sicht, denn letztlich geht es im Kern dieses Dramas um nichts anderes als um eine Verschwörungstheorie, und zwar um die älteste, einflussreichste und umstrittenste überhaupt. Sie wird üblicherweise mit der Chiffre GOTT abgekürzt. Im Zusammenhang mit der Entstehung des Menschenopfers haben wir auf den katastrophischen Auslöser für die Erfindung der Götter schon kurz hingewiesen: die traumatisierten Überlebenden der Impakt-Katastrophen bringen Sinn in diese sinnlose, grausame und tödliche Verwüstung ihres Lebensumfelds, indem sie geheime, übermächtige Drahtzieher der Katastrophe erfinden: Götter, die mit diesem himmlischen Terroranschlag die Menschheit strafen wollen (Sündenböcke, Menschenopfer und die neue Pax Americana). Um sich von dem Schrecken zu befreien und psychisch wieder Herr der Situation zu werden, spielen die Überlebenden wie Kinder die Katastrophe nach, indem sie blutige Tier- und Menschenopfer inszenieren.

Doch kein anfliegender Kometenbrocken lässt sich von dargebrachten Jungfrauen oder Hammeln beeinflussen. Zusammen mit der Abschaffung des "kindischen" Opfers, auf dessen einst hilfreichen Ritualcharakter sich ein parasitisches Priester-Königtum mit einer Vielfalt von Verschwörungstheorien (=Göttern) ausgebreitet hatte, setzten die Ägypter Echnaton und sein Schüler Moses die vielleicht entscheidendste Rationalisierungsmaßnahme der Geschichte durch: den Monotheismus. Dank der Reduktion auf einen Zentralgott wird die Verwirrung um die Götterverschwörung und der Streit um die Drahtzieher und Hintermänner beendet: fortan gilt der Oberverschwörer als namenlos und unsichtbar und der Opferkult hat als Methode, mit ihm ins Geschäft zu kommen, ausgedient.

Um die rechte Auslegung und Anwendung der angeblich direkt von GOTT stammenden Gesetze entsteht allerdings bald wieder Streit - und mit den Propheten Jesus und Mohammed spalten sich zwei Sekten ab, die die ägyptisch-jüdische Originaltheorie modifizieren und weiterentwickeln. Ob zu ihrem Nutzen oder Schaden, darüber führen die Gottesanhänger seitdem untereinander heftigste Auseinandersetzungen - heftiger als mit Ungläubigen. "Das Blut eines Ketzers zu vergießen", vermerkt ein frommer Sunnit in einer Schrift gegen die Assassinen, "ist verdienstvoller als die Tötung von 70 griechischen Ungläubigen."

Wie aus dem Testament des vermutlichen Terror-Piloten Atta hervorgeht, gehörte er der sunnitischen Glaubensrichtung an. Zumindest theologisch kann er also nicht auf die Linie des Terrorpioniers Hassan-i-Sabbah zurückgeführt werden. Praktisch aber sind die Assassinen wieder da. Ohne ihre vor 900 Jahren erfundene menschenverachtende Version der Verschwörungstheorie GOTT - die Lehre, dass ein Tod im Kampf gegen die Feinde GOTTES Direktzugang zur ewigen VIP-Lounge des Paradieses bedeutet - hätte das Unglück am 11. September 2001 nicht geschehen können. Insofern können für einen erfolgreichen Kampf gegen Selbstmordterroristen materielle Mittel auch nur sehr begrenzt helfen - gegen einen gehirngewaschenen, todesmutigen, paradiesgeilen Geist kommen auch noch so smarte missiles nicht an.

Helfen wird letztlich nur eins: Politik der Umarmung. Schicken wir den Taliban also unsere Sex-Bomben, verwöhnen wir sie mit den sanftesten, wohligsten, lustvollsten Genüssen, Berührungen, Klängen, Düften, verführen wir sie zum entspannenden Gebrauch des herrlichen afghanischen Haschischs, kurz: Jeder Gotteskämpfer, der bei Onkel Sam die Knarre abliefert, erhält erst einmal sechs Wochen Jahresurlaub im paradiesischen all-inclusive "Club du Assassin"!

Falls danach noch weitere Re-Education nötig sein sollte, gilt es eigentlich nur klar zu machen, dass es sich bei GOTT um eine Verschwörungstheorie handelt, für die grundsätzlich keine kollektiv zugänglichen Beweise vorliegen. Sie können nur individuell gefunden werden und fallen nach dem Beobachterprinzip deshalb grundsätzlich so verschieden aus, dass es keinerlei Sinn macht, sich über den wahren GOTT die Köpfe einzuschlagen. Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners!

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