Strandbuch fürs Tote Meer

Günter Hack 04.10.2001

Sextourismus und Xenophobie als programmierter literarischer Skandal? Eine Gebrauchsanleitung für "Plateforme" von Michel Houellebecq

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Man sollte Michel Houellebecqs aktuellen Roman "Plateforme" in einem Hotelzimmer lesen. Im Hintergrund sollte der Fernseher laufen. Den Fernseher immer auf Still stellen. Nimmt man dem rappelnden Medium seinen Ton, dann wird es umgehend machtlos und spratzt nur noch RGB- Werte. Auf Pro 7 läuft "Bodyguard" mit Herrn Costner und Frau Houston. Houellebecqs Ich-Erzähler, ein Beamter im französischen Kulturministerium, macht sich auf, die Hinterlassenschaften seines kürzlich ermordeten Vaters zu regeln. Der Vater wurde vom Bruder seiner ausländischen Haushälterin umgebracht, weil Vater und Haushälterin ein Verhältnis miteinander hatten. Der Ich-Erzähler begibt sich darob auf einen Ficktrip nach Thailand.

"Bodyguard" handelt von einer heimtückischen Bedrohung im Hintergrund des glamourösen Lebens einer superreichen aber nicht besonders hellen Popsängerin. Costner beschützt die dumme Frau. Es ist Liebe hin zum Tod. Bei Houellebecq liegt der Ich-Erzähler schon unter einer Thai-Masseuse. Er gibt ihr ein ordentliches Trinkgeld. Ich schalte um. Auf dem französischen "Cartoon Network" (Sie sind putzig, die Franzosen, sie sagen "le Cartuun Net'wörque") läuft die ins Französische übersetzte Version von "I Am Weasel" - im französischen Non-Original "Monsieur Belette". Das ist fast so gut wie "Les Supers Nanas", die französische Version der Powerpuff-Girls, mein absoluter Favorit in den letzten Wochen. Auf CNN kommen nur Bärte und Menschen im Staub. Staub und Bärte. Alle amerikanischen Standard-Hassfeinde haben Bärte. Stalin, Hitler, Saddam, die Moslems an sich... Ein dunkler Jet steigt auf. Die Armee will den bin Ladenschluss endgültig vorverlegen.

Houellebecqs Roman handelt vom Ficktourismus. Der Ich-Erzähler ist 40 Jahre alt, Single, ein ziemlicher Depp und er geht gern zu Prostituierten. Der Roman funktioniert auf zwei Ebenen. Die erste ist die oberflächliche Ebene. Diese Ebene möchte gerne verfilmt werden, die Aufmerksamkeit wird mit Sex-Szenen aus dem Standard-Sexszenenbaukasten gebunden. Oder auch nicht. Der Ich-Erzähler findet überraschenderweise eine Freundin, mit der er sämtliche Standard-Sexualpraktiken hintereinander durchprobiert. Man vögelt in Paris, man treibt es zu dritt auf Cuba und im Swimming-Pool einer Badeanstalt; man tauscht die Partner, man ekelt sich in Sadomasoclubs. Im TV bespringt der Kevin gerade Frau Houston, aber nur, um sie zu retten. Houellebecqs Held kann sein Glück nicht fassen. Es wird geleckt und gestoßen, begrapscht und besprungen... keine Muschi (er sagt immer "Chatte") ist vor ihm und seiner Freundin sicher. Die Freundin arbeitet in der Reisebranche. Gemeinsam mit ihrem Boss bereitet sie den Launch einer Kette standardisierter Fickferienclubs vor. Man will an Neckermann und TUI standardisierte Fickferien verkaufen. Houellebecqs Held meint, das könnte funktionieren, weil die Europäer zwar Geld, aber keinen Sex und die Drittweltbewohner zwar Sex aber kein Geld hätten. Der Imperativ der Ökonomie verlangt nach entsprechender Ausbeutung und Standardisierung. Der Ich-Erzähler hat ungeschützten Sex in Thailand, aber er holt sich, zumindest vorläufig, keine Immunschwächekrankheit.

Was das Buch so unfreiwillig aktuell macht, ist der Moslemterror und der ständig vor sich hinknurrende unterschwellige Hass auf schmutzige Drittweltmenschen, die in Frankreich beispielsweise die Zentrale des Hotelkonzerns belagern, die Marketingdirektorin brutal vergewaltigen und schließlich des Ich-Erzählers Freundin in die Luft sprengen. Der Ich- Erzähler hasst daraufhin die Moslems, er erinnert sich an einen ägyptischen Bekannten, der ihm davon erzählte, wie primitiv die Moslems seien, dass aus Ägypten seit der Machtübernahme durch die Moslems ein primitives Land ohne Lebensfreude mit hässlichen, verschleierten Frauen geworden sei.

Hier kommt die zweite Ebene ins Spiel, die so funktioniert wie eines dieser Vexierbilder, die Psychologieprofessoren so gerne in ihren Vorlesungen verwenden. Verlag und Autor könnten darauf hoffen, dass irgendeine politisch korrekte Organisation das Buch wegen der unterschwelligen xenophoben Tendenzen im Text angreifen und damit einen verkaufsfördernden Skandal generieren könnte. Houellebecq könnte sich dabei cool aus der Non-Affäre ziehen, denn es sind ja nur Romanfiguren, die da xenophob sind. Die Houellebecq'schen Neo-Spießbürger und ihre Ängste und Begierden sind nach dem Baukastenprinzip zusammengestellt. Das Buch beginnt schwach, als der Autor versucht, seine Hauptfigur entlang der von ihr konsumierten Fernsehsendungen zu konturieren. Die dabei entstehende Depression hatten wir speziell aus Frankreich schon in höherer Qualität (Sartre, Sagan, you name it). Houellebecqs Exportartikel ist die ölig übelriechende Verzweiflung. Die Houelle, das sind dabei nicht nur die Anderen, sondern vor allem man selbst - eine korrekte Beobachtung der fortschreitenden Hypermodernisierung. Die superintelligenten Subsysteme der Cyborgs der Zukunft werden sich vor allem selbst auf die neuronalen Netze gehen. Egos fragmentieren im eigenen Gravitationsvortex. Bei Houellebecq muss sich der Held nur mit glitschigen Muschis und krunkeligen Ökotouristen herumschlagen.

Costner und Houston sind fertig, es kommt Focus-TV und es frönt der Lieblingsbeschäftigung deutscher Journalisten: Der Verbreitung kreischender Panik. Nach der üblichen Osama-Show und der Powerpoint- Präsentation des Bösen, dieser endlosen Slideshow mutmaßlicher und tatsächlicher islamischer Selbstmordattentäter, kommt man zum Punkt: Der Osama, so sieht es aus, würde gern Insektenvernichtungsmittelsprühflugzeuge mit Biowaffen volltanken und amerikanische Großstädte damit duschen. Joe hat eine Cropduster- Staffel unter seinem Kommando. Er kann das alles nicht fassen. Die islamischen Terroristen waren doch immer geradezu vorbildlich nett und unauffällig! Doch die Slideshow geht weiter: Für ganz besonders Begriffsstutzige wird ein Osama-Zitat eingeblendet, nach dem die Selbstmordattentäter die dekadenten Stätten westlicher Vergnügung vernichten sollen. Schnitt von der Cropduster-Farm im Cornbelt zu einer Luftaufnahme des Oktoberfests. Verflucht nochmal! Der Osama will das Oktoberfest vergiften! So ein Sauhund, der Osama! Zefix!

Weil die echte Konvergenz nicht zwischen irgendwelchen Medien, sondern nur zwischen Realität und medial generierten Imagos stattfindet, wird auch in Houellebecqs Roman eine Stätte der westlichen Vergnügung in die Luft gejagt. Mutmaßliche Moslem-Attentäter sprengen ein thailändisches Vergnügungsviertel. Dabei werden nicht nur des Helden supersexy Freundin, das Licht seines ansonsten trüben Lebens, sowie etliche seiner Kumpel getötet oder verletzt, sondern es geht auch gleich der Masterplan mit den Fickhotels in Rauch auf. Der Held hasst daraufhin die Moslems mit schwindender Inbrunst, bis er einen Moslem trifft, der selbst auf Tour durch die thailändischen Fickhotels ist und der ihm sagt, dass der Islam eh schon fertig ist. Das ist praktisch und der Held hört auf zu hassen, weil sie eh schon fertig sind, die Moslems. Die islamischen Terroristen, so der Unterton, haben mit ihrem Moslem-Monotheismus keine Chance gegen den Monotheismus des Westens: Den Kapitalismus. Ist der Roman nun geschicktes Patchwork postmoderner Sujets oder wird hier systematisch Xenophobie in die ansonsten aseptisch leeren Reinräume der westlichen Konsumgesellschaft projiziert? Es ist mir egal. Ich habe mich bei Houellebecq schon immer vortrefflich gelangweilt. Seine Ödnis ist so systematisch, so...

Focus TV zeigt die Bundeswehr als Sparschwein der Nation. Ein Wehrexperte brabbelt. Die Botschaft: Wir müssen endlich wieder ordentlich hochrüsten, sonst kommt der Osama und das Abendland wird die Beute der bärtigen Taliban. Der Osama wird in Texas Cropduster-Planes klauen und das Oktoberfest mit Milzbrand-Erregern duschen. Das wird aber nicht passieren, wenn wir rechtzeitig auf der Bavaria ein lasergesteuertes High-Tech-Osama-Abwehrsystem installieren. Oder den Osama dort bekämpfen, wo der Prophet seinen Bart wachsen lässt: Im wilden Afghanistan. Sobald Christiane Amanpour irgendwo auftaucht, ist es sowieso Zeit, die Koffer zu packen und sich in eine ruhigere Gegend zu verziehen. Die kühlblonde Robo-Moderatorin von Focus-TV fixiert ihren Eiswürfelblick auf den Teleprompter. Das Perpetuum Mobile menschlicher Verkommenheit nimmt wieder etwas mehr an Fahrt auf. Houellebecq tippt das Script dazu. Vorhersehbar, aber ein bisschen lustig. Ein Strandbuch für Urlaub am Toten Meer. Im übertragenen Sinn, natürlich.

http://www.heise.de/tp/artikel/9/9707/1.html
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