Die Geburt der Wissensgesellschaft aus dem Geist der Marktschreierei

07.10.2001

250 Jahre Encyclopédie oder: Das Geschäft mit der Aufklärung.

Aus dem Nachlass eines philosophischen Jahrhunderts: Die Encyclopédie von Diderot und d'Alembert kann als Hauptwerk der französischen Aufklärung und als Reiseführer auf dem Weg in die Wissensgesellschaft gelesen werden. Zum 250-Jahr-Jubiläum erscheint eine neue deutsche Textauswahl mit dem Anspruch, ein Buch neu zu denken, das seinerzeit die Welt neu zu denken wagte.

Wissen und Macht

Wissen, vor allem traditionelles Wissen um Handwerkskunst und Wissenschaft, ist ein zentraler Bestandteil der gesellschaftlichen Reproduktion. Aber es dient nicht immer der Aufklärung und der Verbesserung der Menschheit. Seine Konservierung liegt im Interesse der Herrschenden - das Sammeln und Sichern von Wissen war ein Anliegen nicht nur von akademischem Belang. 1726 erschien das bis heute wahrscheinlich gewaltigste Druckwerk aller Zeiten, gestützt von der kaiserlichen Bürokratie, die damit ihren Nachwuchs qualifizierte: das chinesische Qinding Gujin tushu jicheng, unglaubliche 750.000 Seiten lang. Aber das war ein Buch für den Staat, nicht für das Volk, ein Buch ohne Publizität.
Im Gegensatz zu dieser staatlichen Publizistik lag in der frühen Neuzeit das Publizieren in Europa in Händen privater Geschäftsleute, die allerdings meist erst mit einem königlichen Druckprivileg tätig werden konnten. So entwickelte sich zwar ein offeneres, aber auch stark kommerziell geprägtes Wissenssystem. Der Informationsmarkt nahm ständig an Bedeutung zu. Damit entwickelten sich nicht nur die Gruppe der Intellektuellen, die vom Publizieren lebt, es entstanden auch jene Nischen in der Wissensordnung, in denen Subversion und Kritik gedeihen konnten.

So auch im Fall der Encyclopédie, die vor 250 Jahren in Druck gegangen ist. Einerseits unterlag sie der Zensur, andererseits erklärte sie eine Neuordnung des Wissens, die zum Entsetzen der im europäischen Bildungswesen lange tonangebenden und politisch einflussreichen Jesuiten von Eroberern, Heiligen und Herrschern partout nichts mehr wissen wollte - dennoch hat das neue Wissen sich durchgesetzt, den Herausgebern ein gutes Einkommen beschert und den Verleger zum mehrfachen Millionär gemacht.

Das enzyklopädische Gewerbe

In jener an Sammlungen und Nachschlagewerken reichen Zeit hat so mancher Verleger Geschäftstüchtigkeit bewiesen. Man versuchte, eine möglichst breite Leserschaft anzusprechen. Beworben wurden die lexikalischen Sammlungen mit dem Argument, dass man ohne sie jetzt keine Zeitung mehr lesen, geschweige denn eine anständige Konversation führen könne. Es gebe schon derart viele Wörterbücher, schrieb Mitte des 18. Jahrhunderts der deutsche Diplomat Melchior Grimm aus Paris, dass man angesichts dieses Fureur des dictionnaires schon auf die Idee gekommen sei, ein Dictionnaire des dictionnaires zu drucken.

Tatsächlich überschwemmte eine solche Vielzahl an Enzyklopädien, Wörterbüchern, Almanachen, Lexika, Atlanten und Bibliografien den Buchmarkt, dass eine Übersicht unmöglich schien. Doch während nur noch von der einen, großen Encyclopédie Diderots die Rede ist, spricht Peter Burke in seiner staubtrockenen Übersicht zur Geburt der Wissensgesellschaft von einem "enzyklopädischen Gewerbe". Der Kommerz und das Wissen - schon damals ging im Westen nichts ohne den Markt.

Der Historiker Burke hat hier keine neue Studie über die Wissensgesellschaft vorgelegt, sondern eine Art Literaturbericht über bestehende wissenssoziologische und historische Ansätze zum Thema. Es gelingt ihm dennoch, zwei Dinge deutlich vor Augen zu führen: einmal, dass auch außereuropäische Gesellschaften ihre Wissensorganisation hatten, da Herrschaft und Verwaltung nun einmal auf Wissen beruht. Und zweitens, dass es einen Prozess der Individualisierung einst kollektiven Wissens gab. So entstanden Patente und Copyrights aus dem früheren Privilegiensystem der Päpste, Kaiser und Könige. Die heute herrschenden Vorstellung vom "geistigen Eigentum" hatte sehr viel mit dem Geist des Kapitalismus zu tun. Man huldigte einem Wissenskommerz, wie schon den Zeitgenossen aufgefallen war, welche die Kunst der Selbstvermarktung und die "Marcktschreyerei der Gelehrten" anprangerten.

Publikation wird ein geschütztes Geschäft

Wem gehört das Wissen wirklich? Burke warnt davor, die Kategorien vergangener Zeiten mit den heutigen in eins zu setzen (vgl. Burke im Interview zu historischen Periodisierungen). Im Mittelalter herrschte eine durchaus kollektivistische Text- und Bildkonzeption, nach der das Kompilieren von Texten fremder Autoren durchaus respektabel war. Auch die Aufklärung bedient sich später des Ideals vom Wissen, das der gesamten Menschheit zur Verfügung stehen soll. Im Spätmittelalter jedoch begann eine individualistische Einstellung sich durchzusetzen.

Seit dem Mittelalter war die kaufmännische Kultur an Schriftlichkeit gebunden, und die Warenströme richteten sich nach den Informationsströmen. Der Informationsbedarf multinationaler Handelshäuser - Burke nennt die holländische Ostindiengesellschaft - war Teil ihrer Geschäftsstrategie und erforderte ein effizientes Kommunikationsnetzwerk. Die Handelsinformationen wurden zunehmend auch in Raubdrucken verbreitet, ein gutes Geschäft für findige Drucker und Verleger. Bereits im 15. Jahrhundert wurden Drucker von Geschäftsleuten finanziert, die Wissensverbreitung stand zunehmend mit einem Profitstreben oder zumindest mit einem gewissen Geschäftssinn in Verbindung.

Bei den Drucker herrschte ein entsprechend ausgeprägtes Konkurrenzdenken. Oft wurden verschiedene Bücher zum selben Thema gleichzeitig publiziert. Führende Nachschlagewerke, aber auch Enzyklopädien wurden in kurzer Folge und in direkter Konkurrenz zueinander hergestellt. Dadurch bekamen Annoncen und Kataloge über bestehende Wissensangebote Aufschwung. Und nur in diesem Zusammenhang des möglichen Profits ist die Gesetzgebung zum Schutz geistigen Eigentums zu sehen; so entstanden Patente und Copyrights aus dem früheren Privilegiensystem der Päpste, Kaiser und Könige, also "zeitweilige oder dauerhafte Monopole zum Schutz bestimmter Texte, Drucker, Genres oder sogar neuer Lettern" (Burke). Das englische Gesetz zum Urheberrecht datiert auf 1709 und sollte "gelehrte Männer" durchaus mit der Aussicht auf Gewinn dazu ermuntern, "nützliche Bücher zu verfassen und zu schreiben".

Gegen die Sitten und die Religion zu Gewinn und Ruhm

Wir haben eingesehen, dass die Encyclopédie nur der Versuch eines philosophischen Jahrhunderts sein könne, dass dieses Jahrhundert gekommen war, dass die Ruhmesgöttin, wenn sie den Namen derjenigen, die das Große vollbracht, der Unsterblichkeit entgegenführte, vielleicht nicht verschmähen würde, auch unsere Namen mitzunehmen.

Der Pariser Verleger Le Breton wollte zunächst nur Ephraim Chambers' gutgehende Cyclopedia aus dem Englischen übersetzen lassen. Dafür hat er unter anderen den in einfachen Verhältnissen lebenden philosophischen Schriftsteller Denis Diderot angeheuert. Aus dem Handlanger wurde erst nach Streitigkeiten der berühmte Herausgeber der http://encyclopedie.inalf.fr/fr-overview.html Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers, deren erster Band mit einer Auflage von 2000 Stück im Sommer 1751 erschienen ist.

Denis Diderot - Portrait von Fragonar

Kurz nach dessen Publikation verdoppelte sich die Zahl der Subskribenten auf 4225 - ein gewaltiger Erfolg. Es dauerte aber noch fast ein Vierteljahrhundert, bis das Werk endlich abgeschlossen sein sollte: die insgesamt mehr als 76.000 Artikel, an denen 140 bis 160 Autoren (mit Susanne-Marie de Vivans war offiziell auch eine Frau dabei, immerhin...) mitgearbeitet hatten, sollten sich letztlich auf insgesamt 35 mächtige Bände mit 2800 Kupferstichen verteilen. Es gab auch bald Nachdrucke in anderen Städten, und nicht gerade Paperbacks, aber doch Ausgaben in anderen, günstigeren Formaten. Bis zur französischen Revolution hatte es die Encyclopédie so zu einer Auflage von gut 25.000 Stück gebracht.3364

Das verfluchte Monstrum

Die Erstausgabe einer Enzyklopädie kann nur eine sehr formlose & unvollständige Sammlung sein. Auch ist eine so ansehnliche & schöne Sammlung von Maschinenzeichnungen bisher nicht zustande gekommen & wird auch so bald nicht wieder zustande kommen. Wir haben ungefähr tausend Bildtafeln. Wir sind fest entschlossen, bei den Kupferstichen nicht zu sparen.

Es war der Durchbruch der französischen Aufklärung, an dem selbst Malesherbes, Chef der Zensurbehörde, seine klammheimliche Freude hatte. Er stellte das Projekt heimlich unter seinen Schutz. Offiziell ausgelegt wurde es den Herausgebern allerdings als Verstoß gegen die Sitten und die Religion. Und wegen anderer Texte gab es einen "Lettre de cachet", der Diderot 1749 mitten in der Redaktionsarbeit mehrere Monate ins Gefängnis brachte.

Das "verfluchte Monstrum", wie es der schwer belastete Diderot bald schimpfen sollte, versammelte die unbequemen Stimmen seiner Zeit. Mit Ironie und Wortspielerei, stilistischen Verfremdungen und offenen Worten über Dinge, die damals wie heute nicht unbedingt zum guten Ton gehören, führten diese Wälzer in die Denkungsart einer neuen Zeit. "Ich fordere lediglich Methode, ganz gleich welche", schreibt er, "in dem man die Regeln nicht mehr bei den Schriftstellern suchte, sondern in der Natur". Wissenschaft, für die vor allem sein Freund d'Alembert zuständig war, diente als Medizin gegen Religion, Aberglauben und Irrationalität.

Dabei gingen sie äußerst listig vor und versteckten ihre Kritik hinter ironischen Wendungen und in Beiträgen, in denen man sie nicht vermutete. Man stürzte sich nicht sich ins offene Messer mächtiger Kritiker. Und so steht unter dem Stichwort "Jesuit" von Diderot eine vernichtende Kritik des Ordens zu lesen - allerdings folgendermaßen objektiviert:

"Wir selbst werden hier nichts dazu sagen. Dieser Artikel ist lediglich eine getreue Zusammenfassung der Berichte, welche die Generalprokuratoren der Gerichte erstattet haben..."

Die Strategie, mit der Inhalte den Beiträgen zugeordnet werden, mutet dadurch manchmal fast dadaistisch an. So erfahren die Leser unter Zzyne, dem allerletzten Eintrag mit dem Doppel-Z, zwar nichts über ägyptische Stadt, welche diesen Namen trägt. Dafür wird ihnen, diesmal von Diderots Helfer Jaucourt, mitgeteilt:

"Dieses Wort ist das letzte des Werks, & damit wird es die Encyclopédie zweifellos auch beschließen. Um das Reich der Wissenschaften & der Künste auszubreiten, wäre es laut Bacon wünschenswert, dass fähige Menschen aus allen Wissensgebieten miteinander in Verbindung stünden. Ihre Zusammenarbeit würde die Welt der Wissenschaften & Künste in ein strahlendes Licht setzen. Welch herrliche Verschwörung!"

Dem folgt eine knappe Invektive gegen die zahlreichen Sophisten und Neider des Projekts. Skepsis, Beleg, Nachfrage, Wiederholung, doppelbödiges Räsonnieren und immer wieder die ausgesprochene Polemik gegen Kirche und Religion kennzeichnen vor allem die Artikel des Herausgebers Diderot. Dabei gab es Streit mit dem Verleger Le Breton, der um sein Geschäft fürchtete und nach Abschluss der Textredaktion die Beiträge vor dem Druck der letzten Bände noch zensuriert hat. Diderot soll aus Wut darüber geweint haben, als ihm die gedruckten Exemplare vorlagen. Er ließ den Verleger wissen, dass nicht die brave Präsentation gängigen Wissens, sondern die "entschlossene Philosophie" der Autoren dem Druckwerk seinen ungeheuren Erfolg beschert habe.

Wissen ohne Fortschritt?

Den kritischen Geist der Encyclopédie würdigt nun ein neuer Band aus der Sammlung "Die Andere Bibliothek", mit dem Anspruch, ein Buch neu zu denken, das seinerzeit die Welt neu zu denken wagte. Ein großes, schönes und teures Buch, das freilich in keinerlei Verhältnis steht zur Investition, die der Erwerb einer Ausgabe damals bedeutete. Da Bücher heute nicht mehr State of the art sind, was die Präsentation von Wissen anbelangt, funktioniert diese Neuausgabe ausgewählter Texte eher auf der marginalen, ästhetischen Ebene. Nicht der Geist, sondern die Sinne werden angesprochen.

Man dachte sich verlagsseitig, es gebe wohl keinen Weg, das Prinzip der Encyclopédie fortzuschreiben. Und versetzte eine Auswahl neu übersetzter Original-Artikel mit Zitaten und zwischengestreuten Essays aktueller Autoren. Das funktioniert manchmal gut, aber eins fällt auf: wie wäre es gewesen, dem Geist des philosophischen Zeitalters auf andere Art und Weise zu entsprechen? Wie, wenn hier - statt schöngeistige Dichtung, Feuilleton und einige Professoren zu bemühen - wie wäre es eigentlich gewesen, kritische Stimmen der Gegenwart zu Wort kommen zu lassen? Stimmen, die dem Niveau des Originals nicht literarisch, wohl aber gesellschaftspolitisch das Wasser reichen könnten? Nein, dieses Buch, das sich auf dem Regal jedes Oberstudienrates sehr gut machen wird, hat nichts mehr von jenem Geist der Provokation und der Utopie, der das enzyklopädische Unternehmen einst beflügelt hat.

Eine einzelne brennende Kohle, sagte Diderot, bringt noch keine Glut. Sein Bemühen war die Verknüpfung von Wissen, ihn ging es um kollektive Textproduktion, um das Erreichen einer kritischen Masse - um eine Erweiterung der akademischen Sichtweise, die freilich auch Lust, Luxus und Genuss umfasst hat, sich aber dennoch nicht auf Feuilletonistisches reduzieren ließ. Die Ordnung eines Wörterbuchs entlastet das Gedächtnis, auch das wusste Diderot, der darauf hoffte, dass damit der Raum für klare und neue Gedanken wächst.

Vernetzung und Kreativität, das sind sehr moderne Ansprüche, mit denen man damals die akademische Wissensproduktion zu überbieten trachtete. Ein Diderot heute wäre entsetzt - aber nicht darüber, dass so wenig "schöne Bücher" gemacht werden. Eher schon darüber, dass die erhoffte Revolution nicht unbedingt eine Revolution in den Köpfen war, und darüber, dass eine Gesellschaft nach der Aufklärung auch noch ihre Verschränkung von Wissen mit Politik und Religion kennt und folglich kaum besseren Gebrauch vom vorhandenen Wissen macht als die davor.

Denis Diderot - Die Welt der Encyclopédie
Editiert von Anette Selg und Rainer Wieland
Die Andere Bibliothek, Eichborn Verlag, 2001. 496 Seiten, Euro 65,45

Peter Burke: Papier und Marktgeschrei. Die Geburt der Wissensgesellschaft
Wagenbach Verlag, 2001. 320 Seiten, Euro 24,54

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Kommentare lesen (1 Beiträge)
  • lust? (07.10.2001 15:22)
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