Das Verwirrspiel geht weiter

Florian Rötzer 06.10.2001

Angeblich wurde bei einem Mitglied einer zu Bin Ladin gerechneten französischen Terrorgruppe ein Codebuch gefunden

Kamel Daoudi, ein Student der Informatik, der letzte Woche von Großbritannien im Zusammenhang mit der Suche nach weiteren Mitgliedern des Terrornetzwerks von Bin Ladin nach Frankreich ausgeliefert worden ist, gehörte angeblich ein Notizbuch mit Geheimschlüsseln. Die französischen Behörden vermuten, dass hier die Codes angegeben sind, mit denen die Terroristen ihre Nachrichten verschlüsselt haben könnten.

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Noch gibt es allerdings keine Nachweise dafür, dass die Organisatoren der Anschläge und die Mitglieder des Terrornetzwerks tatsächlich ihre Nachrichten verschlüsselt haben. Wie das FBI herausgefunden hat, benutzten die mutmaßlichen Attentäter gerne öffentliche Computer, um ins Internet zu gehen, oder hatten anonyme Email-Accounts (Fahndung im Internet).

Der 27-jährige Kamel Daoudi war am 21. September der französischen Polizei entkommen, die eine Terrorgruppe ausgehoben hatte, und wurde schließlich in Leicester aufgegriffen. Die Gruppe soll unter der Leitung von Djamel Beghal, der schon im Juli in Dubai festgenommen und nach Frankreich ausgeliefert wurde, einen Bombenanschlag auf die US-Botschaft in Paris geplant haben. Daoudi, der mit Beghal zusammen wohnte, ein Informatikstudium abgeschlossen hatte und in einem Internetcafe arbeitete, soll mehrere Mal in Trainingslagern von Bin Ladin in Afghanistan gewesen sein. Bei der Gruppe soll er für Logistik und Kommunikation zuständig gewesen sein.

Sollte nun tatsächlich bei Kamel Daoudi ein Codebuch gefunden worden sein, dann spräche dies doch dafür, dass die Mitglieder der Terrorgruppen ihre Botschaften elektronisch auf verschlüsselte Weise übermittelt haben. Wie so oft sind aber die Informationen kärglich und gleichen Gerüchten (Verwenden die muslimischen Terroristen Steganografie?). ABC.com behauptet einmal wieder ohne jede Begründung, dass die mutmaßlichen Terroristen Steganografie verwendet hätten. Alexis Debat, ein ehemaliger Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums, sagte dem Sender, die französische Polizei vermute, dass die Verdächtigen darauf gewartet haben, den Befehl zur Ausführung des Attentats über eine mit Steganografie versteckte Botschaft in einem Bild zu erhalten. Allerdings sagte Debat, dass er diese Informationen von der Polizei erhalten habe, die glaube, dass das Notizbuch mit arabischen Schriftzeichen ein Codebuch zu sein scheint.

Auch die französische Regierung erwägt als Reaktion auf die Attentate eine Erweiterung der Zugriffsrechte der Strafverfolgungsbehörden auf die Internetkommunikation. So ist geplant vorzuschreiben, dass Daten von Providern länger gespeichert werden müssen, aber auch, dass der Zugriff auf verschlüsselte Informationen ermöglicht werden soll, indem Verdächtigen, die ihren Schlüssel nicht mitteilen, nach britischem Modell Gefängnisstrafe droht. Der Premierminister Lionel Jospin hatte am Mittwoch angekündigt, dass Richter zur Terrorbekämpfung die Mittel zur Überwachung der Internetkommunikation erhalten sollen. Um diese Überwachungsmöglichkeiten durchzusetzen, die oft schon früher vorgesehen waren, würde die Verwendung von Kryptografie und Steganografie durch die Terroristen eine gute Legitimation sein.

http://www.heise.de/tp/artikel/9/9738/1.html
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