Kraftwerks Enkel - Zelebration des Lärmrituals

Michael Klarmann 13.10.2001

Aachen als Mekka für den maschinellen Menschheitstraum

Exemplarischer konnte der Kontrast wohl kaum ausfallen. Während Monolith aus Belgien am Freitag Abend knapp 600 Besucher des Maschinenfestes mittels Technosound zu einer tanzenden und wabernden Masse verwandelte, stand das Publikum direkt danach bei dem Auftritt von P.A.L. fast still. Der für seine tanzbaren Beats bekannte 33-Jährige verstörte das Publikum, fast krampfhaft suchten einige der im Saal Verbliebenen nach einem Takt. Doch der Münchener sampelte 42 Minuten lang atmosphärische Streicher, elektronisch verfremdete Klassik und Kirchenmusik zu einem untanzbaren Soundteppich.

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P.A.L. - Handgemachte Musik im Elektrosmog (Foto

P.A.L. und Monolith waren zwei der über 20 Acts auf dem Maschinenfest, das in Aachen vom 4. bis 7. Oktober täglich mit bis zu 9 Stunden Livesounds für Unruhe sorgte und dem Motto der Einstürzenden Neubauten von 1980 folgte: "Hör mit Schmerzen!" Um die 800 Anhänger von Industrial und Elektronic Body Music (EBM) aus Europa, den früheren Ostblockstaaten, USA, Kanada und Israel besuchten das Treffen. Nicht wegen der Besucherzahl, wohl aber der großen Auswahl auftretender Soundtüftlern gilt es als eines der größten internationalen Festivals der Szene. Und der sehbehinderte P.A.L. traute sich hier etwas. Statt tanzbare Elektronikkompositionen lieferte er Collagen, die an psychedelische Soundtracks für trashige Horrormovies der 70er Jahre oder eine spacige Hörspielversion von Der Böse Wolf erinnerten. Für seine Anhänger zwar interessant, aber eben untanzbar.

Zelebration des Lärmrituals

Was die Enkel von Kraftwerk und The Throbbing Gristle eint, sind ihre elektronischen Instrumente (vgl. Gewaltmarsch in die Freiheit). Synthesizer, Computer, Minidisc- und Tonbandcollagen, Samples, bisweilen der gute C64 oder ein Gameboy. Die Songs reichen von piepsiger Tanzmusik, minimalelektronischen Kompositionen über kargen, maschinenhaften Walztechno, brachiale Dancefloorloops und Breakbeats bis hin zu unsentimentalen Störgeräuschschlaufen oder Soundtracks für apokalyptische Science Fictions. Gesungen wird selten, manchmal werden Textpassagen aus fremden Quellen gesampelt. Neben sphärischen Klangcollagen und meditativen Sounds in Richtung Trance und Worldmusic-Ambiente residiert monotone Stampfmusik, passend zur Fuck-Parade, auf der einige der in Aachen anwesenden Acts schon auftraten. Kongenial auf den Punkt brachten einst Klangstabil diesen Hang zur Monotonie: Nomen est Omen produzierte das Duo eine Single mit einem konstant bleibenden Ton. Andererseits liefern Acts wie die belgischen Axiome auf der exklusiven Festival-Doppel-CD, ihrem Debüt-Album und natürlich livehaftig Disharmonien am Stück - Anti-Musik!

Passend zu den mit bis zu 125 Dezibel auf das Publikum lospreschenden Klangteppichen und deren zuweilen Ohren betäubendes, elektronisches Donnergrollen wurde das Maschinenfest im Autonomen Zentrum (AZ) der Kaiserstadt veranstaltet. Das AZ residiert in einem zehn Meter unter der Erde gelegenen, ehemaligen Atomschutzbunker. Nach Ende des Kalten Kriegs vermachten die Stadtväter Aachens Hausbesetzern den unterirdischen Schutzkomplex als Konzerthalle. Sehr wahrscheinlich würde auch kaum eine andere Location die Zelebration des Lärmrituals heil überstehen. Zuweilen vibrierten sogar die Metalltore am oberirdischen Eingang des Bunkers.

Besucher ohne Hörschutz dürften denn auch nach der Dauerbeschallung erhebliche Probleme mit einem Tinnitus bekommen, erst recht nach dem Auftritt der aus Franken stammenden Winterkälte am Samstag: das Duo ließ im mitternächtlichen Stroboskoplichtgewitter mittels Keyboard und - es blieb die Ausnahme - einem elektronischen, herkömmlich gespielten Schlagzeug ein brachiales Drum'n'Bass-Gebolze auf das Publikum los. Ohne Gehörschutz zehrt der Fan wohl noch Tage davon, schlimmstenfalls sein Leben lang. Die sonntägliche Technostampede des Duos Proyecto Mirage aus Spanien dürfte ähnlich nachhallen.

Gegenseitig die Bälle zu spielten sich Specials wie das deutsch-belgische Projekt oder Panacea vs. Needle Sharing. Bei letztgenannten endete es in einem skurrilen Patchwork aus Techno mit Pop-, Triphop- und Dub-Elementen - sogar Volksmusik bekam als Sampel eine völlig neue Daseinsberechtigung. Als extravagante Acts traten diesmal u.a. Black Lung aus Australien auf, wobei David Thrussell von Dead Can Dance am Sonntag Abend mit diesem, seinem Egoprojekt auf eine obskure, ungehörige Mischung aus Ambiente und Techno setzte. Sowohl bei Monolith als auch Sonar finden sich Ex-Members der früheren belgischen EBM-Formation Klinik. Dirk Ivens von Sonar war mit seinen über 50 Lenzen der älteste Musiker in Aachen, sein Duo lieferte Drum'n'Bass-Gestampfe, das unweigerlich an einen Maschinenpark erinnerte. Als Topact beendeten die kanadischen Orphx am Sonntag ab Mitternacht das Festival. Ihr Gig war der einzige in Europa für dieses Jahr.

Von der Ästhetik und deren Wirrungen

Ähnlich uneinheitlich wie die Soundvorstellungen der Künstler spiegelten sich Experimentierfreude und Toleranz auch im für Außenstehenden kaum zu entschlüsselnden Dresscode der Besucher. Von Siff- oder gestylten Edelpunks über völlig belanglos gekleidete Menschen reichte das Outfit bis zu Dark-Waver und Skinheads.

Mancher Mann erschien gescheitelt und uniformiert wie eine Mischung aus Militarist und Nazi. Daneben traf man auf abgespacte Technojünger sowie hinter "High-Tec-Fashion" und Cybermoden verpackte Musikliebhaber. Nicht nur Frauen, sondern auch Männer erinnerten in schwarzem Lack, Leder und freizügiger Sexshop-"Kleidung" unweigerlich an Schaufensterpuppen des Beate Uhse-Shop. Ein Grüppchen Unverwegener reiste standesgemäß im rustikalen Leichenwagen an. Derselbe Wahnsinn findet sich auch bei der Gestaltung der Tonträger: Albumboxen, Holz- oder Metallcover sind Kunstwerke; Minimalauflagen, exklusive Kunstdrucke oder Gasmasken als "Cover" einer Tonkonserve garantieren Sammlerwert.

Bei all dieser Exotik wirft die Szene allerdings auch Schatten. Da EBM-Sounds oftmals den Weg Richtung Marschmusik und Teutonengestampfe weisen, haben sich Teile davon zu einem Tummelplatz von rechts-esoterischen Strömungen entwickelt. Favorisiert wird daneben auch eine akustisch gesampelte Lagerfeuerromantik, Bardentum oder "Apokalyptic Folk". Eines der bekanntesten Beispiele aus jenem Umfeld zwischen Männerbund und Neuheidentum dürften Death in June sein, deren Name sich auf den Röhm-Putsch bezieht, bei dem Adolf Hitler im Juni 1934 eine Mordaktion gegen die Führungsspitze der SA und deren "Stabschef" Ernst Röhm angeordnet hatte. Das Maschinenfest bleibt durch die Auswahl der auftretenden Künstler, das antifaschistische Veranstalterkollektiv und den Veranstaltungsort allerdings für Publikum und Musiker aus der rechten Ecke nahezu uninteressant und stößt zuweilen offen auf Missgunst in jenen Kreisen.

Trotzdem kam es bei einem früheren Industrialfestival im Autonomen Zentrum zu einem Ausrutscher. Mitte der 90er Jahre gastierte im AZ der Franzose Vivenza. Erst nachdem das linke Veranstalterkollektiv, das sich gemeinhin gut informiert über seine auftretenden Gäste, die intellektuell verfassten französischen Texte sorgfältig studiert hatte, dämmerte ihm nach dem Auftritt, dass Vivenza neurechte Strömungen propagiert. Das von ihm bevorzugte, auf die Veranstalter beim Auftritt selbst zuerst unverfänglich erscheinende Bühnenbild, entpuppte sich mit diesem Wissen als politisch für ein AZ nicht gerade korrekt. Mithilfe von Stoffbahnen und Lichtstrahler in schwarzer, roter und weißer Farbe ließ der Franzose während seines Konzerts die Reichskriegsflagge hinter sich projizieren.

http://www.heise.de/tp/artikel/9/9758/1.html
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