Streit der Kulturen

20.10.2001

Die Reformation zum Anfassen: GNU/Linux und Open Source - Teil 2

Immer aggressiver bemüht sich der Quasi-Monopolist Microsoft darum, Windows-Nutzer in ein strategisches Korsett zu zwängen, um die größtmögliche Kontrolle über Inhalte und Dienstleistungen zu erlangen. Doch immer lauter werden auch die Rufe der Open-Source-Evangelisten nach einer grundlegenden Software-Reformation. Der Streit der Kulturen nähert sich seinem Höhepunkt, und es ist wichtiger denn je, die Bedeutung von freiem Wissensaustausch auf der einen und zentralistisch-proprietären Kontrollstrukturen auf der anderen Seite zu verstehen, um eine informierte Entscheidung zu treffen. Denn wenn die Gegenreformation in Form von Patenten und neuen Copyright-Gesetzen auf die Open-Source-Gemeinde niederprasselt, könnte die Hoffnung auf Veränderung dauerhaft erstickt werden.

Anfang 2000 übernahm Steve Ballmer die Führung von Microsoft. Ex-CEO Gates konzentriert sich seitdem auf die Leitung der Software-Entwicklung und die Verbreitung seines Reichtums. Dank einiger zirkulierender interner Videos hat Anfeuer-Experte Ballmer auch unfreiwillige Karriere als Musikstar gemacht.

Microsoft bündelt wie Linux-Distributoren viele Programme mit dem Betriebssystem - Programme, die natürlich fast ausschließlich von Microsoft selbst stammen. So sorgte die Verbündelung von Windows 98 mit dem Microsoft Internet Explorer als Webbrowser für Aufsehen, gilt sie doch als ein Hauptgrund für den massiven Verlust von Marktanteilen des ehemaligen Browser-Königs Netscape. Doch das Bundling blieb ohne rechtliche Konsequenzen, und mittlerweile ist der IE fester Bestandteil aller Microsoft-Betriebssysteme. Wer ein Windows-System installiert und Microsofts Browser im Lieferumfang findet, wird sich kaum die Mühe machen, Netscapes Browser zu installieren, wenn er nicht weiß, worum es geht.

Und worum geht es? Microsoft hat als rein profitorientiertes Unternehmen natürlich kein Interesse daran, Programme zu verschenken (Netscape hatte dies ursprünglich auch nicht vor - man wollte den Browser eigentlich als kommerzielles Produkt verkaufen, sah sich jedoch durch Microsoft dazu gezwungen, das Programm kostenlos abzugeben). Die Microsoft-Strategie, den Browser-Markt zu dominieren, ist das Ergebnis kühler wirtschaftlicher Überlegungen: Sind erst mehr als 80% der Browser aus Redmond, kann Microsoft auf diesem Wege kommerziell relevante Standards etablieren. Neue Medienformate können in den Browser eingebunden werden und dafür Lizenzgebühren von Medienanbietern gefordert werden. Mit Inhalten wie ActiveX, die nur auf Microsoft-Systemen laufen, können Nutzer zunehmend dazu gebracht werden, ein Microsoft-OS zu installieren oder weiter einzusetzen. Und Microsoft-Dienstleistungen im Web können fest mit dem Betriebssystem verankert werden.

Nachdem der Software-Hersteller sein Ziel "Windows auf jedem Desktop" praktisch erreicht hat, tritt er auch in zahllosen anderen Bereichen als mächtiger Marktteilnehmer auf: Ob Handy oder PDA, Datenbank- oder Web-Server, Content-Management-System oder HTML-Editor, Spielekonsole oder eigenes Spieleangebot, ob Entwicklungsplattformen oder Enzyklopädie, Redmond ist überall. Nur im Internet ist es Microsoft bislang kaum gelungen, relevante Umsätze zu generieren.

Was ist .NET?

Im Juni 2000 stellte Microsoft, nun unter der Führerschaft von Steve Ballmer, seinen Master-Plan fürs Internet vor. Unter dem Namen .NET (sprich "dot-net") will Microsoft bisher von Konkurrenten dominierte Geschäftsfelder erobern und neue Bereiche erschließen. Da der Plan von so entscheidender Bedeutung für das Unternehmen ist, werden große Bereiche unter Verschluss gehalten, Pressemitteilungen nachträglich "korrigiert" und Artikel oder Leserbriefe lanciert, um die Entwicklung zu beschönigen. Was Microsoft plant, lässt sich am ehesten absehen, wenn man die Frage stellt: "Where is the money?" Denn im Gegensatz zu vielen New-Economy-Pleitiers ist Microsoft ein Unternehmen, das von allen Dingen vor allem eines versteht: die Maximierung des Profits. Und der lässt sich zum einen in den bereits erwähnten Bereichen machen, zum anderen in bisher unbesetzten oder unprofitablen Marktfeldern:

- Das Inhalts- und Leistungsangebot selbst. Das Problem bei einer effektiven Vermarktung von Inhalten und Services wie E-Mail und Instant Messaging ist, dass bislang die Konkurrenz noch genügend große finanzielle Polster hat, um auf Dauer einem kostenpflichtigen Angebot kostenfrei entgegenzutreten. Deshalb wäre es momentan für AOL, Yahoo! oder Microsoft kaum möglich, im Alleingang Bereiche des Angebots zu kommerzialisieren. Microsoft hat dies mit seinem Magazin Slate vor einiger Zeit als Feldversuch probiert und ist gescheitert. Ein weiteres Hindernis ist das Fehlen einheitlicher Bezahlmethoden.

- Die elektronische Bezahlung von Inhalten. In den letzten Jahren hat sich bislang noch kein Standard für elektronische Bezahlungen etablieren können, nicht obwohl, sondern weil ein solcher Standard von so essentieller Bedeutung ist. Banken, Kreditkartenanbieter, Medienanbieter, Software-Hersteller und Internet-Provider halten sich praktisch gegenseitig in Schach. Dass Microsoft selbst Geldkonten verwaltet oder elektronisches Geld ausgibt, ist aufgrund dieser Konkurrenzsituation kaum denkbar. Microsoft kann jedoch wie z.B. der E-Payment-Anbieter Paypal als Mittler zwischen Nutzern oder Nutzern und Anbietern fungieren, der Kreditkarten- oder Bankzahlungen prüft und weiterleitet. Für diese Dienstleistung lassen sich verschiedene Gebührenmodelle festlegen.

- Die Authentifizierung von Nutzern. Ein Dienstleistungsanbieter im Internet ist sehr stark darauf angewiesen, seine Inhalte an unterschiedliche Nutzer anpassen zu können. Bei der Speicherung von Email oder anderen persönlichen Daten ist Passwortschutz unerlässlich, und bei Umfragen muss die Eindeutigkeit des Wählers sichergestellt werden, um Betrug zu vermeiden. Außerdem ist das Sammeln von Benutzerprofilen einer der wenigen ertragreichen Geschäftszweige: Je mehr man über seinen Kunden weiß, desto besser ist es möglich, ihn mit angepasster Werbung zum Kauf zu überreden. Dass bei den Kunden das entsprechende Sicherheitsbewusstsein völlig fehlt, haben Profilsammel-Sites wie Human For Sale hinlänglich bewiesen.

Doch bisher wird die totale Kontrolle durch die komplizierte Anmeldeprozedur erschwert. Regelmäßige Web-Surfer kennen das Problem der Verwaltung von Dutzenden Passwörtern. Über Cookies werden die entsprechenden Login-Bestätigungen auf dem Rechner des Nutzers gespeichert, was ein riesiges Sicherheitsproblem darstellt - insbesondere beim Surfen z.B. in Internet-Cafés, wo oft noch alte Login-Informationen gespeichert sind und man so fremde Daten lesen kann. Hinzu kommt, dass die eigentliche Identität der Nutzer aus Kostengründen so gut wie nie überprüft werden kann - meist genügt eine Email-Adresse zur Anmeldung.

Das Problem ist hier ähnlich wie beim E-Payment: Weil die Authentifizierungstechnik so essentiell ist, streiten viele Anbieter darum, die jeweils ihren eigenen Standard etablieren und so ein Monopol aufbauen möchten. Microsoft kann über das Betriebssystem den Nutzer sanft zur Anmeldung zwingen und so einen Großteil der Nutzer ins eigene Login-System integrieren. Web-Anbieter können für den Service zur Kasse gebeten werden: Wer die einfache Anmeldung auf seiner Site nutzen will, muss Microsoft dafür bezahlen.

- Die Protokolle, Dateiformate, Standards, Server und Entwicklungsumgebungen. Dies sind klassische Betätigungsfelder von Microsoft. Geld lässt sich hier auf unterschiedliche Weisen verdienen. Proprietäre Protokolle und Standards dienen einerseits der Monopolsicherung, können aber andererseits auch an Dritte lizenziert werden (unter der Bedingung, dass diese Microsoft nicht ernsthaft gefährden). Dateiformate wie Windows Media lassen sich an Content-Anbieter lizenzieren, die Kopierschutz benötigen. Software und Entwicklungsumgebungen werden auf traditionelle Weise verkauft.

- Vermieten von Software, elektronische Support-Dienstleistungen. Insbesondere in Verbindung mit einem einheitlichen Zahlungsstandard ist es möglich, Software nicht mehr als fertiges Paket zu verkaufen, sondern nur die notwendigen Bild- und Toninformationen über das Internet zu übertragen - der perfekte Schutz vor illegalen Kopien. Über Remote Access Lösungen lassen sich außerdem viele Arten von Consulting- und Support-Tätigkeiten realisieren.

Der Einstieg: Windows XP

Fast all das ist in der Tat Bestandteil des .NET-Konzepts und der damit verbundenen Lösungen. .NET spielt erstmals eine Rolle im neuen Microsoft-Betriebssystem Windows XP. Wie c't im Test der finalen Version von Windows XP berichtet3439, sind Kernelemente der neuen Strategie fest mit dem Betriebssystem verknüpft. Die mit dem Internet Explorer erfolgreich erprobte Verbündelung von Software- und Service-Komponenten wird in XP konsequent fortgesetzt.

Den Authentifizierungsdienst und damit die Grundlage für spätere Entwicklungen wie E-Payment und Abonnement-Channels für Inhalte bietet Microsoft derzeit unter dem Namen Passport an. "Ein einfacher Weg zur Anmeldung und zum Einkaufen", verspricht Microsoft und konkurriert damit mit Yahoo! ("IDs") und AOL ("ScreenName"), die über ihre Portale die gleiche Leistung anbieten möchten. Passport verwendet konventionelle Cookies und JavaScript (nicht zu verwechseln mit Java), um die Login-Informationen auf dem Rechner des Nutzers zu speichern. Wer einen Hotmail-Account nutzt oder elektronische Bücher mit dem Microsoft Reader lesen möchte, muss bereits seit längerer Zeit einen Passport-Zugang einrichten.

In Windows XP wird der Nutzer bei der ersten Internet-Verbindung ermahnt: "Sie brauchen ein Passport-Konto, um Windows XP Internet-Kommunikationsfunktionen zu nutzen und auf .NET-basierte Internetdienste zugreifen zu können." Hier wird der Sinn der Microsoft-Terminologie klar: Im Englischen kürzt man Internet oft schlicht mit "Net" ab, und auch der Rest der Formulierung legt dem Nutzer nahe, Internet ginge ohne Passport gar nicht. Wer im Mehrbenutzer-System XP neue Nutzer einrichtet, soll diesen ebenfalls einen Passport verschaffen: virales Marketing.

Microsofts Flagge auf der Seattle Space Needle. Mit Windows XP will der Konzern den endgültigen Siegeszug antreten.

Während die Sicherheit von Passport vernichtend kritisiert wurde3440, überraschte Microsoft mit der Ankündigung, Passport nicht als Monopolist handhaben zu wollen, sondern mit anderen "Universal Sign In" Anbietern (also AOL und Yahoo!) zusammen zu arbeiten. Die verschiedenen "Identities" würden schlicht auf unterschiedlichen Servern verwaltet, aber einen gemeinsamen Standard nutzen. Dahinter können verschiedene Überlegungen stecken. Zum einen besteht die Möglichkeit, Interoperabilität nur vorzutäuschen und in der Praxis über Implementierungsdetails, insbesondere bei der Vergabe von Rechten auf einer Website, Mitbewerber auszuspielen - dies befürchtet Andrew Orlowski vom industriekrisischen The Register und verweist darauf, dass Microsoft vor einiger Zeit das Internet-Magazin Slashdot mit rechtlichen Schritten bedroht hat, weil dort die technischen Spezifikationen der Microsoft-Implementierung des Authentifizierungsprotokolls Kerberos veröffentlicht worden.

Solche Maßnahmen sind eher untypisch für Microsoft: Man bemüht sich sehr, das Unternehmen als wettbewerbsfreundlich, kritikfähig und offen darzustellen, um dem Bild vom bösartigen Großunternehmen, das wie ein Krebsgeschwür langsam alle Industriebereiche verschlingt und so die gesamte Volkswirtschaft Zelle für Zelle zerstört, vorzubeugen. Wenn Microsoft rechtliche Schritte androht, geht es also ums Ganze. Daraus kann man ziemlich sicher schließen, dass Microsoft nach außen hin Offenheit vortäuschen möchte, über die eigene Implementierung aber die Konkurrenz sabotieren will. Denkbar ist aber auch, dass man dank der Verknüpfung von Passport mit Windows schlicht keine Angst vor Mitbewerbern hat - wenn jeder Windows-Nutzer ohnehin Microsofts Dienst in Anspruch nimmt, kann der Rest getrost bei anderen Anbietern unterkommen, was gleichzeitig ein gutes Argument in Anti-Trust-Verhandlungen ist.

Der Microsoft Messenger, der (wenig überraschend) mit Windows XP verbündelt ist, fordert vor der Nutzung ebenfalls zur Einrichtung eines Passport-Zugangs auf. Das ist deshalb bedeutsam, weil mit dem Messenger eine Microsoft-eigene Remote-Access-Lösung verknüpft ist. Damit lässt sich ein anderer Rechner fernwarten, was vor allem auch PC-Anbieter nutzen sollen, um per Internet Support zu leisten.

Programme zu vermieten

Ob das jedoch die primäre Intention von Microsoft ist, darf bezweifelt werden -- schließlich hat man vor Windows 2000 die wichtigen grafischen Fernwartungsfunktionen nicht ins System integriert und es Fremdanbietern überlassen, hier Lösungen zu entwickeln. Das plötzliche Interesse von Microsoft ist vermutlich eher mit dem Wunsch erklärbar, den Nutzer über den Messenger und andere Anwendungen mittelfristig mit Applikationsservern vertraut zu machen.

Denn die Fernwartungstechnik benötigt man auch zur Vermietung von Software. Damit lässt sich langfristig das Software-Angebot von Microsoft immer mehr ins Internet verlagern. Von Microsofts Servern (oder denen anderer Anbieter) kommen nur hochkomprimierte Bild- und Tondaten, die mit Programmen erzeugten Daten werden entweder auf dem eigenen Rechner oder auf dem Server gespeichert. Für eine monatliche "Flatrate" oder zeitgebundene Gebühren erhält der Nutzer dann das Recht, ein bestimmtes Programm zu benutzen.

Um die Nutzer an die Technik zu gewöhnen, könnte Microsoft z.B. jedem Passport-Neukunden eine kostenlose "Probezeit" von Tagen oder Wochen einräumen, innerhalb derer Software wie Word, Excel und Outlook, aber auch z.B. die Enzyklopädie Encarta oder Microsofts HTML-Editor Frontpage kostenlos genutzt werden kann. Flaschenhals ist allein die Bandbreite, ist diese ausreichend vorhanden, lassen sich auch Spiele oder Virtual Reality übers Netz streamen. Bestimmte Anwendungen könnten sogar komplett kostenlos angeboten werden, sofern der Nutzer einwilligt, alle Daten für Profilzwecke Microsoft zu überlassen.

Wenn bestimmte Programme irgendwann nur noch "mietbar" sind, besteht zwar die Gefahr, Kunden zu verlieren, doch die langfristige Sicherheit eines Abonnenten könnte Microsoft dieses Risiko akzeptieren lassen. Letztlich wäre ein solches Szenario die Rückkehr ins Terminal-Zeitalter, als Firmenangestellte mit "dummen" Endgeräten auf große Rechneranlagen zugriffen, wo alle Daten und Programme gespeichert waren, damals noch meist durch den ehemaligen Oberbösewicht IBM. Die Konsequenzen sind leicht ausmalbar: mangelnder Datenschutz, Geschwindigkeits- und Verfügbarkeitsprobleme, höhere Kosten für den Endnutzer, stärkere Monopolisierung über Dauerverträge und langfristige Förderung einer Software-Monokultur, Einschränkung der Möglichkeiten der persönlichen Datenverwaltung, mögliche Gefährdung der Meinungsfreiheit3441. , Sicherheitsmängel usw. usf.

Für eine solche Strategie spricht auch Microsofts umstrittene "Aktivierung" von Windows XP: Bestätigt man nicht, dass man der legitime Käufer ist, darf man das OS nicht nutzen. Hier wird erstmals das Betriebssystem unvermeidlich mit einer externen Stelle (man hat noch die Wahl zwischen Telefon- und Internet-Aktivierung) verknüpft. Doch während dieser Schutz sich von Crackern noch ohne Probleme aus dem Betriebssystem entfernen ließ, kann stufenweise der "Schutz" des Systems erhöht werden, indem mehr und mehr Software auf Microsofts Server verlagert wird.

Microsofts Inhalte

Am Rande ist erwähnenswert, dass Microsoft natürlich auch seine eigenen Inhalte immer stärker ins Betriebssystem und in die Anwendungen integriert. So verfügt das neue Office XP über sogenannte "Smart Tags", die z.B. bei der Eingabe eines Aktiensymbols dieses hervorheben und auf einen Mausklick weitere Informationen aus dem Internet ziehen. Das Feature war ursprünglich auch für den neuen Internet Explorer 6 vorgesehen und sollte dort Links in fremde Seiten einfügen, hat aber für viel Kritik gesorgt - Web-Autoren sehen ihre Werke der mutwilligen Verfälschung durch Microsoft ausgesetzt. Microsoft hat sich deshalb entschieden, die Smart Tags vorläufig aus dem Browser zu entfernen.

Langfristig möchte man auch andere Service-Anbieter in die Microsoft-Strategie einbinden. Deshalb fördert Microsoft offene Standards wie SOAP und UDDI, die die Kommunikation unter verschiedenen Endgeräten erleichtern und die Abfrage von Services nicht nur aus dem Browser, sondern aus beliebigen Programmen erlauben. Dahinter steckt die Überlegung, dass man sowohl bei den Endgeräten als auch bei den Services selbst auf absehbare Zeit kein Monopol haben wird -- um die Akzeptanz und Verbreitung der eigenen Services sicher zu stellen, müssen diese deshalb interoperabel sein. Das wird Microsoft natürlich nicht daran hindern, auch in diesen Bereichen langfristig eine Markführerschaft anzustreben und über Implementierungsdetails wie bei Passport Interoperabilität zu verhindern, sobald in einem Bereich ein Monopolstatus erreicht ist.

Write Once, Run on Microsoft

Auf mobilen Endgeräten und auf Servern muss Microsoft langfristig der Sun-Programmiersprache Java dem Garaus machen. Java hat den Vorteil, tatsächlich auf jeder Plattform zu laufen -- wenn auch in vielen Bereichen mit starken Performance-Einbußen. "Write Once, Run Anywhere" (WORA) - mit diesem Lockruf hat Sun Tausende von Entwicklern mobilisiert.

Erreicht wird die Plattformunabhängigkeit durch eine sogenannte "Virtuelle Maschine", eine Art simulierter Rechner im Rechner, der auf jedem Java-System identisch ist. Gegenüber der als kompliziert, unsicher und umständlich geltenden Programmiersprache C++ genießt Java den Ruf, vergleichsweise leicht erlernbar, schneller programmierbar und absturzsicher zu sein. Kritiker weisen auf die deutlich schlechtere Performance in allen Bereichen hin, die man z.B. im Great Computer Language Shootout nachprüfen kann: Java schneidet sogar oft schlechter ab als Skriptsprachen wie Perl und Python, die noch einfacher zu erlernen und genauso plattformunabhängig sind.

Vor allem im Servereinsatz ist Java aber weiterhin beliebt, und der GNU Java Compiler (gcj) verspricht höhere Performance durch Verzicht auf die virtuelle Maschine. Der Quellcode bleibt trotzdem plattformunabhängig, muss aber in diesem Fall für jede Plattform neu kompiliert werden.

Java war aus Microsofts Sicht schon immer eine massive Bedrohung. Denn während ein Windows-Programm nur mit viel Mühe auf ein anderes Betriebssystem portierbar ist, ist plattformunabhängige Programmierung praktisch das Ende des Betriebssystem-Monopols. Und weil Java im Gegensatz zu den meisten Skript-Sprachen auch mehrere grafische Oberflächen mitbringt, lassen sich darin beliebige Desktop-Anwendungen entwickeln.

Von Microsofts Seite hat man versucht, dies zum Teil durch "Verunreinigung" des Java-Standards mit Microsoft-spezifischen Erweiterungen zu verhindern: Die gleiche Strategie, die auch in vielen anderen Bereichen, in denen Microsofts Plattformmonopol in Gefahr ist, angewendet wird oder werden könnte. Sun hat daraufhin im Januar 2001 Microsoft die Lizenz entzogen, neue Java-Entwicklungssoftware zu produzieren.

Damit war die "Verunreinigungs"-Strategie nicht mehr gangbar, was sich schon seit längerer Zeit abgezeichnet hat. Microsoft hat deshalb die wenig überraschende Konsequenz gezogen und die Java-Unterstützung aus der neuesten Version des Internet Explorer entfernt: Wenn Java schon auf Windows läuft, dann nicht mit Microsofts Hilfe. Suns Java-Strategie ist durchaus umstritten. Mittlerweile muss man rund 5,5 MB downloaden, nur um Java-Programme überhaupt ausführen zu können, und Programme mit grafischer Oberfläche sind unter Windows erschreckend langsam und speicherintensiv. Entwickler und Universitäten nahmen die Programmiersprache dennoch mit Begeisterung an, in der Hoffnung, ohne Microsoft auch für Windows-Systeme entwickeln zu können -- und zwar kostenlos. Akademiker loben die Sprache wegen ihrer technischen Überlegenheit, während viele Endnutzer die Nase rümpfen, wenn sie das Wort Java hören.

Microsoft hat also gute Chancen, Java zu begegnen. Dies tut man innerhalb des .NET-Konzepts mit der sogenannten Common Language Runtime. Die CLR funktioniert ähnlich wie der Bytecode von Sun: Beliebige Sprachen lassen sich in diese Zwischensprache übersetzen. Doch im Gegensatz zu Suns Bytecode lässt sich der CLR-Code natürlich, wie beabsichtigt, nur auf Microsoft-Systemen ausführen. Das bietet Entwicklern immerhin den Vorteil, z.B. mobile Endgeräte gleichzeitig mit Desktop-PCs zu bedienen, außerdem kann Microsoft die CLR ja durchaus für ausgewählte Betriebssysteme wie MacOS lizenzieren (Microsoft und Apple kooperieren im Software-Bereich).

Um den Java-Ersatz zu vervollständigen, setzt Microsoft noch eine eigene Programmiersprache, C# (sprich "C-Sharp") obendrauf und aktualisiert Visual Basic für die .NET-Unterstützung. Damit sollen Javas sprachliche Vorteile assimiliert werden, während man gleichzeitig Java performance-mäßig ausbooten kann: Da die CLR für Windows-Systeme optimiert ist, kann sie weitaus schneller laufen als Java, das z.B. eine ganz eigene grafische Benutzeroberfläche verwendet.

Rettung durch Mono?

Wieder einmal scheint es die Open-Source-Gemeinde zu sein, die Microsofts ratloser kommerzieller Konkurrenz aus der Patsche helfen muss. Zum Entsetzen mancher Microsoft-Gegner hat Ximian, die Mutterfirma des GNOME-Desktops, angekündigt, Teile des .NET-Konzepts als Open-Source-Projekt vor allem für Linux zu implementieren. Dabei soll es nicht um Passport, "Smart Tags" oder ähnliche fragwürdige "Innovationen" gehen, sondern um die Entwicklung eines Compilers für C# und eine Implementierung der Common Language Runtime sowie bestimmter notwendiger Bibliotheken (Grafik, Web-Zugang usw.).

Dabei kann sich das Team rund um den gebürtigen Mexikaner Miguel de Icaza beim Projekt mit dem Namen Mono auf die von Microsoft veröffentlichten Spezifikationen stützen. Microsofts Vorzeige-Entwickler David Stutz, der oft eine kritische Haltung zu Microsofts Unternehmenspolitik einnimmt, begrüßt in einem Interview den Vorstoß von Ximian: "Wir brauchen Interoperabilität, weil unsere Kunden sie brauchen, und weil unsere Kunden sie brauchen, brauchen wir sie."

Ximian traut dem Frieden weniger. "Wir versuchen, was Patente angeht, auf der sicheren Seite zu bleiben", sagt Icaza im Slashdot-Interview. "Das bedeutet, dass wir Mono mit Techniken implementieren, die in der Vergangenheit erfolgreich verwendet wurden, und dass wir derzeit noch nicht sehr effizienten oder überlegten Code entwickeln. Davon sind wir noch weit entfernt. Aber dafür setzen wir nur existierende Techniken ein." Das Patent-Problem schwebt also wie ein Damoklesschwert über dem Open-Source-Projekt.

Diese Befürchtung teilt auch das DotGNU-Projekt, das eine komplett eigene Alternative zu .NET entwickeln will, inklusive einer dezentralen Authentifizierung als Antithese zu Microsoft Passport. Hier will man durch möglichst viel dokumentierte Eigenentwicklung der Patentierbarkeit der verwendeten Konzepte vorbeugen. Sicherlich besteht auch die Gefahr, dass Microsoft zwar Entwicklungen wie Mono nicht auf rechtlichem Wege begegnet, aber den Standard so häufig verändert, ohne dies zu dokumentieren, dass Mono nicht mehr mithalten kann. Diese Gefahr besteht bei DotGNU nicht, und die unterschiedlichen Strategien haben bereits zum Streit zwischen den beiden Projekten geführt -- was vielleicht besser ist, als es klingt, denn so können beide Ansätze parallel erprobt werden.

Patentierte Programme

Die internationale Patentierbarkeit von Software ist ein wesentliches Hindernis für die Entwicklung freier Software. Patente können auch gegen nichtkommerzielle Projekte eingesetzt werden, sofern die entsprechenden "Erzeugnisse" öffentlich angeboten werden (vgl. z.B. §11 PatG). In seinem Artikel Wettbewerb im Gerichtssaal (c't 17/2001) beschreibt Richard Sietmann detailliert, wie die Erfindungshöhe, vorgeblich Maßstab für die Patentierbarkeit einer Erfindung, mit zunehmender technischer Komplexität an Bedeutung verliert. Die Patentprüfer sind nicht in der Lage, eingereichte Patente zu bewerten, so dass die einzige verbleibende Prüfungsinstanz das Gericht bleibt. Dort kommt es dann nur noch auf die technischen Experten an, die nicht unbedingt kompetent sein müssen, sondern vor allem überzeugend. Gleichzeitig wird seitens der Großunternehmen, Patentanwälte und Venture-Capital-Gesellschaften massiv Lobbyismus für immer stärkeren Patentschutz betrieben - eine Spirale, die kein Ende zu nehmen scheint und nun auch auf genetische Informationen eskaliert.

Das gilt auch für Patente auf Verfahren, die lediglich in Software-Form, also in Form von Information, implementiert werden - ein zusätzliches Monopolrecht für Erfinder neben dem schon international geltenden Copyright und dem Markenrecht. Das "Free Patents" Projekt dokumentiert in zahlreichen Beispielen die Grenzenlosigkeit des Patentwahns in den USA und zunehmend auch in Europa - einige der skandalösesten Fälle findet man auch in Slashdots Patentrubrik. Vom Online-Einkaufswagen bis zur Web-Datenbank, von der Online-Auktion bis zum Hyperlink - ob eine Technologie schon tausendfach implementiert wurde oder selbst von einem Schimpansen mit genügend großem Futteranreiz problemlos entwickelt werden könnte, scheint sowohl bei Software-Patenten als auch bei traditionellen wie dem berühmt gewordenen Erdnussbutterbrot-Patent selten eine Rolle zu spielen. Bei der Patentschrift wird mehr Wert auf die Form und die Eloquenz als auf den Inhalt gelegt.

Das erinnert an die Situation im England des 17. Jahrhunderts, als eines der ersten Patente, das vor Gericht angefochten wurde, das Spielen mit Karten betraf.3442 Der Unterschied heute: Mit genügend großen finanziellen Mitteln lässt sich selbst das unsinnigste Patent oft bis zu seinem Verfall (der bei Software genauso lange dauert wie z.B. einer patentierten Bohrmaschine) aufrecht erhalten.

Nicht nur Software steht zunehmend unter Monopolschutz

Patente fördern praktisch nur die Unternehmen, die es sich leisten können, sie zu verteidigen -- und zementieren so Monopole. Sie machen Open-Source-Entwicklung in vielen Bereichen schlicht völlig unmöglich, da man ein Programm, was ein Patent verletzt, eben nicht freigeben darf. Das weiß natürlich auch Microsoft, so dass es im Halloween-Dokument 1 unter anderem hieß: "Der Effekt von Patenten und Copyrights bei der Bekämpfung von Linux muss untersucht werden." Der Widerstand gegen Patente kommt wie auch bei .NET fast ausschließlich aus der Open-Source-Community und von einigen wenigen kleinen und mittelständischen Unternehmen, die langfristig denken.

Die "KMUs" gehen dem Gerede von "Intellectual Property Rights" nur zu häufig auf den Leim. Aus der Sicht der Großunternehmen ist es von Vorteil, dass die Mehrzahl der aufstrebenden Konkurrenz Closed-Source-Software einsetzt und so isolierte Lösungen nutzt, anstatt die gemeinsame Intelligenz über Open-Source-Software und Patent-Pools zu bündeln und damit gestärkt größeren Unternehmen entgegenzutreten. Das steht nicht im Widerspruch zu einer gesunden Konkurrenzsituation, aber sehr wohl zu dem Gedanken, jedes Unternehmen müsse ein absolutes Monopol anstreben. Es werden also vor allem Unternehmen mit modernen Philosophien sein, die Open-Source-Software einsetzen und damit der Konkurrenz ein Schnippchen schlagen.

Mehrheit in Euros

In einem Auftragsbericht analysierte die Europäische Union die öffentliche Reaktion auf die geplante Gesetzgebung zu Software-Patenten. Zwar seien 91% der Befragten gegen Software-Patente gewesen, stellte der Report fest, aber diese stammten fast ausschließlich aus der Linux-Gemeinde. Dagegen gebe es eine "wirtschaftliche Mehrheit" für Software-Patente. In der Beschreibung der Reaktionen ist auch die Wortwahl interessant: Wer eine breitere Patentierbarkeit von Software fordert (also größere Monopolrechte), ist demnach "liberal", diejenigen, die keine Software-Patente wollen, sind "restriktiv".

Ein Grund für den geringen öffentlichen Widerstand gegen Patente ist sicherlich, dass das gesamte Patentproblem aus der Sicht eines Windows-Benutzers keine große Rolle spielt: Er kann sicher sein, dass Microsoft stets alle Schlüsseltechnologien lizenzieren oder sich aufrichtig um ihre Vernichtung bemühen wird. Gleichzeitig wird in den nationalen Medien über Entwicklungen auf europäischer Ebene ohnehin kaum berichtet - viele EU-Kritiker sehen die Entfernung der Demokratie von den Bürgern als ein Hauptproblem des Vereinigungsprozesses. Internationale Schattenorganisationen wie WIPO und WTO tun ihr Übriges, um eine Teilnahme der Öffentlichkeit am entscheidungsrelevanten Diskurs zu verhindern.

In den USA ist der Patentkrieg längst verloren, in Europa wird er noch gefochten, doch die Zeichen stehen auf Sturm. Dabei gäbe es juristisch eine einfache Lösung für die Problematik, mit der auch Patentfreunde leben können sollten: Software mit offenen Quellcode prinzipiell von allen Lizenzgebühren freizustellen. Denn wer argumentiert, dass Software-Patente notwendiger Innovationsschutz seien, wird einsehen müssen, dass dieser Schutz überflüssig ist, wenn die Innovation in gleicher Qualität auch von der Free-Software-Kultur bereitgestellt wird. Eine Analogie aus der realen Welt wäre es, Patentverletzungen dann zu erlauben, wenn der patentierte Gegenstand nicht verkauft, sondern verschenkt wird, mitsamt allen Konstruktionsunterlagen. Doch dafür würden sich europäische Politiker wohl nur auf Druck ihrer jeweiligen Landesmedien einsetzen -- Medien, die oft nur eine diffuse Vorstellung davon haben, was ein Betriebssystem eigentlich ist.

Vielleicht gibt es die Möglichkeit, das Prinzip der GPL auf Patente zu übertragen - z.B., indem Open-Source-Entwickler selbst möglichst viele Patente anmelden und diese in einen gemeinsamen Pool übertragen, der auch die Patentkosten tragen würde. Nur wer selbst freie Software entwickelt, oder eigene Patente dem Pool beisteuert, dürfte die enthaltenen Patente kostenfrei nutzen. So könnte das Patentsystem langsam von innen zersetzt werden, da der gemeinsame Pool von Open-Source-Entwicklern und kleineren Unternehmen mit der Zeit auch für Großunternehmen gefährlich werden könnte, die dann keine andere Wahl mehr hätten, als selbst ihre Patente beizusteuern. Ein Ansatz in diese Richtung ist z.B. das Open-Patents-Projekt. Ob eine Idee von dieser Radikalität, die unter underem voraussetzen würde, auch fragwürdige Patente anzumelden, von der Linux-Community akzeptiert würde, darf allerdings bezweifelt werden.

Geschützte Bits

Ein weiteres Problem für Open-Source-Entwickler ist der Verfall des Copyright-Systems. Was viele Downloader freut, wird von der "Content-Industrie" derzeit mit Panikreaktionen beantwortet. Jedes Bit, das beim Kunden landet, ob zu einem Musikstück, einem eBook oder einem Film gehörend, soll "unkopierbar" gemacht werden. Dafür bieten sich verschiedene Techniken an, vor allem die temporäre Verschlüsselung der Inhalte, die erst mit einem z.B. in der Wiedergabesoftware enthaltenen Key aufgehoben werden kann, sowie die Versehung der Daten mit einem "Wasserzeichen", was sich bei Kopiervorgängen von der Hardware und Software erkennen lässt, woraufhin das Kopieren unterbunden werden soll.

Dass keines dieser Systeme sicher ist, wird von nahezu allen Experten, auch industrieeigenen, akzeptiert. In seinem berühmt gewordenen Paper zum Wasserzeichen-Verfahren SDMI resümiert Professor Edward Felten: "Letztendlich wird ein Konsument, der in der Lage ist, geschützte Inhalte zu hören oder zu sehen, technisch auch immer in der Lage sein, sie zu kopieren."

Das weiß auch die Content-Industrie, die Felten und andere in einem Wettbewerb zum Cracken von SDMI aufgefordert hat - und anschließend bei der Veröffentlichung der Ergebnisse mit rechtlichen Schritten gedroht hat. Kopierschutz beruht nicht auf technischen Verfahren, sondern auf Gesetzen, die es verbieten, ihn zu umgehen. In den USA existiert das wesentliche Gesetz hierzu bereits in Form des DMCA, in Europa muss die entsprechende EU-Richtlinie nur noch von den Mitgliedsstaaten umgesetzt werden. So kann jeder, der einen Kopierschutz umgeht, verklagt und eventuell sogar eingesperrt werden, selbst wenn das der Herstellung ansonsten eingeschränkter Rechte (z.B. dem Kopieren von Text in die Zwischenablage) dient. Typisch dafür ist der Fall des in den USA festgenommenen russischen Programmierers Dmitry Sklyarov, der Adobes teils lächerlichen eBook-Kopierschutz geknackt hatte.

"Lesen ist ein Recht, kein Feature"

Auch Wissenschaftler bewerten mittlerweile den DMCA als eine Gefahr der freien Meinungsäußerung. In einem Artikel für die Zeitschrift Science gebraucht Professor Pamela Samuelson von der Universität Kalifornien ungewöhnlich deutliche Worte: "Die wissenschaftliche Gemeinde muss die Auswirkungen dieser neuen Regeln erkennen", warnt Samuelson. "Nur zu oft haben in der Vergangenheit die Gerichte in Konflikten zwischen geistigem Eigentum und dem Recht auf freie Meinungsäußerung das Eigentum als höher bewertet." Weitaus weitergehend als der bereits heftig kritisierte amerikanische DMCA (der ein Ergebnis internationaler WIPO-Veträge ist, siehe Understanding WIPO) ist ein derzeit vorliegender Gesetzentwurf, der sogenannte SSSCA, der es gar verbieten würde, Geräte zu verkaufen, die keine Kopierschutz-Funktionen enthalten: Der Traum der Content-Industrie.

In seinem Artikel Was ist falsch am Kopierschutz? erklärt John Gilmore von der EFF im Detail die mit Kopierschutz verbundenen Probleme, insbesondere für die Open-Source-Community. Kopierschutz und die Ideale freier Software widersprechen sich fundamental. Der einzige Grund, warum z.B. DVDs derzeit unter Linux nicht vernünftig abspielbar sind, ist der Kopierschutz CSS. Abspielen unter Umgehung des Kopierschutzes zu ermöglichen ist in den USA illegal und wird von der Filmindustrie teils massiv verfolgt. Kopierschutz in offenem Quellcode zu implementieren ist offensichtlich ein hoffnungsloses Unterfangen, da er ja jederzeit entfernt werden kann. Kostenlose Programme in binärer Form nur für diese Aufgabe dem Betriebssystem beizufügen, würde viele Open-Source-Freunde ärgern, aber auch nicht funktionieren, da für die verschiedenen DVD-Standards Lizenzgebühren zu entrichten sind. Und so wie es bei DVDs geht, geht es auch bei eBooks, neuen "sicheren" Musikformaten usw.

Die Konsumenten, die mit ihrem Player DVDs ohne Nachdenken abspielen können, sind sich der Problematik natürlich meist nicht bewusst. Und das, obwohl z.B. durch DVDs ihre Rechte bereits stark eingeschränkt werden: Schnelles Vorspulen ist während der Werbeblöcke in DVDs nicht mehr möglich, und man kann nur DVDs aus einer Verkaufsregion auf dem Player abspielen. Aus den USA importierte DVDs funktionieren also nicht in deutschen Playern. Der Hintergrund: In Europa sind DVDs oft etwa doppelt so teuer wie in den USA. Deshalb geht jetzt auch die EU-Kartellbehörde gegen die Filmindustrie vor.

Wer Windows benutzt, wo die entsprechenden Kontrollschemen immer weitgehend problemlos funktionieren werden, stimmt damit der Einschränknug seiner Rechte zu - selbst wenn das Betriebssystem raubkopiert ist. Je mehr Nutzer dagegen Linux & Co. verwenden, desto schwieriger wird es, Kopierschutz in Massenprodukte zu integrieren, ohne auf breiten Widerstand zu stoßen.

Was hätte George Orwell zum DMCA gesagt? "Kein Tier soll die Redefreiheit eines anderen einschränken - ohne Grund". Mit freundlicher Genehmigung von Keith Handy.

Open-Source-Freunde sind oft der Meinung, dass die Mainstream-Kultur bald durch ein freies, offenes Äquivalent ersetzt werden kann und die Content-Industrie damit überflüssig wird. Das Problem mit dieser Sichtweise sind die durch Lobbyismus erreichten Gesetze wie der DMCA, die nicht so schnell verschwinden und die freie Entwicklung und freie Rede massiv bedrohen. Weiterhin wird eine langfristige Nichtverfügbarkeit von Mainstream-Medienformaten in Linux-Distributionen die Entwicklung dieser "freien Kultur" gefährden. Denn wenn eine friedliche Koexistenz nicht möglich ist, ist das so, als würde man vor der Anmeldung eines Internet-Zugangs seinen Fernseher abschaffen müssen.

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