Der unheimliche Vater der Graugänse

Frank Hartmann 24.10.2001

Die NS-Verstrickung des Konrad Lorenz wurde neu aufgerollt - ein nach wie vor brisantes Lehrstück zu Wissenschaft und fundamentalistischer Ideologie

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Kaum ein anderer Forschungsansatz ist so populär geworden wie die vergleichende Verhaltensforschung von Konrad Lorenz. Wenn sie von Hund und Katz handelt, dann interessiert sich eben auch der Durchschnittsbürger für die Wissenschaft. In Österreich, das in seiner Nationalhymne behauptet, das Land "großer Söhne" zu sein, rangiert Lorenz im allgemeinen Bekanntheitsgrad weit vor Sigmund Freud, Karl Popper, Ludwig Wittgenstein, oder dem Physiker Erwin Schrödinger. Eine Publikation enthüllt nun die Schattenseite des Naturforschers, der sich bei den Nationalsozialisten als Rassenhygieniker angebiedert hat - und der später zwar von der Form, aber nie wirklich von den Inhalten dieser Anbiederung Abstand genommen hat.

Die von den Wissenschaftsjournalisten Benedikt Föger und Klaus Taschwer publizierte Biografie bringt zwar nichts grundsätzlich Neues. Die NSDAP-Mitgliedschaft des Konrad Lorenz war schon bekannt, ebenso wie der rassenhygienische Ansatz des jungen "Dozenten neuer Ordnung" von 1940. Aber diese Publikation macht deutlich, dass es sich dabei weder um eine bloß rhetorische Anpassung noch um einen einmaligen naiven Ausrutscher gehandelt hat. Sie demonstriert überdies das Scheitern einer ganzen Generation, die lieber halsstarrig ihre großen Söhne verteidigt und ihre Vergangenheit verleugnet hat - als linkes "Gesindel und Dreckschleudern" fertigte Lorenz all jene ab, die zum Zeitpunkt seiner Nobelpreisverleihung (1973) noch einmal kritisch zur NS-Zeit nachzufragen wagten. Manch einer mag diese Preisverleihung auch als einen heimlichen Triumph der braunen Vergangenheit empfunden haben - eine ungünstige Optik hatte es allemal.

Braune Seele, grüne Wendung

Lorenz selbst gab damals gern eine lapidare Antwort auf die kritischen Vorhaltungen der Presse: "Ich war nie politisch." Er bestritt auch, Mitglied der NSDAP gewesen zu sein. Wer dies bezweifelte, dem beschied er barsch: nicht an die Ideologie, sondern an die Terminologie der damaligen Zeit habe er sich angepasst. Keinen Zweifel ließ er daran, dass er die zunehmende "Domestikation des Menschen" heute nach wie vor als eine Bedrohung ansehe; sie hieß jetzt aber "Abbau des Menschlichen". Konrad Lorenz stand noch zur Zeit der Nobelpreisverleihung voll und ganz zu seiner - selbstverständlich streng "wissenschaftlichen" - Unterscheidung zwischen minderwertigen und vollwertigen Menschen. Lorenz glaubte dabei, vernünftige eugenische Gedanken vertreten zu können. Dies ist doch gerade unter Bedingungen der Gentechnologie wieder brisant.

Wer kennt nicht das Bild vom naturverbundenen Vater der Graugänse? Der 1989 verstorbene Verhaltensforscher liegt vor allem den passionierten Naturschützern, Hundebesitzern oder sonstigen Tierfreunden recht nah am Herzen: aufgrund der Art seiner Forschungsgegenstände ebenso wie aufgrund der Methode, die im Kontrast zu abgehoben argumentierenden Wissenschaftlern und bloß schreibenden Intellektuellen den Habitus des bodenständigen Forschers in der freien Natur favorisiert. Diesen Forscher lernten viele auch als den Umweltschützer kennen: Lorenz engagierte sich 1978 gegen das erste geplante österreichische Atomkraftwerk und 1984 gegen ein geplantes Wasserkraftwerk bei Hainburg/Donau unterhalb von Wien. So wurde aus ihm mit kräftiger Unterstützung der österreichischen Boulevardpresse eine Leitfigur der sich formierenden grünen Umweltbewegung. Über ein mögliches braunes Erbe im grünen Gewand machte man sich keine Gedanken mehr. Dabei waren damals schon jene Dokumente bekannt, die Lorenz privat als jubelnden Anhänger des österreichischen Anschluss an NS-Deutschland und beruflich als einen der NS-Rassenpolitik verpflichteten Wissenschaftler ausweisen. Um eine wirkliche Auseinandersetzung hat man sich aber gerne gedrückt.

Bemerkenswert ist, wie die Autoren Föger / Taschwer mit der Problematik Wissenschaft und NS-Politik umgehen. Denn, und das war lange Zeit eine offenes Geheimnis, in Österreich saßen lange Zeit und mit Duldung damals führender sozialistischer Politiker Altnazis in Amt und Würden, waren Mitglieder der Regierung, oder lehrten an den Universitäten, wie wenn nie etwas gewesen wäre. Verdrängen und Verdecken war das Motto der siebziger und achtziger Jahre, und vor allem die akademisch aufstrebenden Protegés der alten Herren vermieden die Auseinandersetzung mit der Geschichte. Erst zögerlich setzte die Aufarbeitung in den einzelnen Disziplinen ein - dass dies oft erst in den neunziger Jahren möglich war, darf als Armutszeugnis einer ganzen Generation gedeutet werden. Dabei war es einerseits allzu leicht, die Political Correctness-Keule zu schwingen und die Verfehlungen der Vergangenheit zu verdammen. Andererseits kann man aber auch nicht, wie die Betroffenen selbst es gern getan haben, die kollektive Entschuldigung in Form einer zugestandenen Mitläuferschaft einfach in Anspruch nehmen. Doch es gibt noch eine etwas anders gelagerte Dimension, die an diesem Fall deutlich wird: Lorenz war keinesfalls der politisch naive Wissenschaftler, als den er sich selbst gern hingestellt hat.

Die wichtigsten der Lorenz-Biografen hatten mehr oder weniger lang persönlichen Umgang mit Lorenz und waren von seiner charismatischen Persönlichkeit sichtlich eingenommen. Wohl aus diesem Grund verabsäumten sie es, im Detail zu prüfen, was sich gerade in den Jahren zwischen 1938 und 1945 in Lorenz' Leben zugetragen hatte und was er in jener Zeit tatsächlich gedacht und geschrieben hatte. (...)
Lorenz' politisches Verhalten im Dritten Reich hatte geringe Auswirkungen auf seine Karriere nach 1945. Die Anpassungsfähigkeit eines Forschers, der formal nie entnazifiziert wurde, ist dabei durchaus symptomatisch für eine 1938 bis 1945 im akademischen Wissenschaftsbetrieb aktive Generation, die diesen noch Jahrzehnte nach dem Untergang von Hitler-Deutschland dominierte und somit einer ernsthaften Untersuchung ihres Verhaltens während der NS-Herrschaft lang Zeit einen Riegel vorschob.

Vom Tier zum Menschen

Die von Lorenz begründete Ethologie erforscht das instinktive Verhalten von Tieren, untersucht Auslösemechanismen für das Verhalten und die Schlüsselreize dazu - am bekanntesten etwa das den Brutpflegeinstinkt auslösende "Kindchenschema" - und entwirft eine Theorie der "stammesgeschichtlichen" Entwicklung des angeborenen Verhaltens. Sehr umstritten ist die Übertragung der aus der Verhaltensforschung entwickelten Erkenntnisse auf die menschliche Welt, die unser gewohntes Bild der Motive sozialen Verhaltens in Frage stellt. Einiges davon findet sich in der Soziobiologie wieder, die sich aus der Evolutionstheorie Charles Darwins entwickelt hat und welche die genetische Veranlagung vor den freien Willen, das Überleben der Gattung vor die Wünsche und Ziele des Individuums, und alles Leben unter die Kosten-Nutzen-Analyse der biologischen Reproduktion stellt. Durch den soziobiologischen Ansatz scheint so manches Verhalten, das rational letztlich mehr erklärbar ist, im neuen und durchaus plausiblen Licht - Aggression im Alltag beispielsweise, Beschützerinstinkt, ästhetisches Empfinden; es lässt sich damit aber auch ein sinnhafter Kontext für unmoralische Verhaltensaspekte wie Rassismus, Egoismus oder gar Vergewaltigung konstruieren.

Schon bei Lorenz wird das menschliche Verhalten mehr oder weniger radikal unter das Paradigma eines genetisch gesteuerten Überlebens gestellt. "Wir sind mit dem Genom des Steinzeitmenschen geschlagen", wie er des öfteren betonte. Nicht nur das tierische, auch das soziale und kulturelle Leben werde durch die Gene bestimmt, und zwar in zunehmender Diskrepanz zu einer immer komplexer werdenden Umwelt. Die Erforschung der biologischen Grundlagen für das Sozialverhalten ist ein relativ junger Forschungszweig. Als sich der promovierte Mediziner Lorenz in den 30er Jahren damit befasst hat, nannte sich das Ganze noch "Tierpsychologie" und war keinesfalls unumstritten, vor allem wenn man wie Lorenz danach trachtete, sich mit solchen Arbeiten an der philosophischen Fakultät zu habilitieren.

Der Argwohn war nicht unbegründet, wie vor allem die Texte des überzeugten Nationalsozialisten Erich Jaensch bald zeigen sollten. Der Marburger Professor für psychologische Anthropologie entwickelte aus einer vergleichenden Rassenpsychologie zwischen Tier und Mensch jene "Typenlehre", die NS-Psychologen zur Unterscheidung von "Vollwertigkeit" und "Minderwertigkeit" legitimieren sollte. Als Förderer der Tierpsychologie spielte Jaensch den Mentor für den Eintritt des jungen Konrad Lorenz in die deutsche Wissenschaftswelt. Lorenz' populärwissenschaftliche Vorträge und Zeitungsartikel mit unverfänglichen Titeln wie über "Das Gesellschafts- und Familienleben der Tiere" wurden bald durch Fachbeiträge abgelöst, in denen von einer Degeneration "arteigenen Verhaltens" die Rede war, von erblichen Veränderungen, die "ausgemerzt" gehören, und von den zivilisationsbedingten Verzerrungen jener Reinrassigkeit, die man als Naturforscher zu identifizieren lerne.

Domestikationserscheinungen

Konkret handelt es sich dabei um den berüchtigten, 1940 in der "Zeitschrift für angewandte Psychologie und Charakterkunde" publizierten Artikel mit dem Titel "Durch Domestikation verursachte Störungen arteigenen Verhaltens", in dem Konrad Lorenz seine Forschungskarriere auf den Grundstein einer der NS-Politik entsprechenden Rassenhygiene gebaut hat. Es ist darin explizit von einer "Ausmerzung ethisch Minderwertiger" die Rede, sowie von der Rolle des "Volksarztes", die Lorenz einzunehmen trachtete. Dabei führt die Beobachtung von Domestikationsfolgen im Tierreich - Lorenz nennt sie die Verhaustierung oder Verhausschweinung - zu "Ausfällen von Instinkthandlungen". Hier eine Kostprobe aus dieser empirischen Naturforschung:

Da bei phänotypischer Minderwertigkeit die feineren sozialen Verhaltensweisen immer weit früher und stärker gestört werden als die äußere Erscheinung, kann man etwa von einem krummbeinigen, schlapp hängebäuchigen und blaß-schnäbeligen Graugansert, wie er durch nachlässige Aufzucht nur zu leicht erzeugt wird, mit absoluter Sicherheit voraussagen, dass sein soziales Verhalten alles andere als normal sein wird. Bei den reinblütigen Wildgänsen hat also die Ansicht der alten Griechen, dass ein schöner Mann nie schlecht und ein hässlicher Mann nie gut sein können, volle Gültigkeit.

Es kommt im Text zu bizarren Beschreibungen solcher "Ausfallsmutanten", die unter natürlichen Bedingungen von der Natur gnadenlos ausgemerzt werden. In einer künstlichen Situation jedoch, so der Schluss, überleben auch die minderwertigen Typen. Lorenz kennt auch das kulturelle Äquivalent zum degenerierten Haustier - es ist der Stadtmensch. Durch die spezifische Verzerrung der Zivilisation überleben auch jene, die dem Ideal der Vollwertigkeit längst nicht entsprechen: es gibt irgendwann einen Überhang der vom "Soll-Typus unserer Rasse" abfallenden "Nebenmenschen". Hier müsse nach weiterer Forschung die Korrektur durch den Rassepfleger einsetzten, jener Volksarzt, der das schädliche Krebsgeschwür "minderwertigem Menschenmaterials" aus dem "gesunden Volkskörper" herausschneidet. Einstweilen aber hofft Lorenz auf den Ausgleich der "Instinktausfälle" durch die "gesunden Gefühle unserer Besten"- was nichts anderes als eine soziobiologische Rechtfertigung des Führerprinzips bedeutet - und er stellt fest: "Der rassische Gedanke als Grundlage unserer Staatsform hat schon unendlich viel in dieser Richtung geleistet."

Auffällig an Texten wie diesem ist, dass nach Abschwächung bestimmter Stellen ein Grundgedanke bleibt, der sich auch in späteren Publikationen wiederfindet: die Konfrontation einer gesunden Wildform mit einer degenerierten Domestikationsform. Neben der Dichotomie von gesund/krank ist es der Bezug auf eine "Natur" im Kontrast zur Kultur, mit der immer wieder Wertungen durchgeführt werden. Erhellend dazu folgendes Zitat aus Pierre Bourdieus Analyse der Rhetorik Martin Heideggers, der wie auch andere Wissenschaftler jener Zeit im Fahrwasser der konservativ-faschistischen Kulturkritik schwamm:

Das ideologische Ausschlachten der Sehnsucht nach ländlicher Natur und das Unbehagen an der städtischen Kultur und Zivilisation beruht auf der stillschweigenden Gleichsetzung der Rückkehr zur Natur mit der Rückkehr zum Naturrecht, eine Gleichsetzung, die unterschiedlich vollzogen werden kann

in der Restaurierung der an die bäuerliche Welt gebundenen mystifizierten Verhältnisse patriarchalischen oder paternalistischen Typs, aber auch brutaler in der Berufung auf Unterschiede und Triebe, die vorgeblich der Natur (und spezieller der animalischen Natur) universell eingeschrieben sind.

Naturforschung siegt über Philosophie

Föger und Taschwer zeigen in ihrer Publikation, dass es nicht nur bei einem einsamen Artikel geblieben ist. In mehreren Publikationen und Briefen von Konrad Lorenz findet sich die gesamte ideologische Latte der NS-Zeit, von der biologisch begründeten Überlegenheit der Deutschen ("Biologisch jung und aufstrebend") bis hin zur Mission, diese Überlegenheit durch züchterischen Eingriff abzusichern. Brisant ist auch, dass Lorenz offenbar seine NS-Kontakte für seine akademische Karriere und zur Ausschaltung fachlicher Konkurrenten benutzt hat

Diese Karriere führte Lorenz kurz vor seinem Kriegseinsatz (unter anderem als Heerespsychologe für die Deutsche Wehrmacht) auf eine Psychologie-Professur nach Königsberg - es war der historische Lehrstuhl Immanuel Kants, ein besonders pikantes Detail aus der Abteilung "Ironie der Geschichte". Mit dessen bekanntlich rein formalphilosophischer Begründung eines transzendentalen Apriori konkurrenziert die gesamte biologisch-evolutionistische Theoriebildung eines "stammesgeschichtlichen Aposteriori", das auch Lorenz verfochten hat. Hier allerdings klafft in der vorliegenden Publikation eine wissenschaftshistorische Lücke, denn Föger / Taschwer verabsäumen es, auf den Jenaer Zoologen Ernst Haeckel und dessen sozialdarwinistische Übertragung des "Kampfes ums Dasein" aus dem Tierreich in die Geschichte auch nur in Form einer Anmerkung einzugehen.

Der mit seinen Publikationen (wie Die Welträtsel, 1899) seinerzeit sehr populäre Evolutionist Haeckel aber war es, der mit seinem wissenschaftlichen Monismus den "unnatürlichen und verderblichen Gegensatz" von Philosophie und Naturwissenschaft zu überwinden trachtete. Von ihm kommt die "Überwindung Kants" in der Konstruktion eines stammesgeschichtlichen Aposteriori, die sogenannte nicht-dualistische Erkenntnistheorie. Auch die Kritik am anthropozentrischen Dogma ist bei Haeckel formuliert und dabei der Terminus Ökologie im modernen Sinn geprägt worden. Insgesamt vertrat Haeckel genau jenen Habitus, von dem noch Lorenz zehren sollte: den des Wissenschaftlers, der seine autoritäre politische Ideologie mit einem diffusen Naturbegriff kaschiert, um sie gegen rationale und später als jüdisch diffamierte Kritik zu immunisieren. Dabei wäre es zu einfach, die Evolutionsbiologie, die sich hieraus mit manch interessanten Spielarten entwickelt hat, pauschal abzulehnen. Aber unhaltbar ist auch die vermeintliche politische Neutralität dieser Naturforschung. Und hierin ist Föger / Taschwer zuzustimmen: "Die Problematik im Fall von Lorenz besteht nicht allein darin, dass seine Verdienste um die Wissenschaft und den Umweltschutz ebenso unbestreitbar sind wie seine nationalsozialistische Parteigängerschaft. Sie besteht vor allem darin, dass sich das eine nicht so einfach vom anderen trennen lässt."

Benedikt Föger, Klaus Taschwer: Die andere Seite des Spiegels. Konrad Lorenz und der Nationalsozialismus. Wien: Czernin Verlag 2001, Euro 23,50

http://www.heise.de/tp/artikel/9/9896/1.html
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