Lang lebe die Selbstreferenz!
Das "Altpapier" der Netzeitung feiert Geburtstag
Als tägliche Medien-Rundschau genießt das Altpapier der Netzeitung in der Branche mittlerweile Kultcharakter. Doch während man hier zu Lande fröhlich feiert, ist in den USA eine Debatte über die Zukunft des Medienjournalismus entbrannt."Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir über die Massenmedien", schrieb Niklas Luhmann 1996 in seinem Buch "Die Realität der Massenmedien." Luhmann beschrieb darin die Medien als System, das seine eigene Wirklichkeit durch Selbstreferenz und Abgrenzung von der Außenwelt produziert. In kaum einem Fall wird dieser Automatismus deutlicher als beim Medienjournalismus: Journalisten, die darüber schreiben, was andere Journalisten schreiben, um wiederum von Journalisten zitiert zu werden. Kaum eine Tageszeitung verzichtet heute auf ihr tägliche Medienseite, um sich - mal freigeistig-feuilletonistisch, mal eher sachlich-ökonomisch - den Wonnen der Selbstbezüglichkeit hinzugeben.
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Auch die Netzeitung, die vor ziemlich genau einem Jahr als erste deutschsprachige Internet-Tageszeitung startete, setzt mit einem ausführlichen Medienteil auf den Nachrichtenwert der Nachrichten über Nachrichten und ihre Macher. Fast könnte man meinen, sie kann gar nicht anders - ist doch nach Luhmann diese Form der fortwährenden Selbstreferenzierung eine der wesentlichen Grundlagen des Systems der Massenmedien. Doch die Netzeitung ging noch einen Schritt weiter und schenkte diesem System eine Art editiertes Logbuch, das Altpapier. Hier werden seit dem Launch am 08.11.2000 täglich die Medienberichte der traditionellen Printmedien in wenigen Sätzen zusammengefasst, verlinkt und mitunter süffisant kommentiert.
Mit dieser Mischung aus Servicepoint und Kommentar hat sich das Altpapier innerhalb eines Jahres einen Platz ganz weit oben in den Bookmarks deutschsprachiger Journalisten gesichert. Freischaffende, die sich schon aus ökonomischen Gründen keinen riesigen Blätterwald leisten können, erfahren hier, was andere so über "ihr Thema" schreiben. Ressortleiter sehen mit einem Blick, was so bei der Konkurrenz vorgeht. Und für manch einen soll das Altpapier sogar Ansporn sein, sich vermehrt den Medienthemen zu widmen. Schließlich muss man da einfach mal zitiert werden.
Welchen Stellenwert die Kolumne für die Branche in nur einem Jahr gewonnen hat, lässt sich ab heute in der Netzeitung nachlesen. Statt des gewohnten Altpapiers wartet dort das Geschenkpapier auf Leser und Schreiber. Darin werden 13 Ausgaben lang all jene zu Gastautoren, die sonst regelmäßig im Altpapier zitiert werden. Den Anfang macht heute Ulrike Simon vom Tagesspiegel, danach geht es weiter mit den Medienseiten der anderen großen Tageszeitungen. Bei der Netzeitung verkündet man anlässlich dieses kleinen Experiments gleich den Ausnahmezustand: "Alles ist möglich."
Nichts geht mehr: Das Ende des Medienjournalismus?
Interessanterweise fällt die kleine Geburtstagsparty des Altpapiers ausgerechnet in eine Zeit, in der in den USA über das Ende des Medienjournalismus debattiert wird. Auslöser dafür ist das Ende des Medien-Magazins Brill's Content und des Online-Branchendienstes Inside.com, die beide letzte Woche ihre Pforten schließen mussten. Die finanziellen Schwierigkeiten beider Publikationen waren bekannt. Brill's Content kam nie auf die erwünschte Auflagenhöhe, Inside.com stand bereits im Mai diesen Jahres kurz vor dem Aus. Damals sprang Steven Brill ein, um die Site in sein kleines Imperium der Medienkritik zu integrierten. Letzte Woche gab dann Brill Media-Miteigentümer Primedia bekannt, die Zeitschrift einzustellen und Inside.com nur noch als Portal für die eigenen Newsdienste zu verwenden.
Der Bloomberg-Kolumnist Andrew Ferguson sieht den wahren Grund für Brills Scheitern aber nicht in der angespannten Wirtschaftslage oder den von Inside.com beschriebenen Zerwürfnissen mit Primedia, sondern in einem grundlegenden Missverständnis. Jahrelang hätten Journalisten gedacht, jeder wolle lesen, was sie über andere Journalisten denken und schreiben. Für Ferguson ein monströser Akt der Selbsttäuschung:
"Kein Teppichverläufer hätte sich jemals der Illusion hingegeben, ein Massenblatt namens "Gewebe: Die unabhängige Stimme der Teppichnation" auf den Markt zu bringen."
Journalisten haben nach seiner Meinung seit den Neunzigern das Interesse an ihrem Handeln aus reiner Selbstbezüglichkeit völlig überschätzt. Vorher habe es ein paar Branchenmagazine gegeben, die nie für ein Massenpublikum gedacht gewesen seien. Doch mit dem Siegeszug des Kabelfernsehens seien Journalisten scheinbar plötzlich zu Stars geworden. Was bei einigen zu der Illusion geführt habe, dort draußen gäbe es wirklich Leute, die sich für ihre Insider-Geschichten interessierten.
Es brauchte nur ein paar Tage, bis Inside.com-Mitgründer Kurt Andersen Ferguson widersprach. Im Falle von Inside.com habe es sehr wohl eine breite interessierte Öffentlichkeit gegeben, die man trotz beitragspflichtigen Bereichen für ein Insider-Publikum auch konzeptionell nie aus den Augen verloren habe. Andersen dazu gegenüber Telepolis:
"Ich denke sicher nicht, dass wir das nicht-professionelle Publikum unterschätzt haben oder uns zu sehr auf die Branchenprofis verlassen haben. Allerdings haben wir den Zusammenbruch und das praktische Verschwinden des Online-Werbemarktes nicht vorausgesehen."
Das Abheben der Journalisten
Also lag es doch alles nur am lieben Geld? Glaubt man Andrew Ferguson, ist die finanzielle Krise nur ein Symptom für den zunehmenden Realitätsverlust des Medienjournalismus. Aber wie ist es denn nun wirklich um Realität und Bodenhaftung der Journalisten bestellt, die täglich über nichts anderes schreiben als andere Journalisten? Mal schauen, was Luhmann dazu zu sagen hat:
"Dass die Massenmedien [...] nicht abheben, nicht aus der Gesellschaft ausscheren, wird durch die Themen der Kommunikation gesichert. Themen dienen der strukturellen Kopplung der Massenmedien mit anderen Gesellschaftsbereichen."
Tatsächlich sind auch Medienthemen auf ihre Weise ein Spiegel der gesellschaftlichen Kommunikation - und sei es auch nur der massenmedial erzeugten. In kaum einem Medium wird dies deutlicher als dem täglichen Altpapier der Netzeitung. Die Häufigkeit, mit der hier bestimmte Themen auftauchen, die Dauer, mit der sie behandelt werden, die Ernsthaftigkeiten und Unsicherheiten im Umgang mit ihnen zeigen uns auf subtile Weise, was die Welt bewegt.
Besonders eindrücklich wurde dies in den Altpapier-Ausgaben der letzten zwei, drei Monate. Im Spätsommer passierte einfach gar nichts. Eine stabile Regierungskoalition, eine zerstrittene Opposition, Finanzpolitik mit ruhiger Hand, eine Gesellschaft im wohligen Stillstand. Nicht mal ein richtiges Sommerloch wollte sich auftuen. Weshalb im Altpapier König Fußball regierte. Beziehungsweise der Streit der Fernsehsender über die Fußball-Übertragungsrechte. Darf Kirch der ARD die Show stehlen? Spaltet ein neuer ran-Sendeplatz die Familie? Welche Flügel bilden sich im Blätterwald, wer übernimmt die Abwehr, wer den Sturm? Wochenlang ging das so. Als täglicher Altpapier-Leser wünschte man sich irgendwann verzweifelt, dass doch mal etwas bedeutendes auf der Welt passieren möge.
Am 11.09. passierte es dann. Schlagartig änderte sich auch die Medienberichterstattung über die Medienberichterstattung. Zuerst einmal ganz offensichtlich: Medienkritik war wieder gefragt. Darf man Videos von bin Laden ausstrahlen, wieder lachen, Bushs Denkstrukturen mit wem auch immer vergleichen? Die eigentliche Stärke des Altpapiers liegt jedoch darin, auch die scheinbar nebensächlichen Informationen und Veränderungen der Selbstreflektion des Systems Massenmedien aufzuzeichnen. Seit einigen Wochen sammelt man dort beispielsweise seltsam klingende Wörter: Heißt der einzige Fernsehsender, der noch Korrespondenten in Afghanistan hat, nun eigentlich Al Djasira, Al Dschasira oder Al Jazeera? Dass die großen Tageszeitungen nicht einmal wissen, wie man diese derzeit so essentielle Informationsquelle richtig schreibt, zeigt uns auf subtile Weise, wie wenig wir eigentlich über diesen Krieg wissen.
Die Befangenheit des Medienjournalismus aufzeigen
Und was heißt das jetzt für die Zukunft des Medienjournalismus? Vermutlich, dass er in einer seltsamen Zwickmühle steckt und dort auch nicht so schnell wieder rauskommen wird. Einerseits wird er mehr gebraucht denn je. Andererseits muss er sich mehr denn je für seine Existenz rechtfertigen und leidet deshalb oft noch mehr als andere journalistische Bereiche unter den Einsparungen der Verlage. Kurt Andersen dazu:
"Während der vergangenen Dekade des Friedens und Wohlstands ging es dem Medienjournalismus offensichtlich besser, als es ihm während einer Zeit des Krieges und der Rezession gehen wird."
Andersen sieht übrigens seinen Kontrahenten Ferguson gar nicht so weit von seiner eigenen Position entfernt. Dass Ferguson Inside.com immer nur als Medienmagazin begriffen habe, obwohl man dort doch auch über die Musik- und Filmindustrie geschrieben hat, ist für ihn ein Anzeichen für die typische "Engstirnigkeit und Selbst-Obsession" eines Journalisten. Freundlicher ausgedrückt könnte man auch sagen: Der Mann ist gefangen in seiner Selbstreferenzialität. Er kann gar nicht anders, schließlich ist er Journalist. Und so verwundert es auch kaum, dass sich Ferguson am Ende seiner Kolumne über den Tod des Medienjournalismus dann eine Art Meta-Medienjournalismus wünscht, um die Befangenheit des Medienjournalismus aufzuzeigen:
"Das Problem ist, dass man dazu ein Magazin starten müsste, das sich mit Magazinen beschäftigt, die sich mit Journalismus beschäftigen. Und damit wärst du in sechs Monaten Pleite."
Eigentlich klingt Fergusons Beschreibung fast ein bisschen nach dem, was das Altpapier täglich liefert. Bleibt zu hoffen, dass es gemeinsam mit der Netzeitung Fergusons pessimistischen Prognose noch möglichst lange widersteht. In diesem Sinne: Alles Gute zum Geburtstag!
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