Der Anblick des Schönen wirkt wie Rauschgift

Florian Rötzer 10.11.2001

US-Wissenschaftler haben die Reaktion des männlichen Gehirns auf schöne Gesichter untersucht

Erst kürzlich haben britische Wissenschaftler zeigen können, dass unsere Gehirne auf bestimmte Gesichter, die als schön empfunden werden, nicht nur stärker reagieren, sondern sozusagen sich auch belohnen, wenn sie diese ansehen. So erfahren die "Schönen" also höhere Aufmerksamkeit, während die anderen Menschen sich mit anderen Eigenschaften Anerkennung verschaffen müssen, wollen sie nicht am unteren Ende der soziale Hierarchie landen. Amerikanische Wissenschaftler konnten jetzt bestätigen, dass die Wahrnehmung schöner Gesichter dasselbe Belohnungszentrum anspricht wie Rauschgift, Essen oder Geld.

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Bei den britischen Wissenschaftlern, die das Gehirn von weiblichen und männlichen Versuchspersonen beim Betrachten von Fotos mit Kernspintomographie gemessen haben, ließ sich dann eine deutlich größere Aktivität im ventralen Striatum beobachten, wenn die als schön bezeichneten Gesichter ihre Augen auf den Betrachter richten (Schöne Gesichter setzen das Gehirn in Aufruhr). Wandten die Menschen auf den Fotos den Blick ab, trat die Aktivität nicht auf, was sich so interpretieren ließ, dass eine Verstärkung nur bei gegenseitiger Aufmerksamkeit erfolgt. Die Attraktivität der Gesichter schien jedoch unabhängig vom Geschlecht zu wirken.

Die amerikanischen Forscher vom Massachusetts General Hospital der Harvard University haben hingegen, wie sie "Beautiful Faces Have Variable Reward Value: fMRI and Behavioral Evidence" (Neuron vom 8.11) berichten, nur männliche Versuchspersonen (10 heterosexuelle Männer zwischen 21 und 28 Jahren) herangezogen, da angeblich die Reaktion der Frauen auf die Wahrnehmung von Gesichtern sich während der Menstruation verändert. Grundlage des Experiments waren 80 Fotografien von schönen oder normalen Gesichtern von Frauen und Männern.

Eine Gruppe sollte die Fotografien der Gesichter auf einer Skala von 1-7 hinsichtlich der Attraktivität bewerten. Hier entsprach die Bewertung der üblichen Einstufung, Unterschiede zwischen den Gesichtern von Männern und Frauen traten nicht auf. Eine weitere Gruppe konnte selbst mit der Computertastatur kontrollieren, wie lange sie die Bilder auf dem Bildschirm anschauen wollten. Hier ließ sich eigentlich erwartungsgemäß beobachten, dass die Männer länger die Gesichter der schönen Frauen ansahen, während die Zeit für die anderen drei Kategorien verkürzt wurde. Und bei den Mitgliedern der dritten Gruppe wurde deren Gehirn mit fMRI gescannt. Dabei konzentrierte man sich auf die Bereiche (Nucleus accumbens, die Amygdala, den Hyothalamus, orbitofrontalen Cortex, von denen man weiß, dass sie auch angesichts von Essen, Geld oder Drogen aktiviert werden. Schon im Mai hatten teilweise dieselben Wissenschaftler berichtet, dass Gewinnspiele dieselben Belohungs- und Lustareale aktivieren wie Süchte. Überdies sind die Gehirnareale, die beim Glücksspiel aktiv waren, nicht nur beim Genuss von Kokain, sondern auch bei der Erwartung oder der Empfindung von angenehmen oder unangenehmen Geschmacks- oder Tastwahrnehmungen beteiligt. Alle beteiligten Areale werden durch Dopamin gesteuert, einem Neurotransmitter, von dem man annimmt, dass er bei Sucht und Lustgefühlen eine wichtige Rolle spielt.

Tatsächlich ließ sich auch eine erhöhte Aktivität dieser Belohnungsareale beim Anschauen von schönen Frauengesichtern feststellen, während bei der Betrachtung von schönen Männergesichtern die Erregung abfiel und eine Abwehrreaktion eintrat (es sind ja schließlich die Konkurrenten ....). Die schöne Oberfläche also, die im neutralen ästhetischen Urteil gefällt, wäre in diesem Fall also nicht identisch mit dem, was - in diesem Fall: sexuell - begehrt wird. Begehren und Schönheit sind also offenbar nicht identisch, bedingen aber einander. Allerdings sieht man im Hinblick auf die beiden Experimente auch, wie wichtig die Versuchsbedingungen für die Ergebnisse sind. "Diese jungen Männer", so Hans Breiter, Mitautor der Studie und Leiter des Motivation and Emotion Neuroscience Center des MGH, "haben 6.000 Mal die Tasten über 40 Minuten lang gedrückt, was so viel ist wie eine Ratte einen Schalter für Kokain drückt. Diese Bilder hatten einen ebenso großen Belohnungswert wie Kokain, wie Essen, wie Geld - und das war bemerkenswert."

Nach Ansicht der Psychologin Nancy Etkoff, die die Studie mit betreut hat und das Buch "Survival of the Prettiest: The Science of Beauty" verfasst hat, bestätigt das Ergebnis frühere Studien, dass "die Wahrnehmung von Schönheit angeboren ist, dass ähnliche Merkmale universell als schön betrachtet werden. Wenn Schönheit tatsächlich fest durch die natürliche Selektion im Gehirn verdrahtet ist, sollten wir auch erwarten, Schaltungen im Gehirn zu, die auf Schönheit reagieren." Sogar schon Babies im Alter von einer Woche würden schöne Gesichter bevorzugen.

http://www.heise.de/tp/artikel/9/9971/1.html
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