Ist der Islam die effizienteste Religion, um das Verhalten zu steuern?
Soziologen ziehen aus einer Studie, die sich mit dem Einfluss von Religionen auf vor- und außerehelichen Sex beschäftigt, dass Religionen das Verhalten der Einzelnen, auch wenn sie nicht selbst religiös sind, beeinflussen
Nach einer Untersuchung des außerehelichen sexuellen Verhaltens von Menschen in 31 Ländern, meist Entwicklungsländern, gibt es erhebliche Unterschieden in den Religionsgemeinschaften. Am meisten verpönt ist vorehelicher Sex bei den Moslems und den Hindus, wobei die Moslems auch insgesamt am wenigsten oft außerehelichen Sex haben sollen, allerdings sind ihnen da die Buddhisten näher. Das beruht freilich auf Aussagen der Befragten, gut möglich wäre also auch, dass die Angaben übertrieben werden oder vor- bzw. außerehelicher Sex lieber nicht berichtet wird.
Die Soziologen wollen am Sexverhalten herausfinden, wie sie im American Sociological Review schreiben, wie Religion und Kultur das individuelle und gesellschaftliche Verhalten - nicht nur die Einstellungen - prägen und folgen dabei der These von Samuel Huntington, dass religiöse Gemeinschaften, nicht mehr ideologische und wirtschaftliche Unterschiede wie im Kalten Krieg, die Differenzen zwischen Nationalstaaten bestimmen könnten - bis hin zur These, dass der große Ost-West-Konflikt nun zu dem zwischen dem Westen und den islamischen Ländern übergegangen sei. Nach Umfragen, so die Soziologen, würde sich die Verhaltensformung durch Religion am deutlichsten auf sexuelle Bereiche wie Homosexualität oder Geschlechtergleichheit auswirken, obgleich alle großen Religionen darauf ausgerichtet sind, das sexuelle Leben zu regeln und deswegen beispielsweise vor- und außerehelichen Sex zu unterbinden. Und nach ihrer Studie unterscheidet sich das sexuelle Verhalten zwischen den Mitgliedern der Religionen und auch der Nationen, wenn sie vorwiegend von Moslems bewohnt werden, was angeblich Huntingtons These bestätige.
Ausgewertet wurden die Daten des Demographic and Health Survey (DHS), für den Frauen zwischen 15 und 49 Jahren und Männer zwischen 15 und 59 Jahren auch zum sexuellen Verhalten zwischen 2000 und 2008 befragt wurden. Die Umfragen sollen repräsentativ sein. Versucht wurde zu berücksichtigen, ob der moralische Druck so groß war, dass falsche Angaben gegeben wurden. Am meisten scheinen die Buddhisten geschwindelt zu haben, gefolgt von Juden, dann Christen und schließlich Moslems und Hindus, was auch nach Meinung der Soziologen bedeuten würde, dass sie keineswegs stärker als Angehörige anderer Religionen unter moralischem Druck stehen.
Allerdings sollen die Vorschriften für Moslems, was vorehelichen Sex betrifft, besonders streng sein, weswegen auch oft eine Geschlechtertrennung schon bei Jugendlichen praktiziert wird, um die Gelegenheiten zu reduzieren. Bei Hindus hingegen soll die Verhinderung vorehelichen Sexes weniger mit der Religion und eher mit dem Kastenwesen und der Tradition zusammenhängen. Eine gemeinsame Folge ist jedoch bei Hindus und Moslems, dass in jüngerem Alter geheiratet wird, wodurch sexuelles Fehlverhalten in Form von vorehelichem Sex reduziert werden kann. Und weil die religiösen Normen in Ländern mit einer großen islamischen oder hinduistischen Bevölkerung eher beachtet werden, berichten in Umfragen Moslems und Hindus auch weniger, sie hätten vor- oder außerehelichen Sex gehabt. Die These, dass eine größere Religionsvielfalt in einem Land zu einem freizügigeren Verhalten führe, konnten die Soziologen in ihrer Studie nicht bestätigen. So würden Moslems auch in Ländern, in denen die religiöse Vielfalt größer ist, nicht öfter sagen, sie hätten vor- oder außerehelichen Sex gehabt.
53 Prozent aller befragten Verheirateten sagten, sie hätten vorehelichen Sex gehabt, nur 1 Prozent erklärte, sie hätten als Verheiratete außerehelichen Sex gehabt. Christen sind sexualmoralisch offenbar sogar weniger streng als die Nichtreligiösen, Juden, Buddhisten und Angehörige anderer Religionen geben deutlich öfter an, vorehelichen Sex gehabt. Generell sagen Frauen weniger oft als Männer, vorehelichen Sex gehabt zu haben, während Menschen, die in Städten leben oder besser ausgebildet sind, dies öfter sagen. Außerehelicher Sex ist besonders streng unter Moslems und Buddhisten verpönt. Religion könne, zumindest im Fall des Islam, nicht nur das individuelle Verhalten der Gläubigen prägen, sondern die gesamte Gesellschaft, also auch die weniger oder gar nicht Gläubigen. Dabei spiele der soziale Druck manchmal eine höhere Rolle als Gesetze und formale Vorschriften, die der Religion geschuldet sind. So habe die gesetzlich eingeschränkte Bewegungsfreiheit der Frauen keinen nachweisbaren Einfluss auf deren sexuelles Verhalten, das vielmehr von Glaubensvorstellungen, Normen und Werten geregelt werde.
Die Studie stochert allerdings doch ziemlich im Dunklen, wenn sie Aspekte des sexuellen Verhaltens nur anhand von Umfragen behandelt. Tatsächlich könnte vor- und außerehelicher Sex in einer Kultur gewöhnlicher sein, als die gegenüber Interviewern geäußerten Behauptungen, wenn die Kultur stark moralisch oder religiös geprägt ist. Und auch andersherum könnte es in einer Kultur höher angesehen sein, vor- und außerehelichen Sex gehabt zu haben, als dies tatsächlich praktiziert wird. Da die Umfragen vorwiegend in Entwicklungsländern gemacht wurden, ist auch fraglich, ob die starken sexuellen Normen von der Religion direkt oder von den sozialen Strukturen geprägt werden, auch wenn beides natürlich zusammenhängt. Die Soziologen sind jedoch überzeugt, dass der Islam am effizientesten bei der Formung des Verhaltens zu sein scheint, während andere Weltreligionen, die auch Sex außerhalb der Ehe verpönen, nicht so viel Einfluss ausüben können. Warum das so ist, erklären die Autoren allerdings nicht.
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