Innerhalb kürzester Zeit könnten die Wälder Brasiliens von einer Treibhausgas-Senke zu einer gigantischen -Quelle werden und das globale Klima weiter aufheizen
Es war die schlimmste Dürre im Amazonasbecken seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Ende 2005 waren dort aus mächtigen Strömen schlammige Rinnsale geworden. Viele Wochen hatte es nicht geregnet; Dörfer, die nur über die Flüsse erreichbar waren, mussten aus der Luft versorgt werden. In den ausgetrockneten Flussbetten verendeten die Fische.
Schließlich kehrte der Regen zurück, die Flüsse füllten sich wieder, die Fischbestände – wichtige Nahrungsquelle für viele Flussanwohner – begannen sich wieder zu erholen. Dem Wald, durch Landwirtschaft und illegalen Holzeinschlag arg in Mitleidenschaft gezogen, schien die extreme Trockenperiode auf den ersten Blick kaum etwas ausgemacht zu haben.
Doch dieser Eindruck hatte getäuscht, wie wir jetzt wissen. Die britische Zeitung The Independent berichtet von einer Fleißarbeit mehrerer Dutzend Wissenschaftler, die etwas genauer hingeschaut haben. Das Ergebnis: Im Dürrejahr stieg die Sterblichkeit der Bäume von ein auf zwei Prozent an. Die Pflanzen stellten vielerorts ihr Wachstum ein, was daran abzulesen war, dass der Umfang der Urwaldriesen nicht mehr zunahm.
Unterm Strich sind die Ergebnisse vor allem für das globale Klima besorgniserregend. Sie zeigen nämlich, wie schnell der Wald seine Funktion als "Lunge des Planeten" verlieren kann. In normalen Jahren nimmt er etwa zwei Milliarden Tonnen des Treibhausgases CO2 zusätzlich auf, das heißt, er fungiert als Speicher, der sich immer weiter auffüllt. Zum Vergleich: Die Menschheit fügt der Atmosphäre jährlich etwa 30 Milliarden Tonnen CO2 zu, wovon bisher nur die Hälfte längerfristig in unserer Lufthülle verbleibt. Der Rest wird von den Ozeanen oder von der Biosphäre, wie eben am Amazonas, aufgenommen.
2005/2006 kehrten sich allerdings die Verhältnisse um: Die Wälder an den Ufern des Amazonas und seiner rund 100.000 Nebenflüsse gaben wegen der Trockenheit drei Milliarden Tonnen CO2 ab. Netto nahm also der Treibhausgas-Gehalt der Atmosphäre um fünf Milliarden Tonnen zu, etwa dem Fünffachen der deutschen Jahresemissionen.
Einigermaßen dramatisch ist diese Erkenntnis vor dem Hintergrund, dass in einem wärmeren globalen Klima die regionalen Wettersysteme derart verändert werden könnten, dass größere Teile des Amazonasbecken mit deutlich niedrigeren Niederschlägen zu rechnen haben. Besonders für den östlichen Teil der Region sagen die meisten Klimamodelle trockenere Verhältnisse voraus. Wie die jüngste Untersuchung zeigt, kann sich also der Regenwald innerhalb kürzester Zeit von einer Treibhausgas-Senke zu einer zusätzlichen Quelle entwickeln, wenn einmal ein kritischer Schwellenwert überschritten ist.
|