Größere Instabilität
Der Wetterdienst hat seine Januar-Bilanz vorgelegt, und an der Nordseeküste gibt es Hinweise auf eine Destabilisierung der Ökosysteme
Der Januar verabschiedet sich gerade bei den Norddeutschen mit seiner winterlichsten Seite, insbesondere im Nordosten wo ausgiebiger Schneefall den Menschen auf den Dörfern zu schaffen macht. Der Deutsche Wetterdienst aus Offenbach hat schon vor den jüngsten Schneefällen eine vorläufige Bilanz gezogen, schon am 28. Januar. So ist das in der schönen neuen Medienwelt: Weil sich das Karussell immer schneller drehen muss, werden heutigen Tags die Monate bilanziert, bevor sie abgelaufen sind, und die Jahre resümiert, wenn gerade erst die Adventskerzen angesteckt wurden.
Wie dem auch sei, die nackten Zahlen der amtlichen Wetterfrösche sehen wie folgt aus. Im bundesweiten Mittel betrug die Temperatur vom 1. bis zum 27. Januar -3,7 Grad Celsius, was deutlich unter dem liegt, was der DWD den "vieljährigen Klimawert" nennt. Hierzulande ist das, wie meist in Europa üblich das Mittel der 30-Jahres-Periode von 1961 bis 1990. US-Wissenschaftler verwenden immer noch gerne die Periode 1951 bis 1980 als Referenz, was bei Laien mitunter für Verwirrung sorgt.
Der niedrige gesamtdeutsche Mittelwert für den zu Ende gehenden Januar täuscht unterdessen etwas darüber hinweg, dass dieser Monat regional recht unterschiedlich ausfiel. "Bis zur Monatsmitte herrschte in ganz Deutschland kaltes Winterwetter," schreibt der DWD. "Anschließend drangen atlantische Tiefausläufer bis nach Mitteleuropa vor. Es bildete sich für mehrere Tage quer über Deutschland eine Luftmassengrenze, die milde Luft im Südwesten von kontinentaler Kaltluft im Nordosten trennte." Daher war es im Süden und Westen zeitweise recht mild, während im Osten die Temperaturen nur kurzzeitig knapp über Null Grad kletterten. Der Niederschlag war übrigens, obwohl der viele Schnee einen anderen Eindruck vermitteln könnte eher unterdurchschnittlich.
Derartige Winter haben inzwischen insbesondere an den Küsten Seltenheitswert, entsprechend haben einige Ökosysteme zu kämpfen. An einigen ostfriesischen Inseln türmen sich derzeit die Schalen abgestorbener Amerikanischer Schwertmuscheln, denen der kalte Winter nicht behagt. Sie waren in den 1970er Jahren eingeschleppt worden und haben sich seit spätestens Beginn der 1980er Jahre stark ausgebreitet. Die überwiegend eher milden Winter haben dazu offensichtlich ganz gut beigetragen.
Der Vorgang kann als Hinweis darauf gewertet werden, dass der für die Ökosysteme zu rasch ablaufende Klimawandel diese in den nächsten Jahrzehnten instabiler machen wird. Der Helgoländer Meeresbiologe Heinz-Dieter Franke wies – vor dem jüngsten Muschelsterben – im Gespräch mit dem Autor darauf hin, dass viele der Neuankömmlinge, vor allem die aus wärmeren benachbarten Gebieten wie dem Ärmelkanal einwandern, nicht an harte Winter angepasst seien. Diese würden jedoch, wie wir derzeit sehen, auch in einem milderen Klima noch auftreten. Als Ergebnis seien größere Instabilitäten zu erwarten.
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