Deutsche Atomkraftwerke sind nach einer Greenpeace-Studie auch mit den geplanten Sicherheitsmaßnahmen nicht vor Angriffen aus der Luft geschützt
Umweltminister Gabriel versucht gegenüber dem Koalitionspartner CDU/CSU und deren Befürwortung der Atomenergie zu punkten, indem er auf die von alten AKWs ausgehenden Gefahren verweist, aufgrund derer sie auch wie der Pannenreaktor Brunsbüttel vorzeitig abgeschaltet werden sollten. Und seit kurzem hat er wieder entdeckt, dass die AKWs ein Sicherheitsrisiko auch im Falle eines Terroranschlags darstellen können, womit der Umweltminister gleichzeitig seinen Kollegen, den Innenminister Schäuble, in die Parade fährt, da dieser mit immer neuen Überwachungs- und Antiterrormaßnahmen aufmerksamkeitsökonomisch hausieren geht, dabei aber große Risiken völlig außer Acht lässt, weil diese vielleicht parteipolitisch nicht ins Sicherheitskonzept passen.
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Tatsächlich hat nun das Thema eine von Greenpeace beauftragte Studie über die Sicherheit der deutschen Krenkraftwerke vor Terrorangriffen aus der Luft wieder aufgegriffen. Die bislang geplanten Sicherheitsmaßnahmen seien allerdings kein wirklicher Schutz. Nach dem 11.9. war die Diskussion über die mögliche Gefährdung von AKWs durch entführte Passagiermaschinen aufgekommen. Alle 17 deutschen Kernkraftwerke sind nicht gegen einen solchen Angriff mit einer großen Maschine aus der Luft gerüstet, die Reaktoren Biblis A, Philippsburg 1 und einmal wieder Brunsbüttel sollen gerade einmal den Absturz eines kleinen Sportflugzeuges aushalten können.
Weil die nachträgliche Verstärkung der Reaktorhülle offenbar nicht möglich ist, schlugen die Betreiber der AKWs 2003 das Konzept vor, im Falle eines Angriffs die Anlagen mit künstlichem Nebel zu verhüllen, so dass der anfliegende Kamikazeterrorist, sofern er sich ausschließlich auf die Augen verlassen würde, vielleicht danebenzielt. Die Nebelgranaten sollen abgeschossen werden, wenn sich ein nicht identifiziertes Flugzeug einem AKW innerhalb eines Radius von 20 km nähert. Auch wenn es nicht gerade einen starken Wind geben sollte, bleiben die Kühltürme aber sichtbar, der Rest der Anlage soll verdeckt sein – aber bestenfalls nur für einen Anflug. Das Umweltministerium wandte 2004 zu Recht ein, dass die Sicherheit damit nicht sehr viel größer werden würde und forderte die Betreiber zu Nachbesserungen auf. Das neue Konzept, auf das man sich dann 2005 geeinigt hatte, sieht eine Kombination aus Vernebelung und Störsendern für das Navigationssystem GPS vor. Allerdings verwenden Flugzeuge zusätzlich auch Funksender und Trägheitsnavigationssysteme, zudem müsste der GPS-Empfang in einem Umkreis von 100 km gestört werden, wovon aber auch Flughäfen oder Straßennavigation betroffen wären.
E.ON hat am Atomkraftwerk Grohnde die ersten Nebelwerfer als Pilotprojekt zu installiert. Die Störsender sind allerdings noch nicht dabei – und getestet wurde das System auch nicht, man verlässt sich angeblich darauf, dass die Nebelwerfer auf Truppenübungsplätzen funktioniert hätten. Der spöttische Kommentar im Bericht: "Denn auch wenn die Verneblungsanlage „theoretisch“ funktioniert, heißt es nicht, dass die Anlage auch „praktisch“ anforderungsgemäß arbeitet. Denn sie könnte aufgrund von Montage- oder Herstellungsfehler von Systemen oder Komponenten versagen. Normalerweise werden technische Einrichtungen bei Inbetriebnahme getestet." Punkt für Punkt werden die Mängel der Sicherheitsmaßnahmen durchgegangen, die sich selbst eher als Vernebelung darstellen. Das Fazit:
Das Vernebelungskonzept kann die "Trefferwahrscheinlichkeit bei einem gezielten Terroranschlag mit einem Verkehrsflugzeug nicht verringern. Daran ändern auch die „Nachbesserungen“ nichts. Diese haben die Hauptschwäche des Konzeptes in keiner Weise beseitigt. Ein Atomkraftwerk ist ein ortsfestes Ziel an einer bekannten Stelle. So kann der Terrorpilot den Angriff im Vorfeld an einem Flugsimulator trainieren und sich beim Anflug an markanten Geländepunkten orientieren. Zudem stehen ihm ein GPS-unabhängiges Navigationssystem und andere Hilfsmittel zu Verfügung.
Auch das Problem der rechtzeitigen Auslösung der Vernebelung besteht weiterhin. Es ist nicht nachzuvollziehen, warum das zu Recht als nicht ausreichend bewertete Konzept durch die geringfügige Erweiterung (Erhöhung der Nebelmenge, Störung eines von mehreren Navigationssystemen) nun ein wirksamer Terrorschutz sein soll.
Durch die „Nachbesserungen“ sind vielmehr die möglichen negativen Folgen (Gefährdung des Flugverkehrs durch großflächige GPS-Störung, Behinderung der Rettungsmaßnahmen nach einem erfolgreichen Angriff und Unterstützung eines Bodenangriffs bei einem Fehlalarm) des vermeintlichen Sicherheitskonzepts gestiegen."
Für Greenpeace geben die Betreiber der AKWs mit der Installation der Nebelwerfer die Gefahr durch Terrorismus "offiziell" zu. Nach der von der Umweltorganisation in Auftrag gegebenen Studie nutzt die Vernebelung nicht wirklich etwas, die vorgeschlagene Alternative, die Atomkraftwerke mit drei bis vier Meter dicken Stahlbetonwänden und einem Stahlnetz über der Kuppel zu sichern, käme nicht nur wesentlich teurer. Derart martialisch zur Festung ausgebaute Kraftwerke würden wohl auch den Eindruck verstärken, dass sich dahinter etwas Gefährliches verbirgt, was dem Image der Atomenergie Schaden zufügen würde.
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