Überglückliche Wissenschaft
Mögen, was man hat, und haben, was man mag
In der Glücksforschung herrscht derzeit reger Betrieb, nimmt man z.B. die Veröffentlichungen einer amerikanischen Wissenschaftszeitschrift als Indikator. Manche dieser Studien haben immerhin den glücklichen Effekt, dass sie zumindest augenblicksweise Heiterkeit auslösen, wie etwa jene Forschungsarbeit der University of Warwick, welche die traditionelle Neigung der Deutschen zum Unglücklichsein mit ihrem Blutdruck in Zusammenhang bringt.
Die Psychologen Jeff Larsen von der Texas Tech University und Amie McKibban von der Wichita State University haben sich mit ihrer Studie über das Glück (PDF), die aktuell im Fachmagazin Psychological Science veröffentlicht wird, an der Formel eines Weisen orientiert, an der Maxime des Rabbi Hyman Schachtel von 1954:
“Happiness is not having what you want, but wanting what you have.”
Die beiden Wissenschaftler wollten dieser Einsicht wissenschaftlich auf den Zahn fühlen - „Schachtel’s maxim is testable“ - und haben sie auf die Zahl gebracht, indem sie quantifizierten, bis zu welchem Maß Personen mögen, was sie haben, und haben, was sie mögen, bzw. wie sehr sie etwas haben mögen, das sie nicht haben – und schließlich die Einschätzung des empfundenen Glücks.
Testpersonen waren Universitätsstudenten. In einer ersten Studie sollten 126 Teilnehmer angeben, wie sehr sie den Besitz von 52 Objekten (Kleidung, Wohnung, Auto, technische Geräte, Möbel etc.) schätzten oder sich ihn wünschten, und wie sie selbst ihre Happiness einschätzten. In der nachfolgenden zweiten Studie wurden 119 Studenten (45% Frauen) noch weiteren Fragen nach ihrem Glück ausgesetzt, die nach bestimmten Skalen genauer differenzierten, inwieweit Maximalisierung („Mehr und Besser“) und bestimmte Erwartungen ans Leben und dessen Sinn eine Rolle fürs Glücklichsein spielen.
Die Ergebnisse bestätigen, was viele schon zu wissen meinen, aber offensichtlich nicht immer erfolgreich praktizieren: Jene, die auf maximale Erfüllung ihrer Wünsche aus sind, sind weniger glücklich.
Rabbi Schachtel, so die beiden Studienverfasser, hat zugleich recht wie unrecht. Richtig sei, dass Personen, die genau das sehr mögen, was sie schon haben, mehr dazu neigen, glücklich zu sein als andere. Aber genauso wahr sei, dass Menschen, die mehr von dem mögen, was sie schon haben, auch dazu neigen, glücklicher zu sein als andere.
Menschen können sich an ihre Besitztümer gewöhnen und dadurch weniger Glück aus ihnen ableiten, so die Erklärung von Jeff Larson. Der Besitz allein sei noch nicht der Schlüssel zum Glück. Man müsse die Objekte der früheren Begierde auch weiter zu schätzen wissen – und wichtig sei, das man den Wunsch nach Neuem und Mehr zu zügeln wisse.
Angesichts einer Art fatalistischer Ergebenheit, die aus der Maxime des Rabbi potentiell herauszulesen wäre, machen die beiden Wissenschaftler am Schluss ihrer Untersuchung auf ein mögliches Mißverständnis aufmerksam:
"We would find it absurd, however, to encourage those struggling with poverty to be content with their lot in life."
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