Die Virenwelle, so das Robert Koch Institut, hat begonnen, "Abstand halten" könnte nun zwischenmenschlich geboten sein.
Jörg Hacker, Präsident des Robert Koch Instituts RKI), hat den Slogan ausgegegeben, der nun wie ein Tsunami durch die Medien rauscht: "Die Welle hat begonnen." Gemeint ist natürlich die zwei Welle der Schweinegrippepandemie, die nun Deutschland erfasst haben soll und von Bayern mit Schwerpunkt um München sich in der Republik verbreitet.
Bild hat noch einen besonderen Aspekt zu melden. Die Schweinegrippe, man stelle sich sich vor, auch Prominente! "Die Schweinegrippe macht auch vor Stars nicht halt. Jetzt ist auch Tennis-Profi Tommy Haas (31) infiziert. Er ist der erste prominente Deutsche, der an Schweinegrippe erkrankt ist." Zumindest vor der Grippe, soll das die Botschaft sein, sind alle gleich?
In der Woche vom 21.-29. Oktober, so der der letzte RKI-Wochenbericht, seien über 3.000 Menschen neu erkrankt, fast doppelt so viele wie in der Woche zuvor. Insgesamt gibt es nun fast 30.000 bestätigte Fälle, 6 Menschen sind bislang in Deutschland an den Folgen der Neuen Influenza gestorben, in Europa sind es 292, weltweit über 6.000.
Weiterhin verläuft die Infektion meist relativ mild, trotzdem müsse auch Deutschland, so das RKI, "in den kommenden Wochen mit einer steigenden Zahl schwerer und tödlicher Krankheitsverläufe" rechnen, auch bei Menschen ohne Vorerkrankungen. Das RKI weist daraufhin, dass jetzt "die Einhaltung von persönlichen Hygienemaßnahmen und die Impfung als wichtige Präventionsmaßnahme von besonderer Bedeutung" sei. Allerdings ist in Deutschland die Impfmüdigkeit noch weit verbreitet, wie es um die Präventionsmaßnahmen steht, ist noch schleierhafter. Waschen sich die Menschen häufiger die Hände? Vermeiden sie, sich die Hände zur Begrüßung zu geben? Langen sie nicht mehr Augen, Nase und Mund an? Lüften sie häufig die Räume? Reisen sie nicht mehr nach Bayern?
Das RKI macht im Auftrag der Regierung bekanntlich auf der Website Wir gegen die Viren noch weitere Vorschläge, deren Einhaltung bislang nicht zu beobachten ist. Wenn sie eingehalten würden, dürften sich das soziale Leben und auch das Arbeitsleben doch sehr verändern:
"ABSTAND HALTEN, MENSCHENANSAMMLUNGEN MEIDEN.
Viren verbreiten sich besonders dann, wenn Menschen einander nahekommen. Sie können also einer Ansteckung vorbeugen, indem Sie während einer Pandemie nach Möglichkeit Abstand zu anderen halten. Verzichten Sie beispielsweise auf besonders engen Kontakt mit Ihren Mitmenschen, z. B. auf Händeschütteln oder Küsschen zur Begrüßung. Suchen Sie öffentliche Einrichtungen, wenn es geht, außerhalb der Stoßzeiten auf. Vermeiden Sie insbesondere Reisen in betroffene Gebiete. In der Hochphase einer Pandemie kann es sinnvoll sein, dass Sie Veranstaltungen und Orte meiden, an denen viele Menschen zusammenkommen, z. B. öffentliche Verkehrsmittel, Kinos, Theater, Kirchen, Konferenzen
und Konzerte."
Wenn die Zahl der Grippeerkrankungen und vor allem der schweren steigt, könnte der Unwille der Menschen, sich impfen zu lassen, möglicherweise doch schnell angesichts des unheimlichen Bösen umschlagen. Auch die Angst vor dem Virus kann sich wie dieser verbreiten – zunächst schleppend, dann sprunghaft ansteigend. Noch sagen über 70 Prozent bei einer Telepolis-Umfrage, an der 3000 Leser teilgenommen haben, dass sie sich nicht impfen lassen wollen.
Noch ist die Neue Influenza an Gefährlichkeit nicht mit der saisonalen Grippe zu vergleichen. Darauf weisen auch immer wieder Ärzte wie jetzt etwa Professor Michael Kochen, Leiter der Abteilung Allgemeinmedizin an der Universität Göttingen und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin. Andere Mediziner wie die der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie warnen vor einer weiteren möglichen schweren Welle und rufen daher alle Ärzte auf: "Impfen, impfen, impfen!" Das Chaos ist mittlerweile perfekt, die Unsicherheit groß, das Misstrauen ebenso.
In der Ukraine sieht der Präsident – es stehen Wahlen an- die nationale Sicherheit durch den Grippevirus als bedroht an, der bereits eine Viertelmillion Menschen infiziert habe. Zwar herrscht Uneinigkeit über die Zahl der Erkrankungen und Todesfälle, klar aber ist, dass der Virus hier auch als Mem für den Wahlkampf dienen soll, der in der Ukraine nicht auf die feine Weise geführt wird. In einigen Gebieten wurde Quarantäne verhängt, landesweit wurden Massenveranstaltungen verboten und die Ferien von Schulen und Universitäten verlängert. Das Außenministerium hat sich an die Nato-Mitgliedsstaaten gewandt und um Hilfe gebeten. Im Westen des Landes, der vor allem von der Grippe heimgesucht wird, soll es lange Schlangen an Apotheken geben, um Arzneimittel und Atemmasken zu erhalten.
Vielleicht muss die Grippe auch gar nicht gefährlicher werden, aber wenn sie sich ausbreitet, könnte ein moralischer Druck zur Impfung sehr viel stärker werden, wie ein Kommentator der FAZ vermutet. Schließlich ist jeder, der sich nicht impfen lässt, ein ungeschützter Wirt, der sich zur weiteren Ausbreitung zur Verfügung stellt. Beschworen wird seit Beginn der Grippe, dass sie mutieren könnte und dann erst wirklich gefährlich würde. Und je mehr Menschen Wirte werden, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die geringfügigen Mutationen geschehen könnten.
Ob die Solidarität mit den Mitmenschen allerdings die Menschen bewegt, sich mit den vor allem wegen der beigefügten Adjuvanzien umstrittenen Impfstoffen impfen zu lassen, wenn die individuelle Angst sie dazu nicht bewegt, wird sich zeigen. Derzeit wären wohl in erster Linie die Bayern aufgefordert, sich impfen zu lassen. Allerdings könnte die Schweinegrippe unter moralischem Gesichtspunkt auch zum symptomatischen oder ideologischen Fall werden, der die Weichenstellung zwischen einer solidarischen und einer auf den eigenen Vorteil bedachten Gesellschaft widerspiegelt, wie dies derzeit auch mit dem Antritt der schwarzgelben Regierungskoalition auflodert.
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