Neue Influenza: Hysterische Zeitfenster als Betriebsprogramm
Großer Andrang bei den Impfstellen und Informations-Hotlines; ein anaphylaktischer Schock in Düsseldorf
Eltern sind nervöse, leicht reizbare Geschöpfe. Da sie täglich mit Extremsituationen rechnen müssen, neigen sie im Allgemeinen zur Hysterie. Was die Schweinegrippe angeht, verhalten sie sich aber erstaunlich gefasst. Im Kindergarten, den meine Kinder besuchen, ist die Neue Influenza zwar einen Aushang wert, gelesen wird er aber schon lange nicht mehr. Wo sich sonst Panik mit pandemischer Geschwindigkeit ausbreitet - wenn ich beispielsweise die Kopfhaut meiner Tochter nur um Zentelsekunden länger betrachte, hat die Mutter am 20 Meter entfernten unteren Ende des Ganges schon das Läuseabwehrspray in der Hand -, herrscht Schweinegrippe-Gelassenheit. Die Impfung ist kein Thema, für die Kinder sowieso nicht. Nur einer will das auf sich nehmen: ich. Als Impfphobiker kennt meine Entschlossenheit allerdings enge Grenzen. Die sind mit der Auskunft meines Hausarztes, wonach es keinen Impfstoff mehr gebe, schon erreicht.
Die Telefone bei der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) stehen nicht still. Es gebe einen stetig steigenden Informationsbedarf über die Impfung, die Hotlines seien sehr damit beschäftigt, Unsicherheiten aufzuklären. Genaue Zahlen, wie viele sich in den letzten Tagen in München haben impfen lassen, gebe es erst am Ende des Quartals; sicher sei nur, die Nachfrage steigt. Am Freitag kämen 236.000 neue Impfdosen. Bemerkenswert ist, dass sich, so der Eindruck der Pressesprecherin, viele Eltern nach Impfungen für Kinder erkundigen.
Zwischendrin ruft hier eine Mutter an, deren Hausarzt noch Impfstoff hat, ich müsse aber schnell zusagen. Das sei doch keine große Entscheidung, man müsse sich nur pragmatisch überlegen, wie das ist, wenn das ganze Familiensystem mit den vielen zerbrechlichen Zeitfenstern zusammenbreche, ein kleiner Pieks, große, gute Wirkung.
Möglicherweise. In Düsseldorf, wo tausende Impfwillige laut Welt lange Schlangen vor dem Gesundheitsamt bilden, ist angeblich "eine lebensgefährliche Komplikation" nach dem Pandemrix-Pieks aufgetreten: ein anaphylaktischer Schock, mit einem "Zeitfenster von 90 Sekunden, um zu reagieren". Der 30-Jährige sei zum Glück in der Praxis kollabiert; ihm konnte sofort geholfen werden (ich verlasse nach Impfungen ganz schnell den Ort der Attacke). Die KVB weiß von keinen derartigen Fällen in München und Umgebung; es sei von keinen "gehäuft auftretenden Wirkungen" berichtet worden.
Als "sehr sehr hysterisch" bezeichnet der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, Wolf-Dieter Ludwig, den Umgang mit der Schweinegrippe-Impfung. Sie überhaupt in Erwägung zu ziehen, hält er nur für Beschäftigte im Gesundheitsdienst oder Personen mit schweren chronischen Erkrankungen für sinnvoll. "Für alle anderen würde ich im Augenblick die Impfung nicht empfehlen." Ein Rat, den ein chronisch kranker Kollege von seinem Hausarzt ebenfalls zu hören bekam.
Nach Ludwigs Auffassung, die er in einem Interview mit dem Deutschlandradio darlegt, wurde zu schnell gehandelt. Es sei fragwürdig, ob die "angebliche Bedrohung" tatsächlich so einen großen Zeitdruck rechtfertigte, ob man nicht nicht "etwas vernünftiger und etwas langsamer hätte entscheiden können". Offensichtlich ist für ihn:
"Wir befinden uns in einer Abhängigkeit von der pharmazeutischen Industrie - gerade auch bei den Impfstoffen."
Neben meinem Bett lagern sieben Bände Proust "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit".
Darstellungsbreite ändern
Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.
