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19.01.2010Übermensch
Nachrichten über die Verbesserung, Erweiterung und Ablösung des Menschen

Fliegende Hamster im Rad

Die US-Arzneimittelbehörde FDA will das erste Medikament gegen Jet-Lag zulassen. Aber nur für Flüge Richtung Osten.

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Der stimulierende Wirkstoff Modafinil hat eine erstaunliche Karriere hinter sich. Als Arzneimittel gegen Narkolepsie und schichtarbeitsbedingter Müdigkeit zugelassen gilt die Substanz zudem als cognitive enhancer, als Wundermittel, um dem Geist auf die Sprünge zu helfen und sogar Merkfähigkeit zu erhöhen. Die wissenschaftlichen Studien können dies nicht bestätigen, das besondere an Modafinil scheint bislang nur, dass es relativ nebenwirkungsarm aufputschend wirkt. Seine chemische Struktur macht die Einordnung in die üblichen Wirkstoffklassen schwierig, es wirkt wie ein Amphetamin, ist aber keines. Für den Hersteller Cephalon ist Modafinil ein lukrativer Glücksfall, man vertreibt erheblich mehr von der Substanz als Narkoleptiker und Schichtarbeitsgeplagte existieren und setzte 2008 über eine Milliarde Dollar um.

Ursprünglich lief das Patent auf Modafinil schon 2006 aus, die Mitbewerber standen in den Startlöchern. Die US-Arzneimittelbehörde FDA verlängerte das Patent allerdings mehrmals, zur Zeit soll es Anfang 2015 auslaufen. Um die Erfolgsgeschichte fortzusetzen hat man sich bei Cephalon einer beliebten Methode bedient: Man spiegelte das Wirkstoffmolekül und schafft so ein sogenannten Enantiomer. Ein bekanntes Beispiel ist die Milchsäure, die als rechts- und linksdrehend existiert. Bei Cephalon kam "Armodafinil" heraus, die FDA genehmigte den Wirkstoff 2007.

Glaubt man der gewöhnlich gut unterrichteten New York Times, steht Armodafinil kurz davor, dass erste Medikament zu sein, das offiziell für die Behandlung des Jet-Lag zugelassen ist. Urlauber und Geschäftsreisende sollen endlich ein Medikament erhalten, dass ihre durch die Zeitumstellung irritierten Körper überlisten soll. Die fortgeschrittene Ära der Beschleunigung erlaubt kein Ankommen mehr, Symptombekämpfung unter Ausblendung der Ursachenforschung bleibt modern, der Erfolg eines solchen des Mittels wäre vorprogrammiert. Die Entscheidung soll am 29. März fallen.

Um Armodafinil zu etablieren hat Cephalon bereits die Preise für Modafinil erhöht. Eine nichtgenerische Tablette kostet nun rund 13 US-Dollar, rund die Hälfte mehr als Armodafinil. Voraussichtlich wird die FDA das Arzneimittel nur für Flüge gen Osten zulassen, weil bei Flügen nach Westen die Auswirkungen des Jet-Lag nicht so stark sind.

Die wichtigste Studie, die zur Zulassung von Armodafinil führen könnte, wurde mit 427 gesunden Testpersonen durchgeführt, die von der Ostküste der USA nach Frankreich flogen. So praxisnah der Versuch begann, so seltsam wurde er fortgeführt: Die Testflieger wurden in Frankreich nach ihrer Ankunft um 7.00 Uhr Ortszeit jeweils um 10.00 Uhr, 12.00 Uhr, 14.00 Uhr und 16.00 Uhr ins Bett geschickt. Vorher hatte man ihnen entweder Armodafinil oder einen Placebo verabreicht. Sobald sie eingeschlafen waren, weckte man sie wieder auf. Die Placebo-Gruppe nickte im Durchschnitt nach 3,4 Minuten ein, die Armodafinil-Gruppe erst nach 9,7 Minuten. Offen blieb die Frage, ob diese sechs Minuten Durchhaltevermögen nicht auch mit Kaffee oder frischer Luft möglich gewesen wäre. Oder mit dem alten Modafinil.

http://www.heise.de/tp/blogs/3/146906
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