Hunderttausende von Internet-Sexsüchtigen soll es in Deutschland geben
Die Anonymität des Internet mache die Suche nach immer schärferer Pornografie attraktiv, nur gut, dass es für die neu propagierte Sucht auch Experten gibt
In der Welt liest man Verstörendes. Hunderttausende mindestens sollen Internetsexsüchtig sein. Noch schlimmer, so wird ein "Experte" zitiert: "Viele Männer können kaum mehr alleine vor einem Computer sitzen, ohne auf einschlägigen Seiten zu suchen." Die meisten der Porno-Süchtigen seien Männer. Die im Internet mögliche Anonymität, mache Pornografie weniger stigmatisierend und führe zu einer Art Klebeeffekt. "Nicht immer, aber leider sehr häufig verlangen die User immer intensivere Reize und wechseln so von Softporno über Hardcore zu Gewalt- und schließlich Vergewaltigungspornos", so der Experte, der österreichische Psychiater Raphael Bonelli.
Aber weil letztlich der Online-Sex nicht befriedige, komme es zu Depressionen, Angst und Stress: "Keiner ist stolz darauf, täglich stundenlang Online-Pornos zu konsumieren und viele leiden über Jahre in Anonymität." Nur gut, dass es da eine Internetsexsucht-Veranstaltung in Wien im April gibt, wo dann klar wird, dass die Betroffenen therapiert werden müssen, am besten von Experten. Da schließt man auch gerne einmal an aktuelle Diskussionen und Skandale an: "Das Thema hat durch die neu aufgebrochene Pädophilie-Diskussion an zusätzlicher Aktualität gewonnen; und in der Tat hat das Internet der Kinderpornographie zusätzlichen Spielraum eröffnet. "
Psychiater Kornelius Roth geht – "bei niedrigster Quote" - von 400.000 deutschen und 40.000 österreichischen Sexsüchtigen aus. "Bei der Internetsexsucht handelt es sich genauso wie bei der Sexsucht generell um eine verdrängte, stille und heimliche Sucht, die zu den Schamsüchten zählt." Und Psychiater Samuel Pfeifer weiß zu berichten: "Der übermäßige Konsum sexueller Inhalte im Netz ist als substanzungebundene Sucht zu verstehen, die zeitweise das Regulativ des Frontalhirns ausschaltet. Das rasche Abflauen der Erregung fordert im typischen Fall eine ständige Impulsverstärkung, sowohl quantitativ als auch mit einer Intensivierung der Inhalte (Brutalität und Perversion)."
Tagungsleiter Bonelli macht darauf aufmerksam, dass sich erst wenige Psychotherapeuten der Problematik der Internetsexsucht widmen würden. Auf die Werbung für die Tagung bezieht sich auch die Welt. In der Pressemiteilung kommt der "Experte" und Tagungsleiter weiter zu Wort. Man hat fast den Eindruck, er würde nicht nur Internetnutzer, sondern zölibatär lebende Priester meinen: "Sexualität ist eine Dimension des Menschen, die sich bei exzessivem Ausleben ohne Gegenüber zunehmend verirrt. So lässt der ständige Konsum von Pornografie die Zufriedenheit mit der eigenen Sexualität sinken. Viele Online-Sexsüchtige sind weniger aufmerksam für den Partner und das soziale Umfeld und werden auch weniger beziehungsfähig. Denn statt mit anderen zu kommunizieren, kreisen sie im Leben zunehmend um sich selbst und um die eigene Befriedigung."
Kritik am Zölibat dürfte der Experte nicht meinen. Der hat nicht nur Veranstaltungen zur Religiosität organisiert, sondern ist auch Mitglied im Opus Dei. Werden nun bald nicht mehr die 68er, sondern wird das Internet von der katholisschen Kirche für die sexuellen Missbrauchsfälle verantwortlich gemacht werden?
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