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03.08.2012Übermensch
Nachrichten über die Verbesserung, Erweiterung und Ablösung des Menschen

Der Hassblick und andere Methoden, im öffentlichen Raum den Abstand zu wahren

US-Soziologin hat beobachtet, welche Strategien Passagiere in Bussen anwenden, um den Nebenplatz freizuhalten und räumliche Distanz zu wahren

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Die Menschen suchen die Nähe, aber zu nahe wollen sie sich nicht kommen. Es gibt kulturell unterschiedliche, aber ziemlich starre Abstände zu den unbekannten Mitmenschen, die jeder gerne einnehmen würde, wenn es möglich wäre. In Massen, die begeistert sind und feiern oder toben wollen, schrumpft die Distanz, wenn die Enge der Masse nicht zu umgehen ist, wächst der Stress, aber wenn Menschen in Räumen wie Wartezimmern von Arztpraxen oder in öffentlichen Verkehrsmitteln eine Position in Bezug auf andere Menschen finden müssen, lassen sich die Rituale gut beobachten, wie man seinen Platz sucht oder diesen verteidigt.

Esther Kim, eine Soziologin der Yale University, hat einmal die Verhaltensweisen von Passagieren in Greyhound-Reisebussen und den Busbahnhöfen beobachtet. Dafür ist sie zwei Jahre lang in Feldforschung Tausende von Meilen gereist und hat mit den Passagieren gesprochen, ihre Ergebnisse über das "nichtsoziale zeitweise Verhalten" der Passagiere hat sie in einer Studie ausgewertet, die in der Zeitschrift Symbolic Interaction erschienen ist.

Für Kim stehen die Taktiken im Vordergrund, mit denen jeder versucht, zu große Nähe zum Anderen zu vermeiden. Es handelt sich um Lebensstile, die man in Städten und Massengesellschaften findet, also wo man zunächst in aller Regel anonym ist und die anderen Menschen einem fremd sind. "Andere Menschen zu vermeiden, erfordert ziemlich viel Mühe", sagt Kim. Das treffe besonders auf die begrenzten Räume im öffentlichen Verkehr zu, die aber auch Aufschluss über das Verhalten überhaupt in öffentlichen Räumen bieten.

Wie jeder weiß, wäre es äußerst seltsam, wenn man in einem weitgehend leeren Bus zusteigt und sich direkt neben einen anderen Passagier setzt. Das würde aufdringlich wirken, gar anzüglich, auch provokativ. Man macht es nicht. Wenn aber der Bus sich füllt und kein einzelner Sitz mehr bleibt, setzt eine Dramatik ein und beginnen die Passagiere, die bereits einen Sitz eingenommen haben, in Verteidigungshaltung überzugehen, um andere abzuschrecken, sich ausgerechnet neben sie zu setzen. Kim hat hier viele Abschreckungsmethoden beobachten können. Man tut so, als wäre man beschäftigt, liest oder spielt mit dem Handy/Smartphone herum, durchwühlt das Gepäck oder gibt vor zu schlafen. Das ist alles noch ziemlich harmlos. Manche Menschen würden aber auch ein Gesicht aufsetzen, das vor Belästigungen warnt. Kim nennt es den "Hassblick".

Aus Gesprächen mit den Passagieren hat sie gelernt, welche Praktiken diese für erfolgreich halten. Einige kennen alle wohl selbst. Man vermeide tunlichst den Augenkontakt mit den Ankommenden, denn das könnte schließlich als eine Art Einladung verstanden werden. Gut ist auch, eine möglichst große Tasche auf den leeren Sitz neben sich zu stellen, es könnte ja sein, dass sich damit bereits ein anderer den Sitz reserviert hat. Auch eine Jacke oder andere Gegenstände können zur Demonstration dienen. Man kann auch am Gangplatz sitzen und Kopfhörer aufsetzen, um zu vorgeben, nichts zu hören, wenn jemand frägt, ob der Fensterplatz frei ist. Frech ist eher, sich ans Fenster zu lehnen und seine Füße auszurecken.

Nach Kim spielt es kaum eine Rolle, wer der Fremde ist, der sich neben einen setzen will. Klasse, Geschlecht, Ethnie etc. seien für das nichtsoziale Verhalten nicht wesentlich, wir wollen nur unsere Ruhe und keinen möglicherweise "Verrückten" neben uns haben. Unerwünscht sind etwa Fette, die natürlich den verfügbaren Raum beengen, oder Menschen, die unangenehm riechen. Dazu kommen Sicherheitsbedenken, weil die Busstationen oft schlecht beleuchtet sind und man annimmt, dass die Anwesenden eher gestresst oder ermüdet sind.

Für Kim resultiert das nichtsoziale Verhalten aus den "vielen Frustrationen", die entstehen, wenn man einen kleinen öffentlichen Raum für eine längere Zeit teilen muss. Sie spricht davon, dass dies Teil einer "Kultur der sozialen Isolation in öffentlichen Räumen" sei. Das ist wohl so, weswegen viele auch die öffentlichen Transportmittel vermeiden und lieber individuell mit ihren Autos und auf kürzeren Strecken auch auf ihren Fahrrädern zurücklegen. Aber die Menschen, die virtuell einander näher rücken, brauchen auch Zuhause mehr Raum, mehr Luft. Das ist auch ein Zeichen von Individualität, was wohl als Kehrseite hat, dass man gelegentlich freiwillig in die Masse eintauchen will.

http://www.heise.de/tp/blogs/3/152517
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