Fußgänger, die Handys benutzen, sind gefährdet
Multitasking führt zu Unachtsamkeit, gegen das SMSen während des Überquerens von Kreuzungen müsse man nach US-Wissenschaftlern ähnlich streng wie gegen Fahren unter Alkoholeinwirkung vorgehen
Telefonieren beim Autofahren, aber auch beim Radfahren ohne Freisprechanlage bzw. Headset steht unter Strafe. Es gibt zwar zahlreiche andere Tätigkeiten, die die Aufmerksamkeit des Fahrers ablenken können und die man auch ahnden könnte, aber der Einzug der Handys hat diese bislang zum primären Ziel der Rechtsprechung und zur Beschwörung der Gefahr des Multitasking werden lassen. Vermutlich wird nicht nur jedes Fahrzeug bald eine Black-Box als Unfalldatenspeicher besitzen müssen, wie dies von der EUI geplant und in den USA demnächst zur Pflicht wird, man könnte auch daran denken, "Assistenzsysteme" zu fordern, die kontinuierlich die Aufmerksamkeit des Fahrers messen und die Blickrichtung und Kopfposition bestimmen
Natürlich ist Telefonieren beim Gehen im öffentlichen Raum nicht weniger riskant. Das haben Studien bereits belegt, vor allem für ältere Fußgänger, wenn sie eine Straße überqueren. Wissenschaftler von der University of Seattle haben dies erneut bestätigt. Nach ihrer Studie, die in der Zeitschrift Injury Prevention des British Medical Journal erschienen ist, soll fast ein Drittel der Menschen beim Überqueren der Straße abgelenkt bzw. unaufmerksam sein. Das ist nicht alleine auf das Telefonieren mit Handys oder Smartphones zurückzuführen. Der Anteil liegt nur bei 6,2 Prozent. 11,2 Prozent werden durch Musikhören und 7,3 Prozent durch SMS unaufmerksam, was ja auch mit der Benutzung von Handys einhergeht.
SMSen bzw. Texting, Telefonieren mit dem Handy, das Sprechen mit einem Begleiter oder das gemeinsame Überqueren von mehreren Frauen, erhöht die Zeit, die zur Überquerung einer Straße benötigt wird, Musikhörer überqueren sie hingegen schneller als nicht abgelenkte Fußgänger, Männer normalerweise schneller als Frauen. Abgelenkt sind die Menschen auch, wenn sie mit Kindern und Tieren unterwegs sind - und Kinder dürften auch ohne Handys nicht immer konzentriert sein. 80 Prozent der beobachteten Menschen gingen alleine, ebenso viele beachteten die Ampeln, 94 Prozent überquerten die Straße am vorgesehenen Fußgängerüberweg. Das Bild würde sich wahrscheinlich ändern, wenn die Kreuzungen auch abends oder in der Nacht beobachtet worden wären.
Für ihre Studie haben die Wissenschaftler an 20 viel benutzen Kreuzungen jeweils eine Stunde am Morgen, am Mittag und am Nachmittag mehr als 1.100 Menschen beim Überqueren beobachtet. SMSen ist danach die gefährlichste Tätigkeit, bei der die Menschen nicht nur länger brauchen, sondern auch häufiger Ampeln nicht beachten, nicht in beide Richtungen schauen oder die Kreuzung falsch überqueren. Die Autoren schlagen vor, gegen das SMSen während des Überquerens von Kreuzungen ähnlich streng wie gegen Fahren unter Alkoholeinwirkung vorzugehen. Sie weisen darauf hin, dass bei Verkehrsunfällen mit Autos jährlich 60.000 Menschen in den USA verletzt und 4.000 getötet werden, und ziehen eine Analogie zwischen Fahren und Gehen. Unaufmerksames Gehen sei genauso riskant wie unaufmerksames Fahren, vor allem dann, wenn immer mehr Handys benutzt werden. Der Vergleich suggeriert freilich auch, dass auch das Verhalten der Fußgänger ähnlich wie das der Autofahrer reguliert werden sollte - zumindest, was die Benutzung von Handys angeht. Man kann ja wohl noch schlecht unter Strafe stellen, unaufmerksam oder mit anderen sprechend zu gehen, allerdings könnte man Smartphones oder auch Brillen wie die von Google in Zukunft mit persönlichen Assistenten verbinden, die das Verhalten des Nutzers und die Umgebung beobachten und warnend eingreifen.
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