Online gehen und dann davor sitzen bleiben
Wunschdenken sagt, dass das Internet ein weltweites Netz an hyperreflektierten Revoluzzern ist, das die Menschheit so noch nicht gesehen hat. Alles wird anders. Hoo hoo hoo...
Das ist eine Schnittorgie und prasselt auf einen ein. Das Video INTERNET RISING: digi-documentary film erklärt uns, dass das Internet ein nie da gewesener Verbund an neuen Menschen mit neuen Gedanken und weltweiten Effekten ist.
So sieht sich der Cyberspace am liebsten. Verwirred und hastig, gleichzeitig unglaublich souverän und immer schon eine Meile weiter als Papierleser. Die Welt ist ein Interaktionspool, in dem wir uns alle suhlen. Und das schafft eine neue Welt, wenn nicht böse Mächte die Zensur einführen. Eine Stunde mit flirrenden Bildern später glauben wir das. Es ist ja auch eine gute Welt, die wir da vor Augen haben können. Und es ist nicht leicht, immer neue gute Welten zu denken, wenn die alte, alltägliche einem fast stündlich um die Ohren zu fliegen droht. Griechenland, Ozonschicht und Krieg sind überall, das Netz ist morgen, und dann wird alles gut.
Und dann gibt es in den üblichen Grafiken, die im Umfeld des Internets und seiner Nutzung immer nach oben zeigen, auch eine, die leise eine andere Geschichte erzählt. Man muss nur hinhören wollen. Immer mehr Erwachsene zwischen 18 und 29 Jahren gehen ins Internet. Täglich. Gut so, aber das tun sie zu diesem Zeitpunkt nicht, um die Welt zu verändern. Das tun sie, um Spass zu haben und Zeit zu verbringen.
Gegen Spass und Zeitvertreib ist nichts zu sagen. Konsumenten wollen konsumieren und sich nicht übermässig dabei anstrengen. Sie nutzen das Internet sicher auch, um zu arbeiten, Information zu verarbeiten und mehr zu tun, als nur zu glotzen. Aber das Netz ist vor allem zunehmend das, was die Flimmerkiste früher war. Und die hat die Welt bekanntlich auch verändert. Vielleicht nicht ganz so, wie wir uns das alle wünschen.
Wenn man sich das vor Augen führt, dann klingt das kurze Video eines Berliner Start-up schon wieder ein wenig schräger. Denn Far from Homepage macht aus dem aktiven Anklicken von Informationen ein Creative Browsing und damit soll das Web bald shine like Cinema. Na. Dann mal ein Bier vom Kühlschrank geholt und mir zeigen lassen, was ich so sehen soll. Das ist ein netter Zeitvertreib. In Zukunft.
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