Wenn einer eine Reise... oder die Katze und die Handgranaten
"Heutzutage ist Reisen viel viel bequemer als früher" seufzte unlängst eine alte Dame. Wirklich? Wenigstens durfte man früher die Schuhe anbehalten
Wann immer es um die Einreiseregelungen in die USA geht, bzw. um die ganzen neuen Regelungen bei einer Reise per Flugzeug, ist ein markiges "ich fliege halt nicht mehr" nicht weit. Sicher, man kann durch diesen Boykott/dieses Entziehen einfach sagen "betrifft mich nicht", der Punkt ist für mich aber, dass diese scheinbare Freiwilligkeit an das "geh doch nach drüben" von einst erinnert.
Biometrische Pässe? Verreisen Sie eben nicht (sponsored bei heimische Touriindustrie?) Flugdatenweitergabe? Nutzen Sie die Bahn (sponsored bei heimische Bahn?) Anti-Terror-Datei? Lass Dir nichts zuschulden kommen... (hä? ist meines Erachtens hier die einzig richtige Reaktion, da diese Argumentation absurd ist)
Hat man wirklich die Wahl? Natürlich kann man auf Flüge verzichten (und wird dies dann ggf. gegenüber dem Arbeitgeber oder der ArGe gut begründen müssen), natürlich kann man auch auf Auslandsreisen verzichten etc., aber kann das wirklich ein Argument gegen all das sein, was seit 2001 passiert?
Aber zurück zum Reisen. In Zürich laufe ich mit BoardingCard und Pass durch die Kontrolle und frage noch spasseshalber, ob ich diesmal gar nicht den "Albatros machen muss". "Den Albatross machen" ist an "Bernard & Bianca" angelehnt als "Albatros Airlines" startet. Immer, wenn ich sowieso die Arme im rechten Winkel zur Seite abspreizen muss, gönne ich mir diesen kleinen Scherz, der meist die Security auch zum Lachen bringt und wedele kurz mit den Armen auf und ab. Hier in Zürich unnötig. Ich laufe mit dem Handgepäck durch und als ich in den Flieger einsteige, fühle ich mich richtig erleichtert, weil ich nicht "abgetatscht" wurde. (wer sieht, wie unsensibel manche Kontrolleure vorgehen, wird wissen, was ich meine)
In Düsseldorf gestaltet es sich etwas schwieriger. Mittlerweile habe ich eine Katze in einem Kennel (Transportkorb) dabei, mein Arm tut etwas weh und ich will den Korb vor der Sicherheitsschleuse (wie ich sie nenne) auf diesem Tisch absetzen, auf dem die Körbchen mit all den Dingen sind, die man vor der Kontrolle weglegen, bzw. abnehmen muss. Im Körbchen vor mir sammeln sich Handy, Portemonnaie, ein Ohrring, die Jacke, der Gürtel und diverses Anderes. Ein Eckchen auf dem Tisch ist frei und ich will den Katzenkennel auf dieser Ecke abstellen, nur etwas unterstützend quasi, damit der Arm entlastet wird. "Gehören Sie dazu?" fragt die Dame der Sicherheit unwirsch. "Dazu?" "Zu dem Herrn hier." "Nein." "Dann halten Sie bitte Abstand." Diskretion heisst nämlich die Parole, die ich auch ganz und gar verstehen kann, angesichts der Tatsache, dass ich linker Hand gerade das Brustpiercing eines Herrn bewundern kann, dem man das T-Shirt bis zum Hals hochschiebt und die Dame drei Personen vor mir rosafarbene Unterwäsche trägt. Die Tätowierung der nächsten Dame links ist auch hübsch und ganz besonders gefällt mir die Unterwäsche des älteren Herrn, die man erkennen kann, als er den Gürtel abnimmt und sich die Hose doch ein wenig gen halbmast senkt.
Das Tablett mit den Sachen meines Vorgängers rückt vorwärts und ich nehme einen neuen Anlauf. Versuche, der Dame zu erläutern, warum ich den Kennel kurz abstellen will, (nicht auf den Boden) gehen ins Leere. Okay, belassen wir es dabei, ich bin sowieso dran. Jacke aus, Handy und Portemonnaie ins Tablett... Nächstes Problem: die Katze. Zwar habe ich rechtzeitig gefragt, ob es Probleme gibt, wenn ich eine Katze transportiere, habe auch darauf hingewiesen, dass die Katze mir fremd ist und ich sie nicht einfach greifen kann und deshalb im Kennel bleiben muss etc. - aber das Spassige an diesen Sicherheitsvorschriften ist, dass telefonische Auskünfte, egal von wem, in diesem Fall "für die Katz" sind.
Zwar hat man mir telefonisch zugesichert, dass der Kennel auch per Hand gescannt werden kann (das war auch das letzte Mal möglich), aber jetzt muss die Katze raus. Ich erwähne meine Telefonate und die Auskunfte, die Dame wird immer unwirscher. "Ich muss nicht mit Ihnen diskutieren", meint sie knapp und holt die Bundespolizei hinzu. Kein Problem, der Herr lässt sich wenigstens lang und breit erklären, wo das Problem liegt. Allerdings, sagt er, hat die Dame nun einmal das Recht, mir zu sagen, wie "es laufen soll". Immerhin schaffen wir es, die Katze in einem geschlossenen Raum zu verfrachten und erst dort aus dem Kennel zu nehmen, Plüschtier und Decke werden gescannt, Kennel auch derweil die Katze mich anpinkelt - schön, wird ein netter Flug.
Eines aber muss ich dem Herrn lassen: Er ist supernett, erzählt über die eigene Katze usw. Schliesslich darf die Katze wieder in den Kennel. Ich erkläre ihm die Angelegenheit noch einmal und erwähne auch den Handscanner - aber der ist natürlich nicht so sicher wie dieser Scan"kasten".
"Sehen Sie es so: wenn Sie einerseits hier abgetastet werden, die Schuhe ausziehen müssen, ihr Piercing abnehmen müssen... und dann kann jemand mit einem Kennel einfach so durch die Kontrolle und die Katze sitzt auf zig Handgranaten... das würden Sie auch nicht wollen..."
Warum die Handgranaten dem Handscanner nicht auffallen würden, entzieht sich meiner Kenntnis, aber lassen wir das. Immerhin ist meine Albatrosvorstellung auch vorbei, die Schuhe durfte ich netterweise anbehalten und stattdessen wird der Rucksack durchwühlt. Schliesslich gehe ich - angepisst in jeder Hinsicht- weiter zum Flieger.
Warum ich das schreibe? Nicht, weil ich mir so leid tue, weil es ein "oh, Du Arme"-Artikel ist, nein, ich schreibe das, um auch zu verdeutlichen wie bei Nachfragen mit Totschlagargumenten à la "die Katze könnte auf zehn Handgranaten liegen" argumentiert wird, wie die Idee, dass Flugzeuge stets nach der "Al Quaida"-Art entführt bzw. zerstört werden sich festgesetzt hat, als gäbe es keine reichen Terroristen und Raketen und dergleichen. Als würde die Flüssigkeitenregelung etwas nutzen gegen Selbstmordattentäter, die mit zehn Koffern voller Sprengstoff den Flughafen betreten und dort die wartenden Leute in die Luft sprengen.
Aber selbst wenn man hier sagt "etwas muss man ja tun", so ist das Hauptproblem bei dem Ganzen die Wehrlosigkeit. Natürlich kann man sich vorher informieren, aber wenn es dann Falschauskünfte waren, dann gilt nur noch "hinnehmen oder nicht an Bord gehen". Was aber doppelt schlimm ist: Letztendlich gibt es kaum einsehbare Regelungen. So hat man auch keinerlei Möglichkeit, sich ggf. im Nachhinein juristisch zu wehren (oder wie auch immer). Ein Grossteil der Regelungen beruht nämlich entweder auf vagen Formulierungen wie "verdächtiges Aussehen", "den Anschein des als Verstecks geeignet zu sein erwecken" usw. (mir ist das Prinzip des unbestimmten Rechtsbegriff klar, aber wenn letztendlich die Handlungsanweisungen auf ein "was halt verdächtig aussieht" reduziert werden können, dann hat dieser Rechtsbegriff hier eine allumfassende Wirkung).
So sind nur Schuhe auszuziehen, die den Anschein erwecken, sie könnten als Versteck für Sprengstoff geeignet sein oder dazu dienen, andere Gegenstände in das Flugzeug zu schmuggeln. Dies allerdings umfasst Stöckelschuhe (Absatz), Plateauschuhe (Absatz und Sohle), Stiefel (Sohle), Turnschuhe (Sohle), Pumps (Absatz), Flip-Flops (sohle), Sandalen (Sohle), clogs (Sohle)... Welche Schuhe insofern nicht unter diese Regelung fallen? Gute Frage.
Auch ob das T-Shirt hochgeschoppt, ob der Gürtel abgenommen, das Piercing herausgenommen werden muss, liegt letzten Endes im "Ermessen der Sicherheitsleute". Der dunkelhäutige Herr mit dem Bart und den Dreadlocks muss seine Kette abnehmen und den Gürtel ebenso, der Banker mir gegenüber nicht, das Gruftiemädel darf seine Unterwäsche zeigen und sein Tatoo, die Urlauberin mit den zwei Kindern wird nur flüchtig einmal untersucht und ihr Shirt bleibt unten. Dass die Hände der Sicherheitsleute manchmal etwas länger verweilen - Gewöhnungssache. "Deshalb haben wir ja die Regelung, dass Frauen nur von Frauen untersucht werden sollen", heisst es hilfreich und ich frage mich ob der Gedanke, dass auch Frauen sich zu Frauen hingezogen fühlen könnten, wohl an diesen Sicherheitsleuten vorbei gegangen ist oder ob ein "die Dame hat mich zu lange untersucht" von einem Herrn wohl höchstens zum "du hast es gut"-Johlen der klischeebeladenen Leute führen würde.
Neben all diesen Ermessensfragen ist aber das grösste Problem die "Interne Handlungsanweisung", denn wie der Name es sagt, ist sie intern. Will man also nachforschen, was eigentlich untersucht werden soll, wie eine Untersuchung vorgenommen werden soll usw. usf - so stösst man auf die "interne Handlungsanweisung", auf die sich die Ausführenden berufen, die einem aber nicht zugänglich ist. Was also wirklich vorgeschrieben ist, was vom Sicherheitspersonal als "unumgänglich angenommen wird"... all das bleibt einem verborgen.
Da mein Knie piepte, wurde mir noch auf den Weg gegeben, die verbliebene Schraube vielleicht als unabänderliches Merkmal in den Pass eintragen zu lassen - was ungefähr so sinnig ist wie das Eintragen einer Warze, eines Muttermales oder eines Bartes in Zeiten von plastischer Chirurgie oder Rasierern.
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