w
Twister schreibt

§43: Im Zweifelsfall ist Mitgefühl anzuwenden

Schon zum zweiten Mal wird ein Kind von einem Schaffner sich selbst überlassen. Die DB sieht alles angemessen geregelt. Selbst wenn dem nicht so wäre: Muss alles geregelt sein?

  • drucken
  • versenden

Schon zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit hat ein Schaffner der DB eine Minderjährige, die keinen Fahrschein vorweisen konnte, des Zuges verwiesen. Ende Oktober musste eine 13jährige mit einem Cello auf dem Rücken nach Hause laufen, jetzt war es erneut eine 13jährige, die Handy, Geldbörse und Schülerausweis zu Hause vergessen hatte und deshalb gehen musste. Die Bahn suspendierte den Verantwortlichen und teilte mit, dass es entsprechende Vorschriften gibt, die jeder Schaffner kennen müsste. Diese würden eindeutig aussagen, dass Schwangere, Betrunkene, Hilflose und Kinder auch bei fehlendem Fahrausweis nicht des Zuges verwiesen werden dürfen. Warum die Schaffner diese Vorschriften nicht beachtet hätten, sei unklar.

Unabhängig davon, ob die Schaffner nun die Vorschriften nicht kannten, ob es die Regeln gibt oder nicht (und warum sich nicht ggf. Mitfahrer einmischten, um zu verhindern, dass das Kind gehen muss), stellt sich aber auch die Frage: Muss eigentlich alles geregelt sein? Muss es einem Schaffner erst per Dekret gesagt werden, dass eine hilflose Person (und das schliesst Kinder, Schwangere und Betrunkene schlichtweg meiner Meinung nach ein) nicht einfach sich selbst überlassen werden sollte, nur weil ein Stück Papier fehlt und ein paar Euro nicht gezahlt wurden? Muss also Mitgefühl vorgeschrieben werden? Benötigt man einen Paragraphen, der aussagt, dass im Falle eines blutenden Menschen Hilfe zu holen ist, bzw. man selbst Hilfe leisten soll?

Der Schaffner, der das Kind aus dem Zug schickte, weigerte sich, sein Diensthandy zu nutzen, um die Eltern des Kindes zu erreichen. Er sagte, dass ihm niemand die anfallenden Gesprächskosten ersetzen würde. Welchen Sinn ergibt diese Aussage, geht man davon aus, dass die Eltern ja das Kind abholen und die 40 Euro zahlen würden, die wegen des "Schwarzfahrens" anfielen? Und davon abgesehen: Diese Aussage ist verräterisch. Hier hat allem Anschein nach niemand aus Angst vor seinem Arbeitgeber gehandelt, hier wurde schlichtweg Finanzielles über reine Menschlichkeit gestellt. Ein paar Euro Gesprächsguthaben sind wichtiger als einem Kind die Möglichkeit zu geben, sicher nach Hause zu kommen?

Die beiden Vorfälle sind symptomatisch für eine Welt, in der zunehmend alles geregelt sein soll, in der Mitgefühl, Nächstenliebe, Freundschaft und Altruismus einem reinen Paragraphen- und Kostendenken weichen und gleichermassen auch aufgerechnet werden.

Hierzu passen auch die Regelungen zum Thema Schwarzarbeit und Nachbarschaftshilfe, die zwar die gegenseitige Hilfe als Nachbarschaftshilfe ansehen, den Tausch aber als steuerpflichtig deklarieren. Backt also die Nachbarin die Kuchen für die Geburtstagsparty, während sie dafür eine Stunde Babysitting erhält, so ist dies also steuerpflichtig für beide Parteien. Natürlich ist dies im Endeffekt weder nachprüfbar noch unumgehbar - Fakt ist aber, dass hier ganz normales nachbarschaftliches Miteinander schon dem Paragraphenzwang unterworfen wird.

Und noch etwas passt in diesen Kontext: Die ALGII-Gesetzgebung mit all ihren Dienstvorschriften und Verordnungen, verbunden mit der Tatsache, dass immer weniger ausgebildete Fachkräfte die Hilfesuchenden (im allgemeinen auch Leistungsempfänger/Kunden genannt) betreuen. Für eine Vielzahl von neu mit dieser ALGII-Thematik befassten Sachbearbeitern sind die Hilfesuchenden nur noch Nummern oder Kunden, ein stetes Rotationsprinzip soll dafür sorgen, dass keine "menschliche Bindung" zwischen den Kundenberatern und Kunden entsteht. Das Resultat ist, dass das menschliche Schicksal hinter dem Kunden nicht mehr interessiert und lediglich das Gesetzbuch aufgeklappt wird, Ermessensentscheidung immer öfter lediglich im wirtschaftlichen, nicht aber im menschlichen Sinne getroffen werden.

Und hier sind wir wieder bei dem Aussetzen der Kinder. Ich benutze dieses Wort absichtlich, denn ich sehe hier durchaus ein Verhalten, das dem Aussetzen eines Tieres gleichkommt. Es ist völlig egal, wie das unschuldige Wesen zurechtkommt, was ihm passieren könnte oder welche Gefahren auf es lauern - Hauptsache Geld gespart.

Nur: Man mag das Verhalten eines Schaffners im Falle einer Minderjährigen ohne Fahrausweis regeln können, aber hier liegt kein Fehler im System vor, hier ist das System der Fehler. Ein System, dass letztendlich alles einem Regelungs-, Kontroll- und Entlohnungszwang unterwirft. Ein System, das Menschen gnadenlos in diese Fabrik der menschlichen Härte eingliedert und sie am Fliessband der Paragraphenbefolgung arbeiten lässt. Das Verhalten der Schaffner und der Mitfahrer ist letzten Endes nur ein Resultat einer Gesellschaftsordnung, die Zivilcourage bestraft, Hilfe aufrechnet und Menschen ihrer Individualität beraubt, damit sie sich dieser perversen Gesellschaftsordnung anpassen und alles mit einem Preisschild ausstatten.

Hätte es eine Belohnung für Schaffner gegeben, die im Falle einer Minderjährigen, die ohne Fahrausweis, Handy und Schulausweis unterwegs ist, die Eltern anrufen - vielleicht wäre es zu den Vorfällen nicht gekommen. Und das, abgesehen von der mangelnden Zivilcourage der Mitfahrenden, ist das eigentliche Problem.

http://www.heise.de/tp/blogs/5/118623
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
bilder

seen.by


TELEPOLIS