Danke für all die Warnhinweise, danke für diese tollen Tips
Erst kamen die Warnhinweise auf den Zigarettenschachteln, jetzt sollen Alkoholflaschen folgen. Zunächst aber sollen nur Schwangere so auf die Risiken aufmerksam gemacht werden, die durch starken Alkoholkonsum entstehen. Viel zu wenig...
Ich erinnere mich noch, als wäre es gestern gewesen: Meine Erleuchtung geschah, als ich eine unschuldige kleine Zigarettenschachtel vor mir liegen sah. Hatte ich mich in den vergangenen Jahrzehnten der Illusion hingegeben, Rauchen hätte keinerlei Nebenwirkungen auf die Gesundheit, so musste ich diese Illusion nun begraben.
Gut, in der Schule hatten wir auf etlichen Seiten im Biologiebuch die Raucherlunge und das abgenommene Bein sehen können, diverse Male wurde das Thema Lungenkrebs durchgenommen und der Herr mit dem "Darth Vader"-Stimmchen, wie wir es flapsig nannten, war zu einem steten Begleiter in den Biologiestunden geworden (der Lehrfilm schien irgendwie ein Fehler in der Matrix zu sein) - aber allgemein war ich doch der Meinung, Rauchen ist toll, Rauchen ist gesund.
Umso erschütterter war ich, als ich die Warnhinweise sah, die mir endlich mitteilten, welcher Lüge ich aufgesessen war. Okay, die Schachteln waren jetzt nicht mehr so stylish (wer einmal eine Packung "Virginia Slims" in der Hand hatte, welche auf zwei Seiten mit dreisprachigen Warnhinweisen zugepflastert ist, der versteht, warum sich silberne Umhüllungen für Zigarettenschachteln gut verkaufen), aber endlich wussten andere und ich: Rauchen schadet der Gesundheit. Zwar war das vorher auch schon immer auf den Schachteln kommuniziert worden, aber jetzt durfte es "höher, schneller...", ähm... nein, grösser sein. Freundlich wurde auch auf diversen Schachteln darauf hingewiesen, dass Arzt oder Apotheker mir beim Aufhören helfen können usw.
Aber nachdem ich jetzt endlich in Bezug auf das Rauchen schlauer geworden war, fehlte es mir einfach an anderem Wissen. Aber wie sollte ich dieses erlangen? Wer würde mir helfen zu erkennen, dass es nicht gesundheitsfördernd ist, sich nur von Chips zu ernähren? Woher soll ich wissen, dass man Eau de Toilette nicht trinkt? Was ist mit dem Lesen in der Dämmerung? Schadet es den Augen oder nicht? Und wie verhält sich das mit dem Alkohol? Ist der schädlich oder nicht?
Als normaler Mensch ist man mit solchen Fragen völlig überfordert. Insofern ist es erfreulich, dass jetzt den Warnhinweisen auf den Zigarettenschachteln die Piktogramme auf den Alkoholflaschen folgen. Zumindest Schwangere sollen jetzt erfahren, dass Alkohol in der Schwangerschaft dem Baby schadet. Eigentlich fühle ich mich insofern etwas diskriminiert. Warum werde ich nicht darüber aufgeklärt, dass Alkohol _mir_ schadet? In der Schweiz ist ein solches Pictogramm übrigens schon auf den diversen Dosen und Flaschen angebracht - eine ordinäre Bierdose weist somit schon vier Piktogramme auf (der berühmte Doppelpfeil, das Alu-Piktogramm, das Recycling-Piktogramm und jenes mit der Schwangeren). Letzteres ist dabei so missverständlich dargestellt, dass man sich fragt, ob es davor warnen soll, Alkohol einhändig zu trinken.
Aber mir geht das alles noch nicht weit genug. Wo steht, dass Flaschen nicht zerstört und als Waffe benutzt werden sollen? Warum steht auf keiner Steckdose "Bitte keine Stricknadeln usw. in diese Steckdose einführen usw." (man könnte die Warnhinweise diesbezüglich dann als neues Tapetendesign verkaufen)? Wieso steht auf meinem Herd nicht gleich neben der Platte ein "Wenn diese Platte glüht, bitte nicht die Hand auflegen"? Zynisch gefragt: Wird demnächst auf dem Bauplan eines Architekten stehen: Bitte nutzen Sie diesen geplanten Keller nicht, um Ihre Kinder dort einzusperren?
Mal fernab aller Lästerei: Ich soll als "mündiger Bürger" zigtausend Gesetze kennen, die zum Teil die absurdesten Regelungen schaffen. Verstosse ich dagegen, so ist es egal, ob mir dies nicht bewusst war. Die Strafe folgt dennoch. Hier fühlt sich niemand befleissigt, mir tagtäglich Hinweise auf die neuesten Gesetzesänderungen und -einführungen so vor die Nase zu halten, dass ich sie keinesfalls verpasse. Nein, hier wird auf den "mündigen Bürger" gesetzt, der sich selbst informieren kann und muss.
Geht es aber um Binsenweisheiten wie "Alkohol in der Schwangerschaft schadet dem Kind", "Rauchen kann zu einem langsamen und schmerzhaften Tod führen", dann müssen Piktogramme und Warnhinweise her. Als sei es hier dem "mündigen Bürger" nicht zuzumuten, sich selbst zu informieren, oder als sei man versessen darauf, sich quasi dadurch die Absolution zu erteilen, dass man ja durch ein Piktogramm auf die Gefahren aufmerksam gemacht wird, die jene Dinge mit sich bringen können, an denen man (aka der Staat) gut verdient.
Wenn der Bürger denn als mündig genug angesehen wird, um über die Geschicke seines Landes zu bestimmen, warum soll er dann nicht auch in der Lage sein, sich ohne all die hübschen Piktrogramme über die Gefahren diverser Produkte zu informieren? Die Argumentation, dass gerade auch Kinder und Jugendliche über die Piktogramme angesprochen werden sollen, greift nicht. Einerseits sollen Kinder und Jugendliche ja gar nicht in der Lage sein, Alkohol und Tabak zu erhalten. Andererseits müssten - denkt man den Gedanken "ja, aber auch ein Kind könnte ja eine Dose Bier erhalten und würde über dieses Piktogramm aufgeklärt werden" zu Ende - dann eben tatsächlich auch die Steckdose, die Herdplatte, der Backofen... mit Warnhinweisen versehen werden. Hier setzt man aber (zu Recht) auf die Verantwortung der Eltern, die genug Möglichkeiten haben, Gefahrenquellen im Haushalt zu sichern.
Die Schizophrenie in Bezug auf die Mündigkeit des Bürgers zeigt sich letzten Endes auch beim Thema Internet. Der Bürger ist intelligent genug (und muss es sogar sein), um sich über die neuesten Rechtssprechungen und Gesetze, die das Netz betreffen, zu informieren. Dabei ist es unerheblich, dass die Rechtssprechung in ihren Urteilen so hin- und her hüpft wie ein Osterhase auf Speed. Das Betreiben einer Webseite, eines Forums, eines Chats oder eines Blogs ist heutzutage schon ein so grosses Vabanquespiel, dass viele davon absehen, weil sie der Meinung sind, es lohne sich nicht für ein paar Meinungen und Diskussionen so viel zu riskieren.
Durchaus verständlich, wenn man sich die Abmahnpraxis ansieht, die vorherrscht. Hier wird der mündige Bürger also nicht als schützenswert angesehen, indem man einmal Rechtssicherheit schafft, die Abmahnpraxis reguliert usw. Geht es jedoch darum, dass der vormals als mündig deklarierte Bürger sich diverse Seiten ansehen will, die man ansieht als "möglicherweise geeignet, um sich das Wissen anzueeignen, eine strafbare Handlung zu begehen", so müssen Regeln und nicht zuletzt Filter her.
Während man also nach dem Betreiben eines Forums nach diversen Abmahnungen schon die Hand zum Offenbarungseid heben darf, ist es erfreulich, dass einem zeitgleich die Augen und Ohren zugehalten werden, damit man nicht etwa nachlesen kann, wie man einen Molotowcocktail bauen kann. Um diese Schizophrenie zu beurteilen, fällt mir eigentlich nur Shakespeare ein: Wie es euch gefällt...
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