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Außer Kontrolle

Die mediale Hinrichtung eines Politikers

Die Frage, ob Jörg Tauss schuldig oder unschuldig ist, rückt zunehmend in den Hintergrund. Die Medien sorgen derweil munter für Infonachschub - während der laufenden Ermittlungen.

Es ist ein Satz, den jeder interessierte Bürger oder Journalist, der einmal bei einer Polizei oder Staatsanwaltschaft anrief und sich um Informationen bezüglich eines laufenden Verfahrens bemühte, kennt: "Tut uns leid, aber zu dem aktuellen Verfahren können wir keine weiteren Informationen herausgeben."

Interessant ist, wie dies im Fall Jörg Tauss keinerlei Rolle spielt. Schon wie über die Hausdurchsuchung berichtet wurde, wirft ein seltsames Licht auf die gesamte Angelegenheit. Bereits Minuten nach der Hausdurchsuchung wartete Spiegel Online mit der Schlagzeile "Ermittlungen wegen Kinderpornografie gegen SPD-Abgeordneten Tauss" auf. Detailgetreu wurde hier schon über die Zusammenhänge, über den Bremerhavener, durch den man auf Tauss aufmerksam geworden war, sowie über die Verdachtsmomente berichtet. Die Staatsanwaltschaft bestätigte die Untersuchung, insofern stellt sich die Frage: Wer hat hier Spiegel Online so detailverliebt informiert, dass die Beamten quasi kaum die Wohnung verlassen hatten, als die Meldung online ging?

Elegant ließ man bei SpOn in der Schlagzeile auch aus, wessen Tauss eigentlich verdächtigt wurde. Kinderpornografieverdacht - das kann von Herstellung über Vertreibung bis hin zu (zufälligem) Besitz von tatsächlicher Kinderpornografie, kinderpornografischen Texten oder von Anscheinsjugendpornografie alles sein. Doch die Schlagzeile ließ natürlich schon von Anfang an die Empörung hochkochen. Im heutigen Zeitalter reicht der "Verdacht auf Kinderpornografie" schon aus, um die Skepsis auszuschalten und eine Karriere oder gar ein Leben für immer zu zerstören.

Und gestern war es erneut Spiegel Online, wo neue Enthüllungen serviert wurden wie ein Laibgericht auf dem silbernen Tablett. Jörg Tauss selbst wird, so heißt es, erst in der nächsten Woche mit den Vorwürfen konfrontiert werden, die dank SpOn jetzt schon jeder nachlesen kann. Denn SpOn weiß bereits, wie der Bremerhavener hieß, was man Tauss genau zur Last legt, wo die Verdachtsmomente liegen, was in den Kurznachrichten stand, die Jörg Tauss dem Bremerhavener geschickt haben soll (bzw. was in diesen gestanden haben soll).

Tauss´ Anwalt beklagt die mediale Vorverurteilung, während die Staatsanwaltschaft ihre Hände in Unschuld wäscht und meint, sie sei fassungslos ob des öffentlichen Interesses.

Von dem Medieninteresse seien die Ankläger selbst überrollt worden: "Wir wollten ganz leise und rücksichtsvoll an Herrn Tauss herantreten", sagte Rehring. Durch die verkündete Aufhebung der Immunität von Tauss und der Veröffentlichung von Akteninhalten im Internet sei dann aber ein "Tsunami" entstanden. "Wir waren im Grunde fassungslos", sagt Rehring.

Keiner ist es also gewesen, der Jörg Tauss zum medialen Fraß vorgesetzt hat. Doch während weltweit alle Anschuldigungen und Details aus den Ermittlungsakten bereits als Frühstückslektüre dienen, kann sich der Beschuldigte dann netterweise im Laufe der nächsten Woche dazu äußern. Währenddessen geht seine mediale Hinrichtung weiter und man darf gespannt sein, welche Details aus den Ermittlungsakten noch vor seiner Vernehmung an die Öffentlichkeit gelangen und Spiegel Online mit quotenbringenden Schlagzeilen versorgen.

Egal, was sich beim Fall Jörg Tauss noch ergeben wird - die fast zeitnahe Veröffentlichung von Details aus einer laufenden Ermittlungen lässt nicht nur Verschwörungstheoretiker daran zweifeln, dass hier keine mediale Hinrichtung stattfinden sollte. Denn ob Jörg Tauss schuldig oder unschuldig gesprochen wird ist letzten Endes gleichgültig für einen Großteil der Bevölkerung. Das Stigma, mit Kinderpornografie in Verbindung gebracht worden zu sein, bedeutet das Aus für eine nicht nur politische Karriere..

Bettina Winsemann08.03.2009
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