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Außer Kontrolle

Wer kennt schon Atze Schröders Realnamen?

Jahre nachdem Frau Streisand dem "Streisandeffekt" den Namen gab, haben Firmen noch immer nicht verstanden, was darunter zu verstehen ist. Heutiger PR-Gau-Preisträger: Jako.

Nein, die ganze Geschichte soll hier nicht wiedergekäut werden - dazu gibt es (u.a.) bei Heise Online schon genug. Ob Jako nun mit dem Logo ins Klo griff, ob er mit einem Discounter zu vergleichen ist oder nicht - das ist letzten Endes hier genauso unwichtig wie die Frage, ob tatsächlich Fäkalausdrücke bei der freien Meinungsäußerung sein müssen. Im Zeitalter von "fick dich, Alter", "deine Alte ist eine Bitch", "ey, voll das schwule Thema" ist das Wort "Scheiße", was früher vielleicht einmal als verbale Frustkompensation funktionierte, so inflationär in Gebrauch wie das reale Äquivalent in der Klärgrube.

"Ey, Scheiße, Alder, da hast de ja voll ins Klo gegriffen. Scheiße, Mann, voll in die Scheiße gegriffen." Wer meint, dies sei Prollsprache, hat mittags noch nicht in einem Pseudoedelschuppen gesessen und den mittagspausenden Herren in den Maßanzügen zugehört, die sich beim Bier über ihre diversen Problemchen unterhalten. Da gilt es, den "voll abgefuckten Händlern" mal "in die Eier zu treten", da soll "die blöde Fotze vom Kundendienst sich schnell melden, damit der Scheißfall endlich beendet werden kann..."

Aber unabhängig davon: Wie dumm sind Firmen, wenn sie tatsächlich meinen, Meinungsäußerungen im Internet mit einer Abmahnung unterbinden zu können? Und wie ignorant ist es, dann noch einmal nachzukarten, weil sich die Inhalte noch in irgendeiner Form im Netz wiederfinden lassen - ohne dass der ursprüngliche Verursacher beteiligt ist? Egal ob die Telekommunikationsunternehmen Sauerstoffabfüller abmahnen, eine Farbe für sich beanspruchen oder meiner Meinung nach peinliche sogenannte "Comedians" ihren Realnamen aus einem kleinen Internetauftritt einer Zeitung herausklagen wollen, während dieser auf imdb problemlos zu finden ist (und im Nachgang gleich gegen Wikipedia vorgehen) - der Streisandeffekt scheint all diesen Leuten kein Begriff zu sein.

Vielleicht ist es auch einfach für Firmen und Abmahnanwälte nicht möglich, vor lauter Zahlensalat im Kopf und blinkenden Euromünzen vor Augen noch den Logikknopf auf der Tastatur zu finden, der besagt "Versuche, etwas mit Zwang aus dem Internet herauszubekommen, führen meist zu erhöhter Aufmerksamkeit und der Feststellung, dass der Versuch gescheitert und mit Negativschlagzeilen bedacht worden ist".

Wenn jemand schon so empfindlich ist, dass er sich bei einer unflätigen Meinungsäußerung wirtschaftlich geschädigt fühlt - warum versucht er nicht wenigstens, statt den Abmahnroboter einzuschalten, den Hörer zu ergreifen, eine friedliche Lösung zu finden und sich dann entspannt zurückzulehnen?

Aber nein - wie eine wildgewordene Hundemeute stürzen sich die Kanzleien auf die Missetätter und sind nachher Weltmeister im Zurückrudern, wenn das Ganze medial ausgeschlachtet wurde. Dann war alles nicht so gemeint, alles ein Missverständnis.

Nur: bis dahin kennen viele Namen und Begriffe, von denen sie früher nie gehört hatten. Oder wer wusste bzw. interessierte sich vor dem Abmahnungsheckmeck dafür, wie Atze Schröder tatsächlich heißt? Oder wer kannte die Sportartikelfirma Jako? Ich jedenfalls nicht - aber dafür kenne ich nunmehr beides. So wie viele andere auch. Nur sind mir diese Begriffe nicht wirklich positiv in Erinnerung.

Also, liebe Abmahnanwälte und Firmen, Behörden, Schauspieler, Künstler etc - bevor ihr euch auf die Abmahnung stürzt, schaut doch noch einmal kurz unter "Streisandeffekt" nach und überlegt dann, wie ihr handeln solltet. Andererseits ist "foot in the mouth" ja auch ein schönes Spiel...

Bettina Winsemann02.09.2009
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