Kurzfristigkeit
Manchmal sind Zahnarztbesuche einfach sinnvoll...
"Besser?" Wulwa, deren Vorname von allzu progressiven Eltern ausgesucht worden war (und die vergeblich versucht hatte, ihren Vornamen gegen einen "schnöden, langweiligen" einzutauschen), schüttelte den Kopf und zuckte im selben Moment zusammen. "Nicht wirklich."
"Ich werde wohl nie kapieren, warum du..."
"So let me be." wiederholte Wulva ihren ausgewählten Leitspruch, der auf einen Song der "Band of Skulls" zurückging. "Meine Sache, oder?"
Lisa nickte. "Deine Sache." Sie holte Luft. "Aber ..."
"Es wird schon wieder." Wulva schaufelte Schmerztabletten in sich hinein, als sei es Popcorn, was da den Weg in ihren weit geöffneten Mund fand.
"Du hättest über eine Krankenversicherung nachdenken sollen."
"Na klar." Wulva grinste und spülte den Rest der Tabletten herunter. "Das würde auch nur ca. 1/3 meines Geldes ausmachen. Mindestens."
"Aber wenn es jetzt immer schlimmer wird..." Lisa holte erneut Luft. "Dann musst Du ins Krankenhaus und ..."
"Es wird schon wieder." Wulva grinste. "Weißt Du, es geht hier auch darum, wie man sich der Gesellschaft gegenüber dankbar erweist. Ich will keine Sozialleistungen, ich will nicht, dass man mich "durchfüttert", und das habe ich durch meinen Job geschafft."
"Aber ohne Krankenv..."
"Ich bin nicht krank. Und die Probleme, die ich habe, die lassen sich auch durch Dinge lösen, die ich privat kaufe." Wulva grinste noch mehr. "Kein Problem, okay?"
Lisa schloss die Augen. "Aber..."
"Keine Sorge. Ich kümmere mich um alles." Wulva lächelte. "Ich bin bald wieder fit. Und es kostet die Gesellschaft keinen Pfennig. Okay?"
"I´ve got news for you..." so tönte der Slogan des neu gegründeten Piratenradios durch die Weblandschaft und als Schlagzeile wurde der Tod Wulvas verkündet. Ihre Entzündung im Backenzahn hatte sich ausgeweitet. Und als sie schließlich mit so starken Schmerzen, die auch die besten frei verfügbaren Tabletten nicht mehr lindern konnten, ins Krankenhaus kam, blieb sie dort noch eine Woche, bevor sie starb. Lustig... sie wurde zur Ikone der "Krankenversorgung für alle"-Bewegung, obgleich sie das nie hatte sein wollen.
Als einer ihrer besten Freunde sich im Web-TV dazu äußern wollte, dass sich Wulva immer für Selbstbestimmung hatte aussprechen wollen, musste er absagen, weil sein Kratzen im Hals sich fatal entwickelt hatte. Fatal war insofern wörtlich zu nehmen. Wulva hätte bestimmt dagegen geklagt, dass man ihre freie Entscheidung, sich gegen staatliche Alimentierung zu wehren, als Fanal nahm. Aber manchmal waren Zahnentzündungen eben auch ein Problem, was den Geist anging... insofern fand die Presseabteilung schnell eine Erklärung für all die Probleme.
Darstellungsbreite ändern
Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.
